ergeben, von niederträchtigen Günſtlingen ge⸗ leitet, die unſinnigſten Handlungen begehe, und er, Miar Jaffier, ſelbſt der größten Gefahr ausgeſetzt ſei, weil er Macht und Anſehen im Heere beſitze.
Bald erfuhr man von dem großartigen Einzuge des Nabob in Maradavad. Es war dieß im Oktober 1756. Alle Pracht welche die Fantaſie des Despoten erſinnen konnte, wurde in ihrer möglichſten Ausdehnung verwirklicht. Er wählte die Nacht zum Einzuge, um den größt⸗ möglichen Eindruck hervorzubringen; ganz Ma⸗ radavad glänzte in einem buntfarbigen Feuer⸗ meere.
Am Morgen nach dem Einzuge kam Miar Jaffier bei ſeiner Mutter an, die ihn mit inniger Freude in ihre Arme ſchloß. Er theilte ihr ſeinen Kummer und ſeine Beſorgniſſe um die Zukunft mit. Die traurige Kataſtro⸗ phe von Calcutta, die mit ſo viel Pomp als großer Sieg gefeiert wurde, erſchien ihm als ſichere Urſache großer Kämpfe, deren Er⸗ folg für den ganzen Hof nur unheilbringend ſein müſſe; denn ein tapferes und mächtiges Volk wie die Engländer würde unmöglich eine der vorzüglichſten Beſitzungen in Indien fallen und die dabei verübten Grauſamkeiten unge⸗ ahndet laſſen. Seine eigene Lage ſchilderte er als gefahrvoll; denn die Günſtlinge des Na⸗ bob, zugleich deſſen Trinkkumpane, wären alle ſeine Feinde.—
Schweigend hörte ihn die Matrone an, dann ſprach ſie tief ergriffen, im Tone einer Seherin, feierlich und begeiſtert:
„Der kluge Mann ſucht der Gefahr zuvor⸗ zukommen. Fürchte nicht! im Buche des Schick⸗ ſals iſt es anders beſchloſſen, dieſen hirnloſen Fürſten wirſt Du fürchten machen. Bald, o mein Sohn, werden große Dinge ſich ereignen, mein hundertjähriges Auge ſieht die dämmernde ſchöne Zukunft. Dein Haupt iſt von einem Goldreif umzirkelt; heute iſt dieſer Reif breit und im hellen Glanze! faſſe Muth und ver⸗ traue den Worten Deiner Mutter, und der Fügung Allahs, in deſſen Händen allein die Macht ruht.
Miar Jaffier hörte ſtaunend und tief ergriffen die begeiſterten Worte der alten Mut⸗ ter; er zog ſich tiefſinnig und nachdenkend in ſeine Gemächer zurück.
Serajah Dawlah ſchwelgte indeſſen in dem Bewußtſein ſeines Sieges, und die un⸗ unterbrochenen Trinkgelage, die mit orientali⸗ ſcher Ueppigkeit gefeiert wurden, bezeichneten den abſcheulichen Charakter des Triumphators; die Schwelgerei ſtieg zu einem bis jetzt noch nicht er⸗ reichten Gipfel.
Die Engländer in Madras, wo ſie ihre Hauptbeſitzung und ihre ganze Heeresmacht hatten, bereiteten ſich indeſſen vor, ihre Nieder⸗ lage und die an ihren Landsleuten verübten Grauſamkeiten zu rächen. Alles wurde jetzt auf⸗ geboten, um den übermüthigen und grauſa⸗ men Fürſten zu züchtigen und das Verlorene wieder zu gewinnen. Man brachte eine Flotte
zuſammen und rüſtete ein Heer, welchem als Be⸗ fehlshaber der Sieger von Arcot, Sir Ro⸗ bert Clive beigegeben wurde, jener tapfere junge Mann, welcher vom Schreiber bis zum Ge⸗ neral ſich aufgeſchwungen hatte und unter allen engliſchen Offiziren in Indien der tapferſte und talentvollſte war. Die Flotte ſegelte am 10. Oktober 1756 von Madras ab.
Im Hafen von Felta, unweit Calcutta be⸗ fanden ſich noch die Flüchtlinge und jene, die auf Befehl des Nabob dahin gebracht wurden, zu denen auch, wie bekannt, der alte Clive, Thomas und Schrubbs gehörten. Auf den Schiffen zuſammengepfropft, an dem Nöthig⸗ ſten Mangel leidend, litten die Armen abermals unendlich viel. Viele wurden die Beute an⸗ ſteckender Krankheiten. Auch der alte Clive ſchwebte lange in Todesgefahr, der er nur durch die unermüdete Pflege Thomas' und Schrubbs' entging. Beide Verwandten wa⸗ ren von gleichen Gedanken und von gleichem Gefühle beſeelt; dieſe waren der heiße Wunſch nach Rache und die verzehrende Sehnſucht nach ihren plötzlich verſchwundenen Geliebten. Aber wie entfernt war jeder Hoffnungsſtrahl, wie un⸗ wahrſcheinlich erſchien ihnen die Erfüllung ihrer glühendeſten Wünſche.
Ohne Nachricht von Freunden, abgeſchnit⸗ ten von allen Mitteln, über den Stand ihrer Angelegenheiten Kenntniß zu erlangen, iſt es na⸗ türlich, daß ſie ſich der größten Hoffnungsloſig⸗ keit überließen.— So vergingen Wochen, eine Ewigkeit für die Unglücklichen! Die Flotte von Madras, durch ungünſtige Winde aufgehalten, kam erſt am 20. Dezember in Felta an. Aber welche Freude brachte ihre Ankunft!— Als ihre flatternde Segel in der Ferne auf den Wogen des Ozeans auftauchten, da erfüllte ein Schrei des Jubels die ganze Küſte. Kranke ſtürzten aus ihren Betten, Sterbende ſandten noch Gebete zum Himmel empor, und die Ge⸗ ſunden ſanken am Strande auf die Knie, um mit Freudenthränen Gott für die geſandte Rettung zu danken. Ein neues Leben erwachte in je⸗ dem Einzelnen, von Muth und Hoffnung belebt glaubten ſich Alle des Sieges über ihre Feinde gewiß.
Die angelangten Freunde trafen ſogleich alle Maßregeln, um die elende Lage der Un⸗ glücklichen zu verbeſſern, die Kranken wurden ſo⸗ gleich in die ihnen nöthige Heilpflege gebracht, die Geſunden ſchloſſen ſich dem Heere zum Kampfe an gegen den grauſamen Feind.—
Und als ob die Gerechtigkeit des Himmels die engliſchen Waffen führte, erfreuten ſich dieſe der glänzendſten Waffenthaten, ſo daß der elende Fürſt, für den nur Söldlinge ſich ſchlugen, aus ſeinen beſtialiſchen Orgien aufgeſchreckt, mitten unter ſeinem zahlloſen Heere auf ſeinem blut⸗ befleckten Throne zitterte, wie ein der Strafe verfallener Verbrecher.
Schon in den erſten Tagen des Januar 1757 wurde Calcuta nach kurzem Kampfe von
den Engländern wieder genommen. Bald fielen die in der Nähe liegenden Städte und Forts, und
der Nabob, der bis jetzt in ſeinem maßloſen Eigendünkel ſich unantaſtbar wähnte, ſah ſich genöthigt, mit ſeiner Armee den Engländern entgegen zu rücken.—
Robert Clive, zum Rächer ſeiner Landsleute auserſehen, handelte nach einem Syſtem, das den Umſtänden anpaſſend war, ja das die Verhältniſſe dringend erheiſchten. Er hielt es für gefährlich, einen Fürſten, der zu jeder Niederträchtigkeit fähig war, nach den Prinzipien des Völkerrechts zu behandeln. Er mußte der Liſt nur Liſt, dem Verrathe Verrath, der Täuſchung Täuſchung entgegenſetzen. Er unterließ nicht, mit dem erſchrockenen und beäng⸗ ſtigten Fürſten des Friedens wegen zu unter⸗ handlen, obſchon er ſeinen gänzlichen Sturz, ſeine vollſtändige Vernichtung zum Ziele hatte; und indem er ihn mit Verſprechungen hinhielt, rückte er ſeiner Hauptſtadt nach und nach näher und zwang ihn endlich zur offenen Schlacht, nachdem er ſeine Veranſtaltungen und Maßre⸗ geln der Art getroffen hatte, daß der Sieg nach menſchlicher Berechnung ſicher ſchien.
Schon im Februar 1757 ſah ſich der Na⸗ bob genöthigt, mit den Engländern einen Ver⸗ trag zu ſchließen, welcher ihnen nicht nur alle Vorrechte wieder einräumte, die ſie früher in
Geraubte volle Entſchädigung verhieß. Der Na⸗ bob benahm ſich ſeit dieſem Vertrage höchſt roh und leidenſchaftlich. Wuth und Scham, Furcht und Zorn bewegten gleichzeitig ſein Gemüth. Sein Verdacht und ſein Haß wandte ſich vor⸗ züglich gegen Miar Jaffier, und Dariman, der nächſte Rathgeber des Fürſten, wandte alles an, um erſteren zu verderben. Dieſer begab ſich daher gar nicht mehr an den Hof, aus Furcht meuchelmörderiſch überfallen zu werden.
General Clive, der ſeine Agenten in Ma⸗ radavad hatte, und dem alle Verhältniſſe am Hofe des Nabob bekannt waren, benützte die Umſtände, ſich mit Miar Jaffier in Ver⸗ bindung zu ſeten. Dieſer Heerführer, der den ſchwachen Fürſten verabſcheute und von dieſem beſchränkten Despoten nichts zu erwarten hatte, war leicht zu gewinnen; er ſchloß mit den Engländern ein geheimes Bündniß, wonach, nach dem Sturze Sarajah Dowlahs, ihm deſſen Krone zufallen und die Engländer die verlangten Rechte und Freiheiten nebſt einer Entſchädigung an Geld erhalten ſollten.
Es entſpann ſich nun eine weitreichende Ver⸗ ſchwörung wider den Nabob, der ſich die vor⸗ nehmſten und einflußreichſten Bewohner der Re⸗ ſidenz, die der unſinnigen Ausſchweifungen und der grauſamen Bedrückung des Despoten müde waren, bereitwillig anſchloſſen. Die Verſchwö⸗ rung, an deren Spite Miar Jaffier und Juggut, der reichſte Bankier Indiens, ſtan⸗ den, nahm mit jedem Tage an Ausdehnung und Feſtigkeit zu, und als Clive ſeinen Plan reif ſah, warf er die Maske ab. Er marſchirte mit ſei⸗ ner gut vorbereiteten und kampfluſtigen Armee gegen Maradavad.
Der Nabob, welcher Miar Jaffiers Ab⸗
Bengalen beſaßen, ſondern auch ihnen für das


