Heft 
(1858) 9 09
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eine geraume Zeit, bevor er wieder ganz zu ſich kam. Soeben langte ein Abgeſandter des Nabob an, um zu fragen, ob der engliſche Gouverneur noch lebe. Ein Hoffnungsſtrahl belebte die Ge⸗ fangenen. Bald darauf näherte man ſich drau⸗ ßen der Thür; die Schlöſſer wurden abge⸗ nommen und der Kerker geöffnet.

Aber wer beſchreibt den grauſenden Anblick des ſich darbietenden Bildes. Die Toden lagen

haufenweiſe übereinander und es brauchte lange,

um die an der Thür liegenden zerdrückten und zertretenen Körper der Freunde wegzuräumen, um die Thür öffnen und hinauskommen zu kön⸗ nen. Von hundert ſechs und vierzig Menſchen, die Abends in dieſe Mordhöhle gekommen waren, gelangten nur drei und zwanzig lebend heraus, und dieſe trugen das Gepräge des Todes in ihren Zügen. Mit Gleichgiltigkeit ſahen die indiſchen Soldaten und ihre Offtziere die durch einen beiſpielloſen Muthwillen zu Tode gequäl⸗ ten Opfer. Man leerte endlich die ſchwarze Höhle und warf ſämmtliche Leichname ohne be⸗ ſondere Umſtände in eine außerhalb des Forts gemachte Grube.

18.

Am Morgen nach der für die Engländer

ſo ſchrecklichen Nacht berieth der Nabob mit Dariman, wie die Schätze Calcutta's am zweckmäßigſten erhoben werden könnten, und ſie beſchloſſen, von den früheren Regierungs⸗ mitgliedern, wenn ſolche am Leben geblieben ſeien, die genaue Bezeichnung des Vermögens der Engländer und die Ablieferung der Schätze der Kompagnie zu verlangen.

Zu den dem Tode entronnenen Perſonen, welche alle im Freien auf einem Raſen in dum⸗ pfer Betäubung lagerten, unter denen ſich auch unſere Freunde befanden, nämlich Clive, Holwell, Thomas, Schrubbs und die beiden Mädchen, kamen fürſtliche Boten, welche unter den noch lebenden Engländern die höhe⸗ ren Beamten der engliſchen Kompagnie aufzu⸗ ſuchen hatten. Sie fanden Holwell und zwei Sekretäre der Verwaltung; zugleich ſchien ihnen auch Clive ſeinem Aeußern nach ein vorneh⸗ mer Mann zu ſein, und auch Thomas in der engliſchen Offiziers⸗Uniform erregte ihre Auf⸗ merkſamkeit; Ellis und Murray waren unter den Todten. Die genannten Perſonen waren alſo beordert, unter Eskorte vor dem

Fürſten zu erſcheinen. Julie und Sakun⸗

tala, die Arm in Arm, an Clives Bruſt unter dem Einfluſſe der erfriſchenden und bele⸗ benden freien Luft, aus der frühern Erſchö⸗ pfung in einen tiefen Schlaf verſunken waren, blieben unter Schrubbs' Obhut zurück.

Der Nabob ſaß in ſeinem prunkreichen Zelte in allem Stolze und aller Auſgeblaſenheit eines bornirten Siegers. Engliſche Banner waren vor ihm ausgebreitet und auf einer gol⸗ denen Schale lagen die Schlüſſel der Thore des Forts. Offiziere jeder Gattung umſtanden

ſeinen Thron, und eine Anzahl gemeiner Sol⸗ daten brachten ſchwere Geldſäcke, die ſie vor ihm niederlegten. Die Engländer, durch Er⸗ friſchungen und Nahrungsmittel früher etwas geſtärkt und belebt, traten im jammervollſten Zuſtande, noch immer wankenden Schrittes, von ſtarker Wache begleitet in das Zelt. Barſch herrſchte ſie der Barbar an, ſie mögen ſeinen Zorn nicht mehr reizen, und ſeine Macht, die ſie nun kennen gelernt, nicht mehr geringſchäz⸗ zen, und forderte ſie auf, den Ort anzuzeigen, wo ihre Schätze verborgen lägen.

Holwell, der die Sprache verſtand, ant⸗ wortete, daß das gefundene Geld Alles ſei, was zur Zeit in der Regierungskaſſe vorräthig geweſen, und daß die Kompagnie als eine Han⸗ delsgeſellſchaft nicht Geld, ſondern Waare als Vermögen beſitze. Dieſe Entgegnung reizte den Zorn des Barbaren. Er befahl ſogleich die Mitglieder der Regierung in Ketten zu legen, und ſie ſo lange im Kerker zu laſſen, bis ſie ſeinem Willen ſich gefügt. Clive und Tho⸗ mas, welche Miar Jaffier als der Regie⸗ rung nicht angehörend bezeichnete, erhielten die Erlaubniß ſich zu entfernen. Der Nabob be⸗ ſtimmte ferner alle am Leben ſich befindenden

Engländer unter ſtarker Eskorte nach den eng⸗ liſchen Schiffen zu bringen.

Clive und Thomas begaben ſich nun ttief beſtürzt über das Loos ihrer zurückgelaſſenen gefeſſelten Freunde nach dem Orte, wo ſie Ju⸗ lie und Sakuntala gelaſſen hatten. Aber welcher Schrecken überfiel ſie! Die vor Er⸗ ſchöpfung in tiefen Schlaf verfallenen Englän⸗ der, unter denen auch Schrubbs war, lagen regungslos da; Julie und Sakuntala wa⸗ ren verſchwunden. Die Wachen, welche Clive weinend und jammernd nach ſeinem ge⸗ liebten Kinde fragte, konnten keine Auskunft ge⸗ ben. Bald wurden die hier Verſammelten durch die vom Nabob verheißene Eskorte abgeholt und aufgefordert, ſich auf den Weg nach den Schiffen zu begeben. Vergeblich war Clive's Weigerung, ohne ſein theueres Kind, vergeblich Thomas' Widerſtreben, ohne ſeine geliebte Julie den Ort zu verlaſſen. Die rauhen

Krieger zwangen ſie mit Kolbenſtößen, ſich in

die Wagen zu begeben, die man zu ihrem Trans⸗ port großmüthig hierhergebracht hatte; und ſo mußten beide, die Verzweiflung im Herzen, die nach ſo vielen Ereigniſſen, mit ſo vielen Leiden, mit ſo ſchmerzensreichen Opfern erwor⸗ benen theuern Weſen abermals für ſie verlo⸗ ren ſehen.

Miar Jaffier war gleich nach der Ueber⸗ gabe des Forts William von ſeinem Fürſten zu einer Sendung beordert worden, durch welche er von dem grauſamen Verfahren der barbariſchen Sieger gegen die Engländer in Un⸗ wiſſenheit blieb; er kehrte erſt am andern Mor⸗ gen zurück, und als er von dem Vorgefallenen benachrichtigt ward, begab er ſich ſogleich nach dem Orte, wo die Gefangenen ſich beſanden. Er fand ſie alle, theils ſchlafend, theils aus Mat⸗

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theilte ihm mit, daß die vornehmſten Englän⸗ der zum Nabob beſchieden wurden, daher er ſogleich dahin zu eilen beſchloß, früher aber wollte er die beiden Jungfrauen, die ſein Mit⸗ leid im hohen Grade erregten, in Sicherheit bringen. Er ließ ſie, nachdem er in ſchlechtem Engliſch ſich ihnen als Retter dargeſtellt hatte, durch ſeine Vertrauten entfernen, gewann das Stillſchweigen der Wache durch Geld und durch ſein Anſehen und ließ ſie unter dem Deckman⸗ tel des tiefſten Geheimniſſes in ſeinen Palaſt nach Maradavad befördern, wo er ſie der ſtren⸗ gen Obhut ſeiner Mutter empfahl. Die nähe⸗ ren Verhältniſſe dieſer beiden Mädchen waren ihm ganz unbekannt, er freute ſich blos des Be⸗ wußtſeins, zwei unſchuldige zarte Weſen vor der Roheit ihrer Feinde gerettet zu haben. Noch ganz erſchöpft von den ungeheuern Lei⸗ den, die ſie die Nacht überſtanden hatten, fielen ſie jetzt der neuen Qual anheim, welche ihnen die Beſorgniß um ihre theuren Beſchützer verur⸗ ſachte; ſie wußten nicht, wohin dieſe gekom⸗ men, was aus ihnen geworden, und was aus ihnen ſelbſt werden ſollte. Doch erholten ſie ſich bei der freundlichen und liebevollen Pflege, welche die würdige Matrone ihnen angedeihen ließ, bald wieder, und die Verſicherung von Sei⸗ ten ihrer Pflegerin, daß ihre Angehörigen ge⸗ rettet ſeien und daß ſie bei der nächſten günſti⸗ gen Gelegenheit ihnen wiedergegeben werden ſollen, linderte um Vieles ihren tiefen Kummer.

Julie ertrug ihr Schickſal mit mehr Er⸗ gebung als Sakuntala. Ihre Seele war ſtär⸗ ker, ihr Urtheil höher. Zudem hatte das Er⸗ eigniß, welches ſie plötzlich aus dem Kreiſe ihrer Freunde riß, ſie auch aus den Armen eines Ge⸗ mals befreit, an den ſie nur mit Furcht und Abneigung zurückdachte. Sie wußte nicht, ob er, eben ſo wenig als ihr theurer Vater, den ſchrecklichen Folgen jener entſetzlichen Mord⸗ nacht entgangen ſei, aber ſie wußte, daß Tho⸗ mas gerettet war, daß ſie ihm ihr Leben ver⸗ danke, und dieß Bewußtſein erfüllte ſie mit ſü⸗ ßer Wehmuth. So harrten beide mit heißer Sehuſucht des gücklichen Augenblickes, der ſie in die Arme ihrer Theueren zurückführen ſollte, und vereinſamt wie ſie waren, dankten ſie der Vorſehung, die ſie zuſammenführte, daß es ihnen gegönnt war, durch gegenſeitige Liebe und durch zärtliche Freundſchaft ſich in ihrem Kummer aufrecht zu erhalten.

Die Mutter Miar Jaffiers erhielt in⸗ deſſen erfreuliche Nachrichten vor ihrem Sohne. Der Nabob hatte, während er Calcutta er⸗ oberte, durch Miar Jaffiereinen benachbar⸗ ten Fürſten, mit dem er im Unfrieden lebte, überfallen laſſen. Erſterer erkämpfte ſchnell einen entſchiedenen Sieg. Serajah Dawlah, im Uebermaße ſeiner Freude, beſchloß, in ſeine Hauptſtadt im Triumph einzuziehen. Miar Jaf⸗ fier benachrichtigte ſeine Mutter, daß er zwar dem Einzuge ſich auſchließen, hernach aber in aller Stille zu ſeiner Familie zurückkehren wolle. Die Stelle im Dienſte des Fürſten gebe er ganz

tigkeit und Erſchöpfung bewußtlos. Die Wache auf, da dieſer, den zügelloſeſten Ausſchweifungen