teſtirten gegen dieſe abſcheuliche Barbarei; aber alles war vergebens, mit Kolbenſtößen wurden die Unglücklichen hineingedrängt.
Sie waren noch nicht Alle in der Höhle, als ſie ſchon überfüllt war; die Letzten konn⸗ ten nur mit Mühe hineingepreßt werden. Es befanden ſich hundert ſechs und vierzig Per⸗ ſonen in einem Raume, der nicht völlig zwan⸗ zig Fuß im Quadrat hatte, und ſo war eine Perſon an die andere in der ſtrengſten Be⸗ deutung des Wortes angepreßt, ſo daß die Armen nicht einmal frei athmen konnten. Nach⸗ dem der letzte Mann hineingedrückt war, ſchloß die Wache die Thür und verwahrte ſie mit Schlöſſern. Es war ein herzzerreißendes Aechzen, Jammern und Schreien der Un⸗ glücklichen. Der Raum hatte außerdem eine verpeſtete Luft, und zwei kleine Gitterfen⸗ ſter ließen nur wenig neue Luftſtrömung zu. Die an der Thür ſtanden, machten die gewalt⸗ ſamſten Verſuche, dieſelben zu erbrechen, aber vergeblich, denn ſie ging nach Innen auf. Der außerordentliche Druck der Körper aneinander, die ganz unerträgliche Hitze, die um dieſe Jah⸗ reszeit noch herrſchte und außerdem durch die Ausdünſtung ſo vieler Menſchen in ſo engem Raume auf's Höchſte geſteigert wurde, über⸗ zeugte die Leidenden, daß es unmöglich ſei, die Nacht hier zu überleben. Dieſe grauenhafte Wahrnehmung verſetzte die Beklagenswerthen in die tobendſte Wuth. Holwell, der mit ſeinen Freunden zuerſt in die Höhle trat, kam dadurch glücklicherweiſe mit Thomas, Ellis, Julie und Sakuntala ſammt dem alten Clive in die Nähe der vergitterten Fenſter.
Er ermahnte die Verſammlung auf's Nach⸗ drücklichſte ihren Geiſt und Körper ruhig zu er⸗ halten, da hierauf die einzige Hoffnung beruhe, die Nacht über auszuhalten und den Morgen wieder zu ſehen.
Durch die momentan eingetretene Ruhe konnte Holwell ſich an einen vor dem Git⸗ terfenſter des Kerkers in der Dunkelheit bemerk⸗ ten alten indiſchen Offizier wenden und ihm eine bedeutende Belohnung verſprechen, wenn er es ermögliche, daß die Hälfte der Gefange⸗ nen wenigſtens in ein anderes Gefängniß ge⸗ bracht werde. Es war ſchon ein großer Troſt, daß der Offizier bereitwillig ſich entfernte, aber nach einer unendlich lange ſcheinenden Stunde zurückkehrte mit der alle Hoffnung zer⸗ ſtörenden Antwort: es ſei unmöglich, weil— der Nabob ſchon ſich zur Ruhe begeben habe und Niemand es wagen dürfe, ihn zu ſtören oder gegen ſeinen Befehl zu handeln.
Mittlerweile hatte jede Minute die Qualen der Leidenden vermehrt. Jeder Einzelne war im Schweiß gebadet, Alles wehte ſich Luft zu, Tücher und Hüte waren in ſteter Bewegung; aber jede körperliche Bewegung war mit der größten Anſtrengung verbunden und der bren⸗ nendſte Durſt verzehrte die ſchon ſinkenden Le⸗ benskräfte.— Alles ſchrie nach Waſſer. Dieſe grauſenvolle Szene nahm mit jeder Minute zu. Alles ſchlug mit der verzweifelndſten Wild⸗
heit um ſich herum, wobei die Schwächern von den Stärkern zu Tode gedrückt wurden; andere erſtickten durch ihre eigene Anſtrengung und es hatten bald die noch Lebenden nur Leichen um ſich, welche bald niederſauken und von den Stehenden zertreten wurden, was mit den nur ohnmächtig Niedergeſunkenen ebenfalls der Fall ſein mußte. Indeß wurde die Hitze immer drückender, der Durſt immer quälender; der Schweiß floß nun in Strömen am Körper her⸗ ab, und— die Unglücklichen tranken gierig den aus den Kleideru gewundenen eigenen Schweiß. Das Geheul, die bangen Klagen, der Schrei der Verzweiflung, das Aechzen und Jammern der Sterbenden erfüllten den Kerker.
Die vor den Gittern der Höhle patrouilli⸗ rende Wache und die dort verſammelten indi⸗ ſchen Soldaten ſahen dieſe Szene der Barbarei ohne Theilnahme und Mitleiden an, ja ſie diente ihnen vielmehr zum Zeitvertreibe. Dieſe Un⸗ menſchen hielten Lichter an die Gitterfenſter, um das ſataniſche Vergnügen zu genießen, die Konvulſionen der mit dem Tode kämpfenden Engländer zu betrachten. Die wachſende Ver⸗ peſtung der Luft erzeugte bei den meiſten der im hintern Theile der Höhle ſich Befinden⸗ den eine Betäubung, in welcher ſie zuſammen ſanken und ſo den Geiſt aufgaben. Um Mitter⸗ nacht lag ſchon der größere Theil der Gefange⸗ nen haufenweiſe todt übereinander, und nur die, welche in der Nähe der Fenſter etwas Luft ſchöpfen konnten, hielten ſich aufrecht.
Aber aus dem hinteren Theile der Höhle drängten ſich jettt die Verſchmachtenden vor⸗ wärts gegen das Fenſter, ſie überſtiegen die Haufen der Leichen, erklommen die Schultern ihrer Vormänner, und wälzten ſich über ihre Köpfe den Fenſtern zu. Es war jetzt ein wü⸗ thender Kampf unter den Freunden, jeder wen⸗ dete die äußerſte Kraft an, entweder ſeinen Poſten zu behaupten, oder den Platz des An⸗ dern zu erkämpfen. In einem ſolchen Augen⸗ blick kam es, daß Ellis von der Seite J u⸗ lieus, die er am Fenſter zu erhalten ſuchte, weg⸗ gedrängt wurde, und wenig fehlte, ſo wäre auch ſie durch die ungeheuren Anſtrengungen der von der Tiefe der Höhle Hervorrückenden um ihren Platz am Fenſter gekommen, hätte nicht Tho⸗ mas, der unfern von ihr die Gefahr bemerkte, mit dem letzten Lebenshauche und mit über⸗ menſchlicher Anſtrengung ihr den Poſten be⸗ wahrt und erhalten. Es war unſtreitig mit der größten Lebensgefahr verbunden, in die Mitte der Höhle, in das Centrum der erſticken⸗ den und ſtinkenden Luft zwiſchen Leichen und Sterbende gedrängt zu werden. Selbſt bei dem Kampfe um einen Platz in der Nähe des Fenſters ſank mancher nieder, um nicht wieder aufzuſtehen. Am zweiten Fenſter ſtand Hol⸗ well und deckte Sakuntala, die am Boden kniete, und mit offenem Munde jeden Lufthauch einathmete, mit ſeinem Körper. Neben dem Fenſter zur Seite ſtand Clive, mit einem Arme ein Eiſengitter feſt umſchlungen haltend,
bereit ſich auf jeden zu ſtürzen, der H olwell
oder ſeinem Schützling den rettenden Platz ſtrei⸗ tig machen wollte.
Man hatte bis jetzt noch einige Achtung vor Holwell, dem Oberhaupte dieſer Un⸗ glücklichen; allein der eigene Lebenserhaltungs⸗ trieb machte jeden Rangunterſchied ſchwinden, und im unaufhörlichen Kampfe nach der Nähe der Fenſter kam auch Holwell endlich um ſeinen Platz und wurde in die Mitte der Höhle gedrängt, wo die Luft ſo faul und ſtinkend war, daß ihm das Athmen ſchwer und ſchmerzhaft wurde; er ſank auf einen Haufen Leichen nieder, wo er ſeine Auflöſung nahe glaubte. Clive hatte ſeine Entfernung in der Dunkelheit nicht ſogleich bemerkt, und als er nach ihm tappte und auch Sakuntala am Boden fand, durch⸗ drang der herzzerreißende Schrei:„Meine Toch⸗ ter! Meine Tochter!“ die Höhle, und Sakun⸗ tala wäre im furchtbaren Andrange verloren geweſen, hätte ſie nicht ein eben andrängender rieſiger Engländer erhoben und die arme Be⸗ wußtloſe aus ihrer tödtlichen Lage emporge⸗ zogen.— Er drückte ſie feſt an die Eiſenſtäbe, wo ſie durch den erregten Schmerz und durch die Einathmung neuer Luft das Bewußtſein wieder erlangte.
Es war nunmehr der dritte Theil der Ge⸗ fangenen todt; die übrigen Lebenden befanden
ſich jettt in einem Zuſtande der wildeſten Ra⸗
ſerei. Es war ein wirres Toben und Lärmen durcheinander. Man ſchrie und ſchimpfte die Wache, fluchte den Barbaren, um ſie zu reizen, hinein zu feuern, aber alles umſonſt.— Allmälig wurde es ſtiller und bald hörte jeder Lärm auf. Die meiſten der Unglücklichen leg⸗ ten ſich ganz erſchöpft und aller Kräfte beraubt nieder, und gaben ruhig, auf den todten Kör⸗ pern ihrer Freunde hingeſtreckt, ihren Geiſt auf. Hiedurch wurde etwas mehr Raum in der Höhle und Holwell. noch immer beim vol⸗ len Bewußtſein, fing an mit verzweiflungs⸗ voller Anſtrengung ſich zu erheben; er ſchrie vergebens nach Waſſer, um den verzehrenden Durſt zu ſtillen. Um zwei Uhr Morgens waren nur noch 50 Lebende übrig; allein ſelbſt dieſe Anzahl war noch viel zu groß, um Allen in der Nähe der Fenſter Platz zu laſſen, daher der Kampf um Luft und Leben bis zum Anbruche des ſo ſehr erſehnten Tages fortdauerte, der das Bild des Todes in ſeiner gräßlichſten Ge⸗ ſtalt zeigte.
Es kam nun allmälig die Morgendämme⸗ rung. Die am Fenſter Stehenden baten nun flehendlichſt die dort befindlichen indiſchen Sol⸗ daten, den Kerker zu öffnen und die Todesqual zu beenden, aber nichts konnte die Grauſamen erweichen. Man glaubte, daß Holwell, wenn er noch lebe, vielleicht mehr ausrichten würde. Schrubbs und zwei andere robuſte Männer entſchloſſen ſich ihn unter den auf der Erde Liegenden aufzuſuchen; ſie fanden ihn auch noch mit einigen Zeichen des Lebens. Man trug ihn an's Fenſter, es war ſchon heller Mor⸗ gen, und die friſcher wehende Luft erweckte ſeine entweichenden Lebensgeiſter. Es dauerte jedoch


