ner Mutter, Gottes gerechte Strafe hat ihn ereilt!“
Immer neue Feindeshaufen drangen her⸗ an; es war unumgänglich nothwendig gewor⸗ den, den Ort zu verlaſſen. Thomas bildete aus den Kampffähigen eine kleine Kolonne, nahm die Frauen und Verwundeten in die Mitte, und ſo marſchirten alle nach dem Fort. Sie mußten Umwege ſuchen, um dem Feinde auszuweichen, und ſo war der Abend herange⸗ rückt, ohne daß ſie ihr Ziel erreicht hatten.
Und immer wilder wurde um ſie die Szene, immer näher rückte der Kampf. In der Ferne flackerte die lohe Gluth brennender Häuſer, krachende Kanonenſalven erſchütterten die Luft, und Flintenſchüſſe knallten in der Nähe.
Da die Dämmerung in jenen Breitegra⸗ ten ſehr kurz iſt, und nach Sonnenuntergang unmittelbar die Nacht eintritt, ſo ſahen ſie ſich plötzlich in Dunkelheit gehüllt. Man mußte mit der größten Vorſicht marſchiren. Aber je weiter ſie kamen, deſto gefahrvoller wurde ihre Lage; denn wildes Geſchrei war zu beiden Seiten, und der Lärm des Feindes im Rücken belehrte ſie, daß ſie überall umringt ſeien. Es war ein Moment der bitterſten Verzweiflung und der troſtloſen Ausſicht, der grauſamſten Rohheit wilder Barbaren preisgegeben zu ſein. Sie drangen nichtsdeſtoweniger vorwärts, aber mit Angſt und Mühe hatten ſie eine kurze Strecke zurückgelegt, als ſie in der Finſterniß gerade in die Nähe des lebhafteſten Kampfes geriethen. Es war nun unmöglich, weiter zu gehen. Nach kurzem Verweilen beſchloß man in das nächſte Gebäude zu flüchten, obſchon nicht ohne Gefahr, aber es war die einzige Möglichkeit die Nacht über unbemerkt verweilen zu können. Dieſer Entſchluß wurde raſch und muthig ausgeführt, alle Zugänge ſo gut als möglich verſperrt, und die kleine Truppe athmete neu auf. Aber ticht lange ſollte ihnen dieſe Raſt gegönnt ſein. Ungefähr nach einer Stunde wälzte ſich das aus der Ferne brau⸗ ſende Kampfgetümmel immer näher gegen das ſchwache Aſyl zu. Eine Schaar Indier ſuchte gerade hier einzudringen, als hätte ſie den Zufluchtsort der Flüchtlinge erkannt, oder als hätten die feindlichen Truppen ſelbſt einen Schutz geſucht in dieſem geeigneten Gebäude. Die kleine Beſatzung leiſtete heroiſchen Wider⸗ ſtand; mit zahlreichen Flintenſchüſſen und kräf⸗ tigen Kolbenſchlägen wurden die Eindringlinge zurückgewieſen. Doch war die Uebermacht des Feindes zu groß, die weichenden Indier wur⸗ den ſogleich durch Nachrückende erſetzt. Die Munition der Beſatzung reichte nicht mehr auf lange Zeit hin; ſchon ſah man ſich verloren— der alte Clive ſchützte mit ſeinem Körper ſein geliebtes Kind. Julie ſchmiegte ſich furcht⸗ ſam an ihren einſtigen Retter. Dieſes ihn be⸗ glückende Vertrauen belebte auf's neue den ſchon ſinkenden Muth; er ſammelte einige der Tapferſten um ſich und wollte als letzte An⸗ ſtrengung einen Ausfall verſuchen. Da ertön⸗ ten unfern engliſche Kommandoworte, und dieſe
ſüßen Heimatsklänge verkündeten die Nähe von Freunden. Der beabſichtigte Ausfall wurde nun muthig und freudevoll unternommen. Die feigen Söldlinge des Nabob zerſtoben und Thomas ſah ſich nun einem Trupp von Engländern gegenüber, die ihn, als er ſich zu erkennen gab, mit lautem Hurrah begrüßten. Holwell, Murray und Ellis waren mit unter ihnen. Wie freuten ſie ſich, die Vermiß⸗ ten, von welchen ſie im Getümmel des Kampfes plötzlich abgeſchnitten wurden, wieder zu ſehen. Vereint zogen nun beide Truppen eiligſt nach dem Fort, und bald ſchloß ſich hinter Allen die ſchützende Pforte. Nach ſo ungeheuren An⸗ ſtrengungen, nach ſo vielen Gemüthsleiden bei der gänzlichen Entbehrung aller Nahrung ſan⸗ ken Alle ermattet und erſchöpft zuſammen. Es war eine Nacht, die wenig Schlaf, wenig Troſt und daher gar keine Erholung brachte.
Gegen Morgen ſetzte der Feind den An⸗ griff fort, aber die kleine tapfere Beſatzung ſchlug dieſen erſten Angriff glücklich zurück. Man glaubte am Morgen wenigſtens die Frauenzimmer mittelſt der erwarteten Schiffe retten zu können. Aber alle Bote waren in der Nacht mit Flüchtlingen davon gegangen. Unter dieſer von Furcht und Schrecken betäub⸗ ten Menge war an keine Ordnung zu denken; Alle drängten vorwärts, Alles ſtürzte durch⸗ einander, die Bote wurden überladen. Viele derſelben gingen zu Grunde, die meiſten Flücht⸗ linge fanden in den Fluthen ihr Grab; die nicht ertranken, wurden unbarmherzig niedergemacht. Der Feind wüthete kannibaliſch gegen die Flüch⸗ tigen. Keiner von den engliſchen Soldaten, welche die Einſchiffung der engliſchen Frauen gedeckt hatten, war zurückgekommen. In der Feſtung hielten ſich indeſſen die wenigen Eng⸗ länder heldenmüthig tapfer. Trotz der hefti⸗ gen Angriffe des Feindes wurde das Fort noch einen Tag lang vertheidigt. Als ſich aber die Nachricht verbreitete, daß der Gouverneur und mehrere hohe Offiziere ſich heimlich entfernt hät⸗ ten, da erſchlaffte der Muth und bemächtigte ſich der Meiſten eine nicht zu überwältigende Furcht. Holwell wurde nun mit der Lei⸗ tung des Ganzen betraut. Gegen Abend ſchien der Feind, nach den vergeblichen Anſtrengun⸗ gen die Feſtung zu nehmen, den Anfang zu Un⸗ terhandlungen machen zu wollen; denn ein Mann mit einer Friedensfahne in der Hand näherte ſich, worauf Holwell auf einmüthi⸗ ges Anſuchen ebenfalls eine ſolche aufſteckte. Es kam zu einer Unterredung, während welcher die Feinde mit empörender Hinterliſt nach zwei Thoren des Forts ſtürzten und ſie einzuhauen ſuchten. Die Anführer der Beſatzung, unter dieſen vorzüglich TDhomas, Murray und Schrubbs, ſtrengten ſich vergebens an, die erſchöpfte Beſatzungsmannſchaft noch einmalzum Widerſtande aufzurufen. Viele hatten ſchon die Kapitulation vollzogen geglaubt, und zer⸗ ſtreuten ſich an verſchiedenen Orten, um ſich an den Vorräthen von Arrak und Lebensmitteln Labung zu ſuchen.
269
In dieſer unbeſchreiblichen Verwirrung war an keinen Widerſtand zu denken. Jeder⸗ mann ſtreckte die Waffen, da jeder das Be⸗ wußtſein hatte, das Aeußerſte geleiſtet zu haben. Die Feſtung war genommen.
Der Nabob zog nun mit dem Hochmuthe und dem Eigendünkel der Gemeinheit ein, be⸗ gab ſich in den großen Saal des Gouverne⸗ ments⸗Gebäudes und empfing hier im feierli⸗ chen Aufzuge die Glückwünſche und die Schmei⸗ cheleien ſeines Hofſtaates. Er befahl den Gou⸗ verneur zu holen, und war nicht wenig über⸗ raſcht, den im Kerker gelaſſenen Holwell vor ſich vorgeführt zu ſehen. Ohne für jetzt nähere Aufklärung zu verlangen, erkundigte er ſich blos nach den Schätzen der Kompagnie und äußerte mit Begleitung eines feierlichen Schwu⸗ res beim Barte des Propheten, daß er Niemand ſchonen werde und daß man ihm ja getreu den Schatz der Kompagnie ſo wie das Vermögen der reichen Engländer ausfolge.
Holwell wurde entlaſſen, und als er nun zu ſeinen Unglücksgefährten zurückkehrte, fand er ſie in der kläglichſten Stimmung von einer ſtarken Wache umgeben. Sakuntala und Julie waren ſtreng verhüllt, um vor den Blicken der Barbaren geſchützt zu ſein.— Wer beſchreibt die verzweiflungsvolle Lage der Un⸗ glücklichſten! die Troſtloſigkeit und Verzweif⸗ lung war jedem Geſicht aufgeprägt. An der nördlichen und ſüdlichen Seite des Forts ſtan⸗ den mehrere Gebäude in Brand. Mit herz⸗ zerreißendem Schmerze ſahen die Engländer ihr Hab und Gut in Flammen aufgehen.— Nun näherte ſich der Tag ſeinem Ende, in banger Erwartung harrten die Gefangenen der Dinge, die noch kommen ſollten; die indi⸗ ſchen Soldaten eilten umher, um ein ſicheres Gewahrſam aufzuſuchen, in welchem die Be⸗ ſiegten die Nacht zubringen ſollten. Dieſe ahn⸗ ten, daß man ihnen ausgeſuchte Qualen zu be⸗ reiten beabſichtige. Furcht und Schrecken be⸗ mächtigte ſich Aller auf's Neue. Man ſah alte Männer Thränen vergießen, da umarmte ein junger kräftiger Kämpfer ſeinen alten greiſen Vater, dort lagen ſich Brüder in den Armen— überall Szenen der größten Verzweiflung. Clive hielt die bereits zuſammenſinkende Sakuntalaan ſeine Bruſt, indem er ſie leiſe tröſtete, Ellis hielt Juliens Hand zärtlich in der Seinigen.
Indeſſen trat die Nacht ein; es war im September 1756, wo die Abende in jener Zone ſchon ſehr lang, die Nächte ſehr finſter, obſchon noch immer ſehr warm ſind.
Ein Trupp indiſcher Soldaten holte die Gefangenen ab, um ſie nach dem Orte zu füh⸗ ren, wo ſie die Nacht über aufbewahrt werden ſollten. Ein Gefängniß, welches ſonſt für Ver⸗ brecher und Miſſethäter diente, war zu dieſem Zwecke ausgeſucht worden. Dieſer Kerker war wegen ſeines ſcheußlichen Ausſehens die ſchwarze Höhle genannt. Diejenigen, die dieſe Höhle kannten, widerſetzten ſich mit aller Gewalt hin⸗ einzugehen und die vornehmen Engländer pro⸗
—
—
————-——


