Heft 
(1858) 9 09
Seite
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17.

Vor den Mauern Calcuttas bot das bunt bewegte Lager des Nabob einen glänzen⸗ den und zugleich furchtbaren Anblick. In un⸗ überſehbarer Reihe ſtanden die ſpeerbewaff⸗ neten Reiter, ſtrahlend von den in der Sonne glänzenden Harniſchen. Das Fußvolk, in lange Linien geordnet, hatte hinter ſich dichte Ko⸗ lonnen von Kriegern, die mit Keulen, Schwer⸗ tern und Schilden bewaffnet waren. Kano⸗ nen, auf plumpen Lafetten ruhend, raſſelten hin und her, um an den geeigneten Orten aufgeſtellt zu werden.

Auf einem kleinen Hügel, welcher den Schauplatz in der weiten Ebene beherrſchte, war das prachtvolle Purpurzelt des Nabob aufgeſchlagen. Um dasſelbe drängten ſich die Führer der einzelnen Heeresabtheilungen in der reichſten Kleidung, mit Rüſtungen von Gold ſtrotzend, mit von Edelſteinen funkeln⸗ den Waffen und große Reiher⸗ und Straußfe⸗ dern, die von ihren Helmen und Turbanen herabnickten, erhöhten den prachtvollen thea⸗ traliſchen Auffug. Seat und Dariman waren mit unter den Heerführern.

Da flogen die Zeltvorhänge auseinander und dieLampe der Reichthümer mit dem breiten, von Leidenſchaft und Grauſamkeit ent⸗ ſtellten Geſichte trat hervor mit einem bos⸗ haften und triumphirenden Lächeln; nun wendete er ſich an Miar Jaffier:Wirſt Du noch immer ſo viel Rühmens von der Tapferkeit der Engländer machen? wie viel Mannſchaft haben wir im nächtlichen Gefechte verloren? Mit einer tiefen Verbeugung antwortete der Angeredete:Ueber Tauſend, und nach allen Ausſagen ſtanden uns nicht mehr als etwa fünfzig Engländer mit einigen Kanonen gegen⸗ über.

Beim Barte des Propheten, ſagte der Nabob entrüſtet,das iſt viel, mehr als Tau⸗ ſend gegen eine ſo geringe Zahl? Dieſe Hunde ſollen ihre Frechheit büßen! Doch tretet her⸗ ein, wir wollen den Angriff berathen. Und die Anführer traten in das Zelt.

In Calcutta war unterdeß die Stimmung eine äußerſt gedrückte. Die geringe Beſatzung bei der großen Ausdehnung der Stadt, die Ueber⸗ macht des feindlichen Heeres machten die Ausſicht hoffnungslos, und zeigten die Unmöglichkeit, ſich in der Stadt zu halten. Man mußte ſich darauf beſchränken, das am Fluſſe gelegene Fort William zu vertheidigen und dahin zu flüchten. Man beſchloß ferner, die Zugänge der vornehmſten Straßen zu verſchanzen, man warf Bruſtwehren auf, beſetzte ſie mit Palliſa⸗ den und vertheilte die Kanonen. Innerhalb der Verſchanzungen lagen die Häuſer der Eng⸗ länder und auch der uns bekannte Palaſt Holwells. Hier ſehen wir ſoeben die ganze Geſellſchaft im Garten beim Frühſtück verſam⸗ melt, auch Ellis und Murray, welche die Nacht im Kampfe zugebracht hatten, waren zu⸗ rückgekehrt. Alles war ſchweigſam und nie⸗

dergeſchlagen; da unterbrach Holwell die Stille, indem er ein Hoch den Tapfern brachte und auf die Mutterinſel Altengland ein Glas Wein an die Lippen führte. Er ſprach den Frauen Muth zu, und verſicherte, man würde ſich im Fort ſo lange halten können, bis die Hilfsfahrzeuge eintreffen würden, um welche er geſandt habe.

Doch ſchon näherte ſich der Lärm des her⸗ anziehenden feindlichen Heeres, jetzt krachten einige Flintenſchüſſe, denen in kurzen Pauſen ganze Salven folgten. Im Nu zerſtob die Geſellſchaft, die Männer liefen an ihre Poſten, die Frauen flüchteten in's Innere des Hauſes und ſahen bald mit Schrecken die Flammen der ſchon brennenden Gebäude in ihrer Nähe.

Thomas und Schrubbs ſtanden mit einigen einheimiſchen Soldtruppen, ſogenann⸗ ten Laskaren, am Ausgange einer Straße, die feſt verbarrikadirt und mit einer Kanone beſetzt war, in geringer Entfernung vom Holwell' ſchen Hauſe. In beiden loderte die brennende Kampfluſt. Noch tobte der Kampf in der Ferne, der dumpfe Donner der Kanonen miſchte ſich mit dem hellen Geknatter der Musketen und dazwiſchen tönte der Lärm und das Ge⸗ ſchrei der Kämpfenden. So flogen Stunden vorüber und erſt in den Nachmittagsſtunden wälzte ſich eine dichte Kolonne des feindlichen Heeres gegen den von Clive befehligten Po⸗ ſten. Er ließ ſie auf einige Entfernung heran⸗ kommen, dann wurde ſie von einer Flinten⸗ und Kartätſchenſalve begrüßt, die Tod und Verderben in ihre Reihen brachte. Sie wich zurück und vertheilte ſich in die Häuſer. Aber Schrubb ſammelte einen Haufen der Kühn⸗ ſten um ſich und vertrieb, Mann gegen Mann kämpfend, die Angreifer. Doch immer neue Schaaren wälzten ſich vorwärts und erſetzten die alten; Schrubbs' Begleiter unterlagen zum größten Theil der Uebermacht der Angrei⸗ fer, und nur wie durch ein Wunder kam er wieder zu der ſchützenden Verſchanzung. Die Kanone, jetzt die Hauptwaffe, mußte die feh⸗ lende Mannſchaft erſetzen, ſie ſchien ſich unter Thomas' und Schrubbs' Händen zu ver⸗ vielfältigen und ihre wiederholten Entladun⸗ gen ſchmetterten immer eine Anzahl Feinde in den Staub. Doch die Feinde drangen in die Häuſer, eröffneten von oben herab ein tödtli⸗ ches Feuer auf die Bedienung der Kanone, und Thomas ſah ſich in wüthender Verzweiflung zum Rückzuge genöthigt. Es blieb ihm nur noch ein halbes Dutzend ſeiner Leute. Eben wollte er einen neuen Ort für ſeinen Poſten erſpähen, als er eine Schaar Feinde bemerkte, die das Holwell'ſche Haus angriff. Mit ſtürmiſcher Haſt bezeichnete er ſeinen Laskaren das Ziel des Angriffes, und eilte ihnen voran. Schrubbs, immer an der Seite ſeines Freundes, ſammelte die aus dem Hauſe flüch⸗ tenden Diener, und belebte ihren Muth durch ſein eigenes Beiſpiel. Ein wüthendes Hand⸗ gemenge begann, und ein jeder Streich Tho⸗ mas' erlegte ſeinen Mann. Ohne dieſen plötz⸗

lichen Entſatz wäre der Palaſt ſammt allem, was darin war, den beſtialiſch wüthenden An⸗ greifern in die Hände gefallen.

In einiger Entfernung von dieſem Kampf⸗ platze befanden ſich, von einer Truppe Krieger umgeben, Dariman und Seat.

Der Löwenmuth, den Thomas zeigte, hatte bald die Aufmerkſamkeit dieſer Truppe erregt, und kaum hatte Seat Thomas erblickt, als er ſeinem Bruder zurief:Sieh da, der Ver⸗ führer von Menaſatha's Tochter; der Räu⸗ ber Sakuntala's! denn ſo hatte er ihn vor einigen Jahren geſehen. Noch hatte Dari⸗ man ihm nicht antworten können, als er ſich ſchon mit einigen Kriegern dem Verhaßten ent⸗ gegengeſtürzt hatte.

Thomas ſah ihn nahen, und da er an ſeiner Rüſtung erkannte, daß ein Vornehmer aus der Reihe der dort verſammelten Gruppe ihn zum Opfer auserleſen habe, ſo flog er ihm mit hochgeſchwungenem Schwerte entgegen.

Mit todtſprühenden Blicken maßen ſich die Gegner, und bald klirrten ihre Schwerter blitzend und Funken ſchlagend aneinander. Schrubbs ſah nicht ſobald die Gefahr ſeines Freundes, als er ſich mit dem geringen feind⸗ lichen Gefolge beſchäftigte, das er auch bald vertrieb, ſo daß Thomas blos den Kampf ge⸗

gen einen Mann zu beſtehen hatte. Seat, von

weit männlicherer und tapferer Natur als ſein Bruder, in der Führung des Schwertes ſehr erfahren, war ein harter Gegner. Doch erſetzte Thomas durch Kühnheit, Kraft und Schnel⸗ ligkeit, was ihm an Uebung abging, und hüllte

ſeinen Feind in eine Wolke von Hieben, die

derſelbe, andererſeits auch von Schrubbs für Augenblicke beunruhigt, nur mit Mühe parirte. Endlich führte Thomas nach der unbeſchützten Seite ſeines Gegners einen letzten furchtbaren kräftigen Schlag, der ſeinem Feinde den rechten Arm durchſchnitt und mit der Spitze des Schwertes tief in deſſen Seite fuhr.

Seat ſtürzte röchelnd zu Boden.

Ein wildes Geſchrei folgte dem Fall; Dariman ſeinerſeits von der geringen Zahl der tapferen Engländer beunruhigt, konnte dem wilden Kampfe nicht ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit ſchenken und ſah nur den Sturz ſeines Bruders, dem er mit wildem Fluche zu Hilfe eilte; aber, da eben brachte Schrubbs einige Hilfstruppen, und die glücklich poſtirte Kanone entleerte in dem Augenblicke ihre Ladung, daß die Indier ſich ſchnell zur Flucht wandten.

Doch konnten die Sieger ihre Stellung nicht behaupten; die Verſchanzungen waren von allen Seiten durchbrochen, und die einzige Zu⸗ flucht blieb das Fort William.

Da eben kam der alte Clive mit Julie und Sakuntala; er umarmte ſeinen jungen heldenmüthigen Verwandten, als ſein Blick auf den am Boden liegenden Sterbenden fiel. Mit einem furchtbaren Ausdrucke in Blick und Ge⸗ ſicht winkte er Sakuntala, die ſich ihm zit⸗ ternd nahte.

Sieh, da, ſagte er,den Mörder Dei⸗