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„Ich werde in dieſem Punkte die Befehle meines Vaters entgegen nehmen,“ ſagte Julie ſeufzend und entfernte ſich mit einer kalten Verbeugung.
Sie verſchloß ihren Gram und ihre un⸗ fruchtbare Klage tief in ihre Bruſt, ſie ſuchte und fand einige Zerſtreuung in Clive's und Sakuntala's Gegenwart, und das ſchreckliche Bild des ſeltſamen Bräutigams verfolgte ſie nicht in die freundliche Umgebung der ihr theuer gewordenen Perſonen und in dem rei⸗ zenden Garten, in dem Sakuntala's Natür⸗ lichkeit in freundlicher Milde waltete.
17.
Am Hofe des Nabob wurde beſonders auf die eifrige Anregung Darimans be⸗ ſchloſſen, das Heer zu ſammeln und eine Ab⸗ theilung von drei Tauſend Mann augenblick⸗ lich voraus zu ſenden, um die auf dem Wege nach Calcutta liegende Feſtung Contumbuzar einzunehmen. Dariman, ooll von Haß und Rache gegen die Engländer, bot alles auf, um ſie zu vernichten, und der ſchwache Fürſt war leicht zu beſtimmen.
Die Beſatzung des einzunehmenden Forts beſtand aus zweiundzwanzig Europäern und aus zwanzig Eingeborenen. Kläglich waren die Befeſtigungswerke, die Baſtionen klein, die Mauern nur drei Fuß dick; ohne Graben, ohne Paliſaden, ſtand die Feſtung, bis an die Mauern zugänglich, dem Feinde preisgegeben. Zudem war die Beſatzung ganz unvorbereitet, als die Avantgarde, vom Fürſten ſelbſt angeführt, gegen das Fort anrückte. Das Hauptkorps ſollte des andern Tags von Miar Jaffier komman⸗ dirt nachrücken.
Die Feſtung ſtand unter den Befehlen des tapferen und jungen Fähnrichs Elliot, des würdigen Ahns des gegenwärtig bei der Ein⸗ nahme Cantons in China rühmlich bekannten Commodores Elliot.
Zum Unglück waren die Kanonen nur
neunpfündig, und die Munition beſtand nur
aus ſechs hundert Patronen. Lächerlich waren die Anſtrengungen des Feindes, dieſe Minia⸗ turfeſtung zu nehmen, aber rühmlich und er⸗ hebend der tapfere Widerſtand, den die kleine Schaar, von ihrem Kommandanten ermuthigt, leiſtete. Doch vas Mißverhältniß der feindlichen Zahl war zu groß und ſo mußten die Tapfern der Aufforderung, den Platz zu übergeben, mit Verzweiflung im Herzen ſich fügen und die
melt, die engliſchen Soldaten mußten die er⸗ niedrigendſte Behandlung erleiden; alle nur von den roheſten Barbaren zu erwartende Schmach mußten ſie ertragen; man riß ihnen die Klei⸗ der vom Leibe, ſpie ihnen in's Angeſicht, ſtieß ſie mit den Gewehrkolben— und erhoben ſich die bedauernswerthen, wehrloſen aber helden⸗ müthigen Soldaten auf's Aeußerſte empört zur Gegenwehr, ſo wurden ſie erbarmungslos ge⸗ tödtet.
Alle Reklamationen Elliot's gegen dieſes barbariſche, niederträchtige Verfahren blieben fruchtlos, ja es wurde ihm noch die Antwort, daß die Truppen des Fürſten zu einer ſolchen Behandlung Ordre bekommen hätten, um den Engländern die Luſt zu benehmen, ſich in In⸗ dien niederzulaſſen.
Solche Schmach konnte der junge Kom⸗ mandant nicht ertragen; der Anblick, den die brave Mannſchaft, wehrlos und nackt, in den Händen dieſer beſtialiſchen Horden darbot, war ſo herzzerreißend, daß Elliot ein in ſeinen Kleidern bei der Waffenabgabe verſtecktes Piſtol hervorzog und ſich die Stirn zerſchmetterte.— Dieſe That beſtimmte den Nabob die übrige Mannſchaft einer ſtrengen Durchſuchung zu un⸗ terziehen, ſie in einen Kerker zu werfen und von da nach Murchidabad zu transportiren.
Die Armee wälzte ſich nun von da ſchwer⸗ fällig nach Calcutta zu.
Thomas, Holwell und Schrubbs erwachten nach jener Nacht des ehrenvollen Trinkgelages bei dem Nabob in einer grauſen⸗ erregenden Kerkerzelle. Angſt und Schrecken bemächtigte ſich ihrer, als ſie ſich ihrer ver⸗ zweiflungsvollen Lage bewußt wurden. Das niedrige, kleine und ſchmutzige Gewölbe war blos durch ein mit eiſernen Stäben vergittertes Loch erhellt. Schweigſam blickten ſich die Un⸗ glücklichen an, und wagten es nicht, ihre Ge⸗ danken ſich mitzutheilen, und harrten ängſtlich der Dinge, die da kommen ſollten. Es ver⸗ gingen angſtvolle Stunden, nicht das leiſeſte Geräuſch ließ ſich vernehmen. Die Sonne ſtieg höher, ihre brennenden Strahlen durch⸗ drangen die Backſteine des Gebäudes; der ge⸗ ringe Raum des Gefängniſſes, keiner Luftſtrö⸗ mung zugänglich, bot bald eine erſtickende Hitze, welche noch den brennenden Durſt ſteigerte, der durch die in der Nacht in nicht unbeträchtlicher Menge genoſſenen geiſtigen Getränke in einem Grade vermehrt wurde, daß die Lage der Ge⸗ fangenen eine wahrhaft betrübende zu werden anfing. Zudem machten ſie noch eine ſchreck⸗ liche Wahrnehmung, welche das Entſetzen des
Waffen vor dem überlegenen barbariſchen Feinde beherzteſten Menſchen erregen mußte:— ſie ſtrecken; doch erlangte der Kommandant die ſahen ſich umgeben von einer Unzahl der wi⸗ Bedingungen, daß die Beſatzung freien Abzug derlichſten Inſekten, unter denen es auch an
habe, die Magazine verſiegelt und bewacht, das Eigenthum der Einwohner geſchont werde. Doch kaum waren die Truppen des Nabob in die Feſtung eingerückt, ſo verletzten ſie die Bedingungen im weiteſten Maße. Es wurde gebrannt, geplündert, gemißhandelt und ge⸗
Skorpionen nicht fehlte, deren Biß, ja deren Berührung ſogar gefährlich werden konnte. Zu dieſen wirklichen Leiden geſellten ſich noch die traurigſten Bilder ihrer Phantaſie. Wie lange wird dieſer qualvolle Zuſtand dau⸗ ern? was hat man mit ihnen vor? wie
mordet; Kinder und Frauen wurden verſtüm⸗ ſollen die Freunde in Calcutta von ihnen
Nachricht bekommen? was wird aus dieſer Stadt werden, die in ängſtlicher Erwartung über den Erfolg ihrer Sendung bleiben wird? Dieſe und tauſend ähnliche Beſorgniſſe durch⸗ kreuzten ihr Gehirn. Zu ſprechen wagte keiner; bei der großen Hitze, welche mit jedem Augen⸗ blick ſtieg, war jedes Wort eine Anſtrengung; der Schweiß floß in Strömen über ihre Kör⸗ per— die nun ſehr läſtigen Kleider durften wegen der Menge der Inſekten nicht abgelegt werden; ſo lagen ſie verſchmachtend am Boden.
Zu dieſem Zuſtande der bitterſten Qual ge⸗ ſellten ſich die beängſtigendſten Bilder der erſt verlaſſenen Heimat. Vor Thomas trat auch noch Juliens Bild. In dieſem Kerker beſucht es ihn! aber nicht um ihn zu beglücken. Die Pein ſeiner Seele war, wenn möglich, noch bren⸗ nender und fürchterlicher als ſeine wirklichen Leiden.
Den höchſten Grad erreichte ihr Zuſtand um die Mittagszeit, als die Sonne ſenkrecht niederbrannte und nun auch der Hunger den ermatteten Körper aufzureiben drohte. Wer beſchreibt dieſe hölliſche Qual! Nur der Auf⸗ ſchwung der kühnſten Phantaſie vermag einen ſchwachen Abdruck der Wirklichkeit darzuſtellen. Jetzt, welche Freude! ein Geräuſch iſt vernehm⸗ bar! es iſt, als wenn Schritte ſich naheten! wie belebend wirkt ſchon ein einziger Hoffnungs⸗ ſchimmer! Wirklich kömmt Jemand zur Thür. Freudeſtrahlend blicken die Unglücklichen ſich wechſelſeitig an. Die Thür wird geöffnet und ein Neger mit zwei großen Krügen Waſ⸗ ſers und einem Körbchen mit Brod und Früch⸗ ten tritt ein. Der Neger ſtellte, ohne ein Wort zu ſagen, die gebrachten Gegenſtände auf den Boden nieder und entfernte ſich. In großen Zü⸗ gen ſogen die Gefangenen neue Lebenskraft ein — ohne dieſe Labung hätte die auf's höchſte geſtiegene Hitze am Nachmittage unvermeidlich den Tod zur Folge gehabt.
Des Abends kam der Neger wieder mit einer gleichen Sendung wie Mittags, aber, obwohl ihn Holwell in ſeiner Sprache an⸗ redete, obwohl er ihm alles Gold anbot, das er bei ſich hatte, beantwortete er dennoch keine der an ihn gerichteten Fragen, ſondern ent⸗ fernte ſich ohne ein Wort zu ſprechen. Troſtlos blieben die Freunde zurück; wie wohlthuend auch die Kühle der Nacht auf ihre von der Hitze gequälten Körper wirkte, ſie mußten dennoch die Wohlthat des Schlafes entbehren; die Sorge, die peinlichſte Sorge um ihre Zukunft und um die Zukunft der Ihrigen, bemächtigte ſich ihrer umſomehr, je mehr ihre körperlichen Leiden durch die erhaltenen Erfriſchungen in den Hinter⸗ grund traten. So lagen die Bedauernswerthen, beunruhigt von der Furcht vor der Annäherung der Inſekten und andern Ungeziefers, als un⸗ gefähr eine Stunde vor Mitternacht ein leiſes Geräuſch kniſternder Schritte ihre Aufmerk⸗ ſamkeit wach rief; jetzt wurden die Riegel zu⸗ rückgeſchoben, die Thür geöffnet, und eine Per⸗ ſon mit einer Blendlaterne im kriegeriſchen Au⸗ zuge trat herein, welche die Thür hinter ſich


