Heft 
(1858) 9 09
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Die Engländer in Bſtindien vor hundert ZJahren.

Hiſtoriſche Erzählung aus dem Engliſchen.

Von Dr. Janowitz.*) 16.

Clive, überglücklich im Beſitze ſeiner Tochter, des Ebenbildes ſeines geliebten Wei⸗ bes, hatte ſich mit Sakuntala in ſein an⸗ gekauftes Haus in Calcutta zurückgezogen, wel⸗ ches er ſeinem Vermögen entſprechend einrichten ließ. Obſchon er durch die Abreiſe Holwell's in Begleitung Thomas' und Schrubbs' ſehr viele der Annehmlichkeiten entbehren mußte, deren er ſich jetzt an der Seite ſeiner Tochter und in der Mitte ſeiner Freunde erfreut hätte; war er doch anderſeits durch die Entfernung Darimans aus ſeiner und Sakuntala's Nähe beruhigt.

Daxriman nämlich, hoch erfreut über die Wendung ſeines Schickſals und durch die kühne Entführung Sakuntala's aus der Pagode überzeugt, weſſen ſein Todfeind fähig ſei, wagte es nicht, ihm noch einmal entgegen zu treten, und ſo ergriff er die erſte Gelegenheit, Cal⸗ cutta zu verlaſſen; zumal er auch fürchten mußte, daß die lange Abweſenheit ihm die Gunſt ſeines ſchwachen, unbeſtändigen Herrn entziehen und ihm ſo die Ausſicht nehmen könnte, ſeine furchtbaren Rachevorſätze, die er allen Europäern geſchworen, auszuführen.

Im Gemüthszuſtande Sakuntala's ging eine außerordentliche Verwandlung vor. Ihre Lebensweiſe in ihren erſten Kinderjahren unter reinen Naturmenſchen, ihre erhaltenen Reli⸗ gionsbegriffe, der Aufenthalt in der Pagode unter den Bajaderen Alles dieß war im grell⸗ ſten Gegenſatze mit ihrer jetzigen Umgebung. Ein großer Vortheil für die Befeſtigung eines Verſtändniſſes zwiſchen Clive, den ſie doch immer als einen Fremden, ihrer Nation nicht Angehörigen, anſehen mußte, war der Umſtand, daß Clive ihre Mutterſprache redete. Dieſe war das Mittel, durch welches er ſich den Weg zu ihrem Herzen bahnte, und ſo gelang es ihm durch die väterlichen Zärtlichkeitsbezeigungen

und die Anregungen ihres Geiſtes und ihres,

Gemüthes Gefühle in ihr zu erwecken, die ihr bis jetzt ganz fremd geblieben waren.

Nun klammerte ſie ſich an die Gegenwart, die ihr lieb wurde; die Vergangenheit ſchien ihr in eine weite nebelumhüllte Ferne gerückt. Gern hörte ſie jetzt dem Geſpräche Clive's zu, und freute ſich, wenn er ſie Tochter nannte; das zarte Band zwiſchen ihm und ihr wurde ihr nach und nach ein natürliches, und ſie war glücklich, dieſem Europäer mit dem ehrwürdigen weißen Haupte anzugehören. Auch wandte ſie ſich nach und nach mit immer mehr Intereſſe den geiſti⸗ gen Schätzen zu, die ihr Vater im Geſpräche

*) Schluß zur vorigen Nummer. Erinnerungen. 1858.

mit ihr zu entfalten ſuchte, und die ihrem na⸗ türlichen Verſtande und ihrem unerkünſtelten reinen Gemüthe eine neue Welt des Wiſſens und der Empfindung erſchloſſen. Ihr Charakter entwickelte ſich unter ſo fruchtbaren Einflüſſen auf eine immer liebenswürdigere Weiſe, und im gleichen Verhältniſſe wuchs auch ihre Zärt⸗ lichkeit für ihren Wohlthäter, für ihren Vater.

Clive fühlte das in ihm neu erwachte Le⸗ ben, er lebte nur in ſeiner Tochter und mit ihr; ſeiner glücklichen Einſamkeit fehlte nichts als ſein nun ebenfalls von ihm geliebter Thomas. Das glückliche Herz iſt ſo empfänglich für Liebe! Alles erſcheint dem Glücklichen in einer glän⸗ zenden Färbung, der Aether eines hellen Ge⸗ müthes umſtrahlt ſelbſt die düſteren Bilder, die uns umgeben; und ſo ſah Clive ſelbſt das nahende drohende Gewitter nicht, das ſich bald in ſeiner Nähe entladen ſollte.

Julie Murray kam von Zeit zu Zeit, um Beiden Geſellſchaft zu leiſten. Julie war ſeit jener Szene mit Thomas und Ellis noch verſchloſſener und ernſter geworden, als ſie bisher geweſen. Sie kannte das Verhältniß zwiſchen Ellis und ihrem Vater, und ſie war eine zu gute Tochter, um ſich nicht dem Willen des Vaters zu fügen. Sie empfand Abneigung gegen ihren Verlobten, doch ſuchte ſie eine un⸗ umſchränkte Herrſchaft über ihre Gefühle zu er⸗ langen und ſie benahm ſich gegen Ellis, ob⸗ wohl gemeſſen, ſo doch nicht abſtoßend. Tho⸗ mas' Bild trat oft wie eine himmliſche Er⸗ ſcheinung vor ihre Seele, er war ihr das Ideal eines Jünglings, der kühn und edel zugleich je⸗ der großherzigen Empfindung fähig, allein wür⸗ dig ſei, geliebt zu werden. Mit tiefer Angſt be⸗ dachte ſie, wie Ellis ihn zu verderben ſich be⸗ ſtrebe, wie er jetzt ſchon ein Mittel gefunden, das ihn vernichten könne; ſie fühlte, daß ſeine Erſcheinung in ihrem freudenloſen Daſein als ein freundlicher Stern ihr leuchte.

Thomas war oft der Gegenſtand der Unterhaltung der drei Freunde; Clive er⸗ klärte, daß er ihn bewegen wolle, den Dienſt in Indien zu verlaſſen, ihn nach Europa zu be⸗ gleiten und dort in einem europäiſchen Regi⸗ mente ſeinen Rang einzunehmen. Er wolle ihn adoptiren, und ſo im Kreiſe ſeiner Kinder ſich des Glückes freuen.

Ellis ſeiner Seits bemühte ſich die Ver⸗ bindung mit Julie zu beſchleunigen; er ſprach mit dem Oberſten Murray ſo ernſt und drin⸗ gend über dieſe Angelegenheit, daß die Vor⸗ ſtellung des letztern, daß es beſſer wäre abzu⸗ warten, bis ſich die Lage der Dinge etwas auf⸗ geklärt haben würde, da Calcutta gegenwärtig auf einem Vulkane ſtehe fruchtlos blieb und er ſich genöthigt ſah, die Einwilligung zu ge⸗ ben, daß die Vermälung mit Ende der nächſten Woche gefeiert werde.

Ellis kannte ſeine Braut als ein zu ge⸗ horſames, ihren Vater über Alles liebendes Kind, als daß er nicht erſt die Einwilligung des Vaters als nothwendig angeſehen hätte; dann trat er erſt vor Julie hin, um ſie mit

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ſeinem Wunſche bekannt zu machen. Sie ſaß in der Gartenlaube in Gedanken tief verſunken, als plötzlich eine Hand ihre Schulter berührte und ſie aus ihren Träumereien riß.

Die ſchöne Julie, ſagte er,trauert doch nicht etwa, daß Ihr tapferer Verehrer das Glück gehabt, zu einer ſo ehrenvollen Sendung als Abgeſandter an den Hof des Nabob von Bengalen berufen zu werden? In dieſem Falle wäre ich ein wenig an dieſem Kummer ſchuld.

Nun angenommen, Ihre Vermuthung wäre richtig, iſt es etwa ein Unrecht, den tapfern Jüngling zu bedauern, da er ſich auf einem augenblicklich ſehr gefährlichen Poſten befindet? Und was war Ihre Abſicht, daß Sie ihm zu dieſer Sendung verhalfen? fragte Julie.

Ich liebe die Aufrichtigkeit, entgegnete der Kapitän,ſo antworte ich Ihnen denn ganz frei. Soll ich etwa zärtliche Gefühle gegen ein Individuum hegen, das damit umgeht, unter prahlender Bedrohung mir meine verlobte Braut zu entreißen? Ja, hätte die Geſandt⸗ ſchaft gar keine Gefahr, und nur glänzende Er⸗ folge in Ausſicht für ihn, ſo würde ich mich ge⸗ hütet haben, ihm dazu zu verhelfen.

Iſt es aber eines Gentlemans würdig, einen Nebenbuhler in Gefahren zu ſtürzen, die man ſelber nicht theilt? Iſt es ein ehrlicher Kampf?

Ich war noch großmüthig gegen ihn; denn ich hätte ihn gleich vernichten können; freilich haben wir verſchiedene Ideen über Groß⸗ muth und Sie erkennen die meinige nicht an. Mir gleich, wenn ſie mir die gewünſchten Früchte bringt, und ich geſtehe Ihnen, bisher iſt dieß immer der Fall geweſen. So war ich auch einſt großmüthig gegen Ihren Vater.

Julie ſah ihn mit einem Blicke an, der einen ſchwachen Schein von Röthe auf ſeine gelbe Wange hauchte.

O wie reizend ſind Sie, wenn Sie zürnen! Um dieſes Blickes willen allein könnte ich Sie ſchon lieben.

Mit einer Geberde der Entrüſtung verſetzte Julie:Es iſt ſchändlich, noch Ihren Hohn über mich zu gießen!

Da ich ſchon mit meiner Liebe Sie über⸗ ſchütte. Wohl! Ich ſpreche auf meine Weiſe, wie ich auf meine Weiſe liebe, und bei den Göttern, Julie, ich liebe Sie.

Wer wahrhaft liebt, verlangt auch Ge⸗ genliebe, verſetzte Julie.

Das iſt der Punkt, wo unſere Anſichten auseinander gehen. Ich verlange nicht, daß Sie mich wieder lieben, ich will blos, daß Sie mir gehören. In dieſem Punkte bekenne ich mich zu der Anſchauung des Orients.

Sie werden aus einer freien Engländerin nie die Sklavin eines Harems machen. Ich werde Ihnen gehören, weil es der Wille mei⸗ nes Vaters iſt.

Sie ſind alſo nicht abgeneigt, den Zeit⸗ punkt unſerer Verbindung von mir ſelber und von meiner Leidenſchaft für Sie beſtimmen zu laſſen?

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