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doch Du das Blatt und lies mir die Sache noch einmal.“ 4
Jetzt wäre an Emma die Reihe geweſen, verlegen zu werden, aber ſiehe da, ſie las das Ganze ohne ein einzigmal zu ſtottern mit ſol⸗ chem Ausdruck des innigſten Gefühles, daß unter anderen Umſtänden der leicht beweglichen Frau Schaller gewiß die hellen Zähren über die Backen gelaufen wären. Als Emma erröthend mit der Stelle:„Ein langer, langer Kuß beſiegelte das Geſtändniß zweier glücklichen Herzen, die einander werth waren,“ geſchloſſen und mit leiſerer Stimme hinzugeſetzt hatte: „Schluß folgt“— trat eine beängſtigende Pauſe ein. Frau Schaller hatte längſt den Strick⸗ ſtrumpf weggelegt, jett griff ſie zur Brille und nahm mit einer heftigen Bewegung das Blatt aus Emm a's Händen. Sie ſtarrte einige Au⸗ genblicke, als ob ſie läſe, auf die Zeilen, ohne jedoch in ihrer Aufregung zu bemerken, daß ſie den Inſeratentheil und zwar noch dazu verkehrt vor Augen habe und ſprach dann, ſcheinbar wei⸗ ter leſend, abgebrochen aber nachdrücklich:
„Die Gutsfrau war aber glücklicher Weiſe ein Weſen, das nicht mit ſich ſpielen ließ.— Obwohl man ihr weniger Verſtand zutraute, als ſie hatte, ſo wußte ſie, ſobald ſie hinter die Sache kam, doch ſogleich Rath.— Sie ſchätzte zwar den Hofmeiſter als einen guten und ge⸗ bildeten Menſchen, aber ſie konnte doch nicht umhin, ihn zu erſuchen, ſeinen Koffer in Ord⸗ nung zu bringen.— Die Sorge für die Zu⸗ kunft ihrer Tochter, eines höchſt unverſtändigen Mädchens, zwang ſie, ſo leid es ihr that, zu dieſer raſchen Maßregel.“
Nach dieſen Worten knitterte Frau Schal⸗ ler das Papier zuſammen, nahm die Hand der Tochter und entfernte ſich ohne dem tief betrof⸗ fenen Falke Zeit zu einigen Worten zu laſſen, ſchnellen Schrittes mit derſelben aus dem Zim⸗ mer.
7.
„Es iſt unmöglich die Aufregung zu be⸗ ſchreiben, welche in dem Herzen des Philologen ſtatt hatte, als er plötzlich vom Gipfel des Ent⸗ zückens ſich in den Zuſtand der Hoffnungslo⸗ ſigkeit herabgeſtürzt ſah. Der geldſtolze Sinn der Gutsfrau ſträubte ſich gegen die Verbin⸗ dung ihrer Tochter mit einem Menſchen, der ſie nur glücklich und nicht reicher machen konnte. Er war alſo— und nahezu mit Schande— entlaſſen. Er wollte ſogleich ſeine wenigen Hab⸗ ſeligkeiten packen, um noch vor der Nacht das Haus zu verlaſſen, deſſen Mauern ihn jetzt zu erdrücken drohten. Aus jedem Winkel ſprangen ihm die lächelnden Genien der Erinnerung ent⸗ gegen, als wollten ſie ihn höhnen. Der Kopf wirbelte ihm, er mußte hinaus in's Freie. Wie gewaltig der Sturm in ſeinem Innern war, be⸗ weiſt nichts beſſer, als daß er dießmal ſogar ſeine Odyſſee mitzunehmen vergaß.
Wie trunken irrte er in dem nahen Walde umher, ohne die einzelnen Begegnenden zu be⸗
grüßen oder nur zu bemerken. Der Schweiß troff ihm von der Stirne. In dieſer körper⸗ lichen und geiſtigen Aufregung warf er ſich in dem Schatten einer Höhle nieder und das Ge⸗ ſicht in das feuchte Moos vergrabend, das wohl⸗ thätig ſeine heiße Stirn zu kühlen ſchien, ruhte er lange, lange, ohne Ruhe zu finden. Erſt als die Dämmerung einbrach und von fernher die Abendglocken dem Tage zu Grabe läuteten, erhob er ſich, um den Rückweg anzutreten. Sein Geſicht war kaum mehr zu erkennen; mit Mühe ſchleppte er ſeine Glieder, die ihm von bleierner Wucht ſchienen, zum Schloſſe zurück und auf ſein Zimmer. Als nach einiger Zeit ein Diener bei ihm eintrat, fand er den Herrn Lehrer im hitzigen Fieber liegend.
Nun wurde Alarm in den ſtillen Räumen des Schloſſes.
Die Gutsfrau erbleichte bei der Nachricht. „Auch das noch!“ rief ſie außer ſich⸗vor Furcht, der Typhus könne in ihrem Hauſe zum Aus⸗ bruche kommen.„Schnell ſchnell,“ komman⸗ dirte ſie,„ſchafft mir den Menſchen aus meiner Nähe, bringt ihn zum Gärtner hinab in's Gartenhaus; den Doktor und die Arzneien will ich ſchon bezahlen!“
Vergebens war die Einſprache der Tochter. Der Kranke, der ſeiner Sinne ſchon nicht mehr mächtig war, wurde noch mitten in der Nacht aus dem Schloſſe in jene luftige Wohnung getragen, die ihm zur Krankenſtube beſtimmt war. Ein Doktor wurde herbeigeholt; er ſchüt⸗ telte bedenklich das Haupt und verordnete die aufmerkſamſte Pflege und Wartung.
Der Kranke ſollte ſie finden, und zwar von lieber, freundlicher Hand. Trotz allem, was die Gutsfrau an Zorn, Beſchwörungen und Thränen aufbot, ließ es ſich die Tochter nicht nehmen, dem Unglücklichen, dem ſie ihre Liebe geſchenkt, als helfender Engel zur Seite zu ſtehen. Das ſchüchterne Mädchen ſchien ein ganz anderes Weſen geworden. Ueber ſich ſelbſt und das gewöhnliche Maß ihrer Kräfte geho⸗ ben, ſorgte ſie für alles, das Größte wie das Kleinſte, um es dem Kranken an nichts fehlen zu laſſen, und überwachte mit Umſicht und Ge⸗ nauigkeit den Vollzug ihrer Anordnungen. Von dem ſchönen Vorbilde ihrer Aufopferung ergriffen, ließen es vie beſtellten Wärter ſich eine Gewiſſenspflicht ſein, und oft ſah man Thrä⸗ nen in den Augen der Männer, wenn das Mäd⸗ chen bleich und abgehärmt, doch ohne eine Thräne im Auge, an das Schmerzenlager des Lehrers trat. Als endlich der Doktor die Verſi⸗ cherung gab, die Kriſis ſei überſtanden und die Beſſerung und Wiederherſtellung des Kranken ſo viel wie gewiß, da hoffte man, jetzt werde auch ihre Wange ſich wieder färben und das freund⸗ liche Lächeln ſeine gewohnte anmuthige Stätte einnehmen: allein als hätte ſie nur bis zu dieſem Momente freudig aufblitzender Hoffnung durch die Energie ihres Wollens ihre Kräfte in Span⸗ nung gehalten, ſo brach ſie jetzt ſchwach und auf⸗ gelöſt, ſtille Ergebung auf dem bleichen Ge—
In demſelben Verhältniſſe, in welchem ſich der Kranke ſeiner Geneſung näherte, ſiel ſeine treue Pflegerin überhandnehmender Schwäche anheim und als er das erſtemal wieder in Gottes freie Luft zu neuem Leben heraus⸗ trat, hatte man ſie zur ewigen Ruhe in's enge Grab geſenkt.
Die Gutsfrau war troſtlos; ſie überlebte die Tochter nicht lange, deren frühen Tod ſie ſich zur Laſt legte.— Der Philologe lebt noch — aber wie eine Pflanze noch lebt, die eine unbarmherzige Hand ihrer Krone beraubt hat.“
So lautete der Schluß, den die nächſte
„der verliebte Philolog“ brachte. Frau von Schaller hatte ihn tief ergriffen geleſen, da alle Bilder, die er ihr vorführte, wie eine dü⸗ ſtere Prophezeiung vor ſie traten. Sie ſelbſt kam ſich in dem vorgehaltenen Spiegel recht verabſcheuungswerth neben der Tochter vor, und dieß moraliſche Gefühl verbündete ſich mit ihrer Furcht vor dem Tode, um ſie in Betreff der beiden Liebenden mild und verſöhnlich zu ſtim⸗ men. Emma hatte ihr ihre Liebe zu dem Leh⸗ rer bekannt, Falke jedoch kein bittendes oder entſchuldigendes Wort an ſie gerichtet. Eben trat er in das Zimmer, um einige ſeiner her⸗.
umliegenden Bücher zu holen und ſie zu ſeiner.
bevorſtehenden Abreiſe in den Koffer zu packen. Er ſah ſehr angegriffen aus und hielt die Hand vor den Kopf. 4
„Iſt Ihnen nicht wohl, Herr Falke,“ ſragte Frau Schaller beſorgt.
„Ich habe Schwindel und Kopfſchmerz!“
„Um Gotteswillen,“ rief ſie nun voll Schrek⸗ ken, Sie werden doch nicht den Typhus bekom⸗ mend ich beſchwöre Sie, Herr Falke, mäßigen Sie ſich in Ihren Leide, es kann ja noch alles ganz gut werden.“
„Für mich nicht mehr!“
„Herr Falke, lieben Sie wirklich meine Tochter ſo ſehr, daß Sie ohne ſie nicht glück⸗ lich zu werden hoffen?“
Falke, von dem weichen Tone der Frage betroffen, blickte auf. Thränen, die er nicht zu⸗ rückdrängen konnte, waren ſeine ganze Antwort.
„Nun denn, Herr Falke, ſo werde ich wohl nach dem Vormund ſchicken mögen. Emma, Emma!“ Die Gerufene erſchien.
„Kinder,“ begann jetzt Frau Schaller mit ſtarker Benützung des Thränentüchleins, wenn Ihr glaubt, daß ich herzlos bin, ſo irrt Ihr Euch ſehr.— Da Ohr Euch alſo wahrhaft liebt, ſo will ich Eurem Glücke nicht hinderlich ſein. Doch Sie Herr Falke, ich bitte Sie nochmals, geben Sie Acht, daß Sie nicht den Typhus bekommen.“
—— od0 0.00o——
ſichte, zuſammen.
Nummer des„Unterhalters“ zu der Novelle:
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