Heft 
(1858) 9 09
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ihn gewaltig, wenn Frau Schaller Emils ungenirte Witze belachte, und es that ihm im Herzen weh, wenn Emma nicht mit Entſchie⸗ denheit Zudringlichkeiten zurückwies, die er ſelbſt ſich nie und nimmer gegen ſie erlaubt haben würde. So kameen ſie einſt bei einem gemeinſchaftlichen Spaziergange durch den Park zu einer Stelle, wo zwiſchen den breiten grü⸗ nen Blättern friſche Maiglöckchen ſchimmerten. Emma hatte ſich raſch deon einen Strauß ge⸗ pflückt und gab, als ſich Emil mit einer ſchwül⸗ ſtigen Redensart eines zum Andenken erbeten, ihm unbefangen einen Theil i ihres Bouquets, von welchem ſie einen weiteren für die Mutter und zuletzt noch einen für Falke ablöſte. Doch dieſer dankte mit ſtummer ablehnender Verbeu⸗ gung. Emma ſah ihn groß an und neben der Mutter einhergehend zerpflückte ſie in Gedanken die unſchuldigen Blumen.

Die Verſtimmung ſtieg nun von Stunde zu Stunde, und dann erſt recht, als ſie bemerkt und Gegenſtand mancher Frage wurde. Falke hätte Luſt gehabt, auf und davon zu laufen und Gott und die Welt des Undankes anzu⸗ klagen. Da zog ihn Emil auf die Seite und flüſterte ihm zu:Guter Junge, ich merke es wohl, Du biſt eiferſüchtig.

Eiferſüch tig? rief Falke erſchrocken, als wäre er auf böſer That ertappt.Eiferſüchtig! ſetzte er kopfſchüttelnd hiuzn ededu müßte man vorerſt verliebt ſein.Das biſt Du auch bis über den Scheitel. Haſt ja Dein Bischen Ver⸗ ſtand rein verloren; was braucht es weiterer Beweiſe.

Emil kein Wort weiter! Du profanirſt alles, was Du in den Mund nimmſt. Fort, Du haſt trotz aller Deine Phraſen nicht ein Fünkchen heiliges Gefühl und kein Verſtändniß für die ſtille Weihe eines lauteren Herzens.

O daß doch der Philolog in Allem Pe⸗ dant iſt! lachte Emil.Weil ich nach meiner freien Art das Leben faſſe, ſo hätte ich kein Verſtändniß für Deine befangene, unklare Ge⸗ fühlsdämmerung? Was gilt die Wette, ich male Dich in einer Novelle, wie Du leibſt und lebſt, mit Deinem Hangen und Bangen und um mich eines Heine'ſchen Kernausdruckes zu be⸗ dienen, mit Deiner Jugendeſelei! Falke kehrte ihm ſtatt aller Antwort den Rücken. Emil machte bald darauf ſelbſt ſeinen weiteren Auf⸗ enthalt auf dem Schloſſe unmöglich. Er war nämlich einſt dem Bedienten, der das beſchei⸗ dene Amt des Kellermeiſters nebenbei verſehen mußte, in den Keller gefolgt und daraus in einem Zuſtande hervorgekommen, der ihn in den Augen der Frau Schaller um ſo mehr degradirte, als ſie nach der nicht geringen Schwere desſelben auf einen beträchtl lichen Aderlaß ihrer wohlgehegten alten Fäſchen ſchließen mochte.

6.

Die Verwirrung, welche Emils Erſchei⸗ nen in dem kleinen Kreiſe verurſacht hatte, ord⸗

Pern

nete ſich nicht ſogleich nach ſeinem Verſchwin⸗ den. Emma war kalt und zurückhaltend, Falke trocken und einſilbig. Es ſchien etwas in ihm vorzugehen. Zuweilen ließ er eine An⸗ deutung fallen, daß der Landaufenthalt für längere Dauer ſeinem Fach ſtudium nachtheilig ſein dürfte. Die Lektidnen mit den Damen ſuchte er ſo viel als möglich abzukürzen oder gar fallen zu laſſen, und zog es vor, in müßiger Stunde ihnen die Zeitungen zu leſen, welche auf ſein Anrathen auf dem Schloſſe gehalten wurden. Es waren meiſt belletriſtiſche, darunter der Unterhalter. Letzterer brachte uicht lange nach Emils Abſchiede eine Novelle deren Ti⸗ tel ſchon bei den Leſern auf dem Schloſſe alles Intereſſe erregte. Er lautete:Der ver⸗ liebte Philologe. Ein Stillleben. Von Emil.

Achherje! rief Frau Schalber, der das Blatt zuerſt in die Hand kam,Herr Falke, kommen Sie doch und leſen Sie uns dieſe Geſchichte vor, die iſt gewiß von Ihrem Freunde Emil.

Falke wurde abwechſelnd roth dn bleich, als ſein Blick auf di⸗ Nummer fiel. Ihm ehn das Schlimmſte. Doch ſchnell gefaßt, entſchlo er ſich zum Worleſen, um betreffenden Fnu einzelnes zu überſpringen oder nach Umſtänden zu verändern; Frau Schaller ſetzte ſich be⸗ häbig mit ihrem Strickſtrumpfe zurecht und Emma ſuchte ſonderbarer Weiſe den Rücken der Mutter zu gewinnen. Falke verſteckte ſich hinter das Blatt. Einem jungen Autor, der ſich zum erſtenmale gedruckt ſieht, kann das Herz von allerhand Gefühlen nicht ſtärker klo⸗ pfen, als unſerem Philologen, da er jetzt abge⸗ brochen und in furchtſam taſtender Weiſe eine uns gar wohl bekannte Erzählung zu leſen be⸗ gann, die ſich von der vorliegenden nur dadurch unterſchied, daß die Helden derſelben andere Namen trugen. Die allgemeine Einleitung über Ferienwanderung ſo wie die Beſchreibung dreier Studenten, die einen Ausflug auf den Aarberg zu Vzernehenen im Begriffe ſind, hörte Frau Schaller gleichgiltig und wie eine wild⸗ fremde Sache an, als jedoch die Geſellſchaft in der Kutſche an die Reihe kam, ließ ſie Hände und Strickſtrumpf ſinken, aber wie von einer Tarantel geſtochen fuhr ſie empor, als in faſt wortgetreuer Wiederholung ihr erſtes Geſpräch mit dem Philologen, das Emil alſo ohne Zweifel belauſcht hatte, in all ſeiner Naivetät dargeſtelle wurde.

So was lebt nicht! rief ſie in ihrer höch⸗ ſten Stimmlage.Ich bitte Sie, Herr Falke, wie kann ein Menſch nur ſo'was ſchreiben! Ich hoffe doch, daß kein vernünftiger Leſer es glauben wird!

Die erſte Abtheilung der Novelle ſchloß mit der Aufnahme des Philologen Sperber als Hofmeiſter, und die Fortſetzung wurde für die folgende Nummer angezeigt. Obwohl alle drei Perſonen ſich in dem Geleſenen gezeichnet fan⸗ den, ſo hüteten ſie ſich doch, es gegenſeitig ſich einzugeſtehen, denn jeder Theil meinte, im Ver⸗

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laufe eine Satire auf ſich zu finden. Die Ent⸗ rüſtung war ſo allgemein, wie die Spannung, worauf denn die Sache ſchließlich hinausgehen werde. Niemand abor ſchien die Fortſetzung mit größerer Ungeduld zu erwarten, als Emma, denn Tags darauf harrte ſie um die Poſtzeit auf der Bank vor dem Schloßthore des Brief⸗ trägers, um ihm, ſobald ſie ihn erblickte, entge⸗ gen zu eilen und die verhängnißvolle Nummer in Empfang zu nehmen. Falke, der an einem Fenſter auf der Wache ſtand, kam zu ſpät, doch konnte er ſich nicht enthalten, Emma in den Park zu folgen, wohin ſie ſich ſchnellen Schrit⸗ tes mit dem Blatte begeben hatte. Er traf ſie dort in einer Lee witage Sie härte ſein Ein⸗ treten nicht, ſo ſehr war ſie in die Lektüre ver tieft. Ihre Wangen glühten. Heftig ſhrat ſie zuſammen, als ſie plötzlich Herrn Falke vor ſich ſtehen ſah. Sie reichte ihm das Papier. Während er mit raſchem Auge die Zeilen durch⸗

flog, fing er ſo zu zittern an, daß ihm das Weiterleſen bald unmöglich wurde.

Iſt dieß Wahrheit oder Dichtung? fragte Emma kaum hörbar.

Wahrheit durch Dichtung, rief Falke und ſtürzte ütberwältigt zu Emma's Füßen. Ja, ich liebe Sie ſo tief und innig, als dieſe Blätter es ſagen.

Nun, entgegnete Emma mit himmli⸗ ſchem Lächeln,wenn ſie vom Sperber das Richtige ſagten, ſo wird es wohl auch bei Emilie ſeinen Grund haben. Ja, ich bin Ihnen vom Herzen gut, lieber guter Falke.

tewaſſen ertönte bereits die Stimme der Frau Schaller, die nach der Zeitung, nach Emma und dem Lehrer rief. Die beiden Lie⸗ benden, Kuſzeſürt aus der Wonne des erſten Kuſſes, eilten dem nahen Schloſſe zu, Seligkeit im Herzen, Verlegenheit auf dem Geſichte.

Nun, was bringt uns heute die Beitung ſchönes Neues? empfing ſie Frau Schaller. Ich wollte darauf ſchwören, daß wir dummes Zeug zu hören bekommen.

Falke und Emma warfen ſich einen Blick zu, der das Gegentheil beſagte, und der erſtere übernahm mit noch größerer Befangen⸗ heit als am Tage vorher das Amt des Vor leſers; ſollte er doch jetzt kaum auf andere Weiſe, als wie man eremn Artikel über Fettflecke oder Hühneraugen lieſt, von ſetner langgehegten heim⸗ lichen Liebe erzählen, wie ſie unverrerkt über ihn gekommen, dann durch einen Anſtoß der Eiferſucht ihm klar und ſchließlich durch Zufall zum Geſtändniſſe gebracht worden war. Und dann, wenn Frau Schaller hiedurch das Geheimniß erführe, was würde ſie, die geld⸗ ſtolze Dame, zu dem Erdreiſten des armen Phi⸗ lologen ſagen? Da ſollte das Improviſiren retten! aber hilf Himmel! was las der Falke für buntes, konfuſes Zeug zuſammen! Jedes dritte Wort war ein Widerſpruch, der Faden riß, Angſtſchweiß trat auf die Stirne des Le⸗ ſers Frau Schaller ſchüttet te den Kopf und fragte lächelnd:Herr Falke, ſind Sie denn heute die Wege Emils gegangen? nimm

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