262
den Zwang des erſten Geſpräches.„Das iſt alſo der ewige Jude, von dem Sie reden, Herr Falke?“ rief ſie.„Gnad' uns Gott, wenn der auch zu den Schrifſtellern gehört.“
Sie ſagte das mit freier, munterer Miene. Die Albernheit des gelehrten jungen Mannes hatte ihr wirklich wohlgethan, und ihn weit beſſer empfohlen, als es die geiſtreichſte Bemer⸗ kung vermocht hätte. Frau Schaller fühlte ſich der Verlegenheit des Studenten gegenüber in einer gewiſſen Ueberlegenheit, und Falke merkte wieder ſeinerſeits, daß er gar wohl manches in ſich trage, das dem bloßen Reich⸗ thume nicht gegeben ſei.
Bei dem Frühſtücke, das bald darauf die Geſellſchaft um einen Tiſch vereinigte, fand man ſich, beſonders durch die geſprächige Ver⸗ mittlung Eiſerts ſo in einander zurecht, daß man wechſelſeitig mit ſich und den andern zufrieden war. Wer ein Auge für das Gute im Menſchen hat, findet es immer heraus, und wer es gefunden hat, wird Manches andere überſehen.
Nach dem Frühſtück begleitete Falke die wurden alle Tage Spaziergänge unternommen, Geſellſchaft den Berg hinab. Ehe ſie noch das und wenn Falke unvermuthet bei einem an⸗ Dorfwirthshaus erreicht hatten, war er mit dem muthigen Ruhepunkte im Walde ein Fläſchchen kleinen Fritz ſchon ganz in vertrauten, mit Wein aus ſeiner Taſche zog, wenn er ander⸗ Heren Eiſertin den munterſten und mit Ma⸗ wärts raſch ein Feuer im Freien anmachte, um dame, wie ſich Frau Schaller gern nennen ſeinige in der Nähe geſtohlene Kartoffeln darin hörte, in ungezwungen freundſchaftlichen Ver⸗ zu röſten, oder wenn er abends im Park ſeine kehr gekommen, mit Emma jedoch, dem lieblich⸗ Flöte nahm und nach Herzensluſt muſizirte, ſten Mädchen, das je ein Eſel auf den Adler⸗ ſo knüpfte ſich immer an ſolche unſcheinbare berg getragen, hatte er auch nicht ein einziges Kleinigkeiten eine vergnügte Stunde herzlichen Mit dem Verſprechen, Geplauders. Zuweilen lenkte ſich das Geſpräch gleich nach Beendigung der Ferienreiſe auf dem auch auf ernſte Gegegenſtände, und Falke Landgute der Frau Schaller ſich einzufinden, hatte dabei oft Gelegenheit ſich zu wundern, mit
Wörtchen gewechſelt.
zum Theil leeren Räumen des Schloſſes ge⸗ drückt, es war ihm vorgekommen, als ob hier Frau Schaller als Geiſt der Langweile zu wandeln und umzugehen verurtheilt und er nur berufen wäre, um entweder auch dem mit blei⸗ ſchweren Flügeln eintönig ſich ſchleppenden Le⸗ ben zu erliegen oder aber mit friſchem Muthe und keckem Wurſe, wie die Helden in den Märchen, den böſen Zauber zu bewältigen. Falke war nie ein Mann des Vergnügens und der Unter⸗ haltung geweſen, hier wurde er es aus dem na⸗ türlichen Takte, der ihn antrieb, mit ſchmieg⸗ ſamer Natur das Gewicht ſtets in die leichtere Schale zu legen und ſo eine Art regelmäßigen Gleichgewichtes herzuſtellen. Wie er manchmal im ausgelaſſenen Studentenkreiſe mit Nachdruck auf Maß und Ernſt gedrungen hatte, ſo ſchien er jetzt, wenn ſeine Lektion mit Fritz beendigt war, nichts als Schwänke und Schnurren im Kopfe zu haben. Was wußte er nicht alles aus dem Studentenleben zu erzählen! Frau Schaller geſtand, in Monaten nicht ſo viel gelacht zu haben, wie jetzt in einer Woche. Bald
mich noch zu Dir auf die Schulbank zu ſetzen.“ Emma konnte bei dieſen Worten die Verdruß⸗ falte nicht ganz verbergen, die ſich um ihren Mund legte, aber ſie zeigte ſich doch recht froh, als Falke ſogleich auf den Vorſchlag einging und den Studienplan in ſeinen Hauptzügen entwarf. Da wurden Namen gehört, die ſo entſetzlich gelehrt klangen, daß die beiden Schü⸗ lerinen ſchon im voraus vor ihrer künftigen Gelehrſamkeit einen ehrfurchtsvollen Schauer fühlten.
Die Lektionen kamen wirklich in Gang. Falke wußte den Gegenſtänden die angenehme Seite abzugewinnen, ſo daß die Damen ſich nicht genug derwundern konnten, was es doch für eine ſchöne und leichte Sache um alle Wiſſen⸗ ſchaft ſei.
Unter derartigen wiſſenſchaftlichen Beſtre⸗ bungen, unter Ausflügen und Beſuchen, kleinen Familienfeſten u. ſ. w. war unbemerkt der Win⸗ ter gekommen, und ſo gefürchtet er ſonſt wegen ſeiner Langeweile war, ganz angenehm vorüber⸗ gegangen. Schon hatte Falke ſeiner jüngeren Schülerin das erſte Veilchen überreicht und dieſe ihn dafür mit einem Teller Frühſalat überraſcht, da er ſich einſt ſcherzend geäußert hatte, im Salate könne man am beſten den Frühling in ſich aufnehmen. Nur auf ſolche
kleine, kaum erzählenswerthe Aufmerſamkeiten beſchränkte ſich zur großen Zufriedenheit der
Frau Schaller der vertrauliche Privatver⸗
kehr zwiſchen Lehrer und Schülerin. Schon war die Oſterzeit angebrochen; die erſten war⸗ men Frühlingstage entfalteten ihren ahnungs⸗ vollen Zauber allgemeinen Erwachens. Wer die Stadtmauern verlaſſen konnte, wagte ſeinen
nahm er von der Geſellſchaft Abſchied und ſah welchem Intereſſe man jedes ſeiner Worte erſten weiteren Ausflug in's Freie. Da klopfte
und winkte ihr ſo lange nach, bis der Wagen aufnahm, da er nicht ahnte, welch Vergnügen mit ihr bei einer Krümmung des Weges hinter für eine gutangelegte doch vernachläſſigte Na⸗ tur es iſt, das, was ihr ahnungsvoll in unbe⸗ ſtimmter Dämmerung vorſchwebte, plötzlich klar und deutlich ausgeſprochen und wie verkörpert vor ſich zu ſehen. Falke fühlte ſich durch die Theilnahme an dem, was er bieten konnte,
den Felſen verſchwunden war.
5.
Wenige Wochen nach den oben geſchilderten ſ
dem Gute der Fran Schaller eingezogen. Augen leuchteten und ſeine Haltung wurde Dasſelbe, ehemals eine adelige Beſitzuhg, erin⸗- ungeſucht imponirend. Man hätte ihn in ſol⸗ nerte noch durch manche Zeichen an ſeine ur⸗ chen Momenten für ſchön halten können.
ſprünglichen Erbauer und Bewohner. Das
aber jetzt mit blendend weißem Kalke überzogen. Worten horchte. Er ſah ihr zwar nie oder
auch ein Pilger von fernher an das gaſtliche Thor des Schloſſes, einer unſerer Bekannten— Emil, der Poet. Mit Ausrufungen des Ent⸗ zückens, die ganz den Jambenfall hatten, warf er ſich in Falkes Arme, als wollte er ihn er⸗ drücken.„So biſt Du's noch, o Freund? ich halte Dich, und wage es kaum zu glauben!—
elbſt gehoben und oft nahm ſeine Rede in ſol⸗ Sapperlot, biſt Du ein ſchmucker Junge gewor⸗ Szenen war Falke mit Sack und Pack auf chen Augenblicken eine Art Schwung an, ſeine den!— O wüßteſt Du, wie ich nach Dir mich
ſehnte, wie Dir mein Herz entgegen ſchlug!—
9 2
Aber wirklich, nicht mehr zu erkennen! Ja, die
rauheſten Raupen geben die ſchönſten Schmet⸗
Dieß war namentlich dann der Fall, wenn terlinge! Doch à propos, was macht das hüb⸗ Schloß war im alterthümlichen Style erbaut, auch Emma unverwandten Geſichtes ſeinen ſche Burgfräulein, das ich vor einem halben
Jahre als muntere Oreade des Adlerberges
Es dehnte ſich mit ſeinen zwei Flügeln weitläu⸗ doch nur flüchtig in's Auge, aber er bedurfte kennen zu lernen ſo glücklich war?“—
fig auf einer Anhöhe aus. Von dem Hügel in auch deſſen nicht, denn er gehörte, wie oben das Thal hinein zog ſich ein Park, in welchem bemerkt, zu jenen Naturen, welche die Blicke
bereits neban dem Angenehmen auch das Nütz⸗ f liche durch die Anpflanzung der Kartoffel und
Runkelrübe berückſichtigt wurde, wie man denn weiß,“ ſagte einſt Emma nach einem ſolchen htig 9
ühlen.
Falke fühlte ſich, wie nie zuvor, von dem
flüchtigen und rückſichtsloſen Weſen ſeines Freun⸗ des unangenehm berührt, doch verbarg er, ſo weit
„Erſt jetzt ſehe ich recht, wie wenig ich ees nur möglich war, ſeine Mißſtimmung. Allein
er ſollte bald gar harte Proben der Geduld zu
auch in den Feldern, die ſich hinter und neben Geſpräche.„Ich bin zwar ſchon nahe an ſieb⸗ überſtehen haben, als Emil, von Frau Schal⸗ ehn Jahr, aber es würde mir doch ſehr heil⸗ ler als Falkes Freund bewillkommt und aufs
dem Parke weit und breit erſtreckten, die Linden⸗ 3 und Kaſtanien⸗Alleen umgehauen und durch ſt Pflaumenbäume erſetzt hatte,
Auf dieſem Gebiete alſo ſollte Falke hei⸗
miſch werden. Anfangs hatte ihn die geſpen⸗ mit uns nehmen will,“ bemerkte Frau Schal⸗
ſtiſche Stille und Einſamkeit in den weiten,l
am ſein, wenn ich noch ihre regelmäßige Schü⸗
gaſtlichſte behandelt, ſeiner burſchikoſen Na⸗
erin würde, Herr Falke.“ tur ganz die Zügel ſchießen ließ. Je mehr der⸗
„Nun, wenn Herr Falke ſich die Mühe ſ
elbe bei der Tafel oder bei Ausflügen vor den
Damen ſein flackerndes Licht leuchten ließ,
er dazu,„ſo wäre ich gar nicht abgeneigt, auch deſto ſchweigſamer wurde Falke. Es verdroß
—
n


