war ein Mann) die ſpaniſche Wand etwas bei Seite, hinter welcher der Mondſtrahl auf ein breites Moosbett mit Mänteln und Decken fiel. Falke folgte, und bald ſchlummerte er an der Seite des Fremden ſanft und ſelig.
4.
Als der Morgen zu dämmern begann, wurde Falke durch ein leiſes Geräuſch an ſei ner Seite geweckt. Er bemerkte mit halbge⸗ öffnetem Auge, daß ſich ſein Bettgenoſſe vor⸗ ſichtig vom Lager hob, ſcheu um ſich ſpähte und endlich das turbanartig um den Kopf geſchlun gene Tuch abzuwickeln begann. In wenig Au⸗ genblicken kam eine glänzende Glatze zum Vor
ſchein, die aber eben ſo ſchnell wieder unter einer üppigen Haartour verſchwand. Jetz erſt erkannte Falke in dem räthſelhaften Türken den Herrn von der geſtern beim Dorfwirths⸗ hauſe beobachteten Geſellſchaft, und jetzt erklärte er ſich, warum derſelbe erſt für ſich allein ein Zimmer in Beſchlag genommen und ſpäter durch eine Scheidewand ſich von den Nach⸗ kommenden getrennt habe. Es iſt doch was Seltſames um die Eitelkeit der Menſchen.
Nachdem der gute Alte ſich vollſtändig in die Kleider geworfen hatte und Falke nicht mehr zu beſorgen brauchte, daß noch irgend etwas Falſches unbemerkt unterlaufen ſolle, wagte auch er es zu erwachen. An den„guten Morgen,“ der auf's herzlichſte ausgetauſcht wurde, knüpfte ſich ein lehaftes Zwiegeſpräch an. Der Fremde erkundigte ſich nach den Ver⸗ hältniſſen des Philologen und ſchien es mit Vergnügen zu hören, daß er ſeinen Kurſus ab⸗
ſolvirt habe und durch nichts gebunden ſei. „Ich ſtelle Ihnen einen Antrag, werther Herr Falke,“ ſagte er, ihm feſt in die Augen ſehend. „Hätten Sie Luſt, unter recht annehmbaren Bedingungen alſogleich die Erziehung eines Knaben auf dem Lande zu übernehmen?“
„Sehr gerne,“ erwiederte Falke,„wenn ich in die Verhältniſſe des Hauſes paſſe.“
„Sie ſind ganz der Mann darnach. Ich kann es dem Zufalle nicht genug danken, daß er mich Sie finden ließ. Ihre Grundſätze, die Sie geſtern in dem bündigſten Latein entwik⸗ kelten, machen Sie ganz fuͤr einen Platz em pfehlenswerth, der wegen allerhand Bedenklich⸗ keiten, die man nun ſchon bei jungen Leuten
haben muß, durch geraume Zeit offen blieb. Um es deutlich und mit einem Worte zu ſagen: es gibt in der Familie, in die Sie tre⸗ ten werden, ein junges, recht hübſches Mädchen, das die Mutter, die Witwe eines reichen Guts beſitzers, auf's eiferſüchtigſte überwacht. Nun ſoll der Lehrer des Söhnchens einerſeits ein Zögling der neuen Schule und alſo ein junger Mann ſein, andrerſeits aber die Grundſätze und Ungefährlichkeit des Alters beſitzen. Da ich beides in Ihnen vereinigt finde, werde ich Sie, wenn Sie damit einverſtanden ſind, der Fa
milie, deren Vormund ich bin, vorſchlagen und binnen wenig Minuten vorſtellen.“
„Doch nicht am Ende den Damen, in deren Geſellſchaft ich Sie geſtern ſah?“ fragte Falke verlegen.
„Dieſelben,“ entgegnete der Fremde etwas über das erſchrockene Geſicht des Philolo⸗ gen erſtaunt,„haben Sie etwas gegen die⸗ ſelben?“—
„Ich— ich gar nichts. Aber ich bin ſo ſchlicht— ich habe faſt nie Umgang mit Damen gehabt— mein Herr, ich werde wohl für dieſe Stelle nicht paſſen.“
„Lieber junger Mann, Sie beweiſen mir mit Ihren Worten gerade das Gegentheil, denn Ihre Schüchternheit iſt Ihr beſter Empfeh⸗ lungsbrief.— Doch kommen Sie, kommen Sie, ſonſt verpaſſen wir noch den Sonnenaufgang.“
Mit dieſen Worten nahm der raſche Alte den Philologen an den Arm und ſetzte, während er ihn fortzog, noch hinzu:„A propos, was ich noch bemerken muß, reden Sie mit der Mutter nie vom Tode, das iſt ein Gegenſtand, vor dem ſie ſchaudert.“
Sie traten nun hinter der ſpaniſchen Wand hervor und wurden von den beiden Studenten begrüßt, die mit der höchſten Verwunderung das Geſpräch belauſcht hatten. Der Poet ſprang auf Falke zu und rief ihn umarmend: „Du böſer Patron, was Du uns für Sorgen durch Dein Verſchwinden gemacht haſt!“ Leiſe flüſterte er ihm noch in's Ohr:„Falke, ich bitte Dich, nimm die Stelle an und dann er laubſt Du wohl, daß ich Dich zuweilen be ſuche.“
Als ſie aus der Mooshütte ſchritten, be⸗ merkten ſie mit einigem Erſtaunen, daß es be⸗ reits lichter Tag geworden und folglich der Sonnenaufgang längſt vorüber ſei. Herr Ei⸗ ſert, ſo hieß der Fremde, ſchüttelte zwar faſt ungläubig ſeine falſchen Locken, aber die Wahr heit lag im buchſtäblichen Sinne ſonnenklar am Tage.
„Morgenſtunde hat Gold im Munde!“ ſcholl es ihm neckend vom Thurme herab ent⸗ gegen.
„Ei guten Morgen,“ grüßte Eiſert zu den Damen hinauf, die bereits ſeit einiger Zeit mit ein wenig Schadenfreude und Spottſucht den Verſpäteten dort oben erwartet hatten. „Mir liegt an der Morgenſtunde wenig,“ rief er durch die vorgehaltenen Hände,„denn mir kam das Glück über Nacht.“
Er hieß Falke unten einen Augenblick verziehen, bis er Frau Schaller in ſeinem Intereſſe geſprochen hätte und ſtieg dann mit einer für ſein Alter anerkennenswerthen Leichtig⸗ keit den Thurm hinan.
Das Herz des Philologen begann in raſche⸗ rem Tempo zu pochen. Es war ihm, als würde jetzt nicht über eine zeitweilige Lebens⸗ ſtellung, ſondern über ſeine ganze Zukunft ent⸗ ſchieden. Obwohl er nicht aufzublicken wagte, ſo glaubte er doch die Blicke zu fühlen, die ſcharf auf ihn gerichtet wurden. Es ward ihm
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immer ängſtlicher, ein leichter Schweiß überzog ihn. In der unſchlüſſigen Verlegenheit, was er in dieſem Augenblicke mit ſeiner Perſon an⸗ fangen ſolle, zog er ſeine Odyſſee aus der Taſche, und ſchritt, anſcheinend ganz in die Lek⸗ türe verſunken, auf und ab. Ich glaube nicht, daß die Worte in dem Buche ſtanden, die ihm durch die Seele gingen: du biſt ein Narr, lauteten ſie, daß du dich durch ein Paar In⸗ dividuen des weiblichen Geſchlechtes, die noch dazu himmelweit von dir entfernt ſind, ſo außer Faſſung bringen läßt. Was iſt's doch, das dich beunruhigt? Ich glaube gar, ich fürchte, daß ich mich doch verlieben und ſo mit meinem Gewiſſen zerfallen könnte.
Während dieſes Selbſtgeſpräches war die Geſellſchaft vom Thurme herab gekommen und ihm nahe getreten. Von Herrn Eiſert auf⸗ geführt, machte er den Umſtänden gemäß den Damen eine unbeholfene Verbeugung, ohne jedoch das Mädchen anzuſehen. Frau Schal⸗ ler war eine Frau von vollen Formen, aber dabei von einer krankhaften Bläſſe. Ihr Geſichts⸗ ausdruck hatte etwas Mattes, Unbehagliches. Auf dem Lande erzogen, war ihr trotz ihres Reichthums keine eigentliche Bildung zu Theil geworden und ſie fühlte dieſen Mangel immer ſchmerzlich und mit Beſchämung, wenn ſie mit gebildeten Leuten in Berührung kam. Die Furcht, ſich in der Art eine Blöße zu geben, ließ ſie dann gewöhnlich ein etwas ſchroffes, ſchweigſames Weſen annehmen, das bei Vielen als bäuriſcher Stolz gedeutet wurde.
„Gehören Sie zum geiſtlichen Stande?“ fragte ſie, auf das alterthümlich gebundene Buch blickend, das Falke noch in der Hand hielt.
„Nein, gnädige Frau,“ entgegnete dieſer verwundert.
„Ich dachte, weil Sie in allem Morgen ſo andächtig Ihr Brevier laſen?“
„Es iſt kein Brevier,“ entgegnete Falke lächelnd,„ſondern die Odyſſee.“
„Das iſt wohl ſehr intereſſant? Wie heißt denn der Schriftſteller, der es gemacht hat?“
„Homer, gnädige Frau.“
„Homer? Das iſt wohl ein Ausländer? Der Name klingt franzöſiſch.“
„Er iſt ein Grieche, und zwar ein Alt⸗ grieche und ſchon weit über die zweitauſend Jahre todt.“
Frau Schaller, welche merkte, daß ſie wieder etwas Albernes geſprochen, verrieth ihre Verlegenheit durch ein Zucken der Mißſtim⸗ mung auf ihrem Geſichte. Falke, dem es nicht entging, deutete es erſchrocken als die Wirkung ſeines letzten Wortes— er hatte ja der War⸗ nung zuwider vom Tode geſprochen. Um ſeinen Fehler gut zu machen, fuhr er darum raſch fort:„Bitte um Entſchuldigung, es iſt möglich, daß er noch lebt, ja, ja, er wird wohl noch le⸗ ben ranche Menſchen ſind ja ſehr alt ge⸗ worden.“ 4
Das allgemeine Gelächter, das dieſe Rede zur Folge hatte, und in welches Frau Schal⸗ ler auf's herzlichſte mit einfiel, löſte wohlthätig


