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ihm, dem Manne, zu erzählen, was in ſeiner Abweſenheit vorgegangen ſei. Jeruſalem habe ſich vor ihr auf die Knie geworfen und ihr eine förmliche Liebeserklärung thun wollen. Sie ſei natürlicher Weiſe darüber aufgebracht worden und hätte ihn viele Vorwürfe gemacht ꝛc. ꝛc. Sie ver⸗ lange nun, daß ihr Mann ihm, dem Jeruſalem, das Haus verbieten ſolle, denn ſie könne und wolle nichts weiter von ihm hören noch ſehen.
„Nachts vom Mittwoch auf den Donner⸗ ſtag iſt Jeruſalem um 2 Uhr aufgeſtanden, hat den Bedienten geweckt, geſagt, er könne nicht ſchlafen, es ſei ihm nicht wohl, läßt einheizen, Thee machen, iſt aber doch nachher ganz wohl, dem Anſehen nach.
„Donnerſtags morgens ſchickt Sekret. H... an Jeruſalem ein Billet. Die Magd will keine Antwort abwarten und geht. Jeruſalem hat ſich eben raſiren laſſen. Um 11 Uhr ſchickt Je⸗ ruſalem wiederum ein Billet an Sekret. H..., dieſer nimmt es dem Bedienten nicht ab, und ſagt, er brauche keine Antwort, er könne ſich in keine Korreſpondenz einlaſſen, und ſie ſähen ſich ja alle Tage auf der Diktatur. Als der Bediente das Billet unerbrochen wieder zurückbringt, wirft es Jeruſalem auf den Tiſch und ſagt: es iſt auch gut.
„Mittags iſſet er zu Hauſe, aber wenig, etwas Suppe. Schickt um ein Uhr ein Billet an mich und zugleich an ſeinen Geſandten, worin er dieſen erſucht, ihm auf dieſem(oder künftigem) Monat ſein Geld zu ſchicken. Das Billet an mich lautet:
„Dürfte ich Ew. Wohlgeb. wohl zu einer vorhabenden Reiſe um Ihre Piſtolen gehorſamſt erſuchen?.
„Da ich nun von alle dem vorher Erzählten und von ſeinen Grundſätzen nichts wußte, indem ich nie beſondern Umgang mit ihm gehabt— ſo hatte ich nicht den mindeſten Anſtand, ihm die Piſtolen ſogleich zu ſchicken.
„Der Bediente mußte die Piſtolen zum Büch⸗ ſenſchäfter tragen und ſie mit Kugeln laden laſſen.
„Den ganzen Nachmittag war Jeruſalem für ſich allein beſchäftigt, kramte in ſeinen Pa⸗ pieren, ſchrieb, ging, wie die Leute unten im Hauſe gehört, oft im Zimmer heftig auf und nieder. Er iſt auch verſchiedene Male ausgegan⸗ gen, hat ſeine kleinen Schulden, und wo er nicht auf Rechnung ausgenommen, bezahlt.
„Etwa um 7 Uhr kam der italieniſche Sprach⸗
meiſter zu ihm. Dieſer fand ihn unruhig und verdrießlich. Er klagte, daß er ſeine Hypo⸗ chondrie wieder ſtark habe, und über mancherlei; erwähnt auch, daß das Beſte ſei, ſich aus der Welt zu ſchicken. Der Italiener redet ihm ſehr zu, man müſſe dergleichen Paſſionen durch die Philoſophie zu unterdrücken ſuchen ꝛc. Jeruſa⸗ lem: daß ließe ſich nicht ſo thun; er wäre heute lieber allein, er möchte ihn verlaſſen. Der Ita⸗ liener: er müſſe in Geſellſchaft gehen, ſich zer⸗ ſtreuen ꝛc. Jeruſalem: er ginge auch noch aus.— Der Italiener, der auch die Piſtolen auf dem Tiſche liegen geſehen, beſorgt den Erfolg, geht um halb acht Uhr weg und zu Kielmans⸗ egge, da er denn von nichts als von Jeruſa⸗ lem, deſſen Unruhe und Unmuth ſpricht, ohne jedoch von ſeiner Beſorgniß zu erwähnen, in⸗ dem er geglaubt, man möchte ihn deßwegen auslachen. „ Der Bediente iſt zu Jeruſalem gekommen, um ihm die Stiefel auszuziehen. Dieſer hat aber geſagt, er ginge noch aus; wie er auch wirklich gethan hat, vor das Silberthor auf die Starke Weide, und ſonſt auf die Gaſſe, wo er bei Verſchiedenen, den Hut tief in die Au⸗ gen gedrückt, vorbei gerauſcht iſt, mit ſchnellen Schritten, ohne jemand anzuſehen. Man hat ihn auch um dieſe Zeit eine ganze Weile an dem Fluß ſtehen ſehen, in einer Stellung, als wenn er ſich hineinſtürzen wolle(ſo ſagt man).
„Vor 9 Uhr kommt er zu Hauſe, ſagt dem
Bedienten, es müſſe im Ofen noch etwas nach⸗ gelegt werden, weil er ſo bald nicht zu Bette ginge, auch ſolle er auf morgen früh 6 Uhr alles zurecht machen, läßt ſich dh noch einen Schop⸗ pen Wein geben. Der Bediente, um recht früh bei der Hand zu ſein, da ſein Herr immer ſehr akkurat geweſen, legt ſich mit den Kleidern in'’s Bette.
„Da nun Jeruſalem allein war, ſcheint er alles zu der ſchrecklichen Handlung vorberei⸗ tet zu haben. Er hat ſeine. Brieſſchaften alle zer⸗ riſſen und unter den Schreibtiſch geworfen, wie ich ſelbſt geſehen. Er hat zwei Briefe, einen an ſeine Verwandte, den andern an H... geſchrieben; man meint auch einen an den Ge⸗ ſandten Höffler, den dieſer vielleicht unter⸗ drückt. Sie haben auf dem Schreibtiſch gelegen. Erſter, den der Medikus anderen Morgens ge⸗ ſehen, hat überhaupt nur folgendes enthalten, wie Dr. Held, der ihn geſehen, mir erzählt:
„Lieber Vater, liebe Mutter, liebe Schwe⸗ ſtern und Schwager, verzeihen Sie Ihrem un⸗ gücklichen Sohn und Bruder; Gott, Gott, ſegne Euch!“
„In dem zweiten hat er H... um Verzei⸗ hung gebeten, daß er die Ruhe und das Glück ſei⸗ ner Ehe geſtört, und unter dieſem theuren Paar Uneinigkeit geſtiftet 2c. Anfangs ſei ſeine Neigung gegen ſeine Frau nur Tugend geweſen ꝛc. In der Ewigkeit aber hoffe er ihr einen Kuß geben zu dürfen ꝛc. Er ſoll drei Blätter groß geweſen ſein, und ſich damit geſchloſſen haben:„Um ein Uhr. In jenem Leben ſehen wir uns wieder.“ (Vermuthlich hat er ſich ſogleich erſchoſſen, da er dieſen Brief geendigt.)“
In Wetzlar machte dieſer Selbſtmord unge⸗ heures Auffehen. Leute, welche den Jeruſa⸗ lem kaum einmal geſehen hatten, konnten ſich gar nicht zur Ruhe begeben, viele konnten nicht ſchlafen, die Frauen zumal nahmen den tiefſten Antheil an dem Schickſal des unglücklichen Jüng⸗ lings, und Wertber fand ein ſehr bereites Pu⸗ blikum.
Vater Gleim und Göthe. Wie un⸗ gebunden der junge Göthe im Hoſcirkel zu Wei⸗ mar ſeiner Laune die Zügel ſchießen ließ, gibt ſich unter anderem auch im folgenden Berichte des alten Gleim auf die anmuthigſte Weiſe kund. „Kurz darauf,“ erzählt er, nachdem Göthe ſei⸗ nen Werther geſchrieben hatte,„kam ich nach Weimar und wollte ihn gerne kennen lernen. Ich war Abends zu einer Geſellſchaft bei der Herzogin Amalia eingeladen, wo es hieß, daß Göthe ſpäterhin auch kommen würde. Als lite⸗ rariſche Neuigkeit hatte ich den neueſten Göttinger Muſenalmanach mitgebracht, aus dem ich Eins und das Andere der Geſellſchaft mittheilte. In⸗ dem ich noch las, hatte ſich auch ein junger Mann, auf den ich kaum gemerkt, mit Stiefeln und Sporen und einem kurzen, aufgeſchlagenen Jagdrocke, unter die übrigen Zuhörer gemiſſht. Er ſaß mir gegenüber und hörte ſehr aufmerk⸗ ſam zu. Außer einem Paar ſchwarzglänzenden italieniſchen Augen, die er im Kopfe hatte, wüßte ich ſonſt nichts, das mir beſonders an ihm auf⸗ gefallen wäre. Allein es war dafür geſorgt, ich ſollte ihn ſchon näher kennen lernen. Während einer kleinen Pauſe nämlich, wo einige Herren und Damen über dieß oder jenes Stück ihr Urtheil abgaben, eins lobten, das andere tadelten, er⸗ hob ſich jener feine Jägersmann— denn dafür hatte ich ihn anfänglich gehalten— vom Stuhle, nahm das Wort und erbot ſich in demſelben Au⸗ genblicke, wo er ſich auf eine verbindliche Weiſe gegen mich verneigte, daß er, wofern es mir ſo beliebte, im Vorleſen, damit ich nicht allzuſehr ermüdete, von Zeit zu Zeit mit mir abwechſeln wollte. Ich konnte nicht umhin dieſen höflichen Vorſchlag anzunehmen und reichte ihm auf der Stelle das Buch. Aber Apollo und die neun
Muſen, die drei Grazien nicht zu vergeſſen, was habe ich da zuletzt hören müſſen! Anfanlgs ging es zwar ganz leidlich.
Die Zephyr'n lauſchten, Die Bäche rauſchten, Die Sonne Verbreitet ihr Licht mit Wonne.
„Auch die etwas kräftigere Koſt von Voß, Leopold Stolberg, Bür ger wurde ſo vorge⸗ tragen, daß ſich Keiner darüber zu beſchweren hatte. Auf einnial aber war es, als ob den Vorleſer der Satan des Uebermuthes beim Schopfe nehme, und ich glaubte, den wilden Jä⸗ ger in leibhaftiger Geſtalt vor mir zu ſehen. Er las Gedichte, die gar nicht im Almanach ſtan⸗ den, er wich in alle mögliche Tonarten und Wei⸗ ſen aus. Hexameter, Jamben, Knittelverſe, und wie es nur immer gehen wollte, Alles un⸗ ter⸗ und durcheinander, wie wenn er es ſo heraus⸗ ſchüttelte.
„Was hat er nicht Alles mit ſeinem Humor an dieſem Abend zuſammenphantaſirt! Mitunter kamen ſo prächtige, wiewohl nur ebenſo flüch⸗ tig hingeworfene als abgeriſſene Gedanken, daß die Autoren, denen er ſie unterlegte, Gott auf den Knieen dafür hätten danken müſſen, wenn ſie ihnen vor ihrem Schreibepulte eingefallen wären. Sobald man hinter den Scherz kam verbreitete ſich eine allgemeine Fröhlichkeit durch den Saal. Er verſetzte alle Anweſenden ir⸗ gend etwas. Auch meiner Mäcenſchaft, die ich jeher gegen junge Gelehrte, Dichter und Künſt⸗ ler für eine Pflicht gehalten habe— ſo ſehr er ſie auf der einen Seite belobte, ſo vergaß er doch nicht auf der andern Seite mir einen kleinen Stich dafür beizubringen, daß ich mich zuweilen in den Individuen, denen ich dieſe Unterſtützung zu Theil werden ließ, vergriffe. Deßhalb verglich er mich witzig genug in einer kleinen ex tempore in Knittelverſen gedichteten Fabel mit einem frommen und dabei über die Maßen geduldigen Truthahn, der eigene und fremde Eier in großer Menge und mit großer Geduld beſitzt und ausbrütet; dem es aber en passant wohl auch einmial begegnet, und der es nicht übelnimmt, wenn man tgen— ein Ei von Kreide ſtatt eines wirklichen unterlegt.“
„Das iſt entweder Göthe oder der Teufel!“ rief ich Wieland zu, der mir gegenüber am Tiſche ſaß.—„Beides,“ gab mir dieſer zur Ant⸗ wort;„er hat einmal heute wieder den Teufel im Leibe; da iſt er wie ein muthiges Füllen, das vorn und hinten ausſchlägt und man thut wohl, ihm nicht nahe zu kommen.“
Die weimar'ſche Bühne hatte ihre Dich⸗ ter, wie Göthe und Einſiedel, ihre Komponi⸗ ſten, ihre Dekorationsmaler, ihre Koſtümſchneider. Wer irgend ein Talent für Geſang, Deklamation oder Tanz zeigte, ward hervorgezogen und mußte mitwirken, wie wenn er ſich ſein Brod damit ver⸗ dienen ſollte. Die faſt täglich vorkommenden Pro⸗ ben der Schauſpiele, Opern und Ballete unter⸗ hielten und erheiterten Männer und Frauen, die froh waren, auch einmal etwas zu thun zu haben. Die Truppe war ausgeſucht: die Herzogin Ama⸗ lie, Karl Auguſt, Prinz Konſtantin, Bode, Knebel, Einſiedel, Muſäus, Seckendorf, Bertuch und Göthe, nebſt Corona Schrö⸗ ter, Kotzebue's Schweſter Amalie und Fräu⸗ lein Göchhauſen. Sie bildeten zuſammen eine wunderbare Geſellſchaft, die von Weimar aus nach allen Schlöſſern in der Umgegend— nach Ettersburg, Tiefurt, Belvedere, ſelbſt nach Jena, Ilmenau und Dornburg zog. Wenn die Truppe ſich in Bewegung ſetzen wollte, erhielt Bertuch, wie Falk berichtet, Befehl, mit Tagesanbruch die Packeſel oder den Küchenwagen bereit zu hal⸗ ten. War nur ein kleiner Ausflug beabſichtigt,


