Heft 
(1858) 8 08
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ihnen Bier und Branntwein, Bretzeln und Kar⸗ ten nachtragen, ihnen ihre guten Kleider und Bü⸗ cher für deren alte und abgetragene geben, mußten unter den Tiſch kriechen und heulen wie eine Katze oder Hund, Schuhe putzen, Naſenſtü⸗ ber, Maulſchellen und Stockſchläge aushalten u. ſ. w. Schröder ſagt in ſeinerFriedenspo⸗ ſaune, daß ſie ein Gemiſch vonzerſchnittenen Neſteln, Oeſel aus den kicheputgen Tinte, Senf, arſtig ſtinckender Butter, Nußſchellen u. ſ. w. hanen einnehmen müſſen, ein Gebrauch, welcher unter dem NamenSchwedentrank bekannt war und den die Herren Schoriſten von den ſchwediſchen Soldaten gelernt. Auch mußten die Pennäle für ihre Schoriſten abſchreiben und Wege von zehn, zwanzig und mehr Meilen gehen, auf Spazier⸗ gängen dieſelben begleiten, ihnen Degen nachtra⸗ en, wenn ſie ſich ſchlugen, ſie pflegen und er⸗ heitern, wenn ſie krank waren. Als etwas Beſon⸗ deres wird erwähnt, daß dieHalfpapen zu Roſtock ihren Schoriſten Tabak ſchneiden und Pfei⸗ fen ſtopfen mußten. Diejenigen aber, welche die Neuangekommenen am meiſten pennaliſirten, wa⸗ ren die Studenten der Theologie.

Im Jahre 1615 drangſalten und ängſtigten vier Schoriſten einen Pennal dermaßen, daß er in ſeiner Noth aus dem Fenſter ſprang und an den Folgen des Sturzes elend ſtarb.

Einer helcher Behandlung konnten die jun⸗ gen Studenten nicht ausweichen; die meiſten füg⸗ ten ſich deßhalb und ertrugen ſie willig; ja Viele ſuchten ſich deßhalb ſogar hervorzuthun. Im Jahr 1661 verſammelten ſich z. B. über 200 Pennäle bei dem Collegio zu Leipzig an dem Tage, an welchem ein kurfürſtliches Mandat wi⸗ der den Pennalismus öffentlich angeſchlagen wor⸗ den war, um, wie ſie ſich verſchworen hatten, die Abſchaffung zu hindern.

Wer ein richtiger Pennal war, der ging ſo zerlumpt als möglich, war bei jedem tollen Streiche der Erſte, beſtahl die Leute, die auf dem Markte feilhatten und foppte die Bürger, Be⸗ chen, wie er ſie nannte, auf jegliche Weiſe.

Die Meiſten tröſteten ſich mit der Hoffnung, abſolvirt zu werden und dann mit gleicher Will⸗ kür über die Jüngern zu herrſchen. Denn wenn ein Pennal ſein Jahr überſtanden hatte, mußte er zu allen Landsleuten herumgehen und um Befreiung des Zwanges bitten, ſchließlich aber den ſogenannten Abſolutionsſchmaus geben. Darauf war er Student und konnte die Pennäle ebenſo vexiren, als er vexirt worden war.

(Oskar Dolch: Geſchichte des deutſchen

Studentenhums).

Der Teufel bei Hans Sachs. Da der alte Fürſt der Welt in unſerer Zeit wieder viel von ſich reden macht, ſo iſt es nicht unintereſſant zu ſehen, was er in jener, wo Luther im Ernſte das Tintenſaß nach ihm warf, im Volks⸗ glauben für eine Figur ſpielte. Haus Sachs macht ſich in ſeinen ſchwankhaften Erzählungen viel mit ihm zu ſchaffen.

Wohl läuft dem Dichtar der Angſtſchweiß herab, als derrabenſchwarze, urlange Mann, der ihm auf dem Kreuzwege begegnet, ſeiner Frage, wo in Nürnberg wohl die beſten Werk⸗ leute wären, einfach beifügte, er ſei der Teufel; die Hölle wäre im zu eng, weil Seelen aus allen Ländern und Ständen mit ſolchem Gedränge hin⸗ abführen; darum wolle er ſie um etliche Meilen weiter bauen laſſen; aber gleichwohl iſt dieſer Teufel ſo gutmüthig, dem Erſchrockenen die Ver⸗ ſicherung zu geben, er wolle ihm nichts zu Leide thun. Als Lueifer ſo viel von dem böſen Volk der Landsknechte, das in Deutſchland auferſtan⸗ den ſei, vernommen hatte, trug er Verlangen, etliche zu ſehen, und ſchickte ſeinen Knecht Beltze⸗ bock hinauf auf Erden in ein Wirthshaus, daß er ihrer ein Dutzend herunterbrächte. Dieſer, ſeinen Auftrag in liſtiger Weiſe auszufithren,

ſtellt ſich dort unſichtbar hinter den Ofen. Aber, als er ihre Reden vernahm, ſtanden ihm die Haare zu Berg. Doch dacht' er etwa beim Trin⸗ ken in einen zu fahren. Aber ſiehe da! obſchon ſie immer ein Glas auf einen Zug hinunterſtürz⸗ ten, ſo ſprach doch jeder vorher, dem Nachbar zutrinkend: daß Dir's Gott geſegen. Und ſo ge⸗ ſegnets immer einer dem Andern, indeß der Teufel, einem Narren gleich, den Abend daſtand. Nun hatte einer unter ihnen einen Hahn erſchla⸗ gen und hinter den Ofen gehangen. Der ſprach zum Wirth:Geh' hinter den Ofen, nimm den armen Teufel, zupfe ihn und laß ihn braten, dann wollen wir ihn zerreißen und freſſen. Bel⸗ tzebock meint, ſie hätten etwa ihn geſehen, ſtößt eine Ofenkachel durch und fährt durch's Ofen⸗ loch hinaus wieder hinab zur Hölle, und macht Lucifern eine ſo gräuliche Schilderung von den wilden Landsknechten, daß dieſer den Beſchluß faßt, keinen Landsknecht aufzunehmen, ſondern ſich mit den zahlreichen andern Ständen auf Er⸗ den zu begnügen. Schon aus dieſem Beiſpiel iſt erſichtlich, daß der Teufel des Volksglaubens ein furchtſamer Geſelle iſt.

Wie wenig der Teufel Witz und Muth be⸗ ſitzt, ergibt ſich auch aus folgender Geſchichte. Er kündigt ſich an als den Geiſt, der Zwietracht unter frommen Eheleuten macht; über ein Paar aber hat er durch all ſein Einblaſen an die drei⸗ ßig Inhre nichts vermocht. Seine Klage dar⸗ über hört ein altes Weib, und verheißt ihm für ein verſprochenes Geſchenk, daß ſie noch heute bei ſcheinender Sonne einander ſchlagen ſollen. Er verſpricht ihr ein Paar ſchöne neue Schuhe. Und ſiehe da, es gelingt. Wie nun aber die Alte einen Kreis um ſich zieht und ihn beſchwört, zu erſcheinen und die Schuhe zu bringen, da reicht er ihr dieſelben in den Kreis an einem langen Stecken, den er noch abgeſchält hat, damit ſie nicht zwiſchen Holz und Rinde zu ihm kriechen und ihn fangen und binden könne. Einſtmals kam er auf die Erde, um ſich, weil er viel von den Freuden des Eheſtandes vernommen, mit einer frommen alten Frau zu vermälen. Da er nämlich ſeinerſeits auch alt ſei, meinte er nicht für eine junge zu taugen. Dieſe aber quälte ihn dergeſtalt, daß er ihr davon lief und ſich in der Einöde auf einen Baum ſetzte. Da geht ein Arzt vorbei, der Teufel verdingt ſich ihm; er wolle nämlich in einen Menſchen fahren und der Arzt ſolle ihn dann austreiben und ihm die Hälfte des Honorars geben. Gleich das erſte Mal be⸗ trügt ihn der Arzt um fünf Thaler; bei einer zweiten Beſchwörung will er daher nicht mehr ausfahren, und ſchimpft jenen einen Dieb und Betrüger durch den Mund des Kranken. Der Arzt läuft vor Angſt zum Saal hinaus, kehrt aber bald wieder mit einer ſtärkeren Beſchwö⸗ rung, indem er ſpricht:Teufel, Dein altes Weib iſt unten im Hof und verlangt Dich wieder zur Ehe. Sie hat einen Brief vom Chorgericht ge⸗ nommen, Du ſollſt mitgehen und Dich verant⸗ worten.Ei, da will ich lieber wieder in die Hölle, rief der erſchrockene Teuſel, fuhr aus und davon.

Die ſpringende Prozeſſion. Zu Ech⸗ ternach, im Bisthume Trier, beſtand vor Alters die ſogenannte ſpringende Prozeſſion. Dieſe ſoll im vierzehnten Jahrhundert entſtanden ſein. Die Limburger Chronik erzählt, daß im Jahre 1374 eine ſonderbare Krankheit in den Erzſtiften Trier und Köln und in andern Theilen Deutſchlands geherrſcht habe. Man nannte dieſe Krankheit den Skt. Veitstanz. Weil die Muskeln der von die⸗ ſer Krankheit Befallenen in krampfhafte Bewe⸗ gungen geſetzt wurden, ſo daß die Kranken unter Verdrehung der Glieder umherſprangen, wie Ra⸗ ſende mit einander tanzten und dann erſchöpft niederſanken: ſo glaubte man durch freiwilliges Springen und Tanzen und das damit verbundene

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Gebet der Krankheit zuvorzukommen. Daraus läßt ſich der Urſprung der ſpringenden oder tan⸗ zenden Prozeſſion herleiten. Dieſelbe ſtellte ſich ſtets am Pfingſtdienſtage an der Echternachbrücke auf und zog dann in die Stadt. Unter Beglei⸗ tung von vielen Muſikbanden ſprangen die Pilger und Pilgerinen ſtets reihenweiſe vier Schritte vor⸗ wärts und drei zurück, dann acht vorwärts und drei zurück u. ſ. w., ſo daß ſie alſo langſam vor⸗ wärts rückten.

Von der Brücke der Sauer aus bis zur Kirche hin dauerte die ſpringende Prozeſſion ge⸗ wöhnlich zwei Stunden; hatten die Pilger die Kirche erreicht, ſo warfen ſie ſich auf ihr Ange⸗ icht betend nieder. Früherhin umzogen ſie auf ie angegebene Art noch dreimal die Abteikirche, ehe ſie dieſelbe betraten. Beim Einzuge in die Kirche ſtellten ſich die Fahnenträger und Bru⸗ dermeiſter unter den alten Kronleuchter, auf wel⸗ chem 72 Kerzen brannten. Dann begann das feierliche muſikaliſche Hochamt.

Im Jahre 1777 unterſagte der Trier'ſche Erzbiſchof Clemens Wenzeslaus wegen ein⸗ getretener Mißbräuche das Abhalten dieſer Prozeſ⸗ ſion und ſo unterblieb ſie von 1778 an bis 1802, in welchem Jahre man den alten Gebrauch wieder erneuerte, indem 2978 Tänzer mit 74 Muſikan⸗ ten in Echernach einzogen. Aehnlicher Weiſe ging es in den folgenden Jahren fort. 1812 nahmen 12678 Perſonen an der Prozeſſion Theil und noch jetzt zählt man jedes Jahr viele Tauſend Pilger aus dem Luxemburgiſchen, der Eifel, von der Moſel, der Saar, dem Hochwalde und noch weiter her.

Literariſches.

Werther Jeruſalem. Göthe ſagt inWahrheit und Dichtung in Betreff der Kon⸗ ception Werthers:Jeruſalems Tod, der durch die unglückliche Neigung zu der Gattin eines Freundes verurſacht ward, ſchüttelte mich aus dem Traum, und weil ich nicht blos mit Be⸗ ſchaltlichkeit das, was ihm und mir begegnet, be⸗ trachtete, ſondern das Aehnliche mich in leiden⸗ ſchaftliche Bewegung ſetzte, ſo konnte es nicht feh⸗ len, daß ich jener Produktion all die Gluth ein⸗ hauchte, welche keine Unterſcheidung zwiſchen dem Dichteriſchen und dem Wirklichen zuläßt. Göthe nahm aus dem Berichte, den ihm Keſtner, Lot⸗ tens Verlobter, über den Selbſtmord des ſchwär⸗ meriſchen Jünglings ertheilte, eine Menge Ein⸗ zelheiten in ſeinen Roman auf. Wir heben aus dieſem intereſſanten Briefe das Wichtigere heraus.

Man will geheime Nachrichten aus dem Munde des Sekret. H... haben, daß am Mitt⸗ woch vor Jeruſalems Tode, da dieſer bei H... und deſſen Frau zum Kaffee war, der Mann zum Geſandten gehen müſſen. Nachdem der Mann wieder kömmt, bemerkt er an ſeiner Frau eine außerordentliche Ernſthaftigkeit und bei Jeruſalem eine Stille, welche beide ihm ſon⸗ derbar und bedenklich geſchienen, zumal da er ſie nach ſeiner Zurückkunft ſo ſehr verändert findet. Jeruſalem geht weg. Sekret. H... macht über obiges ſeine Betrachtungen; er faßt Arg⸗ wohn, ob etwa in ſeiner Abweſenheit etwas ihm nachtheiliges vorgegangen ſein möchte, denn er iſt ſehr argwöhniſch und eiferſüchtig, er ſtellt ſich jedoch ruhig und luſtig und will ſeine Frau auf die Probe ſtellen. Er ſagt: Jeruſalem habe ihn doch oft zum Eſſen gehabt, was ſie meinte, ob ſie Jeruſalem nicht auch einmal zum Eſſen bei ſich haben wollten? Sie, die Frau, antwortete: Nein: und ſie müßten den Umgan mit Jeruſalem ganz abbrechen; er finge an ſich ſo zu betragen, daß ſie ſeinen Umgang ganz vermeiden müßte. Und ſie hielt ſich verhunden,