Heft 
(1858) 8 08
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ausſehen. Sie fiel auf den Rücken, erhob ſich wieder und brach zuſammen, alle Stützpunkte verſagten ihr und ihre Glieder waren wie gebrochen. Es war rührend, daß gerade in dieſem kritiſchen Momente ſich die Frucht⸗ barkeit ihres Leibes zeigte; im Todeskampfe gaben ihre Bauchwarzen jenes kleine Wölk⸗ chen von ſich, ſo daß man hätte glauben kön⸗ nen, ſie wolle noch im Sterben arbeiten. Das betrübte mich, und in der Hoffnung, die Luft werde ſie vielleicht wieder herſtellen, ſetzte ich ſie auf mein Fenſter; aber das war nicht mehr ſie ſelbſt. Ich weiß nicht wie es ge⸗ kommen war, aber ſie ſah wie zuſammenge⸗ ſchmolzen, wie ein wahres Skelett aus. Ihr ohnmächtiger Körper war nur mehr ein leichter Schatten. Der Wind trug ſie zum See.

II. Ihre häuslichen Verhältniſſe.

Die Spinne hat nicht blos ein Neſt oder wie andere einſam lebende Inſekten blos einen wechſelnden Stationsplatz der Jagd: ſie hat wenigſtens bei einigen Arten ein regelmäßi⸗ ges Haus, ein Haus im vollſten Sinne des Wor⸗ tes und zwar ein ſehr komplizirtes: es enthält ein Vorzimmer und ein Schlafzimmer mit einem Ausgang nach hinten; und dieſe Thüre es klingt faſt unglaublich dieſe Thüre, ſag' ich, ſchließt ſich von ſelbſt, indem ſie ihr eigenes Gewicht zurückfallen läßt.

Die Thür! Das iſt es, was ſelbſt den großartigen Bauten der Bienen und Ameiſen fehlt; dieſe fleißigen Republiken haben ſich nicht bis dahin verſtiegen. Ihre ſtolze Unerſchrocken⸗ heit hat ihre Induſtrie beſchränkt.

Jene arme einſame Arbeiterin hingegen, immerwährend durch das Spinnen aus ihrem Innern und die ununterbrochene Arbeit er⸗ ſchöpft, rechnet nicht auf ihre Tapferkeit. Sie mußte ſich in gewiſſen Gegenden und unter gewiſſen Umſtänden tüchtig den Kopf zerbrechen, bis ſie jenes kleine Wunder von Vorſicht und Konbination erfand, womit ſie nicht nur die Inſekten, ſondern auch die wilden Völker hinter ſich läßt; der größeren Thiere gar nicht zu ge⸗ denken, den einzigen Biber vielleicht ausge⸗ nommen.

In der Umgebung von Luzern ſahen wir zum erſten Male ein ſolches Spinnenhaus. Es war eine vortrefflich gearbeitete Scheide, deren nach Süden gelegenes Vorzimmer nach außen trichterförmig auslief. Dieſer äußere Theil bil⸗ dete einen ſinnigen Zufluchtsort und war Falle und Anſtand zugleich. Die Hausfrau hielt ſich im äußerſten Ende des Trichters auf; in dem hinterſten Theile der Scheibe befand ſich aber noch ein rückwärtiges kleines Zimmer, das von der ſicheren Hülle eines weißen, ſehr feſten Co cons umgeben war. Auf dieſes ſetzte ſie ihr ganzes Vertrauen und verſuchte ſelbſt dann nicht aus demſelben zu fliehen, als wir die Fä⸗ den losmachten, die den ganzen Bau an einem Strauche feſthielten. Wir hatten dieſe Behau⸗

ſung weder zerſtört noch beſchädigt, fondern nur an einen andern Ort gebracht. Am andern Morgen fanden wir dieſelbe von allen Seiten an demſelben Gebüſch befeſtigt. Die Lage war zwar nicht ſo günſtig als zuvor, aber das hatte ſeinen Grund wohl darin, daß die Arbeiterin ſich ohne Zweifel nicht mehr im Stande fühlte, in ſo vorgerückter Jahreszeit im September und unter den Alpen dieſe große Sommer⸗ arbeit wieder aufzunehmen. Eine kleine, in den braſilianiſchen Wäldern vorkommende Spinne hat ihre Hütte gerade im Mittelpunkte ihres Netzes hängen. Bei der geringſten Gefahr ſchlüpft ſie hinein und kaum iſt ſie eingetreten, ſo klappt auch ſchon die Thür hinter ihr zu.

Aber das Meiſterſtück ihrer Zunft kann man bei einer auf der Inſel Korſika vorkom⸗ menden Art ſehen. Die Wohnung dieſer Spinne i*ſt ein kleiner, fleißig ausgemauerter Brunnen, mit glatten und ebenen Scheidewänden, dop⸗ pelten Tapeten, einem groben Teppich in dem untern Raume und einem feinen und weichen in jenem Theile, den die Künſtlerin bewohnt. Die Mündung des Brunnens iſt vermittelſt einer Thüre verſchloſſen. Dieſe Thüre iſt eine Scheibe, die, oben breiter als unten, in eine Oeffnung fällt und ſo hermetiſch ſchließt. Die Scheibe, die zwar nur drei Linien dick iſt, ent⸗ hält doch dreißig Lagen Gewebe, zwiſchen denen ſich leicht angeworfene Erdſchichten befinden demnach beſteht die ganze Thüre wiederum aus ſechzig Thüren. Da kann man wohl die Ge⸗ duld bewundern; aber noch mehr verſetzt uns dieſe ſinnreiche Einrichtung in Staunen, wenn wir entdecken, daß alle dieſe Thüren in einan⸗ der greifen. Die gewebten verlängern ſich bis in die Mauer hinein und verbinden auf dieſe Weiſe die Thüre mit der Wand, indem ſie zu⸗ gleich die Angeln bilden. Dieſe Thüre öffnet ſich nach außen, wenn die Spinne ſie in die Höhe drückt, um hinauszugehen, und fällt von ſelbſt zurück. Aber der Feind könnte ja dahin gelangen, dieſelbe zu öffnen. Dagegen iſt jedoch geſorgt. Den Angeln gegenüber befinden ſich in der Thüre kleine Löcher; in dieſen krallt ſich die Spinne feſt und wird nun ein lebendiger Riegel.

Das ruhige Warten der Spinne mag oft⸗ mals nicht ſehr erquicklich ſein. In vollem Lauf zu arbeiten, kämpfend zu handeln, heißt Zeit und Hunger betrügen; aber unbeweglich da zu ſitzen, um durch keine Bewegung die Beute abzuſchrecken, dieſe oft ganz nahe heran⸗ kommen und dennoch entwiſchen zu ſehen und das Alles mit leerem Magen! Den nicht enden wollenden Tänzen der ſorgloſen Mücke beiwohnen zu müſſen, die ſich in ihrem Son⸗ nenſtrahle köſtlich amüſirt, ſtundenlang herum⸗ wiegt ohne den gierigen Wünſchen derjenigen entgegen zu kommen, die ihr ganz leiſe zuruft: Komm', Schätzchen, komm', meine Kleine! das iſt eine Höllenqual, eine Reihe von Hoff⸗ nungen und Enttäuſchungen. Die Mücke aber tanzt weiter und kümmert ſich wenig darum. Die fatale Frage:Werde ich ſpeiſen? drängt

ſich immer mehr auf, noch mehr der trübe Ge⸗ danke:Wenn ich heute nicht eſſe, gibt's keinen Faden mehr; um ſo weniger darf ich hoffen, morgen zu eſſen!

Das Alles bildet natürlich ein ſorgenvol⸗ les, ängſtliches, aber überaus gewecktes und auf⸗ merkſames Weſen, das nicht nur die geringſte Berührung bemerkt, ſondern auch das leiſeſte Geräuſch vernimmt. Die Spinne iſt nur zu ſehr empfindlich. Man kann vermuthen, daß jede noch ſo leichte Bewegung im Stande iſt, ſie außer ſich zu bringen. Sie ſcheint ohnmächtig zu werden; man ſieht ſie plötzlich von einer Zimmerdecke herab fallen, wie vom Schreck ganz zerſchmettert.

Dieſe Empfindlichkeit macht ſich begreifli⸗ cherweiſe beſonders dann geltend, wenn ſie Mutter iſt. Obwohl ſelbſt elend und arm, iſt ſie gegen die Ihrigen dennoch ſtets freigebig und großmüthig. Während die Raubvögel, jene ge⸗ flügelten Jäger, denen ſo viel Hilfsmittel zu Gebote ſtehen, ihre Kinder frühzeitig fortjagen, indem ſie in ihnen gefräßige Konkurrenten ſehen, und ſie ſogar mit Schnabelſtößen zwin⸗ gen, außerhalb des für ſich ſelbſt beanſpruchten Reviers zu verbleiben, iſt die Spinne noch nicht damit zufrieden, ihre Eier in einem Cocon zu tragen, ſondern gewiſſe Arten ernähren die gie⸗ rigen Kleinen, beſchirmen ſie und ſchleppen die⸗ ſelben auf ihrem Rücken; oder die ſorgſame Mutter läßt ſie an einem Faden einhermar⸗ ſchiren; ſobald ſich eine Gefahr zeigt, zieht ſie an dieſem Faden, die Jungen ſpringen auf ſie und ſind gerettet. Wenn ſie das nicht thun kann, iſt ihr der Tod willkommener. Es iſt Thatſache, daß die Alten lieber ſich ſelbſt ver⸗ ſchlingen laſſen, ehe ſie jene dem Verderben preisgeben.

Als bewundernswerthe Mutter, ſinnige und feinfühlende Künſtlerin, im vollſten Sinne weiblich, weiblich bis zum höchſten Grade der Empfindſamkeit und Beſorgniß ſo muß uns die Spinne neben dem gewöhnlichen Gefühle des Abſcheu's bald das der theilnehmenden Zuneigung einflößen.

Die arme Einſiedlerin! Mit Ausnahme einiger wenigen Arten, bei denen der Vater ein wenig der Mutter hilft, hat ſie keine Bei⸗ hilfe zu erwartenn Iſt die Liebe des Männ⸗ chens erloſchen, ſo iſt er eher ein Feind zu nen⸗ nen. Schreckliche Folgen der Armuth! Es fällt ihm bei, ſeine Kinder könnten einen guten Biſſen abgeben. Aber die Mutter, die größer als der Vater iſt, denkt ſich auch ſo etwas und meint, daß der Vertilger ebenfalls achtbar ſei und verſpeiſt zuweilen ihren Gemal. Uebri⸗ gens bin ich deſſen gewiß, daß in Gegenden, wo das Klima oder die Bequemlichkeit eines behäbigen Lebens ihr Naturel nicht verderben, derartige Gräuelthaten nicht vorkommen. Ein grauſamer Tyrann beherrſcht die ganze Natur: der Magen. Er kann ſich ſelbſt die Liebe unter⸗ würfig machen. Bei einem ſo beſorgten furcht⸗ ſamen Thier, wie die Spinne iſt, wird auch die Liebe mißtrauiſch. Sei dieſe auch noch ſo feu⸗

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