gebracht, denn dann würde es nur einen Luft⸗ zug geſtatten; die Spinne, als ein vorzüglicher und geübter Seemann, gibt ihm eine ſehr ſchräge Stellung, welche zwei und mehr Luft⸗ züge zuläßt.
An dem äußerſten Ende ihres Bauches be⸗ finden ſich vier Hautwarzen, ähnlich den Zieh⸗ eiſen, deren man ſich bei der Drahtfabrikation bedient, die ſie— wie Fernröhre— aus⸗ und einziehen kann und durch deren Bewegung ſie ein ganz kleines Wölkchen abſondert, das von Minute zu Minute an Größe zunimmt. Die⸗ ſes Wölkchen iſt nichts anders als lauter Fä⸗ den von unendlicher Zartheit; jede dieſer Haupt⸗ warzen ſondert 1000 Fäden ab, und erſt die Vereinigung von 4000 derſelben bildet einen einzigen, der ſtark genug iſt, um damit das Netz herzuſtellen.
Es ſei hier beachtet, daß die Fäden des in⸗ telligenten Fabrikanten nicht gleicher Natur ſind, ſondern von unterſchiedlicher Qualität und Stärke je nach ihrer Beſtimmung. Da gibt es trockene, die zum Anſpinnen, und wiederum klebrige, welche zum Anleimen verwendet wer⸗ den. Jene des Netzes, dazu beſtimmt, die Jun⸗ gen aufzunehmen, ſind baumwollenartig, und die, welche zum Schutze des Eierbehälters die⸗ nen ſollen, haben die für die Sicherheit der letzteren nöthige Widerſtandskraft.
Wenn ſie die zur Anfertigung eines Gewe⸗ bes nöthige Quantität Fäden erzeugt hat, läßt ſie ſich von einem erhöhten Punkte herabgleiten und wickelt ihren Strähn ab. Nun erhält ſie ſich ſchwebend in der Luft, kehrt aber alſogleich mit Hilfe ihres Takelwerkes in derſelben Rich⸗ tung zurück, ſchwingt ſich nach einem andern Punkt und fährt in der Weiſe fort, eine An⸗ zahl von Strahlen zu ziehen, die alle aus dem⸗ ſelben Mittelpunkte hervorgehen.
Iſt nun die Kette angeſponnen, ſo beſchäf⸗ tigt ſie ſich damit, das Gewebe durch Kreuzun⸗ gen der Fäden fortzuſetzen. Indem ſie von ei⸗ nem Strahl zum anderen läuft, berührt ſie einen jeden derſelben mit ihren Zieheiſen, wo⸗ durch der kreisförmig laufende Faden befeſtigt wird. Das Ganze iſt kein zuſammengepreßtes Gewebe, ſondern ein vollkommenes, aus geo⸗ metriſch richtigen, durchaus gleichgroßen Ma— ſchen beſtehendes Netz.
Dieſes Gewebe, aus ihr ſelbſt hervorgegan⸗ gen, lebt und zittert, iſt unſtreitig mehr, als ein bloßes Inſtrument— es iſt ein Theil ihres Ichs. Da die Spinne ſelbſt eine runde Form hat, ſcheint es ihr in dieſem Kreiſe zu gefallen und man könnte faſt auf den Gedanken kommen, daß ihr Geſpinnſt die Fortſetzung ih⸗ rer Nervenfaſern ſei. In dem Centrum ihrer Behauſung fühlt ſie ſich ſowohl zum Angriff, als auch zur Vertheidigung am ſtärkſten. Au⸗ ßerhalb desſelben iſt ſie ſcheu; eine Fliege könnte ſie zum Rückzug bewegen. Das Netz iſt zugleich für ſie ein elektriſcher Telegraph, der bei der leiſeſten Berührung erbebt und ihr ſo die An⸗ weſenheit der allerunſcheinbarſten Beute anzeigt; erſteres hält vermöge ſeiner klebrigen Eigenſchaft
Erinnerungen. 1858.
den Fang feſt und verwickelt auch gefährliche Feinde.
Wenn ſtarker Wind iſt, hält ſie ſich ſtets in der Mitte, da ſie ſonſt, bei der fortwährenden Bewegung ihres Gewebes, nicht im Stande wäre Alles, was in ihrem Reiche vorgeht, zu überſehen; bei gewöhnlicher Witterung verläßt ſie zwar dieſen Standpunkt, aber nur um ſich in der nächſten Nähe unter einem Blatte zu verbergen, theils um ihre Beute nicht zu ver⸗ ſcheuchen, theils um nicht gar ſelbſt als ſolche ihren zahlreichen Feinden zum Opfer zu fallen.
Klugheit und Geduld ſind bei ihr vorwie⸗ gender als Muth. Sie hat zu viel Erfahrung, als daß bei den vielen Unglücksfällen, welche ſie zu erdulden hatte, noch viel Kourage in ihr übrig bleiben konnte, auch hat ſie nur all zu hart die Strenge des Schickſals verkoſten müſ⸗ ſen. Sie fürchtet ſich jelbſt vor einer Ameiſe. Dieſe unruhige und ſtörrige Landſtreicherin pflegt zuweilen ihr Köpfchen aufzuſetzen und mit unbezwingbarem Eigenſinn das Spinnen⸗ gewebe zu durchforſchen, womit ſie doch eigent⸗ lich nichts anfangen kann. Die Spinne räumt ihr ſodann das Feld, ſei es aus Furcht, mit dem Ameiſenſafte, der wie Scheidewaſſer brennt, in unliebſame Berührung zu kommen, oder in Folge der klugen Berechnung, daß ſie zu einem langen und ſchwierigen Kampfe mehr Zeit brauche, als nöthig iſt, um ein Netz anzuferti⸗ gen. Sie läßt alſo, ohne ſich in ihrer Eigen⸗ liebe verletzt zu fühlen, jene dort ſtolz einher⸗ gehen und baut ſich ein wenig abſeits neu an.
In der Natur lebt eigentlich alles von Raub; aber der Raub iſt nicht immer mit redlichem Fleiß verdient, wie bei der Spinne. Kein an⸗ deres Weſen iſt vielleicht ſo ſehr ein Spielball des Schickſals, als gerade ſie. Eine Unzahl Inſekten, darunter die blutdürſtigen Käfer und ſelbſt die zarte und brillante Waſſernixe, verbringen luſtig ihr Leben unter fortwähren⸗ dem Morden, haben ſie doch auf weiter nichts als auf ihre Körper und Waffen zu achten. Andere haben ſichere Zufluchtsorte, die nicht ſchwer zu vertheidigen ſind und wo ſie wenig Gefahr zu fürchten haben. Die Feldſpinne hat weder jenen noch dieſen Vortheil. Sie erinnert an einen Induſtriellen, der durch ſein kleines, ungeſichertes Vermögen die Habſucht und Rück⸗ ſichtsloſigkeit anderer hervorruft. Die Eidechſe macht von unten, das Eichhörnchen von oben Jagd auf den ſchwachen Jäger. Die faule Kröte ſtreckt ihm ihre klebrige Zunge entgegen, auf welcher ſie haften bleibt und erſtarrt. Die Schwalbe macht es ſich zum beſondern Ver⸗ gnügen, eine Spinne, ohne ſich in ihrem gra⸗ ziöſen Fluge ſtören zu laſſen, ſammt ihrem Netze fortzunehmen, und alle Vögel betrachten ſie als einen großen Leckerbiſſen und eine aus⸗ gezeichnete Arznei. Selbſt die Nachtigall, die, wie alle großen Sänger einer beſondern Diätetik treu, verordnet ſich von Zeit zu Zeit eine Spinne als Purgativmittel.
Wenn die Spinne nicht mäßig lebte, würde ihr Handwerkzeug eingehen, und ihr Verder⸗
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ben wäre dann unvermeidlich. Zerſtört man ihr Netz allzu oft, ſo iſt ſie durch das lange Fa⸗ ſten außer Stand geſetzt, Fäden zu erzeugen und wird daher bald ein Opfer des Hungerto⸗ des. Ihre Gedanken drehen ſich daher um Folgendes:„Willſt du ſpinnen, ſo mußt du eſſen, um aber zu eſſen, mußt du ſpinnen.“ Ihr Faden iſt daher für ſie jener der Parzen, von dem ihr ganzes Schickſal abhängt.
Verſuchsweiſe zerſtörten wir einſt dreimal hintereinander das Gewebe einer Spinne. Mit ſtaunenswerther Geduld und ohne die Faſſung zu verlieren, fertigte ſie in einem Zeitraum von ſechs Stunden dreimal dasſelbe wieder neu an. Eigentlich war dieß ein grauſames Experi⸗ ment und wir bereuten faſt es unternommen zu haben. Man begegnet nur zu viel ſolchen Unglücklichen, die derartige Zufälle zur Arbeits⸗ einſtellung verurtheilt haben und die zu er⸗ ſchöpft ſind, um ihre Induſtrie wieder in Auf⸗ ſchwung bringen zu können. Man kann ſie dann als lebende Skelette vergeblich ein ande⸗ res Gewerbe ergreifen ſehen, bei dem ſie es aber zu nichts bringen, und ſchmerzlich beneiden ſie die Feldſpinne um ihre langen Beine, die ſie in Stand ſetzen, ihr Leben laufend zu er⸗ halten.
Wenn man von der großen Gefräßigkeit der Spinne ſpricht, vergißt man, daß ſie doppelt eſſen oder verderben muß; erſtens für ihren Körper, zweitens für ihren Faden.
Drei Eigenſchaften tragen gemeinſchaftlich dazu bei, ſie aufzureiben: ihr unaufhörlich ange⸗ ſtrengter Fleiß, ihre im höchſten Grade vor⸗ herrſchende Empfindlichkeit und endlich ihr dop⸗ pelter Athmungsprozeß. Denn ſie holt nicht allein wie die übrigen Inſekten durch die dazu beſtimmten Organe paſſiv Athem, ſondern ſie hat auch ein aktives Athemholen ähnlich der Lungenbewegung der höheren Thiere. Sie ſchöpft in vollen Zügen Luft, verändert und zerſetzt ſie und verjüngt ſich durch ſie unaufhör⸗ lich. Es genügt, ihre Bewegungen geſehen zu haben, um überzeugt zu ſein, daß ſie mehr als ein Inſekt iſt; das Lebensfluidum muß in ihr ſehr lebhaft cirkuliren, das Herz ganz anders ſchlagen als es bei der Fliege oder dem Schmet⸗ terling der Fall iſt.
Das wäre zwar ein Vorzug, aber er iſt auch zugleich mit Gefahr verbunden. Das Inſekt kann, unbeſchadet mephitiſcher Ausdünſtungen, ſelbſt die ſtärkſten Gerüche vertragen. Die Spinne kann ihnen nicht widerſtehen. Kaum iſt ſie von ſolchen erreicht worden, verſcheidet ſie unter den heftigſten konvulſiviſchen Zuckungen.
Ich konnte dieß ſelbſt eines Tages in Lu⸗ zern beobachten: Chloroform, deſſen Wirkung einen Hirſchkäfer erſt nach 14 Tagen zu tödten vermochte, warf bei der erſten Berührung eine Spinne nieder. Sie war von größter Art und ich ſah ſie eben damit beſchäftigt, eine Mücke zu ſpeiſen. Um ſie beobachten zu können, ließ ich einen Tropfen Chloroform auf ſie fallen. Die Wirkung war eine fürchterliche. Der Starr
krampf eines Menſchen konnte nicht ergreifender
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