Heft 
(1858) 8 08
Seite
248
Einzelbild herunterladen

Die Spinne. Nach dem Franzöſiſchen des Michelet.*)

Von Karl Czermak.

I. Ihre Arbeit und Ruhe.

Die Spinne ſpielt unter den Inſekten die Rolle eines Einſiedlers. Nur in den pflan⸗ 1 zenreichen Gegenden der Tropenländer, wo für ſie Wild in Menge vorhanden iſt, lebt ſie in Geſellſchaft. Es gibt deren, die ein gro⸗ ßes allgemeines Netz um einen Baum ziehen ſinn die Eingänge

und mit großem Gemeinſ desſelben bewachen. Noch mehr, da ſie es oft mit mächtigen Inſekten, ſelbſt mit kleinen Vö⸗ geln zu thun haben, wirken ſie in derartigen Gefahren zuſammen und bilden eine bewaffnete Gewalt.

Aber dieſes Zuſammenleben iſt eine Aus⸗ nahme und beſchränkt ſich nur auf gewiſſe Ar⸗ ten und das am meiſten begünſtigte Klima. Sonſt hat die Spinne überall in Folge der ihr eigenthümlichen Lebensweiſe und ihres Orga⸗ nismus, den Charakter eines wilden Jägers, welcher, von unſicherer Beute lebend, ſtets in Neid, Mißtrauen, Ausſchließlichkeit und Ein⸗ ſamkeit verharrt. Man bedenke hierbei, daß ſie es nicht wie der gewöhnliche Zäger mit weiten Wanderungen, Anſtrengungen und bloßer Thä⸗ tigkeit abgethan hat. Ihre Jagd iſt, wenn ich ſo ſagen darf, koſtſpielig und erfordert einen fort⸗ währenden Kapitalsaufwand. Jeden Tag, jede

Leib, acht Augen am Kopfe, überraſcht die über triebene Größe ihres enormen Bauches. Eir unedler Zug, in welchem der unachtſame Be obachter nur Gefräßigkeit erblicken würde. Wei gefehlt! Gerade das Gegentheil; dieſer Bauch er iſt ihr Atelier,

7

Der wahre Typus eines Induſtriellen.Wenn empfange ihn von mir zurück, behalte ihn. In ich heute faſte, meint ſie,werde ich vielleicht einem halben Jahrhundert noch wird er Deinen

morgen eſſen; aber wenn meine Fabrik feiert, hat Alles ein Ende; dann muß auch mein Ma⸗ gen feiern für immer.

*Meine erſten Beziehungen zur Spinne wa⸗ ren nichts weniger als angenehm. In meiner dürftigen Jugend arbeitete ich einſt allein in der damals ruinirten und verwüſteten Buch⸗ druckerei meines Vaters. Dieſes zeitweilig be⸗ nutzte Atelier befand ſich in einer Art Keller, welcher Raum eigentlich erſt durch den Wall, an welchen wir zu ebener Erde in der rue basse in Paris wohnten, zum Keller gemacht

Stunde muß ſie aus ſich ſelbſt jenen wichtigen Stoff zu ihrem Netzz ſchöpfen, das ihr Nahrung geben und ihre Exiſtenz erneuern ſoll. Demnach hungert ſie, um ſich zu nähren, erſchöpft ſich, um neue Kräfte zu ſammeln, wird mager in der ungewiſſen Hoffnung, wieder dick und ſett zu werden. Ihr Leben iſt eine Lotterie, die tau⸗ ſend unvorhergeſehenen Zufällen preisgegeben iſt. Dieß Alles kann daher nur dazu beitragen, ein furchtſames Weſen ohne Sympathien für ſeines Gleichen, in denen es Konkurrenten ſieht kurz, ein höchſt egoiſtiſches Thier aus ihr bilden. Wäre ſie dieß nicht, ſo müßte ſie zu Grunde gehen.

Das Schlimmſte für das arme Thier iſt ſeine gründliche Häßlichkeit. Es iſt nicht eines von jenen, die ſich, wenn auch für das unbe⸗ waffnete Auge häßlich, doch unter dem Mikro⸗ ſkop ſehen laſſen können. Die allzu ſehr ausge⸗ ſprochene Eigenthümlichkeit eines Gewerbes wirkt, man ſieht es beim Menſchen, bald auf jenes, bald auf dieſes Glied ein, ſie ſchließt die Harmonie aus; der Schmied iſt oft bucklig, und ſo iſt die Spinne dickbäuchig. Bei ihr hat die Natur alles dem Gewerbe, dem Bedürfniß, dem induſtriellen Apparate geopfert, der das Bedürfniß decken ſoll. Sie iſt ein Arbeiter, ein Seiler, ein Spinner und ein Weber. Man beachte nicht ihre Geſtalt, ſondern die Produkte ihrer Kunſt. Sie iſt nicht allein ein Spinner,

74

zu

*) Siehe Buchſchau.

ſichtsmaßregeln fallen, als wollte ſie

rüſten. Nicht ohne Grazie glitt ſie an ihrem

wurde. Zu Mittag erheiterte die Sonne durch ein vergittertes Luftfenſter mit einem freund⸗ lichen Strahl den Setzkaſten, an dem ich meine

ſ ſ a bemerkte ich

)

Bleilettern zuſammen ſuchte. in einer Mauerecke eine kluge Spinne, welche vorauszuſetzen ſchien, jener Strahl könnte ihr eine unbeſonnene Mücke zuführen. Dieſer Strahl, welcher nicht in ihre Mauerecke, ſon⸗ dern in meine nächſte Nähe fiel, war für ſie eine natürliche Verſuchung, ſich mir zu nähern. Trotz meinem angeborenen Ekel mußte ich be⸗

wundern, wie ſie ſich nun nach und nach her⸗

vorwagte, ängſtlich, langſam und wohlbedacht Verſuche anſtellte, um ſich von dem Charakter desjenigen zu überzeugen, dem ſie ja faſt ihr Le⸗ ben anvertrauen mußte. Sie betrachtete mich ohne Zweifel mit ihren ſämmtlichen acht Augen und ſtellte ſich die Frage auf:Iſt's ein Feind, oder nicht?

Ohne ihr Geſicht, geſchweige ihre Augen zu unterſcheiden, merkte ich, daß man mich an⸗ ſah, mich beobachtete, und ſichtlich ſchien das Reſultat dieſer Beobachtungen mit der Zeit für mich ganz günſtig auszufallen. Bei jenem Ar⸗ beitsſinn, der in ihrem Geſchlecht ſehr ausge⸗ bildet iſt, mochte ſich ſich denken, daß ich gleich⸗ falls ein Arbeiter ſei und mich eben wie ſie da⸗ mit beſchäftige, mein Netz zu weben. Wie es immer ſein mochte, ſie ließ in Folge eines plötz⸗ lichen Entſchluſſes alle Umſchweife, alle Vor⸗ ſich zu

einem kühnen und etwas gewagten Schritte

ſie iſt eine Spinnerei. Gedrängt und kreisför⸗ mig gebaut, mit acht Füßen rings um den

ihr Magazin, er iſt jene Taſche des Seilers, in welcher er den Stoff des abzuwickelnden Fadens vor ſich herträgt. Aber, da ſie dieſe Taſche nur mit ihrer eigenen Sub⸗ ſchwendete, heran um mir zu ſagen:Ach, wa⸗ ſtanz füllt, ſo wächſt dieſe nur auf ihre Koſten an, iſt nur eine Folge ihrer Mäßigkeit. Man wird ſie ſtets darauf halten ſehen, wenn auch im Uebrigen abgezehrt, daß nur jener Schatz wohlerhalten ſei, worin der unentbehrliche Ar⸗ beitsſtoff, die Hoffnung ihrer Arbeit und ihre einzige Ausſicht für die Zukunft enthalten ſind.

Faden herab und ſetzte ſich entſchloſſen auf un⸗ ſere beiderſeitige Grenze, den Rand meines Ka⸗ ſtens, den die Sonne in dieſem Augenblicke mit einem blaſſen Strahl beſchenkte. Es entſpann ſſich in meinem Innern ein Kampf. Ich geſtehe, t daß mir dieſe intime Geſellſchaft nicht gefiel, eine ſolche Freundin konnte keinen günſtigen Eindruck auf mich machen; von der andern V Seite betrachtet, kam dieſes kluge, beobachtende Weſen, das keineswegs ſein Vertrauen ver⸗

rum ſollteſt Du mir nicht dieſes Bischen Sonne gönnen? Obgleich ſehr verſchieden, vereinigen wir uns doch in dem Punkte, daß wir uns von der nothwendigen Arbeit und der kalten Fin⸗ ſterniß zu dem Genuſſe des Lichtes wenden. Faß' Dir ein Herz und machen wir Brüder⸗

ſchaft! Dieſen Strahl, den Du mir erlaubſt,

Winter erleuchten! Dieſe Rede der kleinen ſchwarzen Fee, das leiſe, ſehr leiſe geführt wurde man kann kaum leiſer ſprechen, als die Spinne hinterließ in mir ein ſchwer zu beſtimmendes Gefühl. Aber es ſchlummerte in mir. Im Jahre 1840 wurde es auf kurze Zeit geweckt, wo es wiederum einſchlief bis auf den heutigen Tag, den 15. Nai 1857, wo ich es zum erſten Male erklärend niederſchreibe. Im Jahre 1840, nach einem Familienverluſte, ver⸗ brachte ich meine Ferien in Paris, wo ich den ganzen Tag allein in meinem kleinen Garten in der rue des Postes ſpazieren ging. Die Meinigen waren auf dem Lande. Unwillkürlich betrachtete ich die ſchönen regelmäßigen Ge⸗ webe, die die Spinnen um meine Bäume zo⸗ gen, die ſie mit lobenswerthem Fleiße ausbeſ⸗ ſerten, ohne Aufhören erneuerten, ſich außeror⸗ dentlich viel Mühe gebend, meine paar Wein⸗ ttrauben, die ich hatte, zu bewachen und mich ſelbſt vor der Zudringlichkeit der Fliegen und den Stichen der Mücken zu befreien. Sie rie⸗ fen jene ſchwarze Hausſpinne in mein Gedächt⸗ niß zurück, die ſich in meiner Kindheit mit mir in Verkehr geſetzt hatte. Dieſe waren von ihr ſehr verſchieden. Immerwährend blosgeſtellt,

Jedermanns Blicken zugänglich, ohne einen

andern Zufluchtsort als die Kehrſeite eines

Blattes, wo man ſie leicht erhaſchen kann, konn⸗

ten ſie nicht die Vorſichtsmaßregeln und die

Diplomatie meiner alten Bekanntſchaft haben.

Ihre ganze Arbeit war ſichtbar, ihre kleinſten

Geheimniſſe, ſie ſelbſt auf Gnade und Ungnade

dem Winde preisgegeben; ſie hatten keine an⸗

dere Protektion, als das Mitleid oder die von

ihnen geleiſteten unverkennbaren Dienſte, über⸗

haupt das ihnen gewidmete Intereſſe.

Die Arten ſowohl, welche ihre Netze an den Zweigen der Bäume, als auch jene, die ſie in den Fenſtern aufſpannen, geben ſichtlich Acht darauf, den Wind zu fangen und ſich in einen Luftzug zu poſtiren, der ihnen Inſekten zu⸗ führt; oder ſie ſetzen ſich dahin, wo die Licht⸗ ſtrahlen einfallen, in welchen die Mücke zu tan⸗

zen pflegt. Das Gewebe iſt nicht ſenkrecht an⸗

K

d