Das breite feichte Thal, welches wir geſtern Abends vor dem Anhalten paſſirt hatten, war ein See, voll von ſchmutzig gelbem Waſſer, auf deſſen Oberfläche Bäume, dürres Gras und ei⸗ nige todte Kraniche ſchwammen. Wir glaub⸗
ten während der Kataſtrophe, daß wir am Morgen die meiſten Bäume theils vom Blitze zerſplittert, theils vom Sturme entwurzelt wie⸗ derſehen würden, aber es waren nur wenige um⸗ geworfen und der Blitz hatte keine merkliche Spur zurückgelaſſen. Die an den Wagen vor⸗ gefallenen Beſchädigungen wurden nothdürftig ausgebeſſert, der Erſatz einiger Joche, die wäh⸗ rend der Nacht verſchwunden waren, konnte erſt in Viktoria bewerkſtelligt werden.
Der Zug ging nun durch tiefe Pfützen und grundloſen Koth weiter. Da aber Sonnen⸗ ſchein und Südwind die Prärie ſchnell abtrock⸗ neten, ſo nahm ich die unentbehrlichſten Requi⸗ ſiten vom Wagen, ging voran und erreichte auf pfadloſer Prärie dem Kompaſſe folgend, den Hafen zwei Tage vor der Ankunft der Wagen.
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Volksſagen und Märchen aus Graubünden.
Mitgetheilt von Pl. Plattner. 1. Die wilden Mannli.
Ein wildes Mannli kam einmal vor ein Haus auf Camana in der Mitte des Savien⸗ thales. Eine gaſtfreundliche Frau käſete eben in dem Hausflur. Sie rief das Mannli in ihr Haus, um ihm Molken anzubieten.„Nein,“ ſagte das wilde Mannli,„das darf nicht ſein; ſobald ich unter ein Dach trete, regnet es.“ Die Frau lachte und wollte es nicht glauben; der Himmel war klar und die Familie der Frau eben vollauf mit der Heuernte beſchäftigt. Sie lud das Männlein wiederholt ein, in's Haus zu kommen und Molken zu trinken. Als das
„Männlein noch immer ſich weigerte, ward ſie unwillig, fing an zu ſchmählen und machte ihm Vorwürfe wegen ſeines Hochmuthes. Endlich leiſtete das Mannli Folge, aber kaum war es unter das Dach getreten, ſo flogen Wolken über den blauen Himmel und raſch begann es über die Familie der Frau und ihr Heu in Strö⸗ men zu regnen. Nun glaubte dieſe, es ſei doch das Mannli geweſen, das den Regen gebracht;
darüber heftig erzürnt griff ſie nach dem Ofen⸗
wiſch und jagte das arme Geſchöpflein zum Hausflur hinaus. Das Mannli lief in's Weite auf einen der vielen ſpitzen Feldſteine und rief von dort der Hausfrau drohend zu:„Wart di ärgert's!“ und verſchwand. Der Regen hörte augenblicklich auf und lange blieb heißes, dür⸗ res Wetter. Es entſtand im Thale eine große
dem Mannli erzählt und allgemein begann man zu glauben, ſie ſei ſchuld am Regenmangel. Die Verwünſchungen und Drohungen, die die bedrängten Bauern des Thales über ſie aus⸗ ſtießen, trieben die Arme hinauf in die rauheſten Berge, allwo ſie in Schluchten und Höhlen wohnen mußte. Sie hatte eine fromme Toch— ter; die trugnihr Speiſe zu. Als aber das Vieh auf dem ausgebrannten Boden nicht mehr weiden konnte und der Regen immer noch aus⸗ blieb, wurde der Tochter verboten, ihr Speiſe zuzutragen, mit der Bemerkung, wenn die Kühe verhungern müßten, ſo müßte die Frau, die daran ſchuld ſei, es nicht minder.
Da ging die Tochter auf den ſpitzen Stein, von dem hexab das Mannli den Fluch gerufen, und fing dermaßen zu weinen an, daß die hellen Thränen über den ſpitzen Stein herab zur Erde floßen. Nun erſchien das wilde Mannli wieder, das man ſeit ſeiner Verwün⸗ ſchung nicht mehr auf dem Felde geſehen hatte, und rief huldvoll der frommen Tochter zu: „Luelg),'s regnet; biſt g'ſegnet.“ Ein herrlicher Regenguß und dirauf die Befreiung der Mutter waren die Folge des Zurufes. Das Mannli war wieder verſchwunden.
Eine Felshöhle zu hinterſt im Savien⸗ thale auf der Valätſcheralp wird noch immer „s wild' Mannli's Balma“(Balma= Höhle) genannt. Einſt wohnte ein dienſtfertiges wil⸗ des Mannli darin. Es trieb den Bauern jeden Abend die Kühe von der Weide heim, war, ohne Lohn zu beanſpruchen, ihr treueſter Knecht, und kein Stück der Herde ging verloren, ſo lange es ſie hütete. Da wollten ihm die Bau— ern auch einmal ihren guten Willen zeigen und ſchenkten ihm ein buntes Kleid;'s wild Mannli hatte eine kindiſche Freude darüber und meinte dann, aber jetzt ſei es zu ſchön und prächtig, noch länger die Kühe zu hüten; es verſchwand und kam von da an nicht mehr zum Vorſchein.
Auf der Bruſchgaalp in Savien hatte eine Frau einem wilden Mannli einen Dienſt geleiſtet und von ihm dafür eine Schürze voll Kohlen zum Lohn empfangen; ſie achtete aber der Kohlen nicht und ließ auf dem Heimweg ſie verloren gehen. Da ſagte das Mannli:„Je mehr zerzaſ'ſt(erſtreuſt), je minder de haſt.“ Als die Frau zu Hauſe die einzige ihr übrig gebliebene Kohle beſah, war es Gold; eilig lief ſie den Weg zurück, um die verlorenen
zu ſuchen, konnte ſie aber nicht finden.
Ein anderes wildes Mannli half einem armen Manne Holz ſpalten; dieſem gelang es, das gutmüthige Geſchöpf zu bereden, ſich ſelbſt in eine Holzſpalte einzuklemmen; dann ließ er es im Stich. Das wilde Weiblein kam dazu, ſah des Männleins Noth und ſagte:„Selb than, ſelb han“(Wer was ſelbſt gethan, der trage auch die Folgen davon). Dieſer Aus⸗ ſpruch ward im Thal zu einem Sprüchwort, das
Ein wildes Mannli flocht Körblein aus Moos und hing ſie den erwachſenen Mädchen des Thales vor die Fenſter. Denen, die ihre Körblein hübſch bewahrten, füllte es dieſelben zu weilen Nachts mit ſchönen Erd⸗ und Heidel⸗ beeren; diejenigen, die ihre Körblein verderben ließen, wurden, wenn ſie auf dem Felde bei der Heuernte waren, mit faulen Pilzen beworfen. Dabei hörten ſie des wilden Mannlis helles Gelächter, ohne es ſelbſt zu ſehen oder ſich vor ſeinen Schwämmen ſchützen zu können.
Ein Anderes im Prätigau trieb jeden Abend den Leuten die Ziegen in's Dorf, kam aber nie in eigener Perſon hinunter, ebenſo wenig ließ es ſich droben auf dem Berge vor den Leuten blicken. Es pflegte bei einem Waſſer⸗ troge oberhalb des Dorfes beim Geißenheim⸗ treiben ſeinen Durſt zu ſtillen. Muthwillige junge Leute ſchütteten einmal das Waſſer aus dem Troge aus und goßen dafür Branntwein hinein, um das Männlein dadurch zu fangen. Der muthwillige Streich gelang ihnen. Das Mannli trank, wurde betrunken, machte wun⸗ derliche Sprünge und ging in's Garn.
Ein Anderes in demſelben Thale kam zu⸗ weilen vom Berge herunter, es ging ihm der Ruf voran, daß es ſich gründlich auf die Wahr⸗ ſagerei verſtehe. Es wurde d'rum gleich von allen Leuten um Rath gefragt; dem Bauer, der es des Wetders wegen am dringendſten fragte, gab es den Beſcheid:
„Iſt's Wetter gut, ſo nimm de Tſchopa mit, Iſt's aber laid, chanſt thuen wie d' wit.“ (Iſt das Wetter gut, ſo nimm den Rock mit Dir, Iſt's aber häßlich, ſo kannſt Du thun, wie Du willſt.)
Die Gemeinde Tenna fing einen großen Bären, der ihr viel Schaden zugefügt hatte; ſie wollte ihn dafür grauſam beſtrafen, um an dem wilden Brummer für immer ein Exempel zu ſtatuiren; da trat ein wildes Mannli unter die Verſammlung und ſagte:„s gruſigſt iſt, lant e hürotha;(das Grauſigſte iſt's, wenn ihr ihn heiraten laßt). Die Sentenz des wilden Mannlis wurde von nun an im Munde des Volkes ein Sprüchwort.
Ein wildes Mannli wohnte einſt in der Felshöhle Trockenſtein oberhalb Camana in der Mitte des Savienthales; allwo es ſich eine hübſche Gemſekäſerei eingerichtet hatte. Es hatte eine große Schaar der ſchlanken Grat⸗ thiere gezähmt, ſo daß ſie Abends und Mor⸗ gens von ſelbſt in die Höhle kamen und ſich melken ließen. 1
Ein armes, einäugiges Kind des Thales, welches die Ziegen hütete, fand in der Höhle bei ſchlechtem Wetter Zuflucht und Speiſe. Die Gemskäslein ſeien ſo ſüß, daß ſie einem im Munde zergehen, ſagte es einmal ſeinem Bru⸗ der. Dieſer fragte, wie ſie denn bereitet wür⸗ den. Dieß ſei das Geheimniß des wilden
Trockenheit. Die Frau hatte die Geſchichte mit
ſich bis heute erhalten hat.
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