einer ſolchen Gelegenheit, da die mit Pferden beſpannten Poſtwagen auch ſehr viel zu wün⸗ ſchen übrig laſſen, und dabei ſehr theuer ſind.
Als ich im Jahre 1851 aus dem nordweſt⸗ lichen Texas mich zur Einſchiffnng nach Indian⸗ nola begab, machten zwei ſolche Ochſenwagen dieſelbe Reiſe, um von dort Kaufmannsgüter nach den deutſchen Anſiedlungen zu fahren. Ich benutzte dieſe Gelegenheit um ſo lieber, als ich meine Effekten wohlfeil nach dem Hafen brachte, und unterwegs Zeit erübrigte, mein Herbar anſehnlich zu vermehren.
Mit Anfang März war die ſchönſte Früh⸗ lingswitterung eingetreten, wie ſie nur die an⸗ genehmſten Maitage in Deutſchland haben. Die Bäume in voller Blüthe, hier einzeln, dort in Gruppen, krönten die Hügel der wellenför⸗ migen Prärien, während in den ſanften Thä⸗ lern das üppige Grün der Wieſen ſich ausbrei⸗ tete, und da und dort eine majeſtätiſche Yucca ihre unzähligen blendend weißen Glockenblu⸗ men entfaltete, um mit ihrer königlichen Pracht den beſcheideneren Schmuck der kleinen Kinder Floras zu verdunkeln. In dieſer Jahreszeit hat die Hügelregion von Texas einen eigen⸗ thümlichen Reiz.
Der Nachmittag des 18. März 1851 war drückend ſchwül wie vor einem ſchweren Ge⸗ witter. Wir langten noch lange vor Abend auf einem zum Uebernachten ſehr geeigneten Platze in einem Eichenwalde etwas nördlich vom Spring⸗crcek an. Dieſer Wald glich mehr einer grasreichen Prärie mit einzelnen Eichen von niedrigem Wuchſe.
Als die Ochſen abgeſpannt waren und ihren Hunger mit dem ſaftigen Graſe ſtillten, wir die nöthigen Vorkehrungen zu einem Nachtmahle ebenfalls getroffen hatten, ließen ſich die Vor⸗ zeichen eines großartigen Gewitters nicht mehr verkennen, denn der Himmel überzog ſich, ohne Wolken zu bilden, mehr und mehr mit einem grauen Dunſte; am weſtlichen Horizonte ging dieſer Ueberzug in's Schwarzblaue über, und ließ keinen Strahl der untergehenden Sonne hindurch. Ich machte meine drei Gefähr⸗ ten auf eine intereſſante Gewitternacht auf⸗ merkſam und rieth einige Vorkehrungen an; doch ſie wurden für überflüſſig erklärt, was mich aber dennoch nicht abhalten konnte, meine ſackförmige Hülle aus gefirnißter Leinwand, die mir bei manchem nächtlichen Unwetter im Freien ſchon ſo treffliche Dienſte geleiſtet hatte, in Bereitſchaft zu ſetzen.
Es war überraſchend ſchnell finſter gewor⸗ den, aber unſer von dürrem Eichenholz ſattſam genährtes Feuer leuchtete uns wie Tageshelle zum Nachtmahle; mit ſchwarzem Kaffee, gebra⸗ tenem Speck und Eiern ſammt Maisbrod ſtillte Jeder zur Genüge Durſt und Hunger. In be⸗ haglicher Ruhe um das Feuer gelagert, ergötz⸗ ten wir uns noch lange an der gigantiſchen Lohe, welche die Kuppeln der Eichen rings um⸗ her ſo magiſch ſchön beleuchtete; es war ſo ſtill um uns, nur dann und wann verrieth ein Schel⸗ lenlaut die Nähe der graſenden Ochſen; die
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Nacht ſo rabenſchwarz, aber kein Donner, kein Blitz deutete von fern auf ein nahendes Ge⸗ witter.
Es war bereits 10 Uhr und man begann das Lager zu ſuchen. Ich ſchob zuvor den einen Wagen, welchen ich mir als Obdach gewählt hatte, in eine Richtung, daß er die Rückſeite nach Weſten kehrte, von woher ich den An⸗ lauf des Gewitters vermuthete, barg mich in meine waſſerdichte Hülle, da eine gewöhnliche Wagendecke einen texaniſchen Gewitterguß nicht abzuhalten vermag. Zwei der Gefährten ver⸗ krochen ſich in den andern Wagen, der dritte hüllte ſich in ſeine Wolldecke und ſtreckte ſich ge⸗ mächlich und ſorglos unter den Wagen, welchen ich bewohnte. Wir wünſchten einander eine gute Nacht und wollten uns nun ganz dem er⸗ quickenden Schlafe überliefern.
Da fiel urplötzlich ein Donnerſchlag mit ſolch' fürchterlichem Krachen, daß zwei Ochſen in der Nähe des Wagens zuſammenbrachen und ſich lange auf dem Boden wälzten, ehe ſie vor Schrecken und Angſt brüllend ſich wieder auf⸗ raffen konnten; die Erde zitterte, das Wagen⸗ geräth ſchmetterte und klirrte; von entſprechen⸗ der Intenſität war auch der Blitz. Mehrere Mi⸗ nuten ſchienen Erde und Himmel zu dröhnen, während ein dumpfes Gepolter in geringer Höhe erſcholl, als wenn Felsblöcke auf den Bo⸗ den eines Hauſes fielen. Der unter dem Wa⸗ gen einquartirte Fuhrmann verließ ſein Par⸗ terre, und kroch erſchrocken in den Wagen.
Nun fielen auch einzelne Tropfen, bald aber trommelten ſie zahlreicher auf der Wagen⸗ decke; ſie mußten wenigſtens die Größe von Büchſenkugeln haben, und von jedem drang ein guter Theil in's Innere unſerer Behauſung. Bald ſchoß das Waſſer in Strömen nieder, und löſchte unſere glühenden Kohlenhaufen au⸗ genblicklich aus— da fiel ein zweiter Donner⸗ ſchlag, nicht ſchwächer als der erſte, gleich dar⸗ nach ein dritter, und ſo krachte und blitzte es nun unausgeſetzt fort, daß die rabenſchwarze Nacht in den hellſten Tag umgewandelt war und wir nicht wußten, wie wir die Augen vor dem grel⸗ len Lichte ſchützen ſollten. Zugleich kam ein Sturm aus Weſt angefahren, deſſen Gebrauſe aber von dem ununterbrochenen Knallen und Krachen des Donners übertönt wurde; er brachte unſern Wagen in ſo ſchnellen Gang, als ob ein Geſpann von vier flüchtigen Engländern da⸗ mit im Galopp durchginge, bis er mit einem fürchterlichen Ruck an eine Eiche ſtieß, ich mit aller Wucht vorwärts flog und den vor mir wie eine Raupe zuſammengekrümmten Gefährten ziemlich unſanft gegen den Eingang preßte. So glaubten wir nun wenigſtens ſicher mit unſerm Fahrzeug vor Anker zu liegen. Aber die heftigen Stöße und das von der ſanften Anhöhe herab rauſchende Waſſer brachten unſere rettende Arche in ſo ſchwankende und bedenkliche Bewegungen, daß wir es ge⸗ rathen erachteten, ſie mit den vorhandenen Ket⸗ ten und Stricken an die nicht wankende Eiche zu befeſtigen.
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Einige Ochſen und eine Schaar von Wöl⸗ fen drängten ſich dicht an den Wagen, und ſchienen mit ihrem Brüllen und Heulen von uns Hilfe und Rettung erflehen zu wollen, obſchon mein Genoſſe ſeine Furcht und Angſt mitunter auch ſelbſt ziemlich laut werden ließ und die Mehrzahl ſeiner Ochſen verloren gab. Die Wölfe, deren es in dieſen Gegenden einige Ar⸗ ten und von anſehnlicher Größe gibt, ernähren ſich hinlänglich von Wild oder ſtehlen nur Käl⸗ ber, Ziegen und Schafe; in dieſer ſchreckens⸗ vollen Nacht hatten ſie umſoweniger ein Ver⸗ langen nach Menſchen⸗ oder Ochſenblut. Einige wilde Gänſe, Kraniche und Reiher, die anfäng⸗ lich vielleicht der Schein unſers hochlodernden Feuers in die Nähe gelockt hatte, zeigten nicht die mindeſte Scheu und wären leicht zu fangen geweſen.
Ueber das Schickſal des andern Wagens und ſeiner Bewohner waren wir in vollſtändi⸗ ger Unwiſſenheit, und mußten es auch während des ganzen Tumultes bleiben, da der Trieb der Selbſterhaltung kategoriſch verlangte, un⸗ ſer Gehäus nicht zu verlaſſen. Eine entwur⸗ zelte Eiche, die der Waſſerſtrom an den vordern Wagen angetrieben hatte, ließ uns zu klar er⸗ achten, welch Loos wir im Freien zu gewärtigen hätten.
Zwiſchen zwei und drei Uhr Morgens ließ der Kampf der Elemente in ſeiner Wuth ein wenig nach; kleine Pauſen ließen wieder ein⸗ zelne Donnerſchläge unterſcheiden, aber der Sturm tobte noch fort und erfüllte Alles mit eiſiger Kälte; doch auch er mäßigte ſich endlich, und mit einem letzten Donnerſchlage war es wieder finſter, nur in öſtlicher Ferne polterte grollend das Gewitter von einzelnen ſehr mat⸗ ten weißlichen Blitzen begleitet. Bald war das Waſſer auf dem Boden verronnen; wir verlie⸗
ßen unſer Verſteck, um nach den Kameraden zu ſehen. Nach ziemlich langem Suchen fanden wir den umgeworfenen, mit der Decke an eine Eiche getriebenen Wagen; vor Froſt zitternd und zähneklappernd krochen ſeine durchnäßten Bewohner eben heraus und erzählten, wie ſie bis an die Kniee im Waſſer kauernd ſchreckliche Stunden verlebt hatten. Wir zogen alle nach dem erſten Wagen.
Endlich war der langerſehnte Morgen nach kurzer Dämmerung, wie ſie hier zu Lande dem Tage und der Nacht vorangeht, gekommen; die Sonne erhob ſich am wolkenloſen blauen Himmel und erwärmte wohlthuend die für die Durchnäßten allzu friſche Morgenluft. Die Fuhrleute ſuchten und trieben ihre Ochfen zu⸗ ſammen, zählten ſie, und ſiehe— es fehlte ih⸗ nen kein theures Haupt. Für dieſes Frühſtück blieb es aber bei kalter Küche, denn Feuer an⸗ zu machen, lag außer dem Bereiche der Möglich⸗ keit, ſo lebhaft auch unſer Verlangen nach einem erwärmenden ſchwarzen Kaffee ſein mochte; zudem waren auch einige Blechgeſchirre und Viktualien, die man nach Brauch unter dem Wagen verborgen hatte, in Sturm und Wellen verſchwunden.


