Prairie hin und machte mir das Athmen un⸗ gemein angenehm. Das Gefühl des Froſtes nahm zu, ich hätte gewünſcht, mich an einem Feuer zu wärmen, wozu auch einige kleine Muskit⸗Bäume*) nothdürftig Brennſtoff ge⸗ liefert hätten; ich unterließ aber, Feuer an⸗ zumachen, um nicht die Indianer auf weite Entfernung zur Unzeit in Unruhe zu bringen. Es iſt eine bemerkenswerthe Erſcheinung, daß in dieſen Gegenden während ſtiller Som⸗ mernächte feuchte Nebel über die Prairie hinſchleichen, die oft kaum hundert Schritte breit von geringer Höhe meilenlang ſind. Sie ſind nicht häufig; die von mir beobachteten bewegten ſich von Weſt nach Oſt. Die In⸗ dianer wiſſen bei ihren Angriffen und Ueber⸗ fällen dieſes Phänomen ſtrategiſch trefflich zu benützen. Auf dem Streifen Prairie, über welchem eine ſolche Nebelſchlange hingezogen iſt, hinterläßt ſie am Graſe, auch wenn es be⸗ reits vertrocknet iſt, einen leichten Thau, der aber nach Sonnenaufgang alſogleich ver⸗ ſchwindet. Ich bemerkte mit hoher Freude, daß mein freundlicher Nebel das niedrige halbvertrock⸗ nete Gras ſo bethaut hatte, daß ein darüber hingezogenes Tuch davon ziemlich feucht wurde. Eilig wurde das Hemd vom Leibe genom⸗ men, auf dem Graſe ſchnell umhergeſchleppt und es gab beim Auswinden faſt eine halbe Flaſche der köſtlichſten Flüſſigkeit; ſo füllte ich fünf Flaſchen voll. Da ging aber die Sonne auf und in wenig Minuten war vom Thau im Graſe keine Spur mehr vorhanden. Das naſſe Hemd äußerte ſeine wohlthätige ſtärkende Wirkung ſogleich; ich ſah mit Wonne auf meine gefüllten Flaſchen, obſchon ſich das Getränk weder durch Friſche noch durch Klarheit auszeichnete, da ich ſchon vor mehreren Ta⸗ gen eine nicht gar gründliche Reinigung des Hemdes vorgenommen hatte. Die Iſraeliten konnten ſich kaum glücklicher fühlen und dank⸗ barer zum Himmel aufblicken, als ihnen Mo⸗ ſes in ähnlicher Noth, wenngleich viel rei⸗ neres Waſſer auf wunderbare Weiſe verſchafft hatte. Uebrigens ließ auch der Geſchmack mei⸗ nes Getränkes und ſeine Durſt und Hunger ſtillende Kraft gar nichts zu wünſchen übrig. Da ich erſt am ſpäten Nachmittage nach die⸗ ſem glücklichen Morgen trinkbares Waſſer fand, ſo wurde es mir zur vollſtändigen Gewiß⸗ heit, daß ich ohne dieſes unverhoffte Glück hätte verſchmachten müſſen. Wer im Bereiche der nordamerikaniſchen Wilden reiſet, darf ihren Lagern niemals aus⸗ weichen, ſonſt ſchöpfen ſie gegen ihn Verdacht und ſehen ihn als ihren Feind an. Man muß im Gegentheile ihre Lagerplätze gefliſ⸗ ſentlich aufſuchen, um da als Freund und Gaſt aufgenommen zu werden; in Folge deſ⸗ ſen hat man dann weder von der im Lager befindlichen Abtheilung noch von dem ganzen
*) Algarolia glandulosa. Tore.
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Stamme für Leib und Leben eine Gefahr zu fürchten. Nur gegen ihre Diebereien gibt es auch dann kein anders Schutzmittel, als die ſorgfältigſte Verbergung alles deſſen, was ihre kindiſche Habgier nur im geringſten zu reizen vermag.
Vor meiner Rückkunft an den Llano traf ich am vorletzten Tage ganz unerwartet auf ein Lager der Apackes Meskaleros. Dieſer mir bis dahin ganz unbekannte Indi⸗ anerſtamm iſt wegen ſeiner Raubſucht und Mordluſt berüchtiget und verbreitet beſonders im nördlichen Mexico durch ſeine räuberiſchen Einfälle Furcht und Schrecken weit umher. Die zu Lande nach Kalifornien über Buso del Norte Reiſenden ſind durch die umher⸗ ſchweifenden Horden dieſes Stammes am mei⸗ ſten gefährdet. Ich konnte eine Bande von die⸗ ſem räuberiſchen Wüſtenvolke in der Nähe um ſo weniger vermuthen, als ihr Jagdgebiet über hundert Meilen weſtlicher lag und ſie ſich hier bisher noch nicht hatten blicken laſſen.
Das Lager beſtand aus 13 Zelten, wovon zwölf einen Kreis bildeten und eines, das größte, in der Mitte ſtand; es mochten darunter etwa 70 Individuen mit Einſchluß der Weiber und Kinder wohnen. Zwei eben erlegte Hirſche wur⸗ den abgehäutet, als ich eintrat; die Weiber trugen Brennholz zuſammen, ein ſteinalter ganz abgedorrter Greis zündete das Feuer an, auf welchem das in Stücken zerlegte Wild ge⸗ braten werden ſollte. Den Gebrauch der Zündhölzchen ſchienen ſie noch nicht zu kennen; doch konnte ich die Art und Weiſe, wie ſie beim Feuermachen zu Werke gingen, nicht beobach⸗ ten. Ich ſah nur zwei glimmende Stücke fau⸗ len Holzes ſo lange anblaſen, bis ſie das dar⸗ auf gelegte Gehölz zum Brennen brachten.
Meine Ankunft erregte offenbar unter ihnen großes Erſtaunen; beſonders waren meine Brillen ein Gegenſtand ihrer Bewun⸗ derung. Mein Gepäck und die mancherlei Thiere wurden neugierig betrachtet. Der Um⸗ ſtand, daß ich allein, gänzlich unbewaffnet und ohne Zeichen von Verlegenheit oder Furcht bei ihnen erſchien, machte ſichtlich einen gün⸗ ſtigen Eindruck auf ſie. Als ich mich über den Zweck meiner Reiſe und die Abſicht mei⸗ nes Beſuches bei ihnen auf ihre Fragen, die jeder in einem Indianerlager ankommende Fremde beantworten muß, ſo gut wie möglich gerechtfertigt und jeden Verdacht eines feind⸗ lichen Planes entfernt hatte, bemerkte ich ſchon mit Freude, daß Anſtalten zum Anrauchen der Friedenspfeifen getroffen wurden.
Aus Unkenntniß ihrer religiöſen Begriffe beging ich aber einen in ihren Augen unge⸗ heuern und unverzeihlichen Fehlritt, der meine Lage urplötzlich in eine äußerſt verhängniß⸗ volle verwandelte. Das Feuer hatte die auf⸗ gelegten langen dürren Aeſte beinahe verzehrt, man trug ſtärkeres Holz herbei, auf welchem das bereit liegende Wildpret gebraten werden ſollte. Da ſchob ich, um das Feuer zuſam⸗ menrichten zu helfen, mit dem rechten Fuße
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die Brände von dem Rande mehr nach der Mitte des Feuers. Darin beſtand das ganze Verbrechen, das bald ſchrecklich geahndet wer⸗ den ſollte. Sie ſtießen ſogleich ein entſetzli⸗ ches Geheul aus; ihre kaum begonnene Freund⸗ ſchaft war dahin, ſie ſahen mich mit Blicken voll Zorn und Verachtung an. Drei Lanzen wurden ſchnell zwiſchen mich und das Feuer in die Erde gepflanzt, um mir den Zutritt zu demſelben zu verſperren. Es flimmerte mir vor den Augen, das Haar ſträubte ſich, mir kam es vor, als fühlte ich ſchon das Skal⸗ pirmeſſer an meinem Haupte, das mir bald die Kopfhaut(Scalp) vom Schädel löſen würde. Die Friedenspfeife war verſchwunden, die Kinder und Weiber verſchwanden, ein ſicheres Zeichen, daß eine blutige Execution ſtattfin⸗ den ſollte..
Noch bevor ich mich nur einigermaßen ge⸗ faßt hatte, trat aus dem größeren Zelte in der Mitte der mit mancherlei Zierrath vor den Seinigen ausgezeichnete Häuptling des Lagers zu mir heran; ihm folgte ein brauner Knabe von etwa zwölf Jahren, den, wie ich ſpä⸗ ter von ihm erfuhr, dieſe Wilden in Mexico vor einigen Jahren geraubt, und da kein Löſe⸗ geld für ihn eingelangt war, bei ſich behalten hatten. Er ſollte, wie ich bald ſah, als Dol⸗ metſcher dienen. Obgleich er ſpaniſch beſſer als engliſch ſprach, war doch das Engliſche, weil mir geläufiger, unſer Verſtändigungsmittel. Von der mir ziemlich bekannten Art und Weiſe, durch Mienen und Geberden mit den India⸗ nern ſich zu verſtändigen, wurde ſeit dem Ab⸗ bruche des freundſchaftlichen Verhältniſſes kein Gebrauch mehr gemacht. Der Häuptling ſprach ſehr langſam, aber mit der größten Heftigkeit zu mir:„Du biſt zu uns gekommen ohne Be⸗ gleiter, ohne Waffen und ſucheſt heilſame Kräu⸗ ter, das hat uns gefallen und wir haben Dir getraut.— Aber Du haſt das Kleid des gro⸗ ßen Geiſtes mit Deinem Fuße geſtoßen! Du haſt den großen Geiſt dadurch erzürnt, der uns täglich Wild gibt, der uns täglich ein Stück von ſeinem Kleide von der Sonne herabwirft, damit wir uns das Wild braten und uns im Winter wärmen können! Darum haſſen wir Dich nun wie das Eis im Winter!“ Die übri⸗ gen Wilden hörten anfangs der Rede ihres Anführers, hinter dem ſie zuſammengedrängt ſtanden, ſchweigend und aufmerkſam zu, aber bald erhob ſich ein lebhafter Wortſtreit unter ihnen, der den Redner unterbrach und immer heftiger wurde. Ich fing ſchon an, den Streit mir zu meinen Gunſten zu deuten, aber dieſe Hoffnung ſchwand ſehr bald, da mir der hier⸗ über befragte Dolmetſcher bedeutete, daß ſie lediglich darüber ſtritten, ob mir der rechte oder der linke Fuß als Strafe für die verübte Fre⸗ velthat abgehauen werden ſolle. Einige behaup⸗ teten, es müſſe mir der rechte als der ſchul⸗ dige abgenommen werden, die Anderen dagegen meinten, dieſes Loos müſſe den linken treffen, damit der ſchuldige rechte durch die dann zu tragende doppelte Laſt immerfort büße. Ob
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