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238 ☛ Nach einigem Beſinnen ſagte der Fürſt: „Dieſe Engländer möchte ich früher ſehen, bevor ſie ſich mir als Geſandte vorſtellen; laß ihnen ſagen, daß ich ſie aus beſonderer Gnade gewür⸗ digt habe, mich auf die Jagd zu begleiten, und ſie mögen ſich in einer Stunde fertig halten.“ Dieſe Einladung wurde genau überbracht. Gleich nach der Ankunft des Kapitän Ellis in Calcutta, welcher von dem Zorne des Nabobs und von ſeinem Vorſatze, Calcutta
anzugreifen, Bericht gab, trat der große Rath,
aus einem Collegium der reichſten Kaufleute in Calcutta beſtehend, zuſammen. Da im gegen⸗ wärtigen Augenblicke die Kriegsmacht in Cal⸗ cutta und den übrigen Beſitzungen der Kompagnie in Bengalen ſehr unbedeutend und die Rivali⸗ tät der Franzoſen ſehr drohend war, beſchloß man Alles anzuwenden, um den Nabob indeſſen zu beſänftigen. Zu dieſem Zwecke ließ man Dariman augenblicklich frei und kam über⸗ ein, eine vermittelnde Geſandtſchaft an den Hof von Murchidabad abzuſenden.
Bei dem grauſamen und racheſüchtigen Cha⸗ rakter des Nabob war dieſe Ehre für den mit
ihr Betrauten mit großer Gefahr verbunden.
Ein Mann von Bedeutung und bekanntem Namen mußte dabei ſein. Holwell erbot ſich hochherzig, in dieſer verzweifelten Lage ſeine be⸗ ſondere Sicherheit dem allgemeinen Wohle zum Opfer zu bringen. Es handelte ſich blos um die Wahl ſeiner Begleiter, welche dem Gebrauche gemäß Militär ſein mußten. Die ſehr geringe Anzahl der verfügbaren Soldaten höheren Ran⸗ ges machte es nothwendig, das Gefolge auf das Minimum zu beſchränken. Bei der hierüber gepflogenen Berathung brachte Kapitän Ellis mit aller ihm zu Gebote ſtehenden Beredſam⸗ keit und nicht ohne geheime, leicht zu errathende Abſicht den Vorſchlag zur Durchführung, den durch ſeine Tapferkeit jüngſt mit Recht ſo aus⸗ gezeichneten und neulich zum Offizier beförderten Gentleman Thomas Clive mitzuſenden und ihm irgend einen erfahrenen, muthigen Solda⸗ ten, den man in eine glänzende Uniform ſtecke, mitzugeben.
Und ſo ſehen wir dieſe drei Perſonen als die Geſandtſchaft am Hofe Sarajah Dow⸗ lah's.
Dieſer freute ſich über ſeinen glücklichen Einfall, die von der Reiſe erſchöpften Engländer erſt durch die Anſtrengungen einer großen Jagd zu hetzen und zu ermatten, ehe er ſie zur Be⸗ rathung ihrer Angelegenheiten vor ſich ließe.
Holwell durchſchaute dieſe Abſicht und ſchärfte ſeinen Begleitern ein, ſich ein müdes, verdroſſenes und erſchöpftes Anſehen zu geben.
Sie kamen beim Palaſt des Nabob an, und wurden angewieſen, ſich in den Hof zu be⸗ geben, wo der ganze Jagdzug der Erſcheinung des Gebieters entgegenharrte.
Nachdem ſie hier einige Minuten gewartet hatten, erſchien„die Lampe der Reichthümer“ (was Sarajah Dowlah indiſch bedeutet) mit aller den orientaliſchen Luxus erſchöpfenden Pracht. Die Engländer ſchloßen ſich dem
prachtvollen Zuge als Nachtrab an, da ihnen offenbar kein anderer Platz angewieſen war; und in dieſer demüthigen Stellung folgten ſie dem hohen Gebieter und ſeinem Gefolge. Nach etwa zweiſtündigem Ritte befanden ſie ſich auf einer freien Ebene, die in der Ferne von einem dunklen Walde begrenzt war.
Einige tauſend Treiber hatten um den Wald einen ungeheuren Kreis gebildet. Der Fürſt und ſein Gefolge ſtellten ſich in einiger Entfernung vor demſelben auf. Auf das ge⸗ gebene Signal begann fern und nah ein furcht⸗ barer Lärm von Menſchenſtimmen, Trommel⸗ wirbel, Blechgeraſſel, untermiſcht von Flinten⸗ ſchüſſen und Hundegebell.
Auf Thomas und Schrubbs machte dieſe nie erlebte Szene einen lebhaften Ein⸗ druck. Aufgeregt harrten ſie athemlos der Dinge, die da kommen ſollten, und hielten ihre gut geladenen Musketen, mit denen ſie ſich auf Holwells Anweiſung verſehen hatten, ſchuß⸗ gerecht.
Bald zeigte ſich auch der Vortrab des Wil⸗ des. Es waren kleine Gazellen, die ſcheu aus dem Verſteck des Waldes hervorliefen, um in der Ebene Schutz zu ſuchen, wo ſie indeß einen ſchnellen Tod fanden. Den Gazellen folgten Rehe und Hirſche in großer Anzahl. Plötzlich ertönte der Ruf:„ein Tiger, ein Tiger!“ Jetzt begann ſchon die Jagd ernſter zu werden. Da kniſterte es hörbar in den Zweigen, ein ſchwar⸗ zer Koloß ward ſichtbar, und langſamen S tes kam ein Elephant zum Vorſchein. t Tiger wich knurrend zur Seite, der Elephant bewegte ſeinen Rüſſel nach ihm. Da die Beſtien zögerten, in Schußweite zu kommen, ſo winkte der Nabob und ein Dutzend Reiter ſprengte im Halbkreiſe vor, um ſie in der Nähe anzugreifen. Sie ſchoſſen ihre Flinten ab und ſprengten eilends zurück, um wieder zu laden. Der Tiger war verwundet; der Elephant bewegte ſich nicht von der Stelle, und beſchrieb mit ſeinem Rüſſel große Kreiſe in der Luft, die immer ſchneller und ſchneller wurden; das Thier ſchien ſich zu einem wüthenden Angriff ermuthigen zu wollen. Der Tiger wurde vollends getödtet, die anderen Thiere fielen zahlreich. Der Ele⸗ phant, von mehreren Flintenkugeln getroffen, zog entmuthigt ſeinen Rückzug an.
Der Nabob gab ein zweites Signal, die Treiber aufzufordern, ihre Kette enger zu ſchließen. Es geſchah, und neue Schwärme von Waldbewohnern brachen hervor, unter ihnen zwei Tiger, ein Leopard, zwei Löwen und der vorhin erwähnte Elephant. Dieſe Erſcheinung verurſachte eine außerordentliche Bewegung auf der ganzen Linie. Die Thiere, durch den unge⸗ wohnten Anblick aufgeregt, ſtürzten gerade auf ihre Feinde los. Thomas und Schrubbs waren beide von zu feuriger Natur, um von dieſer allgemeinen Aufregung nicht hingeriſſen zu werden.
Es iſt etwas Großartiges in der Szene einer indiſchen Jagd! Der dumpfe, wilde Lärm im Walde, das Wiehern der Roſſe, das Gebrüll
der wilden Thiere, das Bellen und Heulen der Hunde, die lang hingezogenen und ſchmettern⸗ den Trompetenſtöße, das Krachen der Gewehre, der Anblick der durch den Lärm herangelockten, ſcheu hervorſpringenden Beſtien, alles trägt dazu bei, den Kampfluſtigen im höchſten Grade auf⸗ zuregen.
Thomas und Schrubbs blieben daher keine müßigen Zuſchauer, ſie ſtürzten dem Leo⸗ parden entgegen und zerſchmetterten ihm mit wohlgezielten Schüſſen den Schädel. Das Ge⸗ metzel wurde jetzt im höchſten Grade ernſthaft. Die beiden Tiger, zwei Beſtien von ungewöhn⸗ licher Größe, obwohl von mehreren Kugeln ge⸗ troffen, brachen mit rieſigen Bogenſprüngen in die Reihe der Schützen. Die Jagdunterhaltung erhielt jetzt den Charakter der größten Verwir⸗ rung; da ſtürzte ein Pferd, da ergriff ein Tiger einen Reiter rücklings am Nacken, daß dieſer bluttriefend, rettungslos zu Boden ſtürzte. Die ungeheuren Staubwolken hatten das Zielen nach den am meiſten gefürchteten Löwen er⸗ ſchwert. Dieſe königlichen Thiere wandten ſich gerade, als hätten ſie ſich einen ihrem Range gemäßen Gegner geſucht, gegen den Elephanten des Fürſten, der im Augenblicke der größ⸗ ten Verwirrung ohne Bedeckung war, nur Schrubbs und Thomas befanden ſich in ſeiner Nähe. Der Fürſt hatte bereits mehre
Schüſſe auf den ihm verfolgenden Löwen abge⸗
feuert, ohne ihn zu treffen, und der Löwe, immer
mehr gereizt, mit einem Satze den Rücken des Elephanten erreicht. Thomas, die Gefahr,
in welche der Nabob gexieth, bemerkend, ſprengte heran und feuerte ſein eben geladenes Gewehr ſo glücklich auf den Löwen ab, daß er durch
das Auge in’s Gehirn getroffen wurde und ſtürzte. Er wälzte ſich brüllend im Sande, wo
er bald verendete. Durch die überſtandenen Schrecken abgeſpannt und ermüdet, ließ nun
der Nabob das Zeichen zur Beendigung der
Jagd geben. Die ordnungslos umherſprengen⸗ den Reiter ſammelten ſich um ihn; auch die
Engländer fanden ſich wieder. Nachdem die
Einſammlung der erlegten Thiere angeordnet war, trat der Fürſt mit ſeinem Gefolge den Rückweg an.
15.
Dießmal hatten die Engländer die hohe Begünſtigung, in der unmittelbaren Nähe des Nabob zu reiten, was nicht ſo ſehr des guten
Dienſtes wegen, welchen Thomas ihm gelei⸗
ſtet, geſchah, als vielmehr in der Abſicht, ſich an der Erſchöpfung, welche durch die Anſtren⸗ gungen der Jagd, durch die Hitze und den Staub, dem die Geſellſchaft ausgeſetzt war, einen hohen Grad erreicht haben mußte, zu weiden; wenigſtens wurde des lebensgefährlichen Vor⸗ falls und der glücklichen Rettung keine Er⸗ wähnung gethan, und der Fürſt gab ſich den Anſchein, als wäre dieſer ihm geleiſtete Dienſt ganz gleichgiltig.


