Heft 
(1858) 8 08
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Glück dadurch geworden, daß er jetzt in der Fa⸗ milie Holwell's mit Auszeichnung behandelt wurde und oft Gelegenheit hatte, mit Julie Murray zuſammen zu treffen, die er bis jetzt, als ihm zu hoch ſtehend, mit einer heiligen Scheu nur von der Ferne verehrte. Und ſie ſchien wie eine Ahnung das Gemüth des Jünglings erfüllte ſie ſchien ihn mit Theilnahme zu bemerken. Wohl kannte er ihr Verhältniß zu dem Kapitän Ellis, aber er wußte auch daß ſie dieſen Mann verabſcheue. Als Offizier konnte er dem Kapitän entgegentreten, und er wollte es; dieß ſchwor er ſich. Thomas hatte ſein Herz an Julie verloren. Ja, ſeit jenem Abenteuer im Parke war die holde Erſcheinung des liebenswürdigen Mädchens das Ideal ſei⸗ ner ſtillen Träume geweſen. Jetzt ſchien das Schickſal ihn plötzlich auf eine Stufe zu heben, wo ſeine kühnen Hoffnungen ihm in immer klareren Umriſſen erſchienen. Alle Umſtände begünſtigten ſeine Wünſche. Holwell's Fa⸗ milie ſchien ein eigenthümliches Intereſſe zu haben, Thomas und Julie näher zu brin⸗ gen. Der Oberſt, Ju liens Vater, hatte, nach Cliven's Abenteuer im Keller, denſelben, nie⸗ mand wußte wohin, begleitet, und ſo war oft Gelegenheit vorhanden, daß Julie und Tho⸗ mas in Berührungen kamen, in welchen das Herz leicht alle Rückſichten der äußeren Verhält⸗ niſſe vergißt.

Julie ſaß eines Abends in einer Laube des Gartens und ſang ein Lied der Heimat. Thomas erging ſich zufällig in der Nähe der Laube. Wie ſehr mußte Thomas dieſes Lied von dieſer ihm bekannten Stimme rühren und ergreifen! Er ging näher, immer näher, wie von einem Zauber angezogen und endlich endlich, war er nah ganz nah und ſeiner nicht mehr mächtig lag er zu Juliens Füßen. Sie ſchreckte auf, als ſie ihn plötzlich vor ſich ſah.Was beginnen Sie? rief ſie,dieſe Stel⸗ lung.O, laſſen Sie mich in dieſer Stellung, rief er begeiſtert.Bei jenen ewigen Sternen dort am Himmel, Julie, verſchmähen Sie dieſe Hand nicht, die getrieben von einem unbezwing⸗ baren Gefühle ſich Ihnen entgegenſtreckt. Nein, und müßte ich ſterben und vergehen, das Geheimniß meiner Seele, ich kann es nicht länger verbergen, ich kann es nicht länger in mir verſchließen das Geſtändniß, daß ich Sie heiß und innig liebe. Ich habe gekämpft gegen dieſes Gefühl, aber vergeblich, es iſt ſtärker als meine Kraft. Julie hörte ihn mit glühendem Erröthen und mit reizender Verwirrung da ertönte ein ſchneidendes Hohngelächter am Ein⸗ gange der Laube. Beide erſchreckt wandten ſich dahin. Thomas ſprang auf Kapitän Ellis, unerwartet von Calcutta, wo er im ge⸗ heimen Auftrage der Regierung war, zurückge⸗ kehrt, ſtand vor ihnen. Es gab eine heftige Szene; die Herausforderung zum Zweikampfe wurde vom Kapitän nicht angenommen.Doch, ſagte Ellis, nachdem die Aufregung ſich etwas gelegt hatte,ich komme ſoeben von der Haupt⸗ ſtadt Sarajah Dowlas, und bin der leber⸗

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bringer von wichtigen Depeſchen, deren Inhalt iſt, daß Calcutta in kürzeſter Zeit von der ge⸗ ſammten Macht des Fürſten angegriffen werden wird. Unſere Streitmacht iſt ſo gering, die drohende Gefahr ſo groß, daß es dem Ganzen ſchädlich wäre, einen von uns zu tödten oder kampfunfähig zu machen. Sehen wir, wer von uns heimkehrt.

In dieſem Augenblicke traten Holwell, der alte Clive und Murray in den Garten. In lie hatte ſich gleich im Anfange dieſes pein⸗ lichen Auftrittes entfernt. Kapitän Ellis theilte Holwell ſogleich das wichtige Ergebniß ſeiner Sendung mit und begleitete ihn in's Haus. Clive ſchloß ſich ihnen an. Murray freute ſich der Gelegenheit, Thomas den ihm noch ſchuldigen Dank auszuſprechen, überhäufte ihn mit Lob über ſeinen ſo ſchnell erlangten Namen, theilte ihm die guten Abſichten ſeines Verwandten mit, der auch ſein Freund ſei, und erzählte das auch ihm bekannte Abenteuer im Keller, wodurch Thomas über das Betragen ſeines Verwandten einige Aufklärung erhielt. Wenn Sie ſeine Geſchichte ganz kennen wer⸗ den, werden Sie ihn bemitleiden und entſchul⸗ digen, Sie werden ihn lieben, ja Sie werden es nicht verweigern, noch heute Nacht einen ge⸗ fahrvollen Gang für ihn zu machen, durch den ſeine todtgeglaubte Tochter ihm wieder zugeführt werden ſoll.

Seine Tochter! rief Thomas er⸗ ſtaunt aus.

Ja, ſeine Tochter, erwiederte Murray, wir rechnen auf Ihren Beiſtand. Kommen Sie mit mir, damit ich Sie mit dem Vorhaben bekannt mache. Sie gingen.

Eine Stunde vor Mitternacht begaben ſich der ältere und jüngere Clive, Schrubbs und Oberſt Murray in indiſcher Kleidung, das Geſicht mit der Farbe der Eingebornen ge ſchminkt, nach dem von Dariman bezeichneten Aufenthaltsorte Sakuntala's, nach der von den Bajaderen bewohnten alten Pagode. Clive gelang es ſowohl durch ſeine Kenntniß der Braminenſprache, als auch durch ſein Gold einen Prieſter zu gewinnen, der ihn zu ſeiner Tochter brachte, zwar nicht ohne Gefahr, denn Dariman war auf die vom Capitän Ellis gebrachten Inſtruktionen ſogleich auf freien Fuß gelaſſen und beeilte ſich, die ihm erpreß⸗ ten Geſtändniſſe über Sakuntala's Schickſal und die angegebenen Mittel zu deren Befreiung unwirkſam zu machen.

Sakuntala, die ſich ohnehin nach irgend einer Art der Erlöſung ſehnte und in ihren trübſeligen Stunden der Einſamkeit mit Weh⸗ muth an die glücklichen Tage ihrer freien Be⸗ wegung in den Gebirgen des Himalaja dachte, wäre mit Freuden jedem Erretter aus dieſem ihr verhaßten Orte gefolgt, um ſo mehr dem Manne, der ſich ihren Vater nannte. Nie em⸗ pfundene Gefühle wogten in ihrem Buſen, die Dämmerung einer ſchönern Zukunft erſtieg ihrem innern Blicke und willig gab ſie ſich der Leitung der drei Männer hin, obſchon ſie nicht

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ohne geheimen Verdacht den dienſtfertigen Bra⸗ minen betrachtete.

Schon mochten ſie hundert Stufen hinab⸗ geſtiegen ſein, als ſie plötzlich Fackelſchimmer ſahen und das Geräuſch von Tritten ſo wie Menſchenſtimmen hörten, die dumpf und wild zu ihnen hinaufdrangen. Das Blut gerann ihnen zu Eis. Sie befanden ſich jetzt, wie ſie in der Dunkelheit durch ihr Gefühl bemerkten, auf einem ebenen Boden, doch erkannten ſie aus dem von unten kommenden Lärm, daß ſie den Fuß der Pagode noch nicht erreicht hatten.

Wir ſind verrathen und verloren, ſchrie der Bramine,doch halt! nur Muth! Er taſtete ſuchend an der Mauer, wo er eine Thür fand, die ſeinem Drucke nachgab. Er zog ſeine Be⸗ gleitung in ein finſteres Gemach. Athemlos harrten ſie hier und hörten bald das Geräuſch der Tritte ihrer Feinde an ihnen vorüber⸗ ſtürmen.

Als dieſes verhallt war und das Gefühl unausſprechlicher Erleichterung die Flüchtenden belebte, führte ſie der Bramine lautlos und höchſt vorſichtig auftretend die Treppe hinunter, wo Schrubbs und Murray in einiger Ent⸗ fernung von dem Gebäude in einem ſicheren Verſtecke mit mehreren Palankins ihrer ängſt⸗ lich harrten. Sie ſetzten ſich ein, die Vorhänge wurden niedergelaſſen, die Verkleidung und die Nacht ſchützte ſie vor neugierigen Blicken, und ſo zogen ſie von dannen, als ſchon der Morgen⸗ ſtrahl mit majeſtätiſchem Glanze die fruchtbaren Fluren Bengalens zu erleuchten anfing.

14.

Am Hofe Sarajah Dowlah's, des Nabobs von Bengalen, bereitete ſich ein großes Feſt vor; eine ungewöhnliche Regſamkeit unter den geſchäftigen, reichgekleideten Dienern ließ aus den Zurüſtungen erkennen, daß eine Jagd abgehalten werden ſollte. Der Fürſt wollte auf die Jagd. Edle Roſſe von arabiſcher Zucht wur⸗ den von einer Schaar Krieger, zahme Leoparden von nackten Indianern durch Stricke gehalten.

Der Fürſt, ein Despot vom reinſten Waſſer, etwa 35 Jahre alt, zeigte auf dem Geſichte die Spuren von Ausſchweifungen und groben Lei⸗ denſchaften; die purpurroth gefleckte, angeſchwol⸗ lene Naſe und die Furchen ſeines blaßgelben, knochigen Geſichtes waren ein deutliches Zeug⸗ niß ſeines innern Gehaltes. Sein langer, ſchwarzer, hornförmig herabhängender Schnurr⸗ bart gab ſeinem Geſichte das echte Gepräge der Gemeinheit.

Während er in ſeinem Gemache der Mel⸗ dung zum Aufbruche der Jagd harrte, trat ein Diener ein, der ihm eine ſoeben aus Calcutta angelangte Geſandtſchaft meldete.

Und iſt Dariman unter ihnen? fragte der Fürſt haſtig.Daxriman mit der ſchönen Sakuntala?

Er iſt nicht mit unter ihnen, entgegnete der Angeredete..