Heft 
(1858) 8 08
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fallen, weil ich den Deckel davon gezogen; der andere will ihm folgen.

Legt den Deckel über das Faß, damit ich in den Keller hinabſteigen kann, ſagte die Stimme des alten Clive, welche Schrubbs bekannt zu ſein ſchien.

So, bemerkte Schlurpy,ſonſt gar nichts? Den Deckel über das Faß, und was wollt Ihr dann beginnen?

Legt den Deckel über das Faß! wieder⸗ holte Clive in gebieteriſchem Tone ſich an Schrubbs wendend,Ihr ſolltet mich doch kennen; ſobald ich unten bin, werde ich Euch alles erklären. Ich habe mit jenem Indier da unten eine blutige Rechnung abzumachen. Aus Furcht vor mir iſt er aus ſeiner Haft in dieſen Keller durchgebrochen, aber er ſoll mir nicht entgehen; raſch, helft mir, ich werde Euch's danken.

Schrubbs, welcher jetzt den Sprechenden erkannt hatte, legte den Deckel auf das Faß, und Clive ſtieg hinunter.

Zetzt, ſagte er zu Schrubbs,laßt mich mit dieſem Elenden allein; er iſt ein Mörder vom Scheitel bis zur Zehe. Dieſer Mann hat mir Weib und Kind auf die grauſenvollſte Weiſe gemordet und mich ſelbſt gemißhandelt, das Alles in einer Art, daß ſich der Mund ſträubt, es zu erzählen. Die Aufgabe meines Lebens findet jetzt ihre Löſung. Hier, Elen⸗ der, rief er Dariman zu, denn dieſer war der entwichene Gefangene,nimm dieſe Waffe und verkaufe Dein verruchtes Daſein, ſo theuer Du kannſt.

Mit dieſen Worten ſchleuderte er ihm einen langen Dolch vor die Füße, und zog einen gleichen aus einer Scheide.

Dariman hob die Waffe auf; Clive winkte Schrubbs und Schlurpy ſich zu ent⸗ fernen.Sagt Thomas Clive, daß dieſer, mit dem ich jetzt kämpfe, die Schuld trägt von meinem Wahnſinn und von meiner Menſchen⸗ ſcheu, und daß ich ihm, wenn ich falle, zwei Dinge zurücklaſſe: mein ihm teſtamentariſch be⸗ ſtimmtes Vermögen und blutige Rache an dem Bruder dieſes Scheuſals, der gleich grauſam handelte wie dieſer.

Schlurpy entfernte ſich ſcheu und angſt⸗ voll und Schrubbs befeſtigte erſt eine bren⸗ nende Fackel in einen Mauerriß, wodurch der Kampfplatz beleuchtet wurde. Beide begaben ſich in die Vorhalle des Kellers und lauſchten hinter der geſperrten Thüre athemlos in tödt⸗ licher Erwartung dem Ausgange dieſes nächt⸗ lichen Duells.

Nun, ſchrie Clive wüthend,Deine Stunde iſt da, es gilt jetzt zu ſterben.

Halt, ſchrie Dariman,laß Dich war⸗ nenen, die Waffe, die Du mir nach dem Ge⸗ brauche Eueres Volkes zu meiner Vertheidigung gegeben, würde mir Dir gegenüber wenig nützen; aber mein Dolch birgt ein tödtliches Gift, das Dich unrettbar verdirbt, wenn er Dich nur ritzt. Bedenke, ehe Du auf mich

Deine Drohung kann mein Rachegefühl nicht ſchwächen, Elender! ſchrie Clive;da Du aber im Vortheile biſt, ſo will ich den Kampf ausgleichen. Dabei zog er ſich einige Schritte vorſichtig zurück, den Blick auf den Gegner ge⸗ richtet. Dieſer ſchien auch einen Plan zu haben; er machte einen Schritt ſeitwärts nach dem Orte, wo ſich die Fackel befand.Ha, ſagte der Alte,die Schlange traut nicht ihrem Gifte allein, ſie will noch Liſt anwenden. Du glaubſt in der Dunkelheit ſicherer zu ſein als beim Lichte.

Wieder zog er ſich einen Schritt zurück und wieder näherte ſich dariman der Fackel. Ob⸗ ſchon im Bewußtſein des Vortheils, der ſeinem Gegner keine Hoffnung ließ, ohne Verletzung, alſo ohne ſicheren Tod davon zu kommen, war Dariman doch voll Unruhe und Angſt über das ruhige Rückſchreiten ſeines Feindes. Was konnte dieſer noch ſuchen, was konnte er noch exſinnen? Die Todesfurcht erſchütterte den Indier, ſeine Augen rollten wild und hilfe⸗ ſuchend umher. Clive benützte dieſe Schwäche des Feindes, griff raſch nach dem mit einer Handhabe verſehenen Deckel des Malvaſier⸗ faſſes, welcher breit, dick und von ſchwerem Eichenholze war, und warf ihn mit Blitzes⸗ ſchnelle und mit aller Kraft auf ſeinen Gegner, daß dieſer vor Schrecken und Ueberraſchung zu⸗ ſammenſtürzte und beide Dolche ihm entfielen. Mit gleicher Schnelle warf ſich Clive auf ſeinen Feind, den er bei der Kehle packte und ihn ſo zur flackernden Leuchte ſchleppte, wodurch ihm die Möglichkeit genommen wurde, eines Dolches habhaft zu werden.

Jetzt habe ich Dich, Schurke, in meinen Händen, rief Clive in wilder Freude,aber Du ſollſt nicht mit Einem Male ſterben, Du erbarmungsloſer Mörder meiner Liebe, meines Glückes! Rufe Dir alle Gräuelthaten Deines verruchten Lebens zurück! Denke daran, wie Du und Deine Brüder mit feiger, tückiſcher Liſt mich überfielet, mich und Menaſatha's Tochter, dieſes himmliſche Weſen, in Feſſeln legtet! Wie Ihr mich nackt unter der glühenden Sonne an den Pfahl bandet, daß die Stricke blutig in mein Fleiſch ſchnitten! Erinnerſt Du Dich, hölliſcher Teufel! ſchrie jetzt Clive in wahnſinniger Wuth,wie Ihr ſie vor meinen Augen lebendig begrubt, nachdem ſie unter den größten Schmerzen ein Kind zu früh geboren? Nur ich ward von einer vorüberziehenden Truppe Europäer gerettet, ich ward gerettet zur Rache!

Bei jedem Wuthausbruche des Sprechenden klemmten ſich ſeine Finger tiefer in das Fleiſch des Beſiegten, welcher nun ſtöhnend ausrief: Halt, bei dem Leben Deines Kindes, halt ein! Du haſt eine Tochter, die ich um den Preis meines Lebens in Deine Hände liefern will!

Eine Tochter! was ſagſt Du, eine Toch⸗ ter! rief Clive überraſcht, indem er ſein Opfer fahren ließ.

Ja, Deine und Menaſatha's Toch⸗ ter lebt! Du trauſt mir nicht, ſo traue Deinen

losgehſt: Du ſtirbſt mit mir.

Augen, wenn Du Sakuntala ſiehſt.

In dieſem Augenblicke traten Schrubbs und Schlurpy vorſichtig in den Keller, über⸗ raſcht, die Beiden noch lebend im heftigen Ge⸗ ſpräch zu finden.

Nun, es ſei denn, rief Clive Dari⸗ mann zu,vorwärts, in Dein Gefängniß zurück, daß ich die Wahrheit Deiner Angabe unterſuche. Beide ſtiegen jetzt auf einer ange⸗ legten Leiter, die im Keller war, in das Ge⸗ fängniß zurück und auch die beiden Kellerfreunde verließen voll Verwunderung den unterirdiſchen Raum.

Zur Verſtändigung des plötzlichen Zuſam⸗ mentreffens des alten Clive mit Dariman im Keller iſt noch zu bemerken, daß erſterer bei einem Spaziergange mit dem Obr. Murray im großen Parke des Holwell'ſchen Hauſes hinter dem Eiſengitter eines Zimmers im obern Stockwerke ein Geſicht erblickte, welches ihn augenblicklich zum Wahnſinn trieb. Oberſt Murray eſſchrak über die plötzliche Verände⸗ rung ſeines Freundes, erſt als dieſer ihm ſein Verhältniß zu dem Gefangenen mittheilte, be⸗ griff er ihn. Clive, außer ſich vor Wuth, erklomm mit Hilfe einer Leiter die hohe Mauer und drohte den Gefangenen zu ermorden; er riß wüthend an den Eiſenſtäben, während der Gefangene ſich ſcheu in den Hintergrund des Zimmers verkroch.

Biſt Du mir ſo nahe, Elender, ſo entgehſt Du mir nicht! Wenn es mein ganzes Vermögen und mein Leben koſtet, ich dringe noch heute zu Dir. Erwarte mich, Elender! ſchrie Clive, ſich wieder entfernend.

Dariman ſuchte vergeblich den ganzen Tag über einen Ausweg; er bohrte mit ſeinem Dolche um die Eiſenſtäbe des Gitters, um ſie zu löſen, aber vergebens. Nach anhaltendem und ſtrengem Forſchen und Suchen bemerkte er unter der zu ſein w Lager ausgebreiteten Decke mit ſtarken Ler, beſchlagene Dielen. Er löſte dieſe Leiſten leie, Als die Eiſenſtäbe am Gitter und entdeckte ſeiner großen Freude eine verſchlagene F. re, welche in ein finſteres, ihm unbekannte zale führte;

ſchon hörte er vor ſeiner Thüre e Schritte, ſchon ſah er ſich unvermeidlich in. Händen ſeines Feindes, als er ſich in den K hinab⸗

ließ, wohin ihm Clive folgte.

13.

Thomas Clive erhielt nach ſeiner Ge neſung aus der Hand des Kommandierenden für ſeine auf dem Schiffe im Kampfe mit den Korſaren bewieſene Tapferkeit durch den Ein⸗ fluß Holwell's und Clive's das Offiziers⸗ patent nebſt einer Anweiſung auf eine vollſtän⸗ dige Offiziersequipage.

Thomas, voll freudiger Ueberraſchung über das unerwartete Glück, wäre doch zu ſtolz geweſen, dieſe ihm unverdient ſcheinende und durch fremden Einfluß erlangte Auszeichnung

zu behalten, wäre ihm nicht noch ein höheres