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ten, über welche ein gewiſſes Dunkel ſchwebe; wie er beim Spiele die Bekanntſchaft des Kapi⸗ tän Ellis machte, der bei einem indiſchen Re⸗ gimente diene, den niedrigſten und abſcheulich— ſten Charakter habe und ein ungeheures Vermö⸗ gen beſitze; wie dieſer, dem die damals fünfzehn⸗ jährige Tochter beſonders gefallen habe, dem Va⸗ ter unter der Bedingung aus der Noth geholfen, daß die Tochter ihm gehören ſolle. Jetzt habe er ſeine Braut von London geholt, um ſich hier mit ihr zu vermälen.„Nun ſcheint es mir,“ ſchloß er ſeine Erzählung,„daß Julie ſich durch dieſe Verbindung nicht glücklich fühlt und ſehr trüb⸗ ſelig in die Zukunft blickt. Sie klagt zwar nicht offen und zwingt ſich heiter zu ſein, aber meine Töchter bemerken, daß ſie feuchte Augen hat, wenn ſie allein getroffen wird.“
„ Das iſt freilich traurig,“ erwiederte Clive;„ſollte aber nichts geſchehen können, ſie den Armen eines unwillkommenen Freiers zu entziehen?“
„Er hat das Wort ihres Vaters, und wie ich ſchon ſagte, es müſſen beſondere Verhält⸗ niſſe zwiſchen Beiden obwalten, die den Einen ganz in die Gewalt des Andern geben.“
„Ich werde mit ihr ſelbſt ſprechen,“ ſagte Clive. Beide begaben ſich hierauf in das Wohnhaus. Zur Verſtändigung des Vorher⸗ gehenden iſt noch zu erwähnen, daß Thomas, als er nach überſtandenem Kampfe mit den Korſaren aus ſeinen Wunden blutend auf dem Schiffe zuſammengeſunken war, in das Schiffs⸗ lazareth zugleich mit den anderen Berwundeten gebracht wurde.
Aber der Raum daſelbſt war ſo beſchränkt, die Hitze ſo unerträglich, die Luft ſo verpeſtet, daß ſein Zuſtand ſich immer mehr verſchlim⸗ merte. Die glühende Sonne Indiens, in die⸗ ſer Jahreszeit von keinen⸗ Lufthauch gekühlt, durchdrang alle Räume des Schiffes, ſo daß die Kranken eine wahrhaft hölliſche Qual auszuſte⸗ hen hatten. Dank der Theilnahme des alten Clive, wurde Thomas, als der Alte von ſeiner Lage Keuntniß bekam, ſeinem traurigen und tödtlichen Aufenthalte entzogen und nach einem Raume gebracht, welcher für höhere Militärs im Erkrankungsfalle beſtimmt war. Schrubbs, der ſeine Pflege übernahm, er⸗ hielt die Erlaubniß, ihn ungehindert zu beſu⸗ chen. Doch die Ortsveränderung, die im An⸗ fange vielleicht einen günſtigen Einfluß auf den Zuſtand des Kranken genommen hätte, würde jetzt ſchon, bei dem gefährlichen Grade der Krank⸗ heit wirkungslos geblieben ſein, wenn nicht end⸗ lich eine wohlthätige Temperaturveränderung eingetreten wäre. Ein heftiges Gewitter, beglei⸗ tet von einem kurzen Sturme und von einem reichlichen, erfriſchenden Regen, reinigte die Luft; eine erquickende Kühle fächelte mit dem Hauche rettender Engel die brennenden Stirnen der Kranken. Thomas, der bewußtlos im heftig⸗ ſten Fieber lag, empfand die belebende und er⸗ quickende Wirkung der kühlen Luftſtrömung, und wenn er ſekundenlang den matten Blick aufſchlug, ſah er ein holdes Antlitz über ſich
gebeugt und fühlte die leiſe Berührung einer zarten Hand auf ſeiner glühenden Stirne. Die beſeligende Empfindung dieſes Augenblickes, unterſtützt von der ihn umgebenden reineren und friſcheren Luft, blieb während der ganzen Dauer ſeiner Krankheit in ihm wach.
Julie Murray hatte den Augenblick benützt, in welchem alle Schiffsbewohner auf's Verdeck eilten, um die friſche Luft in großen Zügen einzuathmen, Thomas in ſeinem Zim⸗ mer auf einen Augenblick zu beſuchen. Sie ver⸗ weilte mit inniger Theilnahme einige Sekun⸗ den an ſeinem Bette.
Auch der alte Clive wurde immer mehr für ſeinen jungen Verwandten eingenommen; hörte er doch von Jedermann das Lob dieſes jungen Helden, denn der Ruf von ſeiner Ta⸗ pferkeit in jener ſchrecklichen Nacht war in Aller Munde.
Unterdeß ſegelte das Schiff mit dem gün⸗ ſtigſten Winde dem Orte ſeiner Beſtimmung zu und kam in kurzer Zeit auf der Rhede von Calcutta an.
Der alte Clive wählte als Aufenthalts⸗ ort das Haus ſeines Freundes Holwell. Zufällig war auch Julie M urray an die⸗ ſen empfohlen worden; auch Thomas wurde auf Verwendung des Alten zu Holwell ge⸗ bracht und ſtand, wie bisher, unter der beſon⸗ deren Pflege ſeines treuen Erziehers Schrubbs.
Thomas' Geneſung ging hier unter den günſtigen Verhältniſſen raſch von Statten;— er wurde zuweilen von dem ihm am Kranken⸗ bette erſchienenen Engel beſucht und gewöhnte ſich auch allmälig an die Geſelſſchaft ſeines alten Verwandten Clive.
12. Schrubbs befand ſich im Hauſe des un⸗
gewöhnlich reichen Holwell vortrefflich; be⸗ ſonders kam ihm der Umſtand gut zu Statten, daß er unter dem Dienerperſonale des Hauſes einen Landsmann Namens Schlurpy traf, welcher die Aufſicht über den Holwell'ſchen Weinkeller führte.
Eines Abends wurde Schrubbs von ſei⸗ nem Freunde angegangen, ihm, dem Keller⸗ meiſter, beim Abziehen einer Tonne Malvaſier behilflich zu ſein, welcher Arbeit er ſich mit aller Bereitwilligkeit unterzog. Beide begaben ſich in den Keller und vergaßen nicht, ſich für dieſe Arbeit die entſprechende Stärkung zukommen zu laſſen. Nachdem die letzte Flaſche abgezogen war, lud Schlurpy ſeinen Gaſt ein, ſich auf eine Matte niederzulaſſen, welche in der Vor⸗ halle des Kellers über den Boden gebreitet war. — Hier unterhielten ſich beide Freunde recht gemüthlich mit wechſelſeitiger Mittheilung ihrer Erlebniſſe. Schrubbs ſprach gerne von Eng⸗ land und brachte Bilder aus dem jugend— lichen Leben in Erinnerung, welche beiden recht erfreulich waren; dafür gab Schlurpy ſeine in Indien gemachten Beobachtungen zum Beſten.
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Unter andern erzählte er wunderbare Ge⸗ ſchichten von den indiſchen Zauberern, welche in der ſchwarzen Kunſt als die größten Meiſter bekannt ſind; er erzählte ſchauderhafte Ge⸗ ſchichten von Hexereien, die Engländern wider⸗ fuhren. Schrubbs hörte mit Erſtaunen und Entſetzen dieſe ſeltſamen Erzählungen, welche durch den Einfluß des reichlich genoſſenen Wei⸗ nes die lebhafteſte Färbung erhielten, ſo daß der ſonſt beherzte Schrubbs ſich eines An⸗ fluges von Furcht nicht erwehren konnte, als auf einmal ein Gepolter im hinteren Theile des Kellers ſich vernehmen ließ. Es war, als wenn ein lebendes Weſen von einer gewiſſen Höhe aus in ein mit Flüſſigkeit gefülltes Gefäß ſtürze; ein Spritzen und ein gurgelndes Geräuſch ließ dieß annehmen.
„Um Gottes willen, was iſt das?“ rief der Küfer erblaſſend; auch Schrubbs, vielleicht vom Eindrucke der finſtern Geſchichten befangen, verlor ſeine Faſſung. Doch ſammelte er ſich bald wieder, nahm eine Laterne und ſchritt mit gezogenem Säbel kühn in das Innere des Kel⸗ lers vor, während Schlurpy ihm zitternd folgte. Am hinterſten Ende des Kellers ſtand ein großes Faß mit Malvaſierwein, über wel⸗ ches Schlurpy den Deckel zu legen vergeſſen hatte, und aus welchem ſich jetzt eine menſch⸗ liche Geſtalt erhob, augenſcheinlich mit der größ⸗ ten Anſtrengung ſich aus der gefährlichen Lage zu befreien.
Starr vor Schrecken ſtanden Beide einen Augenblick ſprachlos da.„Das Malvaſierfaß, das Malvaſierfaß!“ rief Schlurpy aus voller Kehle. Schrubbs ſchrie nach ſeiner Art, er hob die Laterne, und als er ſie nach dem Orte der Erſcheinung hinwendete, ſah er mit dem tiefſten Erſtaunen ein menſchliches Weſen mit dem häßlichſten fratzenhaften Geſichte, mit dem verſtörten Blicke der Furcht und des Ent⸗ ſetzens.
„Ha, Schurke! Diebskerl! wie kommſt Du hieher?“ rief Schrubbs, ihn bei den Schul⸗ tern faſſend und ihn ſchüttelnd.
„Das will ich Euch erklären,“ ſprach eine Stimme dumpf und wild von der Decke her.
„Tauſend Bomben und Granaten,“ ſchrie Schrubbs, während Schlurpy ganz ver⸗ nichtet vom Schrecken ſein Kreuz ſchlug;„da ſchaut noch Jemand herunter, Diebe! Diebe!“*— „Geſpenſter! Geſpenſter!“ ſekundirte S chlurpy. Das Geſicht des alten Clive erſchien an der Oeffnung der Decke, aus welcher der Verun⸗ glückte heruntergeſtürzt war. Dieſer entſtieg indeſſen mit unſanfter Unterſtützung Schrubbs' dem Faſſe ganz erſtarrt und betäubt, ſchüttelte ſeine langen, triefenden Gewänder und ſtand da— ein Bild des tiefſten Bedauerns— mit jener ſtumpfſinnigen Faſſung, die die äußerſte Furcht bekundet, doch hielt er krampfhaft einen im Gürtel ſteckenden Dolch.
Beide Ueberraſchten hielten jetzt die Ueber⸗ zeugung feſt, daß das Abenteuer nichts als ein Gaunerſtreich ſei.„Dieſer braune Spitzbube,“ ſagte Schlurpy,„iſt in den Malvaſier ge⸗
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