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„Kennſt Du mich auch nicht, Du elender Menſch?“
Weſemann ſprach in dieſem Augenblicke nicht die Unwahrheit, als er dreiſt entgegnete: „Nein— ich kenne Sie nicht!“
„Ich glaube es— zu Deinem eigenen Un⸗ glücke erkannteſt Du mich nicht, ſonſt würdeſt Du es vielleicht nicht gewagt haben, meinen Onkel zu berauben.“
Das Geſicht Weſemann's verlängerte ſich, ſeine Augen traten etwas aus ihren Höhlen, als er die edlen Geſichtszügen des jungen Mannes muſterte und eine gehäſſige Wuth verunſtaltete nach dieſer momentanen Muſte— rung ſein ohnehin nicht ſchönes Antlitz. Er ver⸗ lor ſeine Geiſtesgegenwart.
„Herrmann Henneberg? Herrmann Henneberg?“ murmelte er und fuhr ſich ſelbſtvergeſſen über die Stirn, als wolle er einen Schleier von ſeinem Gedächtniſſe ent⸗ fernen.
„Aha— mich kennt er alſo und das iſt für jetzt genug!“ ſprach Henneberg triumphi⸗ rend.„Ich erkläre hiermit zu Protokoll, daß die⸗ ſer Mann weder der Herr Eduard von Ma l⸗ titz, noch Herr Oskar Behrens, ſondern einfach Karl Weſemann, des Brauers We⸗ ſemann Sohn, aus Brandenburg gebür⸗ tig, iſt.“
Weſemann erwiederte kein Wort. In ſeinem Mienenſpiele arbeiteten allerlei Leiden⸗ ſchaften, doch von Scham und Reue war nichts darin zu finden.—
In Uebereinkunft mit den preußiſchen Be⸗ hörden wurde ſein letztes Verbrechen mit den erſten vereint, einem preußiſchen Gerichte über⸗ antwortet und es gelang dem Richter, Weſe⸗ mann ein Geſtändniß ſeiner Thaten abzulok⸗ ken. Hieraus war denn erſichtlich, daß er al⸗ lerdings durch das Fenſter des Wohnzimmers bei Voigtländer eingeſtiegen und ſogleich bemüht geweſen war, alle anderen Zimmer zu verſchließen, um ungeſtört zu ſein.
Der Wachtelhund hatte freudig Lärm ge⸗ ſchlagen, war aber ſogleich über das vergiftete Fleiſchkügelchen lüſtern hergefallen und ihm dann ſtill in's Zimmer gefolgt, wo man ihn todt gefunden hatte. Der Dompfaffe hatte ſei⸗ nen Singſang begonnen, ſo wie Weſemann
Licht anzündete und er wurde ſchnell das Opfer ſeiner bereitwilligen Gelehrigkeit.
Uebrigens zeigte der leichtſinnige Verbre⸗ cher niemals Reue über ſeine Thaten, ſondern ſtets nur Aerger, daß es ihm nicht gelungen war, Amerika zu erreichen.
Er büßt im Zuchthauſe ſeine Frevel. Wenn ſeine Strafzeit vorüber iſt, wird Niemand et⸗ was dagegen haben, daß er ſeine Reiſeluſt dort⸗ hin befriedigt.
Onkel Voigtländer wurde nie wieder ganz geſund. Er ſtarb noch in demſelben Jahre, nachdem er ſich mit ſeiner Schweſter vollkom⸗
wohnt jetzt mit ihrer Schwägerin im hübſchen Hauſe am Berge und wenn der Sommer in'’s Land kommt, ſo füllt ſich das Haus mit Kin⸗ dern und Kindeskindern der guten Frau. Wer Luſt hat dieſe Familie kennen zu lernen, mag ſich aufmachen und die Thäler des Harzes durchwandern, vielleicht iſt das Schickſal ſo freundlich und vermittelt eine Bekanntſchaft. Freilich, die Namen würden ihn nicht zum Ziele führen, denn dieſe haben wir verändern
müſſen.
Die Engländer in ſtindien vor hundert Zahren. Hiſtoriſche Erzühlung aus dem Engliſchen.
Von Dr. Janowitz.*)
11.
In dem Garten des Herrn Holwell in Calcutta ſaßen unter der Veranda eines zier⸗ lichen Sommerhäuschens zwei Perſonen, die einen mit Erfriſchungen reich beſetzten Tiſch vor ſich hatten.
„So müſſen wir uns,“ ſagte die eine der beiden Perſonen,„ſo müſſen wir uns nach einer langen Reihe von Jahren in dieſem Lande wiederſehen, Freund Clive. Ich glaubte, Ihr würdet den für Euch ſo unheilvollen Boden Indiens nie wieder betreten.“
„Ich dachte es ſelbſt nicht, Holwell. Jahrelang habe ich mich vergraben und die Einſamkeit that mir wohl. Aber wie Al⸗ les, ſo wird auch dieſes einſame Leben end⸗ lich unerträglich, und ein unwiderſtehlicher Drang trieb mich, dieſe Küſte wieder zu ſehen, die ich verfluchte, als ich ſie verließ.“
„Ja, Ihr habt hier Schreckliches erfahren.“
„Schweigen wir davon.— Ich will das Vergangene vergeſſen. Ich will der Gegenwart leben, da es jetzt wenigſtens eine Perſon gibt, die menſchliche Gefühle in mir erweckt, und ſo mich dem Leben wiedergegeben hat.“
„Ihr meint Eueren jungen Verwandten Thomas Clive?“
„Meinen Lebensretter meine ich. O hät⸗ teſt Du ihn geſehen, wie er mit Helden⸗ muth und Todesverachtung den Korſaren nie⸗ derſchmetterte, wie er die Unſrigen anfeuerte und zum Siege führte— Du würdeſt ihn lieben und bewundern wie ich. Was ich von ihm höre, flößt mir das tiefſte Intereſſe für ihn ein. Alles iſt ſeines Lobes voll. Ich wünſche nur ihn bald von ſeinen Wunden hergeſtellt zu ſehen, damit er unter uns leben könnte; es ſoll ihm an Freunden in Calcutta nicht fehlen. Einen Freund hat er, der mit Allem, was er be⸗ ſitt, ihm gehört— und dieſer Freund bin
ich. Nun iſt mein Herz bekümmert durch die Wahrnehmung, daß mein Anblick einen wi⸗ derwärtigen Eindruck auf ihn macht.“ Holwel lbemühte ſich, ihm dieſe Idee zu nehmen, als Schrubbs dem Klima gemäß ge⸗ kleidet eintrat, und auf Aufforderung der beiden Freunde über das Befinden Thomas' die Mittheilung machte, daß es ihm ſchon allmä⸗ lig beſſer gehe, daß er aber ſonderbarer Weiſe von einem Engel ſpreche, welcher in ſeiner Fieberhitze die Hand auf ſeine Stirne legte, und daß er dieſer Erſcheinung ſeine Geneſung zuſchreibe, und es ſei noch ſonderbarer, daß er behaupte dieſen Engel in einem hellblauen Kleide mit einem gelben Strohhute mehre Male hier im Garten ſpazieren geſehen zu haben.
„Es wird eine von Eueren Töchtern gewe⸗ ſen ſein, Holwell,“ ſagte Clive.
„Aber die Erſcheinung hatte er ja ſchon auf dem Schiffe während ſeiner Krankheit,“ be⸗ merkte dieſer.
„Da war freilich eine junge Dame auf dem Schiffe, der Thomas einmal einen großen Dienſt erwieſen. Sie iſt hier im Hauſe,“ ſagte Schrubbs.
„Ah, es iſt Julie Murray!“ rief Holwell.
„Ganz richtig,“ fiel Clive ein.„Es iſt ein reizendes, liebes Mädchen.“
„Ich wollte,“ nahm Schrubbs das Wort, „ſeine Schweſter Sara wäre hier, dann glaube ich, wäre er ſchon in acht Tagen friſch und geſund, Frauenzimmer ſind immer die beſten Krankenwärter.“
„Könnte Julie ſich wohl entſchließen, mei⸗ nen kranken Verwandten von Zeit zu Zeit zu beſuchen?“ fragte Clive.„Ohne ihn und ſeine im Kampfe mit den Korſaren bewieſene Ta⸗ pferkeit wäre auch ſie nicht hier, und befände ſich vielleicht in der Gewalt jener grauſamen Scheuſale.“.
„Wir wollen mit ihr reden, ſie kann in Ge⸗
Schrubbs grüßte und entfernte ſich.
„Ein treues Herz, eine brave Seele, dieſer Schrubbs,“ nahm Holwell das Wort. „Euer Verwandte muß ein vorzüglicher junger Mann ſein, wenn er ſich ſolche Freunde erwer⸗ ben kann.“
„Das iſt er ſicherlich; Tapferkeit iſt ſelten ohne Hochherzigkeit. Gern ſähe ich alle ſeine Wünſche erfüllt. Vielleicht iſt es ſein Wunſch, vas Mädchen zu ſehen, wenigſtens läßt ſich dieß
„Armes Mädchen,“ ſagte Holwe II.
„Was habt Ihr für einen Grund ſie zu be⸗ klagen?“ fragte der Alte.
Holwel herzählte nun, wie Oberſt Mur⸗ ray durch einen Erbſchaftsprozeß um ſein ganzes Vermögen kam, und als er auch den Prozeß verlor, ſich aus Gram und Aerger in einen ungeregelten Lebenswandel ſtürzte, dann im Spiel ſeine Glücksumſtände zu verbeſſern ſuchte — aber da ſeinen vollſtändigen Ruin fand, wo⸗
men ausgeſöhnt hatte. Frau Henneberg
*) Fortſetzung zur vorigen Nummer.
bei noch beſondere Verhältniſſe obwalten muß⸗
ſellſchaft meiner Töchter den Kranken beſuchen.“
aus den Worten ſeines Dieners entnehmen.“
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