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(1858) 8 08
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über liegenden, zur Zeit offenſtehenden Fenſter. Was war das? ſchrie Schütze nach ſeiner Stirn greifend.

Weſemann war's, entgegnete Thiele und war im Nu ebenfalls zur Thür hinaus.

Während der große, martialiſch ausſe⸗ hende Sergeant Schütze erſt langſam auf⸗ ſtand, ganz erſchrocken ſeine Glieder in die gehörige Fagon brachte und dann in die leere Kammer blickte um ſich zu überzeugen, daß Weſemann wirklich auf und davon war, während dieſer koſtbaren Minute hatte der kleine Thiele ſchon behend das Terrain rekognoscirt, hatte mit einem einzigen Blicke wahrgenommen, wohin ſich Herr Karl We⸗ ſemann geflüchtet und ſchlug eben krachend die Eingangspforte zu dem mit hohen Plan⸗ ken umhegten kleinen Hofraum zu, als Schütze zu ihm ſtieß.

Schnell, Kollege, dorthin, kommandirte er, ſich ſogleich orientirend.Dort kann er über⸗ ſteigen Licht Ihr Leute bringt Licht, bringt Laternen! befahl er einigen herumlun⸗ gernden Eiſenbahnwächtern.Schunell, nur ſchnell!

Und Eile that Noth, denn Weſeman n, ein tüchtiger Turner, hatte wirklich ſchon die hohen Brettwände erklimmt und war im Be⸗ griffe den Eiſenſpitzen zum Trotze, die oben zur Sicherung des Raumes entlang liefen, hinüber zu ſteigen, als die Leute mit ihren Laternen herbeikamen und ſein Vorhaben beleuchteten.

Thiele erfaßte mit einem kühnen Sprunge ſeinen linken Fuß und riß ihn herab. Aber Herr Weſemann befand ſich in einem ſolchen Delirium von Wuth, daß er ein kleines dolch⸗ ähnliches Meſſerchen, welches zum Abſpitzen der Cigarren diente und der Aufmerkſamkeit des Polizeibeamten bei ſeiner amtlich vorgeſchrie⸗ benen Durchſuchung entgangen war, hervorzog und dem kleinen eifrigen Sergeanten wüthend das Geſicht zerfetzte.

Erſt dem ſtärkern Schütze gelang es, den Raſenden zu überwältigen.

Thiele blutete aus mehreren kleinen Wunden. Glücklicherweiſe war weder ein Auge von den Stößen getroffen, noch ſonſt die Ver⸗ letzungen gefährlicher Art.

Warte Du wildes Thier, ſprach Schütze mit kalter Entſchloſſenheit und legte dem Ge fangenen Handfeſſeln an.Das ſollen Sie doch nicht noch einmal probiren!

Bald darauf ging der Bahnzug ab. Der vornehme Herr von Maltitz machte jetzt die letzten Stationen ſeiner Rücktour in dem Zel⸗ lenwagen, bewacht von einigen Transporteuren und in der ſehr unangenehmen Lage, ſeine Hände nicht bewegen zu können. Der kleine Sergeant aber, beladen mit der ſchweren Geld⸗ taſche des gnädigen Herrn, hatte Platz in einem andern Waggon genommen.

Nach Verlauf von acht Tagen rückte der Gendarm Krauſe, hoch zu Roß ſitzend und den Verbrecher am Sattelgurt feſtgemacht, in's Gerichtsamt des Gebirgsthales ein.

Erinnerungen. 1858.

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Herr Henneberg befand ſich noch immer bei ſeinem Onkel Voigtländer, der ſeit dem nächtlichen Einbruche kränklich war, und es war ihm nicht allein gelungen, den alten Mann zu einer vollſtändigen Verſöhnung mit ſeiner Schweſter zu überreden, ſondern er hatte ſich ſogar in dieſer kurzen Zeit bis zu der Bräuti⸗ gamswürde aufgeſchwungen.

Man erwartete täglich die ganze Familie Henneberg in dem hübſchen Berghauſe, um die Verlobung Herrmanns mit Kätchen ſolenn zu feiern.

Mitten in die fröhliche Seligkeit ſeines jungen Bräutigamſtandes traf, wie ein dunkles Wettergewölk, die Nachricht von Weſemann's Ankunft im Amte ein, nebſt der gerichtlichen Aufforderung an alle Betheiligte,ſich zur Identificirung des fraglichen Thäters im Ge⸗ richtslokale zu ſtellen.

Eines Morgens ſah man denn die ganze Voigtländerſche Famillie, begleitet von dem Wirth zum goldenen Löwen und dem jungen Herrn Henneberg das Thal entlang pro⸗ meniren und in dem Amte verſchwinden.

Dort empfing ſie der Gerichtsamtmann mit der leutſeligen Erklärung, daß ſie jedenfalls keinen Fehlgriff gethan hätten, indem ſie den Mann, der wochenlang ihre Gaſtfreundſchaft genoſſen, als Thäter der Frevelthat bezeichne⸗ ten. Er legte bei dieſen Worten ein Paket Papiergeld in einem alten Briefcouvert von großem Formate vor, das augenſcheinlich einſt⸗ mals Dokumente enthalten hatte und mit dem PoſtzeichenHolland verſehen war.

Das gehört mir, rief der alte V oigt⸗ länder.Ich habe in dieſem Couverte die erſte Abſchrift des Teſtamentes erhalten, wo⸗ durch wir von meinem Bruder zu ſeinen recht⸗ mäßigen Erben eingeſetzt wurden und ich habe den Begleitbrief noch, der das Signum M. V. erklärt.

Dann brachte der Gerichtsamtmann eine Rolle Goldſtücke hervor, die ebenfalls von Voigtländer als die ſeinige anerkannt wurde. Das Geld war noch unberührt, ja, der Dieb ſchien ſich noch nicht einmal die Zeit ge⸗ nommen zu haben es zu zählen.

Nachdem ein Protokoll über dieſen Ge⸗ richtsakt aufgenommen war, ließ der Richter den Inkulpaten vorführen.Machen Sie ſich auf eine große Frechheit gefaßt, ſagte der Amt⸗ mann lächelnd.Er kennt Sie nicht hat Sie nie geſehen! Weiß nichts von Ihnen.

Ei, das wäre! ſprach der alte Mann entrüſtet.

Herr Weſemann erſchien. Er trug noch immer Handfeſſeln, warf ſich jedoch deſſenun⸗ geachtet ſehr in's Weſen und fragte beim Ein⸗ treten mit brüskem Tone:

Nun, mein Herr ſoll die Komödie jetzt losgehen? Werde ich endlich meiner Haft ent⸗ laſſen werden, wenn dieſe Leutchen mir bezeu⸗ gen, daß ich ſie nie geſehen habe, nie, nie in meinem Leben!

Was Teufel, rief der Wirth zum gol⸗

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denen Löwen und trat ganz dicht vor den leicht⸗ ſinnigen Menſchen hin, der jetzt wieder bartlos und mit kurz geſchor'nen Haaren vor uns ſteht. Haben Sie ein ſo ſchlechtes Gedächtniß, lieber Herr Oskar Behrens?

Weſemann ſah ihn groß von oben bis unten an.

Wer iſt der Mann? fragte er weg⸗ werfend.

Ich habe die Ehre, mich Ihnen als den Wirth zum goldenen Löwen und Inhaber der Materialwaarenhanvlung Joſef Lambert zu präſentiren, erwiederte Lambert mit affektirter Devotion.

Freut mich, Sie kennen zu lernen, warf Weſemann nachläſſig hin,wenn Sie aber behaupten, mich alsOskar Behrens ge⸗ kannt zu haben, ſo beruht dieß auf einer Täu⸗ ſchung, auf einer abſcheulichen Aehnlichkeit, denn ich bin der Gutsbeſiter Eduard von Mal⸗ titz und ich warne Sie, mich nicht durch leicht⸗ ſinnige Ausſagen noch länger in dieſer entwür⸗ digenden Lage zu belaſſen, denn ich werde eine ſchwere Revanche nehmen, ich werde eine ekla⸗ tante Satisfaktion für die erniedrigende Trans⸗ portation fordern.

Der Gerichtsamtmann lächelte und ließ ſich die Szene zu ſeinem Ergötzen ſelbſt ent⸗ wickeln. Er winkte dem alten V oigtländer.

Vielleicht erinnert ſich der junge Herr Ihrer etwas beſſer, meinte er.

Ob er ſich meiner erinnert iſt mir gleichgil⸗ tig und thut auch nichts zur Sache, antwor⸗ tete der Alte.Ich aber weiß es und will es beſchwören, daß dieſer Kerl als Oskar Beh⸗ rens bei mir aus⸗ und eingegangen iſt und mir zweitauſend einhundert Thaler geſtohlen hat. Das Geld werde ich wieder erhalten, aber mein armes Hündchen und mein hübſcher Vogel

Der alte Herr iſt wohl ſchwachſinnig, fiel Weſemann mit ſpöttiſchem Bedauern ein.Ich Eduardvon Maltitz ſoll ihn beſtohlen haben? Und was fabelt er denn von einemHündchen und einemVogel?,Habe ich dieſe beiden Weltgeſchöpfe auch geſtohlen?

Nein! ſchrie der Alte zornig auf.Nein gemordet haſt Du ſie, Du elender Wicht gemordet meines Lebens beſte Freude

Geht in's Irrenhaus, lieber Mann! ſprach Weſemann kaltblütig und ſah ſich nach Kätchen um, die dicht an Herrmann ge⸗ ſchmiegt, voller Beſtürzung die Komödie des jungen Menſchen beobachtete.

Haben Sie auch Erinnerungen, die ſich auf mich beziehen? Das könnte mich freuen, mein hübſches Kind! ſprach er, mit hämiſchem Lä⸗ cheln ihre Geſtalt muſternd.

So lange hatte Herrmann Henneberg mit ſtiller gründlicher Verachtung dem Spiele des verlornen Mannes zugeſehen, jetzt aber flammte eine tiefe Empörung in ihm auf. Er ſtellte ſich ſchützend vor das in Scham erglühende Mäd⸗ chen, heftete ſeine ſchönen ſprechenden Augen drohend auf den Buben und ſagte:

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