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Hier aber ſollte ſein Stern untergehen. So raſch er auch ging, der kleine, bleiche Mann konnte noch raſcher gehen. Er erreichte ihn, legte ſeine Hand auf des jungen Herrn Schul⸗ ter und ſprach kurz:„Sie ſind mein Gefange⸗ ner! Folgen Sie mir ohne Widerrede oder ich habe die Macht Hilfe herbei zu ſchaffen!“
Sprachlos ſtarrte Herr von Maltitz, ci devant„Oskar Behrens“ und né„Weſe⸗ mann,“ den winzigen Mann an, der es wagte ſeine Hand an ihn zu legen.
„Was befehlen Sie, mein Herr? Mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen?“ herrſchte er ihn an.
„A— h— Sie wollen Ihre Rolle noch nicht aufgeben?“ hohnlächelte der kleine Bleiche.
„Verzeihen Sie, wenn ich Sie aufmerkſam mache, daß Sie im Irrthume zu ſein ſcheinen,“ fuhr Herr von Maltitz kalt und vornehm fort.„Meine Damen warten auf mich— wollen Sie mir die Ehre geben mich zu ihnen zu begleiten?“
„Sehr gern, Herr Weſemann!“ ſpot⸗ tete der Mann und hielt ſich verrätheriſch dicht an ſeiner Seite, als er wirklich umkehrte und nach dem Perron zurückſchritt.
„Mein Name iſt„von Maltit,,“ erklärte der junge Herr hochfahrend.
Oder auch„Oskar Behrens,“ fügte der kleine Mann hinzu.„Da ſind„Ihre Da⸗ men,“ ſie ſcheinen auf eine Droſchke zu warten.“
Die impertinente Ruhe des Mannes er⸗ ſchütterte den jungen Herrn dermaßen, daß er nichts zu antworten wußte, als ſeine Reiſege⸗ fährtinen ihm einſtimmig entgegenriefen: ob er eine Droſchke habe:
„Erlauben Sie mir eine andere Frage, meine Hochverehrten,“ nahm der kleine Mann ohne abſonderliche Höflichkeit das Wort,„kön⸗ nen Sie mir auf Pflicht und Gewiſſen wider⸗ ſprechen, wenn ich die Behauptung aufſtelle, daß dieſer Mann nicht der Herr von Maltitz, ſondern der Privatſchreiber Karl Weſemann iſt, der als Betrüger und Dieb ſteckbrieflich ver⸗ folgt wird?“
Ein allgemeiner Schrei des Schreckens brach ſich Bahn. Entſetzt wichen die Damen zu⸗ rück— einige fielen halb ohnmächtig auf Waa⸗ renballen nieder, einige ließen es bei Riechfläſch⸗ chen bewenden. Fräulein von Schönburg behielt ſo viel Geiſtesgegenwart, die Blumen⸗ ſträuße aus den Händen ihrer Begleiterinen zu⸗ ſammen zu raffen und dieſelben mit einem ver⸗ ächtlichen Blicke dem ſogenannten Herrn von Maltitz in's Geſicht zu ſchleudern. Der kleine Bleiche lachte hell auf:
„Dieſe Demonſtration ſagt genug, Weſemann— folgen Sie mir!“
„Wer iſt der kleine Mann?“ ſtöhnte die Regierungspräſidentin.
„Ein preußiſcher Polizeidiener!“ erklärte ihr ein Schaffner, der theilnehmend der Szene beigewohnt hatte.„Er liegt ſchon ſeit zwei Tagen hier auf der Lauer!“
Herr
„O, Du mein Gott, wenn mein Mann das erfährt!“ jammerte die adelig geſinnte Dame.„Einen ganzen Tag mit einem Betrü⸗ ger und Diebe in einem Coupé erſter Klaſſe! Wie ſoll man es am Ende noch anfangen, an⸗ ſtändig und ſtandesgemäß zu reiſen!“—
Herr Karl Weſemann wurde, von dem Polizeiſergeanten ſorglich überwacht, bis zum Abgange des nächſten zurückkehrenden Zuges in einem Zimmer der Reſtauration eingeſchloſ⸗ ſen gehalten und fuhr richtig, ohne einen Mauerſtein von Hamburg geſehen zu haben, wieder gegen Magdeburg, von wo er hergekom⸗ men war.
In Wittenberge mußten ſie einige Stunden bleiben, und da es Nacht war, ſo hielt es der vorſichtige Sergeant für gut, Hilfe zu re⸗ quiriren.
Wer malt aber das Erſtaunen des großen, martialiſch ausſehenden Mannes, der zur Ueber⸗ wachung des Arreſtanten beordert wurde, als er den feinen, bärtigen Herrn von Maltitz, der mit„ſeinen Damen“ nach Helgoland wollte, ohne ſeine Damen als Karl Weſe⸗ mann oor ſich erſcheinen ſah.
„Habe ich doch gleich Verdacht gefaßt, ſo wie ich heute den Burſchen ſprechen hörte!“ rief er voller Verdruß, daß ihm nun die Beloh⸗ nung, die auf die Einlieferung des Betrügers geſett war, entging.„Du haſt doch merkwür⸗ diges Glück, Thiele!“
„Bewahre— nicht mehr, als Du. Aber ich ließ mich nicht irre machen, wie Du, weil ich hier“— er faßte etwas unſanft an dem ſchönen feingekräuſelten Bart des Herrchens und riß ihn ab,„weil ich hier die Narbe vom Kinn bis zur Naſe, die abſonderlich im Signa⸗ lement bezeichnet war, bemerkt hatte.“
Ein Fluch zitterte über die Lippen des Ge⸗ fangenen. Hätte er gewußt, daß ſein von ihm gehaßter Jugendfreund Herrmann Henne⸗ berg namentlich auf dieſe nicht ſichtbar hervor⸗ tretende Narbe aufmerkſam gemacht hatte, ſo würden ſeine Verwünſchungen noch bitterer ge⸗ weſen ſein.
Der Delinquent wurde in ein Kämmerchen gebracht, das nur oben an der Decke ein klei⸗ nes Fenſter und nur einen Eingang hatte. Er warf ſich, ergrimmt über ſein Geſchick, welches ihn am Ziele ſeines Strebens ſo heimtückiſch erfaßte und wieder in Noth und Elend zurück⸗ ſchleuderte, auf das Bett, das in der Kammer ſtand und ſuchte ſeine Sorgen zu verſchlafen.
Die beiden Sergeanten blieben plaudernd in dem vordern Zimmer ſitzen.
„Der Herr von Maltitz ſchlafen,“ ſpöt⸗ telte der kleine Thiele, vorſichtig der Thür zur Seite bleibend, um von Zeit zu Zeit einen Blick hinein werfen zu können.
„Was mag der Kerl verübt haben?“ fragte der große Schütze leiſe flüſternd,„ich vermuthe etwas beſonderes, da es ſich die Leute ſo viel Geld koſten laſſen ihn zu fangen.“
„Mancherlei, Kollege Schütze, mancher⸗ lei! Die Haupturſache, weßhalb eine Beloh⸗
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nung dafür zugeſagt wurde, liegt darin, daß ein anderer Herr durch ſeinen letzten Diebſtahl verdächtig erſchien.“
„Ah ſo! Der alſo bietet das Geld als Belohnung?“
„Theilweiſe, lieber Kollege! Still— er rührt ſich!“ Der kleine Sergeant ſtand auf und trat in die Kammerthür. Weſemann athmete tief und ſchnarchend.
Beruhigt ſetzte er ſich wieder hin.
„Wie mag er mit den Damen nur ſo in Freundſchaft gekommen ſein? Du hätteſt hö⸗ ren ſollen:„Herr von Maltitz hier— Herr von Maltitz da!“ Es ſchienen doch Frauen⸗ zimmer vom Stande zu ſein?“
„Freilich! Freilich!“ lachte Thiele ſcha⸗ denfroh.„Sie waren unbeſtritten von der exkluſiven Sorte, die ſich die Hände mit Eau de cologne waſchen und den Mund ausſpü⸗ len, wenn ſie mit unſer Eins geſprochen haben!“
„Hrrrrr—“ witzelte der große Schütze, „werden die Sturzbäder nehmen müſſen, um wieder„exkluſiv“ zu werden!“ Sie lachten. „Weißt Du nichts Näheres über ſeine Streiche?“
„Pſt!“ warnte Thiele und zeigte auf die Kammerthüre, ſetzte aber ganz leiſe flüſternd hinzu:„Er ſoll den Banquier Baum um Tauſende von Thalern„geleimt“— und dem Rathsanwalt Reichenau in H.... hundert Goldſtücke entwendet haben. Letzterer hat uns in Preußen damals ſchon fünfzig Thaler depo⸗ nirt, wenn wir ihn griffen. Aber der Kerl war wie weggeblaſen von der Erde, vier Wochen lang. Da reitet ihn der Satan, im Harzge⸗ birge abermals ſeinen Beutel zu füllen und zwar durch Einbruch. Ein junger Herr, der ihn kennt, bietet nun dem dortigen Gendar⸗ men abermals fünfzig Thaler Belohnung, wenn er ihn herbeiſchafft und er ergänzt das mangel⸗ hafte Signalement ſo vortrefflich, daß ich den Kerl unter hunderttauſend Männern herausge⸗ funden haben würde, auch wenn er ſich einen Buckel hinten und vorne ausgeſtopft hätte. Nun machte ich mich im Auftrage unſerer Behörde auf und reiſete nach Hamburg.— Ich bringe ihn bis H...., wo ich von Reiche⸗ nau meine„fünfzig“ löſe und von mir nimmt ihn der Gendarm Krauſe aus dem H....⸗ ſtädter Kreiſe in Empfang, um ihn direkt in's Amt von.... zu liefern, welches Anhältiſch, Braunſchweigiſch oder Hannöveriſch iſt. Was dann aus ihm wird, weiß ich nicht. Ob ihm in Preußen, woſelbſt er erſt geſündigt, hat oder im Auslande der Prozeß gemacht——“
Weiter kam Herr Sergeant Thiele für dießmal in ſeinem Referate nicht, denn ſein Kopf, den er flüſternd vorgebeugt hielt, wurde dermaßen von einer unbekannten Macht mit dem Kopfe des Sergeanten Schütze in Kolliſion gebracht, daß ihm für eine Sekunde nicht allein das Sprechen und die Gedanken, ſondern Hören und Sehen verging.
Wie ein Schatten flog dabei ein unerklär⸗ liches Etwas an ihnen vorüber, aus der Stu⸗ benthür hinaus und verſchwand in dem gegen⸗
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