war er ſo kühn geworden, ſich zum Vermittler zwiſchen den Damen und dem ſervirenden Kellner zu erbieten, der mit Bierkrügen und Butterſemmeln bewaffnet, hin und her ſpazierte.
Aber er ſah ſich mit Naſerümfpen abgelehnt, „weil Alles ſo unſauber ſei, was man von den Kellnern erhalte.“
Darauf ſchwieg er wieder und hörte au⸗ dächtig zu, was ſich die Präſidentin mit dem Fräulein von Schönburg über die Bälle erzählte, die im Winter vom umliegenden Adel abgehalten wurden und er affektirte ein angenehmes Erſtaunen, als ſie dabei den Herrn von Schalenburg nannte.
„Sie erlauben, meine Gnädigſte,“ flüſterte er nach der Präſidentin hinüber,„iſt Freund Schalenburg ſchon wieder zurück von Berlin?“
Die Präſidentin ließ ſich herab, mit müt⸗ terlicher Milde dieſe Frage mit„Ja“ zu beant⸗ worten und die gnädige Frage daran zu knü⸗ pfen:„ob der Herr mit dem Herrn von Scha⸗ lenburg befreundet oder verwandt ſei.
„Beides, meine Gnädigſte,“ antwortete er ſchnell.„Mein Name iſt„von Maltitz“—
Ein angenehmes Lächeln ſtahl ſich über die Mienen ſämmtlicher Damen und es that nun jede ihren Mund auf, um dem Herrn von Mal⸗ titz ein artiges Wort zu ſagen. Mittlerweile erreichte man Wittenberge und die Freundſchaft zwiſchen den Inſaſſen des Coupé's erſter Klaſſe war dergeſtalt geſtiegen, daß man den Herrn von Maltitz als Charge d' affaire beauftragte, dafür zu ſorgen, daß ſie alle wieder zuſammen in einem Waggon Platz fänden, wenn der Zug weiter ginge.
Herr von Maltitz, kürzlich geweſener „Oskar Behrens“ und einſtmals getaufter „Karl Weſemann,“ hüpfte froh, wie ein Stieglitz nach der Reſtauration zu, um die Friſt, die den Reiſenden hier vergönnt wurde, zu benuteen, ſeinen ſehr plebejiſchen Hunger zu ſtillen, während die vornehmen Damen ſich eine Taſſe Kaffee draußen ſerviren ließen und die geſchmierten Magdeburger Milchbrödchen aus den Fourageſäcken zogen, die wahrſcheinlich weniger„unſauber waren“ als das, was die Kellner für ſchweres Geld darboten.
Herr von Maltitz aber ſaß alsbald vor einer doppelten Portion vorſchnell geſottenem Beefſteak, dem beim erſten Einſchnitt das helle, klare Blut entſprang, und ſtopfte mit Kanniba⸗ lenmuthe dieß erſte Zeichen Hamburger Kultur, dem Engländer nachgeäfft, in ſeinen Mund, während ein ekles Lächeln ſeinen Mund um⸗ ſpielte.
Er wurde bei ſeiner Mahlzeit von einem großen, martialiſch ausſehenden Manne beob⸗ achtet, den die Verwunderung über einen ſo ausſchweifenden Appetit zu feſſeln ſchien.
Nachdem unſer Freund fertig war und ſein lettes Glas Madeira haſtig hinuntergeſtürzt hatte, fiel ſein Blick auf den großen, martialiſch ausſehenden Herrn und er nahm ſich nach einem kleinen ſchreckhaften Zuſammenfahren die Frei⸗
heit, ihn anzureden und nach dem Eintreffen des Berliner Zuges zu fragen, wonach ſich die Abfahrt richtete.
„Sie wollen nach Hamburg?“ fragte der große Mann, näher tretend.
„Für den Augenblick, ja, aber es hängt von meinen Damen ab, ob wir nicht nach Helgoland gehen“, entgegnete der junge Herr, verneigte ſich mit einem graziöſen„excusez““ und eilte nach dem Perron hinaus.
„Seine Damen?“ brummte der große Mann und zog ein Blättchen Papier hervor. „Vorſichtig,— alter Schütze— am Ende iſt er es nicht!“
Langſam überlas er ſeine Notizen— ſie ſtimmten allerdings durchaus nicht, aber da⸗ ran hätte ſich der Mann nicht gekehrt, wenn der junge Herr nicht von„Damen“ geſprochen.
„Ihm nach und die Damen im Augenſchein genommen,“ kommandivrte ſich der große Mann ſelbſt. Er kam gerade zu rechter Zeit, um eine ſehr geräuſchvolle, verbindliche Konverſation zwiſchen den hochwohlgebornen Damen und dem Herrn von Maltitz zu belauſchen, die ſich darum drehte: ob die reguläre Dampſſchifffahrt zwiſchen Hamburg und Helgoland ſchon eröff⸗ net ſei. Fräulein von Schönburg behauptete „nein“ und Herr von Maltit erklärte„ja.“
Lächelnd parirte man gegenſeitig und der große Mann hörte ſehr deutlich, daß die Da⸗ men den jungen Herrn„Herr von Maltitz“ nannten.
Brummend zog er ſich zurück.„Affektirt und geziert genug ſpricht er,“ dachte er,„und was Bart und Lockenkopf betrifft, ſo habe ich darüber meine Anſichten— allein— Schütze — keine Uebereilung!“
Endlich brauſete der Berliner Zug heran und die Damen erorberten mit ihres Kavaliers Hilfe ein brillantes Coupé erſter Klaſſe, wo⸗ rin ſie unter einer liebenswürdig und traulich gewordenen Stimmung Platz nahmen.
Der große Mann ſtand von fern und be⸗ obachtete ſie. Sein Verdacht ſank immer mehr zuſammen, je größer die Freundlichkeit wurde, mit der die feinen Dämchen den jungen Herrn behandelten. Die Lokomotive pfiff— die Wag⸗ gonthür wurde geſchloſſen, lächelnd blickte Herr von Maltitz noch ein Mal nach dem großen Manne, in welchem er längſt einen verkappten Poliziſten oder Gendarmen erkannt hatte, hin⸗ über, hielt grüßend die Hand an den Hut und — hui flog er mit„ſeinen Damen“ in die weite Welt.
„Haſt nichts ertappt?“ fragte ein Bahn⸗ beamte an dem großen Manne vorübereilend. „Warteſt gewiß vergeblich— Dein Flüchtling iſt lange vorbei!“
Aergerlich verfügte ſich der verkappte Be⸗ amte nach Hauſe und frohlockend ſah Karl Weſemann Station an Station vorüberflie⸗ gen. Seine Laune verbeſſerte ſich mit jeder Mi⸗ nute, denn ſeine Sicherheit wuchs. Er ſcherzte, er erzählte Anekdoten aus dem Leben des Herrn von Schalenburg, bei dem er, beiläufig ge⸗
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ſagt, Sekretär geweſen war, genug er bezauberte ſämmtliche Damen im Waggon erſter Klaſſe, die ihm im Laufe der Zeit vertraulich eingeſtanden, daß ſie lieber die theuerſte Art der Reiſe wähl⸗ ten, als ſich der Gefahr ausſetzten, mit Leuten aus den Mittelſtänden zuſammen zu gerathen.
Herr von Maltitz gab ihnen natürlich „vollkommen Recht“, und fand es„unerträg⸗ lich,“ mit einem nicht faſhionablen Menſchen in einem Coupe zu ſitzen.
Sie paſſirten Friedrichsruh, dicht vor Hamburg. Die Damen waren eutzückt von der Lage des Reſtaurationsgebäudes und ließen ſich jetzt herab, einige Erfriſchungen aus den Händen der Kellner zu nehmen, die eigentlich eben„ſo unſauber“ waren, als auf früheren Statio⸗ nen. Allein der Hunger bezwang den Ekel.
Während der Schaffner mit etwas mehr Rückſicht auf einen Waggon, der für gewöhn⸗ lich nur vornehme Leute beherbergte, die Thür desſelben noch nicht zuſchlug, ſondern den Da⸗ men einen freien Ueberblick in die Gegend hin⸗ aus geſtattete, ging ein kleiner, bleicher Mann ſchnell an dem Zuge hinab und muſterte ſuchend die verſchiedenen Wagen. Ein elektriſcher Schlag ſchien ihn zu durchfliegen, als er in demſelben Momente, wo er an der offenen Thür der vor⸗ nehmſten Wagenklaſſe vorüberhuſchte, eine goldene Uhr im Sonnenglanze blitzen ſah und eine Stimme im echten Berliner Jargon ſagen hörte:„Meine Gnädigen— wir ſind um vier Uhr in Hamburg— Sie können alſo das Theater noch beſuchen.“
Der kleine Mann blieb ſtehen und ſah ſeit⸗ wärts den Sprecher an, der mit einer gewiſſen Oſtentation die brillante Uhr hin und her ſchwenkte.
„Werden Sie das Theater auch beſuchen?“ fragte Fräulein von Schönbu rg.
„Schwerlich! ich habe dringende Geſchäfte abzumachen, ſonſt würde ich mir die Freiheit erbitten, Sie begleiten zu dürfen.“
Das Zeichen zur Abfahrt ertönte— der kleine bleiche Mann ſprang in einen Wagen und die Lokomotive ſchnob vorwärts.
In Bergedorf hielt der Zug abermals. Ein ganzer Haufen junger Vierländerinen belagerte die Wagen und bot Blumenſträuße an.
Herr von Maltitzzeigte ſich galant und überreichte„ſeinen Damen“ duftige Bouquets mit ſcherzenden Worten, gewahrte aber in ſei⸗ ner Geſchäftigkeit nicht, daß der kleine, bleiche Mann abermals forſchend an ſeinem Wagen vorüberpatrouillirte.
Nun ging es direkt auf Hamburg zu und mit dem Schlage vier Uhr hielten ſie im Ham⸗ burger Bahnhofe.
Herr von Maltitz beelte ſich ungeheuer den Wagen zu verlaſſen, um für die Damen eine Droſchke zu beſorgen, wie er vorgab, allein kaum hatte er den Perron betreten, ſo ſchritt er in ganz entgegengeſetzter Richtung raſch auf einen Weg zu, der wenig betreten war und keineswegs zu dem Halteplatze von Droſchken führte.


