Heft 
(1858) 8 08
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ſenden. Sein Signalement kann nicht näher bezeichnet werden, als: er trägt ſich ſehr elegant, zeigt gern eine koſtbare goldene Uhr und drückt ſich, geziert, im Berliner Jargon aus.

Ueberraſcht ſahen ſich alle drei Männer an.

Da hätten wir den Vogel gehabt und er i*ſt wieder auf und davon! ſprach der Gerichts⸗ amtmann ärgerlich.Wäre das Signalement vollſtändig geweſen, ſo würde er mir nicht ent⸗ ſchlüpft ſein.

Das wollen wir ſogleich vervollſtändigen, fügte Henneberg eilig hinzu, indem er eine Feder ergriff und mit gewandten Ausdrücken die genaueſte Perſonalſchilderung auf's Papier warf.

So, Herr Gerichtsamtmann. Wenn Sie nun die Gewogenheit haben und unſere Ausſagen protokollirt an die nächſte preußiſche Polizei⸗ oder Gerichtsbehörde ſenden wollten, ſo bin ich ſicher, daß nicht vier Tage vergehen und wir haben den Hallunken gewiß.

Indem er noch ſo ſprach, öffnete ſich die Thür des Gerichtszimmers und es trat ein preußiſcher Gendarm ein, um ſich über eine anderweite Dienſtſache zu informiren.

Ah Sie kommen mir wie gerufen! ſprach Henneberg aufgeregt ihm entgegen⸗ tretend.Wo ſtehen Sie? Unter welchem Landrathsbezirke?

Der Gendarm erklärte es und horchte dann aufmerkſam auf die Auseinanderſetzungen des jungen Kaufmanns, der gleich einem alten ge⸗ dienten Kriminaliſten Anordnungen traf, die vortrefflich waren und jedenfalls zum Ziele führen mußten.

Nachdem der Gendarm vollſtändig in⸗ ſtruirt war, erklärte Henneberg, daß er im Gerichte die Summe von fünfzig Thalern für denjenigen deponiren werde, welcher den frag⸗ lichen ReiſendenOskar Behrens hieher an Ort und Stelle bringe, damit ſeine Iden⸗ tität mitKarl Weſemann feſtgeſtellt wer⸗ den könne.

Das wird ſeine Schwierigkeiten haben, mein Herr, wendete der preußiſche Gendarm beſcheiden ein.Wir haben nur das Recht, den ſteckbrieflich Verfolgten auf dem geradeſten Wege nach dem Orte zu bringen, von wo aus er ver⸗ folgt iſt. Wer ſoll die Koſten tragen, wenn er hieher gebracht wird?

Ihr Onkel niemand, als Ihr Onkel, Herr Henneberg, ſchrie der Gaſtwirth.

Wenn das iſt, ſo bin ich erbötig, es dahin zu bringen, daß ich mit der Verfolgung des Weſemann betraut werde. Nur müßte ich um einen Revers an meinen Vorgeſetzten bit⸗ ten, entgegnete der Gendarm.

Zuerſt wollte der Gerichtsamtmann nicht darauf eingehen, unter der Hand Maßregeln zu ergreifen, die vielleicht hinſichts des Koſtenpunk⸗ tes zu ſeinem Nachtheil ausſchlagen konnten, endlich aber willigte er ein. Der Vertrag wurde

darm auf ſeinem ſtarken Pferde der preußiſchen Grenze zu.

Unterwegs überlegte er ſich, daß der Ver⸗ dächtigte jedenfalls die nahe Eiſenbahn benutzt hatte, um mit ſeinem beträchtlichen Raube das Weite zu ſuchen. Es konnte alſo nur von Vor⸗ theil ſein, ſofort alle telegraphiſchen Hilfsmittel in Bewegung zu ſetzen, die früher, als die Bahnzüge ſelbſt, eintrafen. Faßte man auf irgend einer Station das Herrchen, ſo blieb ihm Zeit dorthin zu reiſen und ihn einer Re⸗ kognition zu unterwerfen. Unter dieſen An⸗ ordnungen mußte es gelingen, den Mann zu greifen, den man für den von preußiſcher Seite verfolgten Betrüger hielt. Beſtätigte ſich dieſe Vorausſetzung nicht, ſo hatte kein Menſch wei⸗ ter Schaden davon, als der junge Herr Hen⸗ neberg, der alle Koſten zu tragen ſich ver⸗ pflichtet hatte.

Bevor wir mit den Gerichtsperſonen die nöthigen Verfolgungsreiſen antreten, wenden wir noch einen Blick nach dem Thale zurück, wo verſchiedene Konflikte unſer Intereſſe in Anſpruch nehmen.

Kaum war Herr Lambert mit ſeinem jungen Gaſte wieder im Wirthshauſe angelangt und hatte ſich mit demſelben zu einem ſauer verdienten Frühſtücke zurechtgeſetzt, als Herr Voigtländer, in anſtändigerem Koſtüm, als am Morgen, ehrbar den Berg hinabgeſtiegen kam und auf das Wirthshaus zuging.

Sein Ausſehen war nicht ſo kräftig, wie ſonſt. Sein Gang ſchien unſicher und das Ge⸗ ſicht trug die Spuren der überſtandenen Ge⸗ müthsbewegung.

Ernſt trat er ein in die Gaſtſtube und eine kleine Verlegenheit malte ſich in ſeinen Mie⸗ nen, als er ſich plötzlich vor dem Manne fand, um deſſenwillen er wieder hinabgekommen war. Die Gutmüthigkeit Herrmann's erleichterte ihm ſeine drückende Stellung ihm gegenüber.

Er ſprang auf und eilte ihm entgegen.

Du biſt gewiß begierig darauf, was wir

ausgerichtet haben, ſagte er leutſelig; indem er ihn zu dem Stuhle hingeleitete. Voigt- länder ſank ſchwerathmend darauf nieder.

Die Geſchichte iſt mein Tod, murmelte er matt.

O, nicht doch, lieber Onkel, beruhigte ihn der Neffe, fühlte aber ſelbſt einen kleinen

lene Geſicht des alten Mannes blickte. Herr Lambert, weniger zartfühlend und rückſichtsvoll, erlaubte es ſich, Voigtlän⸗ der erſt noch tüchtigabzukanzeln, bevor er ſich dem Mitleiden mit ihm hingab und dann erzählte er ihm weitſchweifig, was ihnen im Gerichtslokale paſſirt ſei und was Herr Hen⸗ neberg, auf ſein Riſiko, mit Hilfe des Ge⸗ richtsamtmanns angeordnet habe. Voigtländer hörte andächtig zu. Am Schluſſe der Erzählung reichte er dem jungen

aufgeſetzt. Henneberg ſagte gut für alle Verwandten die Hand entgegen und ſagte:

Ausfälle. binnen einer halben

Lambert diente als Zeuge und Stunde flog der Gen⸗

Nun komm' mit mir, Herrmann und

2 8 20 4 1 Schauer von Beſorgniß, als er in das verfal⸗

V gung die ältlichen Damen der Reihe nach zu be⸗

bleibe die Paar Tage, bis ſich die Geſchichte

entwickelt hat, bei uns. Deine Tante freut ſich wie ein Kind auf Dich komm' alſo und be⸗ gleite mich. Wir haben Platz genug oben und Gevatter Lambert wird es mir nicht übel nehmen, daß ich ihm einen Gaſt entführe!

Sieh', alter Schwede, rief der Wirth ganz überraſcht,ſieh', das iſt brav von Dir, daß Du pater peccavi ſagſt. Hätte ich es doch nie geglaubt, daß ſo viel menſchliche Güte in Deinem alten Knochenherzen ſtecke, wie Du jetzt zeigſt. Ja, gehen Sie mit, junger Herr, gehen Sie mit, es iſt das beſte Mittel die Mäuler zu ſtopfen, die ſich in ſolchem Neſte, wie hier, um ſo größer aufreißen, je mehr Glück und Fortkommen ein Menſch gehabt hat. Geht mit Gott Ihr Beiden.

Und es war keine halbe Stunde verfloſſen, ſo ſtieg Herrmann, ſeinen Onkel ſorgſam unterſtützend, den Bergpfad zum hübſchen Hauſe hinauf, oben von den freudeglänzenden Blicken der alten Tante begrüßt und von Kätchens ſchüchterner Freude bewillkommnet. Wir laſſen ihn dort und ſehen uns nun nach Herrn Os⸗ kar Behrens um.

Vier Tage waren verfloſſen, ſeitdem er das Thal im Harzgebirge, um Mitternacht, nach dem Diebſtahle in VoigtländersVilla verlaſſen hatte und direkt nach Magdeburg gereiſt war, um von dort nach Hamburg zu gehen. Dieſe vier Tage hatten hingereicht, um ihn, ſelbſt ſei⸗ nen beſten Freunden, unkenntlich zu machen. Ein ſchöner, feiner Bart umzog das Geſicht und lief mit einem Schnurrbarte der modern⸗ ſten Fagon über der Lippe zuſammen. Dazu ſtand ein Apollo⸗Lockenkopf ganz vortrefflich zu dem bleichen Geſichte und eine Brille verlieh ſeinen Augen den mangelnden Glanz.

Er hatte eingeſehen, daß ein Bart, welcher das Geſicht zu entſtellen vermochte, gar zu ſchwer zu erzielen ſei und war auf die Theorien guter Schauſpieler verfallen, die ſich den Bart zu verſchaffen wiſſen, wenn ſie ihn gerade brauchen.

In der eben angedeuteten Veränderung fin⸗ den wir unſern Helden auf der Eiſenbahn in einem Waggon erſter Klaſſe, inmitten einer Elite zarter, reicher Frauen und Mädchen, welche ſich fürchten, ſelbſt im Coupé Nr. 2 mit Leuten in Berührung zu kommen, die nicht werth ſind, den Staub von ihren Kleidern zu blaſen. Es war eine Regierungspräſidentenfrau, zwar nicht adelig geboren, aber doch adeligen Sinnes, nebſt zwei ältlichen Töchtern, eine Kornmakler⸗ dame von bedeutendem Vermögen und ein Fräulein von Schönburg, Tochter eines zur

Ruhe geſetzten Offizieres, die das Glück hatten,

mit dem ausgezeichneten Subjekte, welches einſtmalsKarl Weſemann hieß, in dem Waggon erſter Klaſſe eine amüſante Reiſe nach Hamburg zu machen.

Im Beginne der Reiſe hatte der junge Herr ſich begnügt, mit beſcheidener ſtummer Huldi⸗

wundern und nur durch einige halblaut gelis⸗ pelte Worte kund zu geben, daß er nicht ſtumm geboren ſei. Als der Zug bei Stendal hielt⸗

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