Heft 
(1858) 8 08
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der dicht am Hauſe arbeitete, hören konnte. Du warſt weit klüger! Hätten wir deine erſte Abneigung gegen deinen Mörder mehr beachtet, wären wir aufmerkſamer darauf geweſen, ſo würden wir weder deinen Tod, noch den Dieb⸗ ſtahl zu beklagen haben. Du warſt klüger, als wir Menſchen, mein gutes Thierchen!

Sie bemerkte ſehr wohl, daß ihr Onkel mit ſeiner Arbeit inne hielt und der Grabrede lauſchte, die ſie dem Hunde hielt. Es war ſeine ſchwache Seite, die Klugheit ſeines Hundes preiſen zu hören und ſelbſt an die große Glocke zu ſchlagen. Kätchen fuhr fort:Und geſtern, mein Thierchen, haſt du noch eklatanter deine übermenſchliche Klugheit gezeigt. Du allein erkannteſt den Mann, der hier in's Haus ge⸗ hörte. Du ließeſt ihn ruhig in den Garten ge⸗ hen, du liefeſt ihm dann nach, als wollteſt du ihn einladen, in's Haus zurückzukommen ja mein Hündchen du wußteſt, daß darin deine Rettung lag. Hätten wir den Vetter im Hauſe gehabt, ſo wäre das Bubenſtück geſcheitert. Sie ſtreichelte nochmals die weichbehaarten, langen Schlappohren des Thieres und erhob ſich, um hinaus zu gehen. Schweigend trat ſie ihrem Onkel näher und betrachtete eine ganze Weile das Feld ſeiner ärgerlichen Thätigkeit.

Man ſollte doch kaum glauben, daß menſch⸗ liche Niederträchtigkeit ſo weit gehen könne, ſagte ſie ſehr gleichmüthig, obwohl ſie einen Plan verfolgte, von deſſen Gelingen viel ab⸗ hing.Jeder Menſch ſchont doch ſonſt das wenigſtens, was ihm einmal Freude bereitete aber dieſer ſogenannte Herr Behrens ſcheint es ſich ordentlich zum Vergnügen ge⸗ macht zu haben, das zu vernichten, was ihm lieb zu ſein ſchien. Man ſieht, er hat eine mei⸗ ſterhafte Komödie geſpielt, wenn er wirklich der Thäter geweſen iſt.

Wer ſoll es ſonſt geweſen ſein, brummte Voigtländer.Der elende Kerl, wie ge⸗ ſagt, der elende Kerl!

Alſo das ſah er ſchon ein. triumphirte im Stillen.

Vetter Herrmann iſt mit Heren Lam⸗ bert auf's Amt gegangen, um vor allen Din⸗ gen eine Verfolgung des Menſchen zu bewerk⸗ ſtelligen. Seine Ehre erfordert es, daß man der Sache auf den Grund kommt, und die Ehre ſeiner Verwandten heiſcht es ebenfalls. Ich könnte mir nichts Entſetzlicheres denken, als eine Beſchuldigung, die ſo tief erniedrigend auf den Namen Voigtländer fällt, unerklärt zu ſehen.

Der Alte ſah von der Seite auf, wollte eine Einwendung machen, unterließ es jedoch und pflanzte ruhig foct. Die Leichenrede wirkte nachträglich auf ſeine Laune und machte ihn ſehr nachſichtig gegen die Nichte, welche ihn eigentlich indirekt auf's Bitterſte tadelte.

Ich bat Herrmann uns Nachricht über den Verlauf ſeiner Schritte zu bringen, be⸗ gann Kätchen von Neuem,allein er erklärte mirnur auf Deine ſpecielle Einladung dieß Haus betreten zu wollen.

Kätchen

Denkt er, ich werde ihn hinausweiſen? murmelte der Alte, vielleicht etwas neugierig auf die Maßregeln, die das Amt zu ergreifen nöthig finden würde.

Was er denkt, weiß ich nicht, entſchied Kätchen kurz ab.Aber ſeine Weigerung finde ich natürlich, obwohl gerade ſein unge⸗ ſtörter Verkehr mit uns hier oben die beſte Ehrenerklärung für ihn und für uns wäre.

Was da für uns! brummte der Alte ſehr ſanftmüthig.Unſere Ehre iſt doch kei⸗ neswegs in Gefahr.

Doch, lieber Onkel, doch! behauptete Kätchen.Herrmann's Mutter iſt eine Voigtländer, das weiß der ganze Ort; kommt alſo der NameVoigtländer nur in irgend einer Beziehung in ein zweifelhaftes Licht, ſo fällt der Schatten des Verdachtes auf die ganze Familie.

Der Alte ſah wieder von ſeiner Arbeit auf und lächelte ſpöttiſch.

Die Weisheit haſt Du wohl aus Deinen Romanen gelernt, meinte er.

Nein, Onkel, dieſe Weisheit liegt in jedem Gemüthe, das ehrliebend iſt und ſich für die Ehre der Familie intereſſirt. Herrmann kann und wird keine Genugthuung von Dir fordern, weil Du ſein Onkel biſt, aber eben deßhalb mußt Du ſie ihm anbieten.

Wie und auf welche Weiſe denn? fragte Voigtländer grämlich.Will er das Geld, das ich ihm verweigerte, haben meinetwe⸗ gen er mag es erhalten.

Das Geld braucht er nicht mehr! warf Kätchen kalt ein.Er wird es von mir be⸗ kommen!

Der Alte ſchaute mit Blicken ſtarrer Ver⸗ wunderung empor.So? Von Dir?

Ja, von mir! Könnte ich eben ſo ſicher ſeine Ehre wieder herſtellen, ſo wollte ich gern noch ein Mal ſo viel durch Diebſtahl verlieren, wie ich verloren habe, aber in meiner Hand liegt leider die Macht nicht.

Nun, fuhr der Alte heraus,ſoll ich etwa hinabgehen und meinen Herrn Neffen am Arme heraufführen, wenn er nicht allein zu mir kommen will?

Ja, das ſollſt Du, entgegnete das Mäd⸗ chen kaltblütig, ihre ganze Stellung im Hauſe auf's Spiel ſetzend.Ja, das mußt Du ſogar! Haſt Du hinabgehen können, um einem unſchul⸗ digen Manne den größten Schimpf anzuthun, ſo muß es Dir auch nicht zu ſchwer ſein, die⸗ ſen Mann durch Deine Handlungsweiſe zu ehren. Irren kann jeder Menſch und wenn er ſeinen Irrthum offen eingeſteht, ſo verbeſſert er die Meinung der Leute über ſich, während er ſich ihrem bittern Tadel unterwerfen muß bei trotzigem Beharren!

Was das Kind klug iſt, ſpottete der Alte, ſie unterbrechend, aber er zeigte weder Zorn noch Heftigkeit.

Nenne das nicht Klugheit, Onkel, ſprach Kätchen weiter.Es iſt nur richtiges Ge⸗

fühl. Ich halte es für meine Schuldigkeit, Dir

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mein Gefühl über dieſe Angelegenheit auszu⸗ ſprechen und zwar mit demſelben Rechte, wie unſer Hektor ſeinen Widerwillen gegen den Mann, den wirOskar Be hrens nennen, zu erkennen gegeben hat. Wir haben auf des Thieres kluge Widerſetzlichkeit nicht den Werth gelegt, der nöthig war, und dadurch iſt es ein Opfer des ſchändlichen Menſchen geworden. Um mir nicht Vorwürfe zu machen oder ſie ſpäter⸗ hin von Dir zu verdienen, ſprach ich mein Gefühl eben ſo deutlich aus, wie der Hund es durch ſein Bellen gethan hat, zwinge Dich aber durchaus nicht, darauf zu hören.

Voigtländer ſchwieg und Kätchen entfernte ſich. Sie war des Erfolges nicht ſicher, aber ſie hatte ſich auf Alles gefaßt ge⸗ macht und feſt beſchloſſen, bei einem ausbre⸗ chenden Ungewitter im Hauſe dasſelbe zu ver⸗ laſſen, um durch ihr Benehmen zu beweiſen, daß ſie den Sohn ihrer Tante Hennebe rg ehre und achte, trotz der übereilten Verunglim⸗ pfung ihres Onkels.

Während ſie auf dieſe Weiſe für Herr⸗ mann handelte, kam dieſer mit dem Gaſt⸗ wirth und Kaufmann Herrn Lambert im Gerichtsamte an.

Der Gerichtsaktuar war noch nicht auf ſei⸗ nem Poſten, aber der Gerichtsherr zeigte ſich ſehr bereitwillig, die beiden Herren anzuhören und ließ ſie in die Gerichtsſtube führen, woſelbſt er ſehr bald erſchien, um ihre Anklage zu ver⸗ nehmen. Geſpannt hörte er zu. Bei den flüch⸗ tig angedeuteten Auftritten, worin Henne⸗ berg ſo tief verlett worden war, unterbrach er den Bericht und fragte: ob er ſich legitimiren könne.

Henneberg zog ſeine Papiere hervor, präſentirte ſie ihm und erzählte ſchnell weiter.

Karl Weſemann, wiederholte der Beamte, als Henneberg zu der Erklärung kam, daß der Verdächtige unter falſchem Na⸗ men nahe an vier Wochen im Thale gelebt habe.Karl Weſemann, ſprach er noch⸗ mals ſinnend und griff zu einem Aktenvolu⸗ men, das ſeitwärts lag. Während Henne⸗ berg ſeine Berichterſtattung mit dem feſt aus⸗ geſprochenen Wunſche ſchloß, alle gerichtliche Macht angewendet zu ſehen, um demW eſe⸗ mann auf die Spur zu kommen, blätterte der Beamte haſtig in dem Aktenhefte, fand end⸗ lich ein Zeitungsblatt und legte es, ſonderbar lächelnd mit dem Finger darauf deutend, vor Henneberg hin. Herr Lambert, der Wirth zum goldenen Löwen, ſchaute neugierig über des jungen Mannes Schultern und las:

Der Privatſchreiber Karl Weſemann, aus Brandenburg gebürtig, iſt dringend ver⸗ dächtig ſich durch falſch ausgeſtellte Dokumente in den Beſitz bedeutender Gelder geſetzt und da⸗ nach bei ſeiner rechtszeitig bewirkten Flucht, durch räuberiſchen Eingriff in eine Kaſſe, die Summe von hundert Goldſtücken geſtohlen zu

haben. Alle Behörden werden erſucht auf den Karl Weſemann zu vigiliren und ihn im

Betretungsfalle auf unſere Koſten hieher zu