Heft 
(1858) 8 08
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Herrmann, wir ſind Geſchwiſterkinder

von Euch und wenn wir gar nichts gethan ha⸗ ben, ſetzte ſie bedeutſam hinzu,um Euch Be⸗ weiſe von rückſichtsvoller Liebe zu geben, ſo hat uns nur die Furcht vor dem Zorne des Onkels daran gehindert. Allein dieß ſoll nun anders werden!

Der junge Mann ſah ſie unverwandt an. Sie erſchien ihm unbeſchreiblich hübſch in der innerlichen Aufregung ihrer Seele. Ein Ge⸗ danke legte ſich dann bleiſchwer auf ſein Herz und er fühlte ein brennendes Verlangen, Ge⸗ wißheit über einen Punkt aus ihrer letzten Ver⸗ gangenheit zu bekommen.

Kätchen, und Dir, Dir hat der elende dorthin ſie wird ſich ſo ſehr freuen Menſch, der Weſemann, Liebeshuldigungen bitte! darzubringen gewagt? ſprach er beklommen. Er ſchüttelte ernſt mit dem Kopfe.Grüße Hu, wie blitzte das Auge des Mädchens ſie nur ich komme bald, bald wieder!

den jungen Mann an.

Haſt Du wirklich einen Moment nur ge⸗ glaubt, daß ich mir von dieſem Menſchen der⸗ gleichen hätte gefallen laſſen können? fragte ſie, ihn parodirend.

Nein! betheuerte er ebenſo leidenſchaft⸗ lich bewegt, wie ſie vorhin.So lange ich Dich nicht geſehen hatte, konnte ich nicht darüber ur⸗ theilen, aber ſpäter zweifelte ich nicht daran, daß Du ihn abgewieſen hatteſt.

Beruhige Dich, auch dieß war nicht ein⸗ mal nöthig. Herr Oskar Behrens hat ſich nur Mühe gegeben, den Onkel zu kirren, um ſeine Geheimniſſe zu erfahren. Ich erinnere mich jetzt erſt, daß der alte mürriſche Mann ihm ſogar Einblicke in ſeine Geldverhältniſſe geſtattete, was er nie gethan hat. Selbſt ich weiß noch nicht genau, wie hoch ſich mein Erb⸗ theil von meinem Vater beläuft.

Gleich nach dieſen Worten erröthete ſie lebhaft, weil ſie an ihren Verdacht hinſichts der Spekulationsideen des Mannes dachte, den ſie nun als Verwandten kennen gelernt hatte. Haſtig ſetzte ſie hinzu, gleichſam um ihr Unrecht zu ſühnen:

Aber ich werde mich jetzt anders zu ihm ſtellen. Mein Vormund ſoll mir Rechenſchaft über mein Vermögen ablegen und wenn

ſtammelte ſie verlegen werdendwenn Du von mir die Summe borgen willſt, die der hartherzige Onkel Dir verweigert hat, ſo ſollſt Du ſofort in Beſitz derſelben kommen.

Herrmann blickte ihr ſchelmiſch in's Auge.

Kätchen, dehne Deine Güte nicht zu weit aus! rief er wieder mit dem ganzen Froh⸗ ſinn der Jugend ſcherzend.Es könnte Dich Dein Anerbieten gereuen, wenn Du meine Be⸗ dingungen hörteſt, unter denen ich Dein Ka⸗ pitaldarlehen annehmen will.

Unter jeder Bedingung bin ich bereit unter jeder Bedingung, Herrmann! rief ſtürmiſch das Mädchen, aber ſie ſchlug raſch die Augen nieder und zog haſtig ihre Hand aus des jungen Herrn Händen, als er mit ſehr ver⸗ rätheriſchem Accente fragte:Unter jeder Be⸗

Was wird die Tante ſagen! meinte ſie, neben ihrem Couſin hinausſchreitend.

Grüße ſie von mir, mein herziges Mäd⸗ chen, ſprach Herrmann eilig, denn Herr Lambert erſchien mit Hut und Stock im Flure.Ob ich Dich, ob ich die Tante für jetzt wieder ſehen werde, weiß ich nicht ich bin entſchloſſen, das Haus meines Onkels nur auf ſeine Einladung zu betreten, und dieſe kann ich bei ſeinen vorgefaßten Meinungen nicht er⸗ warten.

O bitte, komm zur Bank hinauf, bat Kätchen leiſe.Ich gehe mit der Tante

Traurig über dieſen Beſchluß reichte ſie ihm abſchiednehmend die Hand, welche er im Im⸗ pulſe eines ſehr warmen Gefühles ſchnell zu ſeinen Lippen aufhob.

Das Mädchen eilte dann den Bergpfad hinauf und die beiden Männer ſchlugen den Weg zum Gerichtsamtmanne ein.

Kätchen erwartete natürlich, daß ihr Onkel wenigſtens eine kurze überſichtliche Auf⸗ klärung dieſes wichtigen Vorfalles gegeben ha⸗ ben würde, allein ſie irrte. Frau Voigt⸗ länder wußte noch nicht eine Sylbe von den Ereigniſſen im Gaſthofe. Sie hatte nicht ge⸗ wagt, danach zu fragen, weil der alte Mann ſogleich in den Garten gegangen war und dort abermals Veranlaſſung zum ausſchweifendſten Verdruß gefunden hatte.

DerRäuber und Mörder war nämlich ohne Rückſicht auf die friſchbepflanzten Rabat⸗ ten, welche unter den Wohnſtubenfenſtern dicht am Hauſe entlang liefen, über die Beete ge⸗ gangen und hatte ungeſchickter⸗ oder boshafter⸗ weiſe ſämmtliche Pflänzchen, die zur Freude des Alten ſo prächtig gediehen, dermaßen zu Boden getreten, daß eine neue Bepflanzung nöthig war.

Wüthend hatte Voigtländer Spaten und Harke ergriffen und das ganze Beet total umgearbeitet, wobei die gräulichſten Verwün⸗ ſchungen des Thäters über ſeine Lippen geflo⸗ gen waren.

In dieſer Gemüthsſtimmung ihm nur zu begegnen, gehörte zu den muthigen Entſchlüſ⸗ ſen, deren Frau Voigtländer nicht fähig war. Sie verkroch ſich in Kätchens Stube und als dieſe endlich erſchien, da berichtete ſie zitternd von dem neu entdeckten Unfuge. Aber wie verklärte ſich ihr altes gutes Geſicht, als ſie hörte, was dort unten aufgeklärt worden war! Jetzt wußte ſie auch mit einem Male, wodurch ihr der junge Mann ſo bekannt er⸗ ſchienen. Er ſehe ſeinem Vater ſprechend ähn⸗ lich. Freudenthränen floßen von ihren Augen, als Kätchen erzählte und ſie wurde nicht müde zu fragen. Dann erinnerte ſie ſich an des Hundes ſonderbare Freundlichkeit gegen ihn. Sie ſah einen Inſtinkt dieſes Thieres darin,

Familie, und wenn auch Kätchen geneigt war, es mehr dem Zufalle zuzuſchreiben, daß der

arme gemordete Hektor dieſen Fremden ſehr

gnädig empfangen, während er ſeinen muth⸗

maßlichen Mörder wie ein wildes Thier an⸗

geraſet hatte, ſo mußte ſie dennoch zugeben,

daß es ſonderbar war.

Das ganze Verhalten des jungen Mäd⸗

chens zeigte ihre etwas leidenſchaftliche Vorliebe

für Henneberg ſo deutlich wie möglich. Frau

Voigtländer hätte keine Frau ſein müſſen,

um dieß nicht herauszufühlen, und ſie hatte ſich

kaum von ihrem erſten Erſtaunen über die

Abenteuer ihres ſonſt ſo einförmigen Lebens

erholt, als ſie auch ſchon ſagte:

Kätchen das wäre aber ein Mann

für Dich, nicht wahr?

Ja, Tante, erwiederte das Mädchen mit

feſter, überzeugter Stimme.Ja, wenn Herr⸗

mann mich lieb gewinnen könnte, wenn er

mich zur Frau haben wollte ich würde ihm

in Noth und Tod bis an's Ende der Welt fol⸗

gen! Daß ich ihm gefallen habe, daß er mir

ſchon jetzt herzlich gut iſt, weiß ich jo etwas

fühlt ſich leicht heraus aber es frägt ſich

nur, ob ich ihm in ſeinen Verhältniſſen genü⸗ gen kann. Mir fehlt die hinreichende Bil⸗ dung ich habe nicht die geringſte Welt⸗ kenntniß.

Die alte Frau, welche ihre Nichte für ein Wunder von Gelehrſamkeit hielt, lachte, aber Kätchen, von der Gewalt wahrer Zuneigung ergriffen, die immer beſcheiden macht, ließ ſich in ihren Anſichten nicht irre machen.

Sie beendete ihren Anzug, der am Morgen nur ſo ſchnell wie möglich improviſirt, war und ging dann, entſchloſſen zum Aeußerſten, hinaus zu ihrem Oheim.

Ehe ſie den Garten betrat, blieb ſie bei der Leiche des armen Hektor ſtehen und beteachtete mit innerm Schauder das Thier, welches je⸗ denfalls ein Opfer ſeiner Wachſamkeit gewor⸗ den war. Ihrem klaren Geiſte entcollten ſich dabei die kleinen ſonderbaren Ereigniſſe, welche ſie in der Nacht beobachtet hatte, ohne die Wich⸗ tigkeit derſelben zu ahnen. Der Dompfaffe hatte ſein neuerlerntes Lied begonnen ganz natürlich. Das that er ſeit beinahe vierzehn Tagen immer, wenn der Menſch, den ſie Os⸗ kar Behrens nannten, in's Zimmer trat. Ein Schrecken mußte alſo den elenden Dieb er⸗ faßt haben, als das Thierchen ſeine Anweſen⸗ heit auf dieſe Weiſe dokumentirte. Ein Griff und er verſtummte!

Der Hund hatte angeſchlagen, wie er that, wenn ein Bekannter kam er konnte aber nochmals und nochmals ſein freudiges Bellen erſchallen laſſen und dadurch Lärm im Hauſe erregen. Alſo auch er mußte verſtummen und der ſchauderhafte Menſch ſchien ſich auf dieſe Mordthat vorbereitet zu haben.

Kätchen kniete nieder zu dem Hunde und ſtreichelte ſeinen kalten Kopf:

Du warſt klüger, als wir Alle, mein ar⸗

dingung? Sie hielt eine Antwort für unnö⸗ thig und wendete ſich ſchnell zu Gehen.

der errathen habe, dieſer Mann gehöre zur

mer Hektor, ſagte ſie laut, damit es ihr Onkel,

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