Heft 
(1858) 8 08
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ich ihm die Fünftauſend nicht habe borgen wollen.

Zweitauſend Thaler ſind Ihnen geſtoh⸗ len? rief Lambert voller Entſetzen und hef⸗ tete zum erſten Male mißtrauiſch den Blick auf Henneberg.

Zweitauſend Thaler ging es flüſternd ringsum und Aller Augen hingen nun feſt überzeugt an dem jungen Verwandten des Be⸗ ſtohlenen. 1

Ja, zweitauſend Thaler und mein Hund vergiftet und mein Vogel erwürgt, jammerte der Alte:Wollt Ihr mir denn nicht helfen, den ſchurkiſchen Thäter zu faſſen, Ihr Leute? Kein Anderer, als dieſer Böſewicht iſt der Thäter kein Anderer!

Ein unruhiges Flüſtern ging in dem Kreiſe der Umſtehenden rundum.

Geh' Einer auf's Amt hörte man deutlich ſagen, aber es ging dennoch Niemand. Der Wirth war von Hennebergzurückgetreten, gleichſam als habe er eingeſehen, daß er ſeines Schutzes nicht werth ſei.

Geht keiner, um mir alten Manne Hilfe zu holen! ſchrie Voigtländer erboſt und

ſprang in großen Sätzen der Hausthür zu. fl

Gut, ſo hole ich ſelbſt den Gendarmen her haltet ihn feſt!

Er ſtürzte hinaus und rannte mit ſolcher Heftigkeit gegen Kätchen, die in dieſem Au⸗ genblicke beim Wirthshauſe anlangte, daß er jählings rücküber ſchlug und ohne die Geiſtes⸗ gegenwart des jungen Henneberg, der ihm unter warnendem Zuſpruche gefolgt war, wahr⸗ ſcheinlich das Genick gebrochen hätte.

Halt, Onkel! rief Kätchen in den Wirrwarr, der dadurch entſtand, hinein.

Onkel der Fremde iſt es bei Gott nicht geweſen Onkel, Dein blinder Eifer wird einen unſchuldigen Mann ſchwer und un⸗ heilbar kränken! Sieh hier, was wir zwi⸗ ſchen den aufgewühlten Papieren mitten im Geldſchranke gefunden haben! Sie hielt ein Stückchen Glas an einer kurzen, abgeriſſe⸗ nen Gummiſchnur hoch in der Hand dem al⸗ ten, zitternden Voigtländer entgegen.

Herrmann Henneberg ſah nicht dar⸗ auf, er ſchaute nur auf das Mädchen, welches wie ein rettender Engel, in der Glorie eines weiblichen Vertrauens vor ihm erſchien.

Sieh, Onkel, das hat der ſchändliche Räu⸗ ber bei ſeiner That verloren kennſt Du es wieder? Ich habe es vor mehreren Tagen ein⸗ mal in Deiner Hand geſehen

Weiter kam ſie nicht, denn Herr Lambert der kluge Wirth zum goldenen Löwen griff nach dem Glasſtückchen und ſchrie überlaut:

Herrn Oskar Behrens' Lorgnon!

Jetzt wurde Henneberg aufmerkſam. Frühere Erfahrungen reckten ſich wie die Glie⸗ der einer verborgenen Kette aus der Vergan⸗ genheit hervor.

Wie? Täuſchen Sie ſich nicht, Herr Lam⸗ bert? fragte er in wilder Haſt.Gehört das Lorgnon wirklich dem Karl Weſemann?

Herr Lambert ſah ihn verwundert an und fragte:Wem? Nein, dieß Lorgnon gehört dem Herren Oskar Behrens, ſo war ich ein ehr⸗ licher Mann bin!

Dann ſchnell zum Amte ſchnell ihm nachgeſetzt! rief Henneberg ganz außer ſich.

Laſſen Sie mich ſelbſt auf's Amt. Ich werde durch meine Ausſagen die Maßregeln beſchleunigen. Er nahm ſeinen Hut, den er auf einen Tiſch geworfen hatte, auf und drückte ihn feſt auf den Kopf.

Oho, ſchrie Voigtländer, jetzt erſt wieder zur vollen Beſinnung gelangend,oho, Patron, nicht alſo. Du bleibſt hier, bis wir wiſſen, was das Stückchen Glas eigentlich be⸗ ſagen ſoll, in wiefern es mit dem jungen Herrn, den ich als einen ganz vortrefflichen und un⸗ eigennützigen Mann habe kennen lernen, zu⸗ ſammenhängt.

Onkel, ſei vernünftig bat Herrmann Henneberg Kätchen horchte hoch auf. Ihr Blick begegnete dem Auge des jungen Mannes. Der Strahl eines eigenthümlichen, freudigen Erkennens brach aus ihren Augen, während eine Purpurgluth ihre Wangen über⸗ og.

Herrmann Henneberg? fragte ſie ſchüchtern zu ihm gewendet. Er nickte und bot ihr die Hand, die ſie ſogleich ergriff und mit weichem, warmem Drucke feſthielt. Während dieſer kurzen, blitzartig abgeſpielten Zwiſchen⸗ ſzene hatte Herr Lambert ſich in's Mittel geworfen und dem alten, bitterböſen Voigt⸗ länder erklärt, daß ſein Neffe ganz in ſei⸗ nem Rechte ſei, wenn er die Herbeiſchaffung des jungen Oskar Behrens beſchleunigen wolle, denn das Lorgnon gehöre unbeſtreitbar dieſem Herrn Behrens und in ſeiner Ge⸗ genwart ſei die Schnur geriſſen, an welcher er es befeſtigt getragen habe.

Da uns Kätchen verſichert, es in dem⸗ ſelben Schranke gefunden zu haben, woraus das Geld geſtohlen iſt, ſo iſt es unzweifelhaft, daß er das Geld dort herausgenommen und unvorſichtigerweiſe ſein Narrenſpielwerk dabei verloren hat, ſchloß er ſeine Argumentation mit ſehr erhobener Stimme.Sie werden doch wenigſtens zugeben, Gevatter Voi gtländer, daß Herr Oskar Behrens eben ſo gut der Thäter geweſen ſein kann, als dieſer junge Herr, der noch dazu ein Verwandter von Ihnen iſt.

Erlauben Sie mir nur eine Bemerkung, unterbrach ihn Herrmann jetzt wieder ganz ruhig und gefaßt,der Mann heißt gar nicht Oskar Behrens, ſondernKarl We⸗ ſemann. Ich wunderte mich geſtern, als Sie ihnBehrens nannten, fragte Sie auch darnach, vermuthete aber keineswegs einen Schurkenſtreich hinter dieſem Namenswechſel, obwohl mir bekannt iſt, daß er nicht viel taugt. Meine Eltern haben vor ungefähr zwanzig Jahren bei ſeinen Eltern, die eine Brauerei in Brandenburg beſeſſen haben, aber längſt todt ſind, zur Miethe gewohnt. Wir ſpielten als

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Knaben zuſammen allein es war ein zu ſchlechter und unzuverläſſiger Knabe! deßhalb verließen meine Eltern das Haus und zogen in eine ganz entfernte Stadtgegend. Schon da⸗ mals hatte er die Kaſſe meiner Mutter um vier Thaler leichter gemacht und der guten Frau Furcht vor ſeinem Einfluſſe auf uns ein⸗ geflößt. Was wird ſie ſagen, wenn ſie hört, wie ſich unſere Wege jetzt ſo ärgerlich und ab⸗ ſcheulich durchkreuzt haben. Doch die Zeit ver⸗ rinnt Onkel haſt Du nun Vertrauen ge⸗ nug zu mir, um mich zum Amte gehen zu laſſen? fügte er mit einem bittern Lächeln hinzu.

Voigtländer, gewiß innerlich beſchämt, glaubte dieß nicht zeigen zu dürfen.

Mach' was Du wilſſt, brummte er, ſei⸗ nen Schlafrock um ſich wickelnd und Anſtalt treffend, das Wirthshaus zu verlaſſen.Viel⸗ leicht ſteckt IhrJugendfreunde unter einer Decke denn der Eine ging, als der Andere kam.

Die Zeit wird Dich belehren und über⸗ zeugen, was Dein Neffe für ein Mann iſt, ent⸗ gegnete Henneberg äußerſt gelaſſen, ließ jedoch bei der Fortſetzung ſeiner Rede ſeine leb⸗ haften, ſchönen Augen ſehr ausdrucksvoll über die Umſtehenden hinſchweifen.

Ich denke, es iſt, außer Dir, kein Einziger unter dieſen Leuten ſo vermeſſen, nur noch den kleinſten Zweifel über meine Unſchuld zu hegen, und ich gebe mich der Hoffnung hin, daß es mir gelingen wird, den wahren Thäter des frevelhaften Diebſtahls zu entdecken.

Voigtländer ging hinaus ohne ein Wort zu erwiedern. Kätchen aber blieb ſchüch⸗ tern ſtehen und zögerte die Schwelle zu über⸗ ſchreiten. Die Leute des Hauſes entfernten ſich langſam. Herr Lambert erklärte laut: jetzt würde ihm Manches erklärlich und er werde ſich ſogleichin's Zeug ſchmeißen um mit auf's Amt zu gehen und die Angaben des Herrn Henneberg zu unterſtützen, dieſer ſolle nur einen Augenblick warten. Während er ging, näherte ſich Herrmann ſchnell ſeiner Couſine und ſchauete ihr mit herziger Freundlichkeit un⸗ ter den Hut.

Haſt Du wirklich gar nicht an mir ge⸗ zweifelt? flüſterte er.

Nein nein, Herrmann! rief das Mädchen mit leidenſchaftlicher Haſt.

Hätte ich Dir doch geſtern vertraut, ent⸗ gegnete er reumüthig,es hätte mir wenig⸗ ſtens eine höchſt unangenehme Szene erſpart.

Wie ſonderbar aber, liebes Kätchen, daß ich nie eine Ahnung von Deinem Daſein erhalten habe es ward niemals von der Bruderstochter

meines Onkels geſprochen. Natürlich, denn der Zwiſt zwiſchen Dei⸗ ner Mutter und meinem Onkel iſt gerade ſo alt, wie ich, lächelte ſie.

Aber Du theilſt den Haß gegen meine Mutter nicht? forſchte Herrmann eifrig. Ebenſowenig, wie Tante Voigtlaärn⸗

der, berichtete Kätchen.Wir ſprachen oft 29*