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Herrmann Henneberg. Rovelle. Von Ernſt Fritze.
Am Fuße des Harzgebirges, dicht hinter den Schmelzhütten, die ihren mephitiſchen Dampf weit über die Flächen hinſchicken, mün⸗ det ſich eines der ſchönſten Thäler ein. Schmal, von hohen waldbewachſenen Wänden eingeengt und von einem rieſelnden Bache durchſchnitten, der dem Thale und dem Dorfe darin den Na⸗ men gegeben hat, erſtreckt es ſich kaum eine Viertelſtunde bis zu dem waldigen Hinter⸗ grunde. Rechts geht dann ein ſchmaler Weg in dieß Dickicht hinein, während links die breite Heerſtraße bergan führt, um in verſchiedenarti⸗ gen Windungen über die Berge fort in jenſei⸗ tigen Städten auszulaufen. Dicht am Berg⸗ abhange, ſchon bedeutend höher als die übri⸗ gen Häuſer des hübſchen Dorfes, liegt ein hel⸗ les ſchönes Haus mit Gartenanlagen von einer Taxushecke umhegt. Die Fahrſtraße geht daran vorüber und es mag ſich mancher Reiſende an dem Dufte der Blumen erlabt haben, die in dieſem Garten ſchöner als ſonſt irgendwo im ganzen Thale blühen.
Der Bach trennt das Haus von dem Dorfe und die Felswindungen ſchützen es vor dem Dampfe der Schmelzhütten, unter wel⸗
chem die Vegetation verkümmern würde. Rei⸗ ſende, die vor dreißig Jahren den Weg von der Höhe hinab geſtiegen ſind, würden ſich erin⸗ nern, daß ſtatt des ſchönen freundlichen Hauſes damals eine ärmliche Hütte, zwiſchen den ural⸗ ten Buchen feſtgeklemmt, geſtanden, und daß der Mann, welcher jetzt in behaglicher Ruhe ſeine Blumen pflegt, damals ſchweißbedeckt, von rußigem Qualme dampfend, dieſe ärmliche Hütte als ein Paradies nach ſeiner Höllenarbeit mit Schwefeldunſt betrachtet hat. Eines Tages aber kam ein Brief an den armen Schmelzhüttenar⸗ beiter Martin Voigtländer, und als Herr Martin in der Feierabendſtunde denſelben gehörig durchſtudirt hatte, da zog er ſein Arbei⸗ terzeug langſam und bedächtig ab und fuhr in ſein Sonntagshabit. Dann nahm er den Brief und wanderte damit der nächſten Stadt zu, wo ſein erſter Gang zu einem Advokaten war.
Der Advokat las den Brief und lächelte ſehr freundlich dabei. Er that einige Fragen an Herrn Martin Voigtländer, deren raſche und prompte Beantwortung ihn noch freundlicher machte. Zuletzt erklärte er ſich be⸗ reit, ihm behilflich zu ſein, wenn er es ver⸗ langte. Das war es eben, weßhalb Herr Mar⸗ tin Voigtländer zu ihm gegangen war.
Er übergab dem Advokaten das Geſchäft, ging eben ſo ruhig, wie er gekommen war, in ſein Hüttchen zurück und zog ſeinen Arbeits⸗ kittel wieder an.
Kein Menſch erfuhr, was in dem Briefe geſtanden hatte, ſelbſt ſeine Frau und ſein Bru⸗
Tochter ein Kämmerchen in der Hütte bewohnte und auch Schmelzhüttenarbeiter war.
Noch ehe der Advokat in einer ſehr hüb⸗ ſchen Karroſſe im Spätherbſte desſelben Jahres im Thale anlangte, in dem Gaſthauſe abſtieg und ſich von einem Buben zu der Waldhütte hinauf geleiten ließ, hatte Martin Voigt⸗ länder ſeinen Bruder begraben laſſen und ſein kleines Töchterchen an Kindesſtatt angenom⸗ men. Dieſer vernahm alſo die Nachricht nicht, die wie ein Freudenfeuer rings umlief, daß „die drei Geſchwiſter Voigtländer von einem Vatersbruder ein ganz bedeutendes Vermögen geerbt hätten, welches der Advokat in guten Papieren überbrächte.“
Martin Voigtländer empfing den Advokaten mit ehrerbietiger Freude, nahm zwei Drittel der Erbſchaft für ſich und für ſeines verſtorbenen Bruders Töchterchen in Empfang, beauftragte ihn, das übrige Drittel ſeiner Schweſter Mariane Henneberg in Bran⸗ denburg, mit der er, aus unerheblichen Grün⸗ den, in bitterer Feindſchaft lebte, zu überſenden und zog nun für immer ſeinen Arbeitskittel aus.
Seine Hütte riß er nieder und ließ an der⸗ ſelben Stelle, wo ſein Vater, ſein Großvater und Urgroßvater geboren und geſtorben waren, das Haus aufbauen, welches wir eben beſchrie⸗ ben haben.
Mittlerweile waren beinahe zwanzig Jahre verſtrichen. Herr Voigtländer lebte ſtill und einfach, obwohl man ihn einen reichen Mann nannte. Er hat drei Paſſionen, die ſein Leben verſchönerten, und dieſe waren ſeine Blu⸗ men, ſein Dompfaffe und ſein Wachtelhund.
und für die beiden Thiere zeigte er die hinge⸗ bendſte Zärtlichkeit.
Seine Frau beachtete er gar nicht und für Kätchen hatte er nur dann ein gütiges Wort, wenn ſie ſich für eine ſeiner Paſſionen aufopferte.
Kätchen war ein friſches geſundes Mäd⸗ chen, voll neckiſcher Einfälle, aber ein wenig eitel auf ihr hübſches Geſicht und etwas ſtolz auf ihr Vermögen. Sie beſchränkte ihren Umgang lie⸗ ber auf das Aeußerſte, als daß ſie zu den ge⸗ wöhnlichen Dorfbewohnern gehalten hätte. Ihre Bildung blieb mangelhaft, allein ſie ſtrebte da⸗ nach, ſich äußerlich die Formen anzueignen, die eine gewiſſe Kultur verrathen. Sie hatte das Talent, artig über Nichts plaudern zu können, und ſie brachte es nach einiger Uebung dahin, allgemein für ein geiſtreiches Mädchen zu gel⸗ ten. Ihre größte Untugend war: leidenſchaft⸗ lich gern Romane zu leſen. In dieſem Punkte zeigte ſie ſich nicht wähleriſch. Was die nächſt⸗ gelegene Stadt in der Leihbibliothek nur auf⸗ wies, das las ſie. Da nun Leihbibliotheken am liebſten Ueberſetzungen anſchaffen, ſo erwarb ſich Kätchen eine erſtaunenswerthe Literatur⸗ kenntniß von Frankreich's und England's Wer⸗
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Es w n einem Maitage, als ein junger Mann durdie Schmelzhütten hindurch ſchütt und eilig ir die Brücke des Baches dem Dorfe zutrabte, ateſſen Ende, dicht vor dem Wald⸗ wege, ein Ahshaus lag. Sein Aeußeres zeigte einen Reiſen, aber einen jener Sorte, die nur auf eie Tage planlos in den Bergen umherlaufeintweder um die Grillen oder die Langeweile perjagen. Das Auge ſolcher Rei⸗ ſenden hebtſ kaum ein Mal vom Pfade ab, den ſie verfin, um einen Blick in die uner⸗ meßliche S eit der Natur zu werfen. Mür⸗ riſch ſchreites fort. Sind ſie durſtig, ſo eilen ſie in's Gaſts, tadeln oder loben das Bier, fragen wie
—.
fre„Dieß“ oder„Jenes“ entfernt ſei und rennwieder auf und davon.
Der junMann ſchien zu dieſer Art zu zählen. Ohſich nur eine Minute bei dem intereſſantennblick der wunderbar ſchönen Felsbildung zauhalten, die ſich dicht vor ihm erſchloß, eilt am Bache entlang, geraden Weges in daſaſthaus hinein, das mit gro ßen goldeneluchſtaben einen„goldenen Lö⸗ wen“ verkün
Der Wi der zugleich Kaufmann war, trat ihm freuch grüßend entgegen.
Um dieſef waren Reiſende noch ſelten, und Leute, darauf angewieſen ſind, die Reiſeluſt auguten, freuen ſich beim erſten Wanderer menls beim letzten.
Der junNann warf ſich auf's Sopha
und forderte Glas Kulmbacher“. Er ſah
erſchöpft ausein Geſicht war bleich und
nichts weniges ſchön. Schlaffe Züge und ſein lhund. matte Augen fiethen ein innerliches Leiden. Den erſtern widmete er die ſorgſamſte Pflege
Er ſtützte auchleich den Kopf in die Hand und fragte: fr einige Tage hier wohnen könne. Der Zimmer zurec machen.
Kaum ſahh der junge Mann allein, ſo ſtürzte er dasſs Bier in einem Zuge hin⸗ unter und leſich mit geſchloſſenen Augen zurück in's St. So fand ihn der Wirth. Beſorgt trat en näher.
„Sie habſch überlaufen, mein Herr,“ ſagte er vorwuoll.„Legen Sie ſich ſchla⸗ fen.— Wolleie vielleicht etwas genießen? Mittag iſt fre vorüber und zur Zeit ſind wir noch nicht Reiſende eingerichtet.)
„Geben Sir, was Sie haben,“ ſprach der Reiſende gruhig.„Allerdings— ich habe noch nichtnoſſen!“
„Thorheit, reiſen,“ brummte der alte Praktikus und llte in der Küche eine Bier⸗ ſuppe und aufggene Eier.
Als er nachr halben Stunde mit die⸗ ſem erquicklich Rden Male wieder zu dem jungen Manne nt, da ſchreckte dieſer aus einem unruhigenllummer auf.
„Sie können Tod davon haben,“ ſchalt der Wirth wieder
andern Sprache geſchrieben waren, als in der
der nicht, der als Witwer mit ſeiner kleinen deutſchen.
ken, ohne zu ahnen, daß ſie jemals in einer
Der junge Rpe lächelte und griff ſo⸗ gleich nach Meſſey Guthe zi „Wollen Sieſt erſt die Suppe— 2„ fragte Herr Lam bdder Wirth, ganz erſtaunt.
ih bejahte es und ging, ein
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