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Solche Fälle machen es begreiflich, daß ſich das oberbairiſche Volkslied mit ſeiner ſtark humoriſtiſchen Tendenz ganz beſonders in dieſen Stoffen entwickelt hat.„Es liegt das Rührende und das Muthwillige nirgends ſo nah beiſammen, als in dem, was einem Wildſchützen paſſiren kann, und darum haben wir Lieder von fein elegiſcher Tonart bis zur tollſten Satire.
Und bal i amal ſtirb,
Brauch i Weihbrunn koan(kein Weihwaſſer),
Denn mein Grab dös wird naß
Von mein Dirndl ſein Woan'(Weinen).
In den anderen ſprudelt ein Uebermuth, der manchmal bei⸗ nahe genial. eine Schelmerei, die manchmal unſäglich komiſch iſt. So handelt eines dieſer Trutzlieder von einer Hausſuchung, die bei einem Verdächtigen nach deſſen Gewehr gehalten wird. Auf draſtiſche Weiſe iſt es beſchrieben, wie die Jäger kommen, wie ſie ſchnüffeln und Alles durchſtöbern, den Strohſack aufſchneiden und die Bettlade umkehren. Nach beendigter erfolgloſer Suche ſervirt ihnen der Verfolgte einen Telee mit Sauerkraut, davon er ein friſches Faß im Hauſe hat und das ihnen vortrefflich mundet. Am Boden des Faſſes aber war der ſorgſam zerlegte Stutzen verborgen.
Und nur in's Sauerkraut
Da habn'’s nit einig'ſchaut,
Das Kraut habn's abig'freſſen Und d' Bix ham's ganz vergeſſen.
So luſtig geht's freilich nicht immer aus. In der Gegend des Iſarthals hauſte vor einiger Zeit ein Forſtwart, welcher weit und breit gefürchtet ward. Sieben Schuh war er hoch, fantelnde
Augen, offene Bruſt und ein grauer grimmiger Schnurrbart! Wenn er ſo dahinſchritt im Walde, ſah er aus wie der leibhaftige
Nimrod. Neun Menſchen hatte er ſchon erſchoſſen und faſt jähr⸗ lich kam ein neuer deunn man hatte ihm Rache geſchworen und Briefe gelegt, daß ſie ihn lebendig in ſeinem Haus verbrennen wollten, aber der Alte kannte keine Furcht. Bei Nacht und Nebel ſtieg er in den Bergen herum, mit der Kugel im Laufe und ſeinen Buben zur Seite, der ihm nachlief wie ein gieriger Jagdhund. Auch auf den Buben hatten ſie geſchoſſen— aber der Alte kannte keine Furcht; am Ende iſt er kugelfeſt.
Eines Tages, da er allein umherſchweiſte, trat ihm eine Rotte von ſieben oder acht vermummten Geſtalten in den Weg, zund dieſe ſingen den alten Nimrod lebendig. Dann warfen ſie ihn zu Boden und knebelten ihn, und nachdem ſie ihn gräulich geläſtert hatten, ward er an einen Baum gebunden, um dort zu verhungern. Drei Tage und Nächte ſtand er alſo da, mit weit⸗ geſpannten Armen; er ſah, wie der Mond heraufſtieg, wie der Hirſch durch's Dickicht brach und erſchreckt an ihm vorüberſauſte, wie der Morgen und der Abend graute. Am dritten Abend kamen ſie wieder, und weil er noch lebte, ſo ſollte ihm das Leben geſchenkt ſein. Sie banden ihn los und bildeten Spalier, durch das er Spießmuihen laufen mußte. Hoffentlich gaben ihm die Kolbenſtöße einen Denk⸗ zettel, aber wenn's noch nicht genug iſt, dann fliegt beim Nächſten, den er todtſchießt, der rothe Hahn auf's Dach.
Vierzehn Tage ſpäter erſchoß er den Nächſten— doch eh'
noch der Hahn kam, kam die Ordre, die ihn verſetzte. Er ward hinansgeſeht weit weg auf's flache Land, und als er fortzog aus den Bergen, weinte er wie ein Kind. Das iſt die echte wilde Gebirgsnatur— ſo grauſam und zugleich ſo weich.
Im, Laufe des vergangenen Sommers ward ich zu mehreren Sectionen beigezogen, die an erſchoſſenen Wilderern gemacht wurden. Der eine war gar ein friſcher luſtiger Geſell geweſen, hell⸗ braun, hoch gewachſen, kaum neunzehn Jahre. Er arbeitete über Tag in einer Sägemühle, bei Nacht aber, wenn die Räder ſtille ſtanden, trieb es ihn hinaus in's Weite. Allenthalben war er beliebt, weil er ſo wunderſchön Cither ſchlug und ſang— wenn er Abends vor der Mühle ſaß, wenn die Burſche und Mädchen dort zum Haingart zuſammen kamen. 3 Zwei Tage vorher hatte ich ihn noch jodeln hören; es war eim peinliches Gefühl, als ich nun hineintrat in die Todten⸗ kammer, wo er in ſeinen gewohnten Kleidern auf dem Schragen lag. Schon die kräftigen Schuhe, die kurzen Hoſen und die flotte Joppe hatten etwas Befremdendes; man kann ſich dieſe bewegliche maleriſche Tracht gar nicht an einem Todten denken. Die Kugel war ihm vom Rücken in's Herz gedrungen, und wie er ſo da lag— die prächtige Geſtalt— da fiel mir unwillkürlich Sieg⸗ fried im Wald und auf der Bahre ein.
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Man begann ihn auszukleiden, die
ſucht— und ein Zufall, den ich nie vergeſſen werde, iſt mir da
begegnet. Als wir nämlich in die Bruſttaſche griffen, fand ſich
ein Stück Papier, auf dem mit Bleiſtift einige friſche Zeilen
ſtanden. Es waren die erſten Verſe eines Wildſchützenliedes, das
der arme Schelm beim frühen Morgenlicht ſich aufgeſchrieben: Und ſollt ich heut' noch müſſen
Im Wald mein Leben büßen,
Ich bleib' halt doch getreu
Bei meiner Wilderei.
Einmal trifft's uns ja Alle..
Hier brachen die Verſe ab; ehe er den letzten dazu geſetzt, war der erſte in Erfüllung gegangen. Ich habe das Blatt zu mir genommen und bewahre es noch heute als ein charakteriſtiſches Andenken.
Mehr gräßlich, als ſchön, ſah ein Anderer aus, den die Grenzjäger zwiſchen Kreuth und Achenthal getödtet hatten, denn der lag noch in der ganzen Vermummung auf dem Todlenbett, mit falſchem Bart und rußigem Geſicht, die Fauſt auf der Bruſt geballt. iennand kannte ihn, aber einzelne Spuren, die man bei ihm fand, wieſen daruuf hin, daß er von Lenggries daheim war. Sofort wurden ein paar Bauern, die aus der dortigen Gegend gerade anweſend waren, als Identitätszeugen berufen. Neugierig, mit einem rohen Schauder traten die rauhen Sachverſtändigen heran an den Todten. Man nahm ihm den
ſchwarzen Bart weg, man wuſch ihm das Geſicht— und nun
lag er da, wie er leibt und lebt.
„Das iſt der Sepp von Lenggries,“ ſprach der Eine, war vierzehn Jahr lang mein Nachbar.“
—„ Ja, der iſt's,“ ſprach der Ander re halblaut, und dann eilten Beide zur Thür hinaus, als ob ſie fürchteten, zum Verrither des Todten geworden zu ſein.
Uns aber blieb eine ſchreclliche Arbeit; es war milten im Juli und der Leichnam ſchon ein wenig in Verweſung; er hatte die Augen offen und ſtarrte uns ſo gequält entgegen, als wir Meſſer und Meißel anlegten. Mitten im Herzen fand ſich ein Stück gehacktes Blei; der Tod mußte ihn wie ein Blitz getroffen haben. In ſpäter Nachmittagsſtunde kam ein unheimlicher Zug von zehn ober zwölf Geſellen über die Berge herüber und meldeten ſich beim Amte. Ihre Worte hatten ſo etwas bang Verlegenes, ihre Haltung ſo etwas Drohendes und Forderndes; es waren die Freunde des Gefallenen, die ſich deſſen Leiche ausbaten, um ſie daheim zu begraben. Man gewährte es ihnen und in finſterer Nacht fuhren ſie den zerſtückelten Körper in einem wohlverpichten Sarge von dannen. Zu den beiden Seiten des Leiterwagens aber ſaßen ſie als Ehrenwache; man hörte nicht, was ſie zu ein⸗ ander flüſterten beim Raſſeln der Räder, doch es klang wie Rache⸗ gedanken..
Lenggries iſt jetzt das eigentliche Centrum des Wildſchützen⸗ weſens, der Menſchenſchlag iſt dort rauher, die geographiſche Lage günſtiger, als irgendwo. Außerdem iſt die Iſar, die aus dem Karwendelgebirge hier vorüberſtrömt, jederzeit bereit, die diebiſchen Gemsbraten und Rehſchlegel nach München zu ſpediren.
So haben's die Alten nicht getrieben, und deshalb beklagen ſie auch hier(wie beim Haberfeldtreiben),„daß die Wilderei in Verfall gerathen ſei“. Die jungen Spitzbuben ſind zu ſehr vom Geiſt der Neuzeit angeſteckt, von dem Annexionsgenie der Gegen⸗ wart. Früher hat Einer jahrelang geſpart, um ſich endlich einen Stutzen zu verdienen; jetzt ſtehlen ſie ſchon das Gewehr und dann den Gemsbock, und dann den Schubkarren, auf dem ſie ihn wei⸗
„der
terführen. Sie ſind auch grauſamer geworden gegen Wald und Wild. Früher wußte man manchen rührenden Zug zu berichten,
daß die verwundete Hirſchkuh oder das verwaiſte Rehkalb beim
Wildſchützen Zuflucht vor dem Jäger fand; jetzt ſchießen ſie das Kalb und die Mutter über den Haufen. So ſagen die Alten, und ſie haben nicht ganz Unrecht. Der Wilderer, welcher aus Leidenſchaft jagt, ſchont die Jagd, weil er ſie liebt und für ſein Recht hält; der Wilddieb, welcher ſein Unrecht übt, ver⸗ wüſtet, was er nicht ſtehlen kann. Wenn's nicht gar ſo abgenützt klänge, könnte man wohl ſagen, daß auch hier die Romantik zum Teufel gegangen iſt. Es iſt nun einmal ihr Schickſal in unſerem Jahrhundert. ſolche Aa Züner aus Wuth, daß ſe keinen Gemsbock Vefandem,
Taſchen wurden unter⸗
Oder kann man es noch romantiſch nennen, wenn
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