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Ein anderes geheimnißvolles Gedicht iſt von derſelben Hand in der von hier aus bald erreichten Felsgrotte des Hermannſteins eingegraben. Nächſt dem Eingange zur Grotte findet der auf⸗ merkſame Sucher rechter Hand, in Mundes Höhe, ein in die Fels⸗ wand gehauenes 8, das der Frau von Stein gewidmet iſt, der Frau ſeiner tiefſten, innigſten Verehrung,„der lieben Begleiterin aller ſeiner Gedanken, der unverſiechlichen Quelle ſeines Glücks“, welcher Goethe viele ſeiner ſchönſten Lieder geſungen hat. Sie begrüßte er auch von hier aus mit dem„Kuß der Gedanken“ und ſchrieb an die Entfernte, daß er das„8“ wieder beſucht und geküßt habe.
Tage der Liebe und Luſt waren es, die Dichter und Fürſt hier zuſammen verlebten. Aus der Reſidenz, aus der oft drücken⸗ den Hofatmoſphäre ſehnte ſich der jugendliche Fürſt hinaus in die friſche freie Luft. Er wollte wieder einmal die Sonne in den Bergen auf⸗ und untergehen ſehen, am liebſten mit Goethe; und wenn die Jagdluſt über ihn kam, ſo war nächſt dem Ettersberg vann Ilmenau mit ſeinen ſchönen Wäldern das weitere Ziel. Von dem freundlichen Städtchen aus durch das liebliche Mane⸗ bacher Thal über das Dorf gleichen Namens führt der Weg zu dem in einem Nebenthal ſich reizend hinſtreckenden Dorfe Stützer⸗ bach. Auch der Berg- und Waldespfad dahin iſt zu empfehlen; er zieht ſich durch den romantiſchen Schortegrund an dem rauſchen⸗ den Gebirgswaſſer, an der engen Schlucht und dem Waſſerfall des Finſterlochs vorüber. Der gellende Schall der Holzſchläger⸗ Axt unterbricht zuweilen die Ruhe des Waldes, und hie und da ſchüret ein rußiger Köhler den Meiler, deſſen Rauch ſich in die Fichten erhebt. Die Arbeiter des Forſtes, der Glashütte, der Porcellanfabrik bilden den größeren Beſtand der Einwohner Stützerbachs. Der eine Theil des Dorfes iſt preußiſch, der andere weimariſch, und das tanzluſtige Völkchen zieht den Vortheil aus der getheilten Herrſchaft, daß es an weimariſchen Tanztagen hüben, an preußiſchen drüben ſich vergnügt und alſo häufiger Gelegenheit zum Fröhlichſein hat, als andere Dorfbewohner.
Zwei Wanderer waren wir ausgezogen zum Genuß der an muthigen Gegend, beſonders aber auch hier den Spuren jener luſtigen weimariſchen Zeit nachzugehen. Vom Gickelhahn durch hohe Fichten⸗ und Buchenwaldungen führte uns der Weg nach Stützerbach hinab. Eine Stunde des ſchönen Sommerabends widmeten wir der unanſehnlichen alten Schenke, denn der Tanz⸗ boden war für uns diesmal der claſſiſche Boden, dem unſere Forſchung galt. Als einer der kleinſten und geringſten eines Thüringer Walddorfs, durchaus noch im Urzuſtande, erſchien er uns mit ſeiner ſteilen, ſchmalen Stiege, auf welcher gewiß nur mittels des Ellenbogens Raum erobert wurde, wenn die Geige erklang von dem Plätzchen aus, das erhöht und mit einem Holz⸗ geländer umgeben war und zum Orcheſter diente. Einige Bänke ſtanden den Wänden entlang, mehrere Thüren führten zu an ſtoßenden Stübchen; die unebenen Dielen aber waren eben erfüllt von der friſch eingeführten duftenden Heuernte. Wie einfach und dürftig war der Apparat, wie klein der Raum, wie niedrig die
Decke für die beiden Männergrößen, die dem Luxus des Hoflebens entflohen waren und hier unter Naturmenſchen Genuß fanden!
In Stützerbach gab es beſonders luſtige Nächte; Karl Auguſt und Goethe kamen oft von Ilmenau dahin. Schnelle
Roſſe unter den Schenkeln, Mond und Sterne über den Mützen, jagten ſie dem Manebacher Thale entlang, dem engeren Thal grunde zu, wo das Dörfchen im Schlummer zu liegen ſchien.
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Doch aus der Schenke blinkte das Licht, da tönte Trompetenklang⸗
und munter ging der Fiedelbogen. Die ſchönſten Mädchen wurden im Tanze geſchwungen, da gab's zu„miſeln“, zu liebeln und zu ſcherzen mit den gluthvollen wilden Roſen des Dorfes, eine fröh liche Nacht hindurch, bis die Muſik verſtummte und der an brechende Tag an den Heimritt mahnte.
Unter den anderen Häuſern im oberen Dorfe intereſſirt uns zunächſt das eine, welches wir hier als reizende Idylle in getreuer an Ort und Stelle aufgenommener Abbildung geben. Man ſieht ihm ſeine hundert Jahre an, ſie blicken aus den bleigefaßten Fenſterſcheiben auf die gewiß ſeit geraumer Zeit unverändert ge⸗ bliebenen Umgebungen, auf das anſpruchsloſe Gemüſe⸗ und Blumengärtchen, auf die hölzernen Nachbarhütten herab. Was da wächst und wuchert, es kennt nicht die ordnende Hand des Gärtners, es gedeiht wie zufällig, es iſt verwildert und natürlich, wie es der Maler will. Die alten Linden werfen Schatten und
Blüthenduft in die Stuben, die berganſteigende Waldeswieſe er⸗ ſetzt den ſchönſten Gartenflor und der nahe Wald grünt in üppig⸗ ſter Friſche.
Die alte Frau Gundelach war früher die Beſitzerin des Hauſes und erzählte gern, daß unter dem ſtattlichen Schieferdache, innerhalb der holzbekleideten Wände der gnädige Großherzog und Goethe öfter zur Jagdzeit Stand- und Ruhequartier genommen hatten. Sie zeigte noch die Stuben der hohen Gäſte, in der einen, welche Goethe bewohnt hatte, das weißgeſtrichene große Bett, den kleinen goldverzierten geſchliffenen Spiegel zwiſchen den zwei Fenſtern, das Tiſchchen darunter, ein vielkiſſiges Sopha, einige Bilder und einfache Stühle, wie den landesüblichen, weit in die Stube vorſpringenden gewaltigen Kachelofen. Nicht an⸗ ſpruchsvoller waren das dreifenſtrige Zimmer und die Kammer, welche der Fürſt bewohnt hatte, ausgeſtattet; es ſei denn, daß eine alte Tapete, ein großes Schreibpult und ein alterthümliches Wetterglas als beſonderer Ausputz zu betrachten wären.
In neuerer Zeit ſind vom Weimar'ſchen Hofe dem merk⸗ würdigen Hauſe eine gute Goethe-Büſte und das ſauber gemalte Portrait Karl Auguſt's geſtiftet worden, die allerdings dazu bei⸗ tragen, die Phantaſie der Beſucher der geweihten Stätte zu be⸗
leben. Sie tritt vor uns, die gedrungene Geſtalt des beſten Fürſten, des leutſeligen, des ganzen Mannes mit dem großen Geiſte. In der grünen Jagdpekeſche, die mächtigen Hunde an
der Seite, die Cigarre im Munde, beging er hier die anſehnlichen Forſten, welche mit Fleiß cultivirt wurden; er beſichtigte die An— ſtalten und Rüſtzeuge der Wildhegung; Naturliebe und Kühnheit hatten ihn zu einem leidenſchaftlichen Jagdfreunde gemacht. Dem Drange der Körperkräfte gab er damals zuweilen auch in Hetz- und Parforce⸗Jagden Raum. Der Oberforſtmeiſter von Wedel, von Jugend an ſein Jagdgenoſſe, war auf ſolchen Fahrten ſein ſteter Begleiter, aber auch Goethe und andere Freunde vom Muſenhofe nahmen Theil an der Luſt. Am grauenden Morgen hielten die Jäger zu Roß, die Meute ſprang ungeduldig am Koppel und die Bauern zogen als Treiber in den Wald hinaus. Nicht immer ging es ohne Sturz, Armbruch und Verwundung für den Herzog ab, und als er einmal beim Ausweiden eines erlegten Hirſches mit Hand angelegt und ſich das Ohr mit Blut nur befleckt hatte, ſoll ein Ettersburger Bäuerlein ſorglich geſagt haben:„Durch⸗ laucht, Er hat Schweiß am Löffel.“
Einfachheit und Ungebundenheit liebend, war er leutſelig im Umgange mit dem Geringſten, wie beſonders mit ſeinen treuen Dienern. Der Kammerdiener Hecker, der des Herzogs abgetragene Kleider empfing, durfte ſich ſchon zu ſagen erlauben, daß königliche Hoheit die verſchoſſene fadenſcheinige Pekeſche wahrlich nicht länger tragen könne.„Was bekommſt Du dafür, wenn Du ſie ver⸗ möbelſt?“ frug der Herr.„Höchſtens zwei Thaler!“ war die Antwort, und Karl Auguſt zog die Börſe mit den Worten:„Da haſt Du Deine zwei Thaler, laß mir meine Pekeſche.“.
Zur Weihe dieſes Hauſes denken wir uns ferner darin wandelnd, denkend, dichtend Goethe, die große Seele in der Geſtalt eines Apoll, den lebensvollen Dichter, deſſen Erſcheinung— wie alle Zeitgenoſſen berichten— eine unwiderſtehlich glanz⸗ und ſiegvolle war, der vor allem hier in die intimſten Beziehungen zu dem jungen Fürſten trat, dem das Leben erſt recht aufging in dieſer Freundſchaft, welche für das Land und die Welt ſo fruchtbar wurde. Beſonders in der erſten Zeit ſolcher Verbindung, in der jugendlichen Sturmperiode waren Ilmenau und Stitzerbach die Tummelplätze der Geiſter von Weimar, unter denen ſich außer Wedel auch Einſiedel, Knebel, Seckendorf, Stein und andere be⸗ fanden. Mit Humor und Ausgelaſſenheit ergab man ſich, neben dem Jagdvergnügen und den foreirten Ritten, einer Art poetiſchen Zigeunerlebens. Man liebte es, am Tage, wie unter mondheller Himmelsdecke, im Walde zu lagern, dabei zu ſchmaußen, zu trinken und allerlei Scherz zu treiben.„So recht in den Fichten drin zu liegen bei einfachen guten Menſchen“ war ganz nach Goethe's wie Karl Auguſt's Eigenart, und mit den Gefühlen, denen ſie ſich hier in freieſter Stimmung hingaben, iſt ſicher das
Material zu mancher abenteuerlichen, romantiſchen Scene in„Wilhelm
Meiſter“ gefunden worden, wie bekanntlich auch auf dem Thüringer
Walde in derſelben Stimmung„Dem Schnee, dem Regen, dem Wind entgegen“ entſtanden iſt. 1 3
Einſt hatte man hier am Fuße eines Felſens Hütten gebaut, 4 ſie mit Tannenreiſern gedeckt, um geſchützt vor dem Wetter die 4
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