Jahrgang 
51 (1868)
Seite
810
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V hinauf, die Katze aber, durch

V V des Feuerſtromes hinab, nachdem wir den Hohlweg, in welchem

nur die Hauskatze ſaß noch ganz gemüthlich auf der Thürſchwelle des oberen Stockwerks, zu dem eine Treppe von außen führte. Der Pfarrer batte ſich ſo eben wehmüthig nach dem Hauſe gewendet, an deſſen dicken Steinmauern ſich die Lavablöcke immer höher aufdämmten, er betrachtete das Heimweſen, in dem er, ſeit er Prieſter geworden, gewohnt und gewaltet hatte, mit tiefer Trauer im Ausdrucke, zum letzten

Haus ſtand öde und leer da,

Male. Neben dem Hauſe ſtand ein ſchöner, junger Feigen⸗ ſtamm, in wenigen Minuten mußte ihn die Lava zerſtören,

ich wollte ihn lieber als Andenken mitnehmen.Iſt's erlaubt? fragte ich.Heute iſt Alles erlaubt! antwortete er mit einem trüben Lächeln auf die Lava deutend. Während ich den Stamm abſchnitt, fiel des Pfarrers Blick auf die Katze:Rettet das arme Thier! rief er einem der Leute zu; dieſer eilte die Treppe das fremde Geſicht erſchreckt, lief raſch in's Innere des Hauſes hinein, und in demſelben Augenblicke ſtürzte die an dem Hinderniſſe der Steinmauern thurmhoch aufgedämmte Lava mit furchtbarem Gekrach nach vorne über und überſchüttete das flache Dach des Hauſes mit einem Feuermeere. Der Mann auf der Treppe ſprang mit einem lauten Schrei hinab, der Pfarrer und die Umſtehenden bekreuzten ſich, aus den leexen Fenſterhöhlen drangen dicke, qualmende Rauch⸗ wolken, noch einige Minuten und das ganze, große Pfarrhaus war ſpurlos verſchwunden, an ſeiner Stelle wälzte ſich ein hoher Wall von glühenden Lavablöcken weiter vorwärts.

Wir gingen jetzt, durch Weinberge und Obſtgärten kletternd, immer nur der Grenze des Lavadammes folgend, die ganze Breite

wir zum Pfarrhauſe hinaufgeſtiegen, auf dem Rückwege ſchon mit Lava ausgefüllt und überdeckt gefunden hatten. Auf dieſem langen und mühſamen Wege ſtarrte uns überall daſſelbe traurige Bild dec Vernichtung und Verwüſtung entgegen; in einer Beſitzung war das elegante Caſino ſo eben unter dem Drucke der Lavablöcke zu⸗ ſammengeſtürzt, aber die feurige Maſſe ſchien, aus unbekannten Urſachen, auf dieſem Punkte Raſt zu halten und nicht vorwärts ggeedrängt zu werden, denn die Trümmer des Caſino's wurden nicht überdeckt und vor der Lava eingeſchlagene Holzpfähle, die dem Beſitzer als Warnungszeichen dienen ſollten, ſtanden unverletzt da. Ddieſe momentane Raſt war für die Beſitzer des Caſino's ein ggroßes Glück, denn ſie waren noch damit beſchäftigt, aus den etwa fünfzig Schritte zurück gelegenen Wirthſchaftsgebäuden ihre be⸗ wegliche Habe zu entfernen und den Wein aus den Kellern in Fuäſſer zu gießen, deren einige, bereits gefüllt, fortgeführt wurden. V Jede Stunde Galgenfriſt war für die Leute ein wahrer Gewinn und ſie ſuchten auch jede ſo gewonnene Minute beſtens zu be⸗ nitzen. 4. Wir waren nun ſchon fünf Stunden, ohne Halt, nach allen Nichtungen umhergewandert und hatten einen genügenden Ueber⸗ blick des Terrains gewonnen, die Sonne neigte ſich zum untergange, wir waren müde, matt, hungrig und durſtig, und ſo kehrten wir an den äußerſten Punkt der Lavafluth zurück, lagerten uns dort auf einen Hügel und hier vor uns den donnernden und qualmenden Veſuv und den San Salvatore mit der Wallfahrts⸗Capelle, zu unſeren Füßen die krachende und praſ⸗ ſelnde Lavafluth im langſamen Vorrücken, hinter uns das Meer und die in daſſelbe hinabſinkende Sonne, während die Mondſichel ſchon hell am Himmel ſtand, in Mitte dieſer großartigen NRundſchau labten wir uns an dem mitgebrachten Proviante und

dem köſtlichen Wein. Indeſſen wurde es dunkler, wie denn hier die Nacht ohne Dämmerung eintritt, und der Führer fragte: ob er für den Rückgang eine Fackel kaufen ſolle?Was eine V Fackel koſte? fragte ich. Wieder dieſelbe ausweichende Antwort: Sie wird nicht viel koſten. Ich winkte, er und ſein Be⸗ gleiter gingen und kehrten bald mit zwei Fackeln wieder.Was V eine ſolche Fackel koſte? fragte ich jetzt ſcheinbar hingeworfen meine Reiſegefährten.Zwei Franes! platzte der eine Führer unvor⸗ V ſichtig heraus, und jetzt begriff ich, daß es auf eine Prellerei ab⸗ geſehen war. Ich rief die beiden Burſche zu mir:Ich will jetzt wiſſen, was Du für Deine Mühe verlangſt, den Andern habe ich nicht beſtells und nicht angenommen. Alſo kurz und klar! was verlangſt Du? Neue Ausflüchte, wiederholt die Redensart:

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Was Eccellenza geben wollen! als ich aber nicht

Cameraden ſollte ich geben, was ich glaube.Seid Ihr toll oder glaubt Ihr, daß ich verrückt bin? fragte ich ihn und nun begann eine Debatte, die eine volle Stunde währte, in der ich Argument gegen Argument, Sophism gegen Sophism zu ſetzen, die Appel⸗ lattonen an meine Großmuth und Generoſität gegen ſopoveri Diavoli mit der Erklärung, daß ich ſelbſt keinIngleſe und nicht reich ſei, abzuweiſen hatte. Mit dem Neapolitaner, der ein geborener Advocat und Plaideur iſt, muß man eben plaidiren, nie die Ruhe verlieren und etwa heftig werden, und die ganze Debatte immer im heiteren, ſcherzhaften Tone führen. So bot ich ihnen denn fünf Francs für Beide zuſammen und ſetzte ihnen auseinander, wie viele Macaroni und wie viele Bottiglias guten Poſilippoweines ſie für die fünf Francs kaufen könnten, worauf ſie endlich auf zehn Franes für Beide herabſtiegen. Allein ganz einig konnten wir nicht werden, und ſo rückte ich jetzt mit dem kräftigſten Argumente vor und proponirte, den Fall dem Brigadier einer der jetzt zahlreich den Berg heraufkommenden Gensdarmerie⸗ Patrouillen zur Entſcheidung vorlegen zu wollen. Das wirkte; die Burſche wurden kleinlaut und acceptirten mein Gebot, jedoch mit der Bitte: Eccellenza möge doch Jedem noch eine Bottiglia (Trinkgeld) geben. Ich gab ihnen nun die fünf Frans und jedem einen Franc Bottiglia, und ſie zogen mit vielenNMille grazie, Eccellenza, auf Wiederſehn! mit ihren Fackeln ab. Zum Rückwege nach San Giorgio brauchte ich weder ſie, noch die Fackeln, denn der Schauplatz hatte ſich gegen Abend mit Hunderten von Fremden und Neapolitanern gefüllt, die alle von Fackelträgern begleitet waren, ſo daß man ſich nur einer ſolchen Geſellſchaft anzuſchließen brauchte.

Ich erzähle dieſe kleine Epiſode, um nach mir kommende Reiſende zu warnen, ſich nie ohne vorher gemachten feſten Accord hier auf Etwas einzulaſſen und in allen ſtreitigen Fällen ſich an die Gensdarmerie oder an dieGarde der öffentlichen Sicherheit zu wenden, die, meiſtens Piemonteſen oder Toscaner, mit den prelleriſchen Neapolitanern kurzen Proceß machen.*

Darüber war es nun Nacht geworden und das prächtige Schauſpiel entwickelte ſich vor uns. So weit das Auge reichte, war nun der ganze Lavaſtrom, der bei Tage ſchwarz ausgeſehen hatte, ein glühendes Feuermeer, das ſich langſam vorwälzte und von deſſen haushohen Wogen ſich fortwährend ungeheure, glühende Lavablöcke ablöſten und mit Gekrach herabrollten. Rückte die Lava an einen Baum, ſo flammten ſeine von der furchtbaren Hitze gedörrten Blätter, wie tauſend Lichter auf einem Chriſtbaum, hellleuchtend auf, dann wurde praſſelnd der Stamm von den Flammen verzehrt und die Krone ſank in das Gluthmeer. Da⸗ zwiſchen ſchlugen aus dem Lavawalle von Zeit zu Zeit ungeheure Flammenſäulen mit donnerähnlichem Gepolter auf, wahrſcheinlich in der Maſſe eingeſchloſſene Gaſe, die ſich entzündeten, dann wieder ſtürzte ſich der glühende Strom in einen der vielen Brunnen, das Waſſer darin wurde durch das Feuer verdrängt, es entwickelte ſich mit einer Exploſion eine Maſſe Waſſerſtoffgaſes und eine weiße Dampfſäule wirbelte ziſchend in die Luft empor.

Und dieſes nicht zu beſchreibende Schauſpiel begleitete der Veſuv mit ſeinem lang rollenden-unterirdiſchen Donner, in den ſich das Krachen der Lava, das Knattern und Kniſtern der brennenden Bäume, die Donnerſchläge der Gazentzündungen, das Geſchrei der Obſt-, Kuchen- und Weinverkäufer, die Rufe der Fackelhändler:Holla, Fackeln für den Heimweg! und das in allen Sprachen ertönende Geplauder der Fremden und Neapolitaner miſchte. Noch einmal: ſo Etwas läßt ſich erleben und hinterläßt einen unauslöſchlichen Eindruck, aber beſchreiben läßt es ſich nicht. Es waren, nach meiner Schätzung, einige Tauſend Perſonen dieſen Abend auf dem Berge, meiſtens Fremde, die auf die telegraphiſchen Nachrichten von Rom, Florenz, Livorno, Mailand, Marſeille herbei geeilt waren und deren in den letzten Tagen einige Tauſend hier eingetroffen ſein ſollen, ſo daß alle Hotels überfüllt ſind. begegnete uns auf dem ganzen Wege eine unaufhörliche Proceſſion von Geſellſchaften mit Fackelträgern Portici bis Neapel fuhren uns fortwährend Droſchke auf Droſchke, Equipage auf Equipage, Alle Unſer Kutſcher fuhr uns, wie ein Wahnſinniger jagend, in geſtrecktem Galopp nach Hauſe, da, vor Portici, ertönt ein

der Führer:er habe wohl fünfzehn Francs verdient und ſeinem

nachließ und kategoriſch eine Summe zu wiſſen verlangte, meinte

Als wir um neun Uhr den Berg verließen und hinabſtiegen, I und auf der Straße von

der Lavafluth zueilend, entgegen.

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gellender Schrei und ein Pferd mit einem Wägelchen, in dem ein