Jahrgang 
51 (1868)
Seite
808
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zugebracht und hätten um dieſe Zeit, wenn wir den rechten Weg eingeſchlagen, zu Hauſe ſein können. Allein wir konnten kein Zeichen nahen menſchlichen Lebens wahrnehmen, hörten keinen Ton, obgleich wir oft Halt machten und unſere Ohren ſpitzten, um die Stimme irgend eines Fiſchers oder eines anderen Menſchen aufzufangen, der etwa ſpät von ſeiner Tagesarbeit zurückkehrte. Wir hörten nichts verhängnißvolle Stille das Schweigen des Todes herrſchte ringsum!

Wir ſind verirrt, ſagte unſer Führer;Gott weiß, wo wir ſind! Nun, verirrt ſein auf einem offenen Fjord, bei einem Thermometerſtand von zwanzig Grad unter Null und beim Wehen eines ſcharfen Nordwindes; das Gefühl ſodann jener allmählich uns beſchleichenden Schläfrigkeit, welche, wenn man ihr nachgäbe, in den Todesſchlaf überginge: eine ſolche Lage iſt wahrlich keines⸗ wegs angenehm! In Bewegung müſſen wir bleiben, gleichgültig in welcher Richtung! Ruhen wäre verhängnißvoll geweſen; und ſo ſchoſſen wir fort, in der Hoffnung uns immer auf dem rechten Wege zu befinden. Plötzlich hörten wir das Rauſchen eines entfernten Waſſerfalles; wir machten Halt und pflogen Rath. Halt! Ich hab's! rief unſer Anführer; ‚das iſt der... Foß, den wir hören können, und dies iſt alſo die... Crek. Zurück, zurück um's Himmelswillen! Denn er wußte, daß dies die ge fährlichſte Stelle war, auf der man ſich beſinden konnte. Es war in der That die gefrorene Oberfläche des.... Fluſſes, auf welchem wir ſtanden, deſſen Strömung ſo ſchnell und reißend iſt, daß das Eis dort ſtets unſicher bleibt. Die Furcht beflügelte unſere

Füße und wir machten keine Pauſe, bis der Schall des fallenden Waſſers unſeren Ohren völlig entſchwunden war. Ein

Gutes ſchien dieſer Zwiſchenfall zu haben; denn er hob unſer Vertrauen, da wir dadurch uns in Stand geſetzt glaubten, unſere Richtung nach der Stadt zu nehmen. Leider war dieſe Hoffnung eine eitle; denn nachdem wir unſeren Lauf ein Paar weitere Stunden fortgeſetzt, konnten wir immer noch keine Zeichen der Heimath wahrnehmen. Unſere Lage wurde bedenklich. Mitternacht war bereits vorüber und beſorgte Freunde erwarteten uns zu Hauſe. Ich war ſo ermüdet und ſo abgemattet, daß ich mich kaum noch rühren konnte. Ich bat und flehte, man möge mich, wenn auch nur einen Augenblick, auf das Eis niederlegen laſſen.Nein, keine Secunde! rief unſer Anführer.Zieht ihn auf, zieht ihn auf! Denn ich hatte mich ſelbſt auf das Eis hingeworfen! Ein Schluck Branntwein gab mir neue Lebenskraft und rettete mir, wie mir ſchien, das Leben. Plötzlich erſpähten wir durch die Dunkelheit hindurch eine Anzahl trüber Lichter. War es die Stadt? Nein, denn ſie bewegten ſich. Waren es alſo Irrlichter? Nein, Gott ſei Dank, freundliche Menſchengeſtalten befanden ſich dahinter. Wir waren gerettet!Hurrah! ſchrieen wir,Hurrah! Die Lichter kamen näher und näher, und in wenigen Minuten ſtanden wir unter einem Haufen Volkes, welchen unſere Freunde in der Stadt bewogen hatten, ſie zu begleiten, die Vermißten zu retten. Wir befanden uns noch acht engliſche Meilen von der Stadt, und ich glaube, daß, wenn die uns aufſuchenden Leute nicht glücklicherweiſe auf uns geſtoßen wären, ſie am nächſten Morgen ſieben erfrorene Leichname auf dem Eiſe gefunden haben würden.

(Schluß folgt.)

Der Ausbruch des Veſuv vom 16. bis 20. Uovember 1868.

Von Heinrich Boernſtein.

Sie ſind ein wahres Glückskind. Andere Touriſten ſitzen hier Wochen, Monate, ja Jahre, warten auf einen Ausbruch des Veſuv und reiſen wieder ab, ohne etwas Anderes geſehen zu haben, als bei Tage eine Rauchwolke und bei Nacht einen matten Gluthſchein. Sie aber kommen kaum an und am andern Tage ſchon präſentirt ſich Ihnen eine der großartigſten Eruptionen, wie wir ſie in ſolcher Macht und Ausdehnung ſeit langen Jahren nicht gehabt haben. Sie können wirklich von Glück ſprechen! So apoſtrophirte mich am zweiten Tage nach meiner Ankunft in Neapel Herr Leupold, Chef des geachteten hieſigen deutſchen Han⸗ delshauſesLeupold frères, als ich ihm meinen Empfehlungs⸗ brief von ſeinem Hauſe in Genua überbrachte. Ich hatte in Genua den Senior dieſer höchſt achtbaren Firma, den General⸗ Conſul des Norddeutſchen Bundes, Herrn H. O. Heinrich Leupold, nicht mehr angetroffen, da derſelbe auf einer Reiſe durch Deutſch land, England und Frankreich abweſend war, war aber von dem jüngeren Bruder und Geſchäftstheilhaber deſſelben mit ſolcher Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit aufgenommen worden, daß mir

nichts zu wünſchen übrig blieb.

Der Veſuv und ſeine jetzige Eruption waren natürlich der Hauptgegenſtand unſeres Geſprächs, und ich erhielt von dem wohl⸗ unterrichteten Manne manche werthvolle Belehrung. Allein ſelbſt ſehen iſt die Hauptſache, und ſo beſchloß ich ſo bald als möglich auf den Schauplatz der Eruption zu eilen.

Schon beim Ankommen hatte von der Station Caſerta an der Veſuv meine ganze Aufmerkſamkeit gefeſſelt; es war bereits vor Capua Nacht geworden und durch dieſe trat nun der gluth⸗ rothe Gipfel des Veſuv in furchtbarer Pracht hervor. Je näher der Zug Neapel kam, deſto impoſanter wurde das Schauſpiel; immer ſchärfer zeichnete ſich der glühende Krater am dunkeln Horizont ab und Feuergarben, glühende Steine und dicke Rauch⸗

wolken entwirbelten wie die Schwärmer, eines Feuerwerk⸗Bouquets dem feurigen Schlunde. Ein Neapoli⸗ taner, der im Coupé mit den Veſuv ſchon lange nicht geſehen, große Eruption. Mann hatte Recht gehabt.

Scchon am 14. begann die unterirdiſche Thätigkeit des Berges ſich mit furchtbarer Gewalt zu entwickeln, und am 15. erhob ſich

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Raketen und Girandolen

ſaß, bemerkte, ſo unruhig habe er das gebe zuverſichtlich eine Das war am 13. November Abends und der

dem Atrio di Cavallo, dem oberen Gebirgsſattel unterhalb des alten Kraters, ein neuer Kegel, der mit einer furchtbaren Exploſion aufborſt und nun einen glühenden Lavaſtrom über den Gebirgsſattel ergoß, der ſich langſam, aber unaufhaltſam abwärts ſchob. Der zweite Krater, der ſich im Winter dieſes Jahres bei der letzten Eruption gebildet hatte, ward durch die Steine und die Aſche dieſes neuen Ausbruchs ganz zugeſchüttet und die ganze Gewalt der Eruption concentrirte ſich nun auf dieſen neuen Krater, während der alte Hauptkrater auf dem Gipfel des Berges nur eine dickqualmende, mit Feuerſtreifen durchzogene ſchwarze Rauch⸗ wolke ausſtieß.

Von Neapel aus konnte man den neuen Krater nicht ſehen, da er ſich auf der Nordoſtſeite des Berges befand, aber die dem⸗ ſelben entſtrömende Lavafluth wendete ſich gegen den Foſſo die Faraone, gegen Südoſten, auf demſelben Wege, den die Lava von 1855 genommen hatte, und war von nun an von der Stadt aus ſichtbar. Von meiner Wohnung am Molo, wo ich die herrlichſte Ausſicht über den Hafen und den ganzen Golf von Neapel habe und das zauberiſche Panorama von halb Neapel, Portici, Reſina mit dem Kegel des Veſuv dahinter, Torre del Greco, Torre dell' Annunziata, Caſtellamare, Sorrent und die Inſel Capri vor mir liegt, konnte ich das wunderbare Schauſpiel Tag und Nacht be⸗ trachten. Bei Tage verhüllten die dicken Rauchwolken oft jede Ausſicht, bis ein lebhafter Wind bei Nacht aber war der Anblick ein furchtbar großartiger. Meer und Horizont waren von dunkler Gluthröthe gefärbt; wie ein feu⸗ riger Waſſerfall ſenkte ſich der breite Lavaſtrom über den ſteilen Abhang hinab und zertheilte rain ſchwächer abſchüſſig war, in mehrere Arme, die wie feurige Schlangen verderbenbringend fortzüngelten. ſtieg eine ſchwere, dicke, ſchwarze Rauchwolke, nur durch einzelne Blitze erhellt, thurmhoch empor, und von Zeit zu Zeit aus der Lavafluth auflodernde Feuerſäulen erhellten Augenblicke lang die nächſte Umgebung. Von meinem gerade vor Augen, und Neugier, verſcheuchten jeden Schlaf.

auf

Aufregung und Ueberraſchung

ſie auf Stunden hinwegfegte,

ſich nun tiefer unten, wo das Ter⸗

Aus dem Hauptkrater

Nun litt es mich nicht länger in Neapel, ich wollte an Ort

und Stelle ſehen, was ich aus der Ferne mit Erſtaunen betrachtet hatte. An eine Beſteigung des Berges war nicht zu denken, die 5 8 1 5

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Bette aus hatte ich den Veſup

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