Jahrgang 
51 (1868)
Seite
803
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in unſerer jungen Zeit, als wir miteinander ſpielten, und den Abend denk' ich auch noch wie geſtern, als Du die Räuber vor⸗ laſeſt und mir unterm Tiſch die Hand drückteſt, ſo oft Karl den Namen Amalia ausſprach. Da an dieſem Tiſche war's, ich ſehe noch Alles. Aber ich will gehn und Dich ſchlafen laſſen.

Sie wandte ſich mit einem letzten müden Nicken des Kopfes von ihm ab, nahm den Kater feſter in den Arm und ging nach der Thüre.

Lore! rief er ihr nach.Geh noch nicht! Das Herz iſt mir ſo voll und Dir auch; wie ſollen wir ſchlafen?

Es wird ſchon gehn, ſagte ſie halblaut,ich bin ſterbens⸗ müde. Du ſollſt mir nicht leuchten, mir auch nicht nachkommen. Dieſe letzte Bitte darfſt Du mir nicht abſchlagen. Und jetzt zum letzten Mal, gute Nacht!

Damit öffnete ſie leiſe die Thür und verſchwand draußen auf dem dunklen Flur.

Er blieb in einer Aufregung zurück, wie er ſie nie erlebt hatte; ſo wunderlich war das Süße mit dem Unheimlichen, Grauen und Wonne, bleicher Tod und holdes junges Leben mit⸗ einander gemiſcht. Er hörte ſie mit leiſen, taſtenden Schritten das Treppchen hinaufgehn in ihre Kammer und droben die Thür ſachte zumachen.Lore! rief er, als ob ſie ihn noch hören könnte,iſt es wahr? So lange ſchon haſt Du mich geliebt? Dann ſann er zurück und hundert halbkindiſche Scenen, bei denen er nie ein Arg gehabt hatte, ſtanden ihm plötzlich vor der Seele und zeugten für die Wahrheit der ſeltſamen Beichte, die er eben vernommen hatte. Es wurde ihm heiß unter der Stirn, er öffnete ein Fenſter und ſah in die dunkle Straße hinaus. ſchwarzbehangene Wagen, den die wohlbekannte Geſtalt des dicken Leichenkutſchers mit dem umflorten Dreimaſter im Schritt über das holprige Pflaſter lenkte, hielt eben vor einem der Nachbarhäuſer. Er hörte, daß Etwas aus dem Haus getragen wurde, und leiſes Weinen, und dann wieder das Raſſeln der Räder, bes ſie in die Seiteugaſſe einbogen. So hielt der Tod dicht nebenan ſeine nächtliche Ernte, und mitten in dieſem Leichenfeld war ihm die Blume aufgeſproſſen, die er nur in ſeinen Garten zu verpflanzen brauchte, um ſie wieder zur Freude aller Menſchen friſch auf⸗ blühen zu ſehn..

Der Schlaf war ihm völlig vergangen; aber ſeine Glieder,

die acht Stunden lang in der Poſtkutſche durchgerüttelt worden

waren, ſehnten ſich nach einer bequemen Lage. Er ſchloß daher das Fenſter, und nachdem er den Tiſch mit der Lampe vom Sopha zurückgeſchoben hatte, ſtreckte er ſich auf das alte geräumige

Polſterbett, ein Kiſſen unterm Kopf, das große gelbe Umſchlage⸗ tuch der Tante wie eine Decke über die Füße gebreitet, und be⸗

gann bei dem ſchwachen Licht des Lämpchens hinter ſeinem Haupte allerlei wachen Träumen nachzuhangen, in denen der Todtenwurm im Deckengetäfel ihn nicht ſtörte.

Noch keine Viertelſtunde mochte er ſo gelegen haben, da mußte er aufhorchen auf ein leiſes Kniſtern, das draußen die Treppe herunter zu kommen ſchien. So trefflich er vorhin gegen den Aberglauben gepredigt hatte, konnte er doch jetzt einen leichten Schauder nicht bemeiſtern, der nur unbehaglicher wurde, als er erkannte, daß es nicht etwa der Kater war, der draußen im Flur

nachtwandelte, ſondern behutſam ſchleichende Menſchenfüße, die

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G Stufe für Stufe ſacht herabtaſteten und endlich vor ſeiner Thür ſtill hielten.

Sollte es gar die Lore ſein? Aber ſie hatte ja ſo nachdrücklich zu wiederholten Malen von ihm Abſchied genommen.

Um ſo mehr erſtaunte er, als endlich, nachdem man eine Weile draußen gehorcht zu haben ſchien, ob er ſchon ſchlafe, die Thür

leiſe aufgeklinkt wurde und die Lore wirklich hereintrat.

Das Häubchen war ihr herabgeglitten und hing im Nacken an den loſe zugeknüpften Bändern. Statt der unförmlichen, alt⸗ modigen Jacke hatte ſie ein weißes Nachtjäckchen an, darunter den rothwollenen Rock; die Füße waren nackt. Aber trotz der Ver⸗ wilderung ihres Anzugs und des loſe um die Stirn hangenden Haares war in ihrer Haltung etwas unterwürfig Züchtiges und Scheues, und es ſchien Lorenz, als hätte er ſie noch nie ſo reizend geſehn. 4

Du ſchläfſt noch nicht? ſagte ſie, in der halboffenen Thür Nimm mir's nicht übel, daß ich Dich doch noch einmal ſtöre. Ich kann's nicht aushalten droben, es fror mich in meinem dunklen Bett, ich dachte dran, ob man auch im Grabe frieren könnte,

Der.

jedem Herzklopfen, wie ein Blutstropfen nach dem andern er⸗

hören. dann will ich wieder gehn. Fühl', wie eiſig meine Hände ſind, und erſt meine Füße! Aber bleib ruhig liegen. Ich ſetze mich da unten in die Sophaecke und wickle mich einen Augenblick in das Tuch. Ach, Lorenz, muß ich denn wirklich ſterben?

Er hatte ſich halb aufgerichtet und ihre kalte Hand ergriffen, um ſie in der ſeinigen zu wärmen.Lore, ſagte er,Du wirſt noch lange leben und glücklich ſein.

Nein! erwiderte ſie und ſchüttelte müde den Kopf. verlang' es auch nicht. Welt und ſind nie ſo recht glücklich geweſen! War es denn die Tante? Und was hat mein armer Chriſtel vom Glück gekannt, als einmal ein Stück Kuchen oder eine gute Cenſur! Und dann mußte er ſchon fort! Aber wenn man ſich auch drein ergeben muß, traurig bleibt es immer, zumal wenn man ſchon weiß, was für ein Glück man ſich vor Allem gewünſcht hätte, und hat es ſo nah, und kann es mit Händen greifen und ſoll dann in das kalte Grab, ohne nur einmal recht gelebt zu haben!

Sie ſchauderte in ſich zuſammen und zog die eiskalten Füße auf das Sopha hinauf unter das Röckchen. Dabei lehnte ſie ſich zurück, ſo daß ihre Schulter an ſeiner Bruſt ruhte, da er aufge⸗ ſtützt mit dem rechten Arm ſie an ſich drückte.

Wärme Dich, ſagte er.Haſt Du Schmerzen?

Nur hier, erwiderte ſie leiſe und legte die auf's Herz.

Plötzlich traten ihr große Tropfen in die Augen und ſie fing ſo bitterlich an zu weinen, als wären durch die Wärme ſeines Athems und unter dem Streicheln ſeiner Hand all' die erſtarrten Schmerzen aufgethaut, die ihr ſo lange das Herz bedrückt hatten. Immer heißer floſſen ihre Thränen, immer heftiger zuckte ſie ſchluchzend in ſeinem Arm.

Liebſte Lore! Meine ſüße kleine Geliebte! flüſterte er ihr in's Ohr.

Da ſchüttelte ſie, plötzlich ſich faſſend, den Kopf.Es iſt zu ſpät, Lorenz, ſagte ſie.Aber es thut doch wohl, ach ſo wohl! Der Krampf hier am Herzen wird ganz ſtill, wenn Du mir ſo holde Namen giebſt. Weißt Du wohl, hauchte ſie leiſer und verbarg ihre naſſen Augen an ſeiner Schulter,weißt Du, was mich oben nicht hat ſchlafen laſſen? Ich meinte, ich könnte nicht zur Ruhe kommen, wenn ich Dich nicht vor'm Sterben ein ein⸗ ziges Mal geküßt hätte. Ich müßte geradezu aus dem Grabe wieder aufſtehen und es nachholen, wenn ich es verſäumt hätte. Da wollte ich mich im Finſtern hereinſchleichen, Dich nur einmal auf den Mund küſſen und gleich wieder gehen.

Er hob in inniger Bewegung ihren Kopf in die Höhe, was ſie willenlos geſchehen ließ, und ſeine Lippen ſuchten ihren weichen Mund. Sie hatte die Augen feſt zugedrückt und die Lippen ge⸗ öffnet, wie Einer, der halb verſchmachtet war und ſchon faſt beſinnungslos das Leben wieder einſaugt. Dabei athmete ſie ſo tief, daß ihre Glieder bis in die Fußſpitzen zitterten.

Ich danke Dir, ſagte ſie kaum hörbar. Dann ließ ſie die Arme von ſeinem Halſe gleiten und ſank neben ihm auf das Ruhebett, den Kopf weit zurückgelehnt auf das Kiſſen, den einen Arm herabhängend über das Polſter, daß das ſchmale Händchen den Fußboden ſtreifte. Er wagte nicht ſich zu rühren, da er merkte, daß ihre Athemzüge immer ruhiger wurden. Nach wenigen Minuten war ſie feſt eingeſchlafen.

Nun erhob er ſich behutſam, ſtieg über ſie hinweg vom Sopha hinunter und bemühte ſich, ſie bequem zu betten. Leiſe hob er den ſchlanken Leib ein wenig in die Höhe und ſtreckte ihn gerade aus, ohne daß ſie davon erwacht wäre. Dann wickelte er ihre Füße feſt in das wollene Tuch und breitete zum Ueberfluß ſeinen eigenen Rock über die Schlafende aus. Ihm war ſo ſchwül und beklommen, daß es ihm eine Wohlthat war, in Hemdärmeln neben dem Sopha zu ſitzen, zumal nachdem er das Fenſter wieder geöffnet und die Nachtluft hereingelaſſen hatte.

Ein paar Stunden bewachte er ſo ihren Schlaf und hatte, nachdem die erſte Aufregung verflackert war, die ſtillſten und lieb⸗

Ich

Hand

meine Kräfte ſchwanden immer mehr, ich hörte ordentlich mit

ſtarrte; da kam mir's plötzlich ſo furchtbar vor, ſterben zu müſſen und ſo allein, daß ich aufſtand und mich noch einmal herunter⸗ ſchleppte; denn ich dachte, Du ſchliefeſt ſchon, und wollte mich in einen Winkel zuſammenkauern, um doch Deine Athemzüge zu Laß mich nur einen Augenblick mich bei Dir wärmen,

Wie viele Andere gehn auch aus der