Jahrgang 
51 (1868)
Seite
802
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Sie ſchwieg, als wenn das Grauen ihr die Stimme erſtickte, und ſaß mit geſchloſſenen Augen und einem ſo traurig hülfloſen Ausdruck, daß er in tiefer Erſchütterung vor ihr ſtehen blieb. Lorchen, ſagte er, und ſtreichelte ſanft mit der Hand ihre eis⸗ kalten Wangen,Du redeſt ganz unſinnige Sachen, und kannſt ſelbſt nicht im Ernſt daran glauben. Biſt Du nicht ſchon als halbwüchſiges Ding eine ſo geſcheite und aufgeklärte kleine Perſon geweſen, daß ich, obwohl ich ſechs Jahre älter war, all' meine Angelegenheiten mit Dir beſprechen und berathen konnte? Haben wir nicht ſogar mit einander Philoſophie ſtudirt, bis zur Hegel' ſchen Logik, die Dir freilich nicht ſchmecken wollte? Nun ſchwätzeſt Du da ſo abergläubiſchen Kram, wie ein Bauermädchen, das zur Kartenſchlägerin geht und an Hexerei glaubt. Der arme Auditor iſt todt, und das iſt ein Glück für Dich und vielleicht auch für ihn, und damit gut. Wenn er Dich wirklich lieb gehabt hat, wird es ihm nicht einfallen, Dich weiter zu incommodiren, oder Dich gar um Dein junges Leben zu bringen. Das Alles iſt nur Nervenſpuk und wird morgen vorbei ſein. Aber damit Du heute ſchon Ruhe bekommſt, trink' einmal einen herzhaften Zug aus dieſem Glaſe; ſolch ein Schlaftrunk hilft gegen alle abergläubiſchen Träume. Und dann ſagen wir uns gute Nacht und regen uns nicht weiter auf durch dieſe unglückſeligen Sterbegeſchichten.

Er reichte ihr das Glas und ſie trank jetzt wirklich, noch mit geſchloſſenen Augen, ein paar tiefe Züge.Ich danke Dir, Lorenz, ſagte ſie darauf.Der Wein hat mich ſehr gelabt, wenigſtens das Herz hat er mir noch einmal erwärmt, wenn auch Hände und Füße ſchon wie abgeſtorben ſind. Aber das hilft nun nichts, der Tod kommt doch, und nicht blos, weil ich's dem Chriſtel verſprochen habe und den Todtenring am Finger trage. Ich fühle es zu deutlich: die Lebenskraft hier innen iſt aufgezehrt, die Flamme hat alles Wachs ſchon weggeſchmolzen und nagt nur noch am Docht; noch ein Bischen Geflacker und es iſt ganz aus. Wenn Du früher gekommen wärſt aber nein, das hätte es auch nicht aufgehalten. Vielmehr fing es ja ſchon an, an mir zu zehren, als Du das letzte Mal da warſt und Dich nicht mehr erinnerteſt, ob ich auf der Welt ſei oder nicht.

Was ſagſt Du da? fragte er betroffen.Als ich zu

Weihnachten da war, hätte ich nicht mehr an Dich gedacht? Freilich konnten wir nicht wie ſonſt beiſammen ſein. Aber Du weißt ja, daß ich krank hier ankam und die Mutter während der ganzen Feſtzeit mich nicht aus dem Hauſe ließ. Einen Schnupfen hatteſt Du, wie mir Eure Magd ſagte, und es war gar nicht gefährlich, und wenn Dir daran gelegen geweſen wäre, mich zu ſehen, hätteſt Du es wohl ſo einrichten können, ohne daß die Mutter hätte ſchelten dürfen. Ich wenig⸗ ſtens, wenn ich nach Jahr und Tag in die Stadt gekommen wäre, wo Du gewohnt hätteſt durch Feuer und Waſſer wäre ich ge⸗ gangen, um Dir eine Hand zu geben und zu fragen:Wie geht's? Und haſt Du mich noch nicht vergeſſen? Das aber war's ge⸗ rade. Du hatteſt mich vergeſſen, oder wollteſt es gern, und darum ließeſt Du mir nur, als Du fortreiſ'teſt, Morgens ganz früh ein Lebewohl hinüberſagen, und es ſei zu früh geweſen, um in Perſon Abſchied zu nehmen. Siehſt Du, ſeit jenem Morgen fing es an, ſeitdem iſt mir nicht mehr wohl geweſen und Alles, was an mich kam, Verlobung und Chriſtel's Tod und der der Tante das hat nur mitgeholfen an dem, was doch gekommen wäre; und wenn mir auch jetzt Einer eine Arznei brächte, die mich unfehlbar vom Tode retten könnte, ich tränke nicht davon, gewiß, Lorenz, ich machte mir nichts daraus; denn was hilft es, leben zu bleiben, wenn man nicht mehr gern lebt?

Er ſtand vor ihr und konnte, während ſie dieſe ſeltſame Beichte wie halb aus dem Traum oder einer magnetiſchen Macht gehorchend mit ganz unbeweglichen Zügen vor ſich hin ſprach, die Augen nicht von ihr abwenden. Eine unausſprechliche Rührung überkam ihn, als er dachte, wie lange ſchon hier in dem engen Hauſe das junge Leben dieſes treuen Herzens nur ihm gehört hatte, während er draußen weit herumgeſchweift war, Herz und Kopf voll von hundert neuen verlockenden und verwirrenden Ein⸗ drücken, zwiſchen denen nur ſelten einmal das Bild ſeiner Ju⸗ gendgeſpielin auftauchte. Es war auch freilich noch halb kin⸗ diſch und ohne den ſeltſamen Reiz, der die zarte blaſſe Geſtalt jetzt umgab. Je länger er ſie betrachtete, deſto lebhafter und zärt⸗ licher wurde das Verlangen in ihm, ſie dieſer unheimlich nacht⸗ wandleriſchen Starrheit zu entreißen. Er mußte an ſich halten,

5 daß er ſie nicht in die Arme ſchloß, um ihr mit Liebkoſungen, wie einem frierenden, verſchüchterten Kinde, wieder Lebenswärme einzuflößen. Liebſte Lore, ſagte er endlich und meinte etwas recht Tröſt⸗

liches damit zu ſagen,ich habe es ja wahrhaftig nicht geahnt,

daß Dir ſo viel daran gelegen war. Wenn Du mir nur einen

Wink gegeben, einen Zettel hinübergeſchickt hätteſt, daß Du mich

gern ſehen wollteſt

Ja wohl, unterbrach ſie ihn und nickte ſtill mit dem Kopf, und ihre Stimme klang nicht vorwurfsvoll, ſondern wie man etwas Trauriges beklagt, was unabänderlich iſt,das war es ja eben, daß Du keine Ahnung davon hatteſt, wie es um mich ſtand, daß in all den Jahren, in denen wir Alles getheilt hatten, unſere

Kinderſpiele und dann ſo viel Ernſthaftes, Du mich nicht beſſer

kennen gelernt hatteſt, als jeder Fremde auch. Wie mir das wehthat, Lorenz, das hätte kein Wort ausgeſprochen, auch wenn ich meinen Stolz bezwungen hatte, es Dir zu ſagen. Nicht daß ich Dir böſe darum geweſen wäre. Ich hab' mir nie viel ein⸗ gebildet, und darum, weil der Auditor in mich verliebt war wie ein Narr, und auch Andere mir ſchöne Dinge ſagten, glaube nur, darum ſchien ich mir immer noch nicht ſo reizend, daß Du Dich hätteſt bis über die Ohren in mich vergaffen müſſen. Aber wenn Du auch draußen Hübſchere und Liebere gefunden hatteſt: daß

Du mich darum ſo wegwerfen konnteſt wie einen alten Ball, mitzg

dem Du als Knabe geſpielt haſt und den Du beim Aufräumen in Deinem Kaſten findeſt, das war mehr, als ich verdient hatte, das grub ſich mir wie ein eiskaltes Meſſer in's Herz und ver⸗ leidete mir das Leben. Was hätte es da genützt, mich gegen Dich zu beklagen, auch wenn ich's über die Lippen gebracht hätte? Wäre es darum anders mit Dir geworden? Jetzt, wo ich Alles herausſage, weil doch Alles einerlei und umſonſt iſt, thut es mir wenigſtens wohl, es noch vom Herzen herunterzuwälzen, eh' ich ſterben muß. Du glaubſt nicht, Lorenz, welche Laſt Du mir da⸗

mit abnimmſt, daß Du mich ſo ruhig und freundlich anhörſt.

Wie oft habe ich in Gedanken ſo mit Dir geſprochen und Dir

hundertmal meine geheimſten Heimlichkeiten geſtanden, und wen

ich dann plötzlich mir vorſtellte, ich knnte Dir das einmal ſelbſt ſagen, ſo wie zwei Brautleute ſich geſtehen, wie lange ſie ſich geliebt haben, ſtand mir das Herz ſtill vor Scham und Wonne.

Jetzt kann ich Alles ſagen, als wäreſt Du gar nicht da oder ich

läge ſchon in meinem Sarge und ſchlüge nur die Augen noch einmal auf, da Du gerade dazukämſt. Ob es ſich ſchickt oder Du wirſt es Niemand wiederſagen, nicht wahr? Und wenn auch: braucht man ſich zu ſchämen, wenn Schon wie ich Dich unten auf der Straße ſtehen ſah, fuhr es mir durch den Kopf: Gott⸗ lob, daß er kommt; nun kannſt Du es ihm ja noch mündlich Ich habe es Dir freilich auch ſchon geſchrieben, geſtern

nicht, daran liegt mir nichts.

man Schmerzen ausgeſtanden hat?

ſagen. Racht, als ich zum erſten Mal ganz allein im Hauſe ſaß und mir ſo graulig war. Den Brief findeſt Du dort im Secretär der Tante, und auch ein Blatt dabei, worauf ich geſchrieben habe, daß ich Dir Alles vermache, was etwa mir gehört.

Form nicht ganz recht ſein ſollte. So, und nun habe ich Dir

nichts mehr zu ſagen, Lorenz, als eine Gute Nacht. Ich bin müde gieb mir noch einmal zu trinken, ich glaube, ich kann. dann einſchlafen, ganz ſchmerzlos, und brauche nie wieder aufzu⸗

wachen. Sie erhob ſich mühſam und näherte ſich mit ſchlaftrunkenen Schritten dem Tiſch, an dem er lehnte, keines Wortes mächtig. Willſt Du mir nicht einſchenken? ſagte ſie.Ich fürchte, ich verſchütte Etwas; ich kann kaum mehr aus den Augen ſehen.Ä Dann, als ſie getrunken hatte:Geh Du nun auch ſchlafen, agte ſie. ſaun Einer geſtorben. Aber da auf dem Sopha wirſt Du ganz gut liegen und Du kannſt Dich mit dieſem Tuch zudecken, daß Du bei Nacht nicht frierſt. Morgen früh, wenn ich nicht her⸗ unter komme, ſieh einmal oben nach, es wird dann wohl vorbei ſein und Du kannſt mir die Augen zudrücken und ſorgen, daß ich begraben werde. Nein, laß meine Hand los. zu müde, um mich noch aufrecht zu halten, und wenn ich noch mehr ſchwatze, ſo fürchte ich, es wird Unſinn. Gute Nacht, Lorenz. Denk' einmal an die Lore, wenn Du recht glücklich wirſt, und ich danke Dir nochmals, daß Du gekommen biſt. Es war doch ſchön

Ich hoffe,

das Gericht wird nichts einzuwenden haben, wenn es auch in der

Ich kann Dir kein Bett anbieten, denn in jedem iſt

Ich bin wirklich