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dringlicher wiederholte. Eilig ſchlich er aus dem Zimmer und die Treppe hinab, um der Schläferin Nuhe zu verſchaſſen. Da ſah er einen alten Mann in ländlicher Kleidung, Zügel und Peitſche in der Hand, vor der Thür ſtehen, und erkannte, da er vor Jahren einmal hier im Hauſe mit ihm zuſammengetroffen war, den Halbbruder der Tante, den Pflegevater des kleinen Chriſtian, der auch ihn zutraulich wieder begrüßte. An dieſen wackeren Mann hatte der Pfarrer geſchrieben, gleich nach dem Begräbniß der Tante: das Beſte würde ſein, wenn er ſich auf⸗ machte und das nun ganz verlaſſene Mädchen zu ſich auf's Land hinaus holte, ehe auch ſie der Seuche zum Opfer fiele. Der Brief war geſtern Abend in das etwa ſechs Stunden entfernte Dorf gelangt, und ſchon um Mitternacht hatte der Biedermann, dem das Schickſal ſeiner verwaiſ'ten Nichte keine Ruhe ließ, die Pferde vor ſeinen Wagen geſchirrt, um gleich mit dem Mädchen auch ihre Siebenſachen und den nöthigſten Hausrath auf's Land zu ſchaffen, da er ſelbſt ledig und ſein beſcheidenes Häuschen für die Aufnahme einer jungen Städterin nicht zum Beſten eingerichtet war. Lorenz verſtändigte ihn, gleich unten auf der Gaſſe, von Allem, wie er es im Hauſe gefunden hatte, natürlich ohne das zu berühren, was ihn allein anging. Er habe Sorge getragen, daß die Lore, die von den furchtbaren Erſchütterungen zum Schatten abgezehrt, ſchlaflos und ohne Nahrung ſchon zehn Tage lange herumgegangen ſei, ſich ſofort habe niederlegen und von ſeinem ſtärkenden Wein trinken müſſen. Nun liege ſie im feſteſten Schlaf, und da es ſchwerlich eine beſſere Arznei gebe, ihre verſtörten und überreizten Sinne wieder in's Gleichgewicht zu bringen, dürfe ſie um keinen Preis geweckt werden. Andererſeits liege auch ihm viel daran, ſie ſo ſchnell als möglich in andere Luft zu bringen, wenn auch nicht, wie der Herr Pfarrer und der Onkel meinten, zu die⸗ ſem auf's Land, ſondern vielmehr zu ſeinen eigenen Eltern in's Haus ſeiner Schweſter, das nur ein paar Stunden entlegener, dafür aber auch ſchon an den Vorhöhen des Gebirges in der ge⸗ ſundeſten Gegend liege. Darum ſchlage er vor, einſtweilen ihre Kleider und Wäſche zu packen und auf das Wägelchen zu laden. Wache ſie inzwiſchen auf, ſo könne ſie mit ihnen einſteigen. Schlafe ſie aber fort, ſo wollten ſie ihr hinten in dem geräumigen, in die Höhe. Sein erſter Blick ſiel auf das Mädchen, das noch mit einem Leintuch luftig überſpannten Theil des Wagens ein genau in derſelben Stellung lag, wie er ſie in der Nacht gebettet bequemes Lager aus ihren eigenen Betten machen, ſie ſacht hin⸗ hatte. Er hörte aber an ihrem regelmäßigen Athmen, daß ſie unterſchaffen und dann in Gottes Namen mit der Schlafenden die erquicklich ſchlief, und wollte eben überlegen, was nun weiter an- Reiſe nach dem Gebirge antreten. zufangen wäre, als das Klopfen an der Hausthür ſich lauter und(Schluß folgt.)
lichſten Gedanken. Daß ſie ihm gehörte und er ihr, ſchien ihm ſo ſelbſtverſtändlich und natürlich, als hätten ſie ſich's ſchon hundertmal verſichert, und nur das Eine wunderte ihn, wie er ſo lange hatte leben können, ohne ſelbſt daran zu denken, daß es ja gar nicht anders ſein könnte. Bei dem Gedanken an den Todten, der ſich eingebildet hatte, das Mädchen die Seine nennen zu kön⸗ nen, überkam ihn eine förmliche Eiferſucht. Nicht ein Haar von ihrem Haupte durfte einem Anderen gehören, als ihm. Dann fuhr er ſacht mit der Hand über ihre braunen Flechten und ſtarrte ernſthaft in die Windung ihres kleinen blaſſen Ohrs, das die Werbung mitangehört, aber ſich ſo ſtandhaft dagegen verſchloſſen hatte. Es war ihm peinlich, daß er ſie ſchlafen laſſen mußte. Wie viel hatte er auf dem Herzen, ihr zu ſagen, und wie gelegen war Ort und Stunde! Dann dankte er wieder Gott dafür, daß ſie ſchlief und nach dem heftigen Ausbruch ihres Schmerzes nur heitere Bilder im Traum zu ſehen ſchien. Denn manchmal öffneten ſich ihre Lippen zu einem ſo friedlichen Lächeln, wie ſie es ſeit Monaten nicht mehr gekannt hatten.
Darüber verging der größte Theil der Nacht, die Lampe er⸗ loſch und endlich beſchlich auch die Augen des Jünglings eine bleierne Müdigkeit. Er beſann ſich nicht lange, legte die Reiſe⸗
taſche als Kopfkiſſen auf den Fußboden neben das Sopha und ſtreckte ſich ſelbſt der Länge nach auf den alten Teppich, daß Jeder, der die Lore etwa im Schlaf hätte ſtören wollen, über ihn weg⸗ ſchreiten mußte. So athmeten die beiden ſchlafenden Jugend⸗ geſpielen nach ſo viel Schrecken und Herzweh ruhig und unſchuldig nebeneinander, und der ſchwarze Peter, der ſich ſeiner Herrin zu Füßen in die Sophaecke gelegt hatte, ſchnarchte friedlich als der Dritte in ihrem Bunde.
Auch erwachte Lorenz weder von den Sonnenſtrahlen, die durch's Fenſter ſchoſſen, noch von dem jetzt freilich viel gedämpf⸗ teren Lärmen, mit dem ſich am Morgen Handel und Wandel unten auf der Straße vorbeitrieb. Erſt als ein kleiner, von zwei munteren Grauſchimmeln gezogener Bauernwagen an Lore'’s Haus⸗ thür anhielt und gleich darauf der Klopfer in drei kräftigen Schlägen erklang, rieb Lorenz ſich den Schlaf aus den Augen und ſprang von ſeinem harten Lager, einigermaßen gliederlahm,
Chriſtkindlein auf dem Friedhof.
„So ſchmückt dein Grab der heil'ge Chriſt! Siehſt Du herab zu Deinen Lieben? Wie groß Dein Brüderlein jetzt iſt?, Du biſt mein kleines Kind geblieben!
Mein Engel Du, o ſchau herab, Daß unſre Blicke ſich begegnen, Gott ſelbſt führt Dich zu Deinem Grab, Die Liebe, die hier weint, zu ſegnen!“
Als ich im Leben einſam ſtand, Sucht' ich in fremder Kinder Blicken Das Glück, das ich daheim nicht fand: Des Unſchuldjubels Herzerquicken.
Und wenn des Chriſtbaums Lichterſchein Aufſtrahlte in der Dämmerſtunde Der Weihnacht, wandelt' ich allein Durch alle Gaſſen meine Runde.
Du einzig Wunder dieſer Welt: Der reinſten Liebe endlos Walten!— Dort iſt ein Fenſterlein erhellt, Hier ſtrahlt's hervor durch ſeidne Falten— Und doch iſt all die Freude gleich, Gleich iſt das Jubeln, Jauchzen, Lallen— Den Kindern iſt's ein Himmelreich, Und Kindeshand nur öffnet's Allen!
So weit die Tannen dieſer Nacht Feſtpraugen als des Nordens Palmen, Sind in den Herzen auferwacht Des Kinderglaubens fromme Pſalmen.
Und was der Glaube uns verhieß Nur als der Sel'gen letztes Hoffen: Das einſt verlorne Paradies Heut ſteht's auf Erden Jedem offen!
Auch mir iſt's herrlich aufgethan, Umhegt von meines Stübchens Wänden; Zur Decke ragt der Baum hinan, Geheim geſchmückt von frohen Händen.
Doch eh' für meiner Kinder Ohr Erſchallt des Chriſtkindengels Kunde: „Herein! Herein!“— mach' ich zuvor Die liebgewohnte ſtille Runde.
„O Gott, wer heute weinen muß!“ Mir bebt das Herz bei dem Gedanken.— Da, mir vorbei mit leiſem Gruß,
Seh' ich ein Weib zum Friedhof wanken;
Ein Knäblein an der rechten Hand, Ein Weihnachtsbäumchen in der Linken. Ach, all mein Luſterſpähen ſchwand Dahin vor ſolcher Trauer Winken.
Sie wandelt zu vertrautem Ort, Sie ſucht nicht erſt in all den Reihen; Vor„ihrem“ Gräblein kniet ſie dort, Die Nacht auch ihrem Kind zu weihen. Die Tanne ragt, und Licht um Licht Beleuchtet einer Mutter Thränen, Und durch die heil'ge Stille bricht Die Klage von der Liebe Sehnen.
Nun beten ſie, nun gehn ſie leis.— Mich drängt's, des Kindes Grab zu ſehen: Da leuchtet es, wo rings im Kreis Gar viele Weihnachtsbäumlein ſtehen.—
Ich eilte fort.— So ſehnſuchtweich Bin ich noch niemals heimgegangen, 2*A* Nie hab' in meinem Himmelreich 8 Ich meine Lieben ſo umfangen!
Und doch— beim luſtumblühten Baum Stand mir im Geiſt das Grabweihnachten: Wie hältſt der Liebe letzten Raum So hoch du, deutſche Stadt der Schlachten!
Weil du ſo treu die Liebe lehrſt,
Iſt uns ſo wohl in deiner Mitte! Wie du die ſchöne Sitte ehrſt,
So ehret dich die ſchöne Sitte.
Friedrich Hofmann.


