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Wollanek rieth mir, einen Vorſchuß von zehn Gulden von der Direction zu verlangen. Auf meine Entgegnung, daß ich ſelben nicht brauche, meinte er, daß er ihn nöthig habe, denn beſagte zehn Gulden ſeien das Honorar, welches ich ihm für die Engagements⸗Vermittelung zu zahlen hätte. Als ich hierauf meine
Brieftaſche öffnete und die verlangten zehn Gulden beſcheiden auf
den Tiſch placirte, ſteigerte ſich ſeine Achtung gegen mich ſichtlich zur Rieſengröße. Jetzt wurde mir auch der Grund klar, warum er die Unterhaltung mit mir der Hörweite ſeiner Frau Gemahlin entzogen, ſie brauchte von dem kleinen Extraeinkommen des Gatten nichts zu wiſſen. Ich aber fuhr als wohlbeſtalltes Mitglied des Stadt⸗ theaters in Krems ſtolz nach meinem neuen Beſtimmungsort hin.
Der Director Bieber war früher Harfeniſt, vulgo Bänkel⸗ ſänger in Wien geweſen und nichts weniger als unbeanſtandet; ſeine Gattin, eine hübſche junge Frau mit dem unverfälſchteſten Lerchenfelderdialect ſollte als„Localſängerin“ figuriren; der Komiker des Joſephſtädter Bierhauſes, Herr Seitz, ſollte in gleicher Eigen⸗ ſchaft das Publieum von Krems entzücken, kann aber gar nicht zum Auftreten, da„dem Herrn Collegen“ vor der erſten Vor⸗ ſtellung von den Behörden„ein Spiegel ohne Rahmen und Glas“, proſaiſch„Steckbrief“ genannt, nachgeſandt wurde, in Folge deſſen der Freund des Directors ſchleunigſt vom Schauplatze verſchwand. Ich verlor deshalb meine projectirte Stellung als erſter Liebhaber und wurde laut Machtvollkommenheit des Directors zum Komiker er⸗ nannt. Auch der Ehrenpoſten eines Regiſſeurs ſollte mir anvertraut werden, obgleich ich noch nie vor einem zahlenden Publicum mein bischen Talent erprobt hatte. Die übrigen Mitglieder beſtanden aus einem ſtabilen Einwohner von Krems, der als franzöſiſcher Sprachlehrer ſich kümmerlich nährte, auf den ſeltenen Namen „Schulz“ hörte und bei Anweſenheit einer Theatergeſellſchaft ſein ſchmales Einkommen mit Komödienſpielen und der ihm dafür verſprochenen Gage weſentlich vermehrte. Es war dies, wie er mir ſelbſt anvertraute, die Zeit, wo er„zu Nacht eſſen konnte“. Ein ehemaliger Choriſt vom Carltheater, Haas geheißen, und eine tüchtige, aber leider nur viel zu lange routinirte Schauſpielerin, Namens Nilius, die ſich beim Theater einen Sohn erſpart hatte, der kleine Rollen ſpielte, waren die Truppen, die ins Gefecht ge⸗ führt werden ſollten.
Ehe ich zu unſerem Repertoire komme, muß ich zuvor be⸗ ) 3/ 5
merken, daß es damals keinem Theaterdirector in der Provinz einſiel, für ein Manuſcript dem Dichter Honorar zu zahlen. Daſſelbe wurde von dem Souffleur der großen Reſidenztheater„copirt“, dem oben erwähnten Manuſcriptenverkäufer überlaſſen, der es wieder an die Bühnenleiter, je nach dem Erfolg für fünf oder zehn Gulden, verkaufte.„Verrückt“ hätte man den Verfaſſer geheißen, der ſei⸗ nen beſcheidenen Antheil von dem Ertrag ſeiner Arbeit gefordert hätte, als„wahnſinnig“ würden die Gerichte damals eine Klage wegen Diebſtahls„geiſtigen“ Eigenthums zurückgewieſen haben. Wie konnte das geſtohlen ſein, was man ſich für ſein Geld ab⸗ ſchreiben ließ, was man baar bezahlt hatte? Dieſe Anſicht wurde noch vor gar wenig Jahren ſelbſt von den Behörden Berlins getheilt, wie ich zu meinem ſchwexen Nachtheil erfahren mußte, als mir ein Stück, deſſen alleiniges Aufführungsrecht ich für Berlin erworben hatte, von einem anderen Theater als gute Beute annectirt wurde. Ich ſollte beweiſen, daß mein Mannſcript, d. h. das Buch, im Werthe von einem Thaler, aus meinem Schrank geſtohlen worden ſei. Für den geiſtigen Werth hatte das Gericht keine Schätzung. Ja noch in den letzten Tagen giebt ein Concurrenztheater Berlins ganz flott die Operette„Das Penſionat“, für welche ich das alleinige Aufführungsrecht für Berlin und zwei Meilen im Umkreis der Reſidenz contractlich erworben habe. Klage Einer! Wen verklagen? Den Director? Der hat es von einem diebiſchen Agenten gekauft. Den letzteren? Nach tauſend Winkelzügen beſitzt der, außer Schulden, nichts von Werth, die Proceßkoſten bleiben dem Kläger auf dem Halſe. Probatum est!. .—. 3 g—
Nun in aller Eile zu unſerer Kremſer Bühnenherrlichkeit zürück. Die ganze Bibliothek unſeres Directors beſtand aus dem ein⸗ actigen Gelegenheitsſtück„Liebe um Liebe“, womit die Saiſon be⸗ ginnen ſollte. Mit der größten Mühe konnte ich es dahin bringen, daß unſer Chef, der nicht zwei Zeilen orthographiſch ſchreiben konnte, und der trotzdem, wenn nicht deshalb, die Con⸗ ceſſion erhalten hatte, von der unpaſſenden Wahl Abſtand nahm,
Werſt, der Geſangene“ uns dem„kunſtſinnigen Publieum“ vor⸗ führten. Gott allein mag wiſſen, was wir zuſammen geſpielt.
Die einzige Nilius, wenn gleich viel zu alt für die Rolle, ſpielte
die Titelrolle wenigſtens erträglich, ebenſo der alte Schulz den
Grafen. Das Uebrige, ich nicht beſſer als die Uebrigen, mag
ſchauerlich genug geweſen ſein. Ich hatte als Rudolph— alle Rollen mußten von den Mitgliedern ſelbſt heraus geſchrieben werden— um den Jäger zu repräſentiren, zu meinen Straßen⸗ ſtiefeln weiße Tricots angezogen und Kragen und Aufſchläge meines ſchwarzen Frackes mit grünem Papier beklebt.
Nun folgte eine lange, lange Reihe unſäglicher De⸗ müthigungen, die ich, der den geordneten Verhältniſſen des Eltern⸗ hauſes noch nicht entwöhnt war, doppelt ſchmerzlich zu empfinden hatte. Es iſt unglaublich, welcher Entſchluß dazu gehörte, welche feſte Willenskraft, um unter einer ſolchen„Bande“ aus⸗ zuharren. Das Wort Bande war damals, und zwar in der übelſten Bedeutung deſſelben, nicht nur auf die Schauſpieler, ſondern auch auf das verehrte Publicum der Stadt Krems an⸗ zuwenden. Roh, klatſchſüchtig und kleinſtädtiſch, ohne alles Ver⸗ ſtändniß, behandelte man die Schauſpieler damals geradezu als Parias der Geſellſchaft. An allen öffentlichen Orten r die Achſel angeſehen und nur durch das Geſetz vor dem Hinaus⸗ werfen geſchützt, vegetirte die allerdings verſchwindend kleine Minderzahl der Gebildeten unter ihnen in wahrhaft qualvoller Weiſe. Dazu kam für dieſe mit feineren Fühlfäden begabten Naturen noch das Bewußtſein, die Mißachtung innerhalb ihres Berufskreiſes zu verdienen; kurz, die Seelenmarter dieſer Zeit überwog, bei mir wenigſtens, weitaus die leiblichen Entbehrungen.
Die Muttergroſchen waren zugeſetzt, und die verſprochene⸗ Gage
war längſt zur Illuſion geworden. Zu ſtolz, um meine Lage zu⸗ ſchildern und von Hauſe um Zuſchuß zu bitten, duldete ich in der ſelbſtgewählten Stellung Hunger und jegliches Elend, welches den verſchämten Armen ereilen kann. Und die Cameradſchaft!
Ich erinnere mich an die ſeltnen Fälle, wo eine etwas beſſeren
Sonntagseinnahme ein paar Gulden in unſere Hände lieferte, von denen mir'vielleicht zehn bis fünfzehn Kreuzer übrig blieben, die ich zu dem ſporadiſch auftretenden Luxus eines warmen Abend⸗ eſſens verwenden wollte; wie ich der erſte in die Garderobe kam,
um meinen Miniaturreichthum in eine Spalte des Fußbodens zu
verſtecken, weil er in meiner Taſche ſo unſicher verborgen geweſen⸗
wäre, wie auf offener Landſtraße. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß meine guten Anzüge ſo permanent auf den reſpectiven Körpern
meiner Collegen herum wanderten und mit dieſen Komödie ſpiel⸗ ten, daß ich einſt im Gaſthauſe gefragt wurde, wem eigentlich der
gelbliche Oberrock gehöre, den ich anhabe, ob einem Schauſpieler
oder der Theatergarderobe? Einſt trug ich einen der Schmerzensſchreie, die ich in Brief⸗ form zur Erreichung eines anſtändigen Engagements in alle Welt flattern ließ, ſelbſt zur Poſt. Während ich an dem einen Schalter meine ſchwer erſparten Groſchen zur Bezahlung des Port opfermuthig hinlegte, hörte ich ein Geſprächfragment des Herrn Poſtmeiſters mit einem der Honoratioren der Stadt mit nicht großer Befriedigung an, obwohl der Eingang recht ermuthigend
lautete. Der Herr Poſtmeiſter meinte, die diesjährige Theater⸗
geſellſchaft beſtände aus einer wahren Heerde Ochſen.„Der einzige
Wallner iſt noch erträglich.“ Hier wuchs mein Selbſtgefühl in merkwürdiger Weiſe, klappte aber bei dem Nachſatz wieder ſchmerz⸗
lich zuſammen, als ſich der andere Herr vernehmen ließ:„Ach
was, der Wallner iſt auch ein Eſel!“ 4
Während dieſer animaliſchen Zuſammenſtellung ſchlich ich, ohne mein Incognito zu enthüllen, leiſe aus den Räumen des Amtsgebäudes. kommt es mir ſonderbar vor, wie das ſchroffe Urtheil meines unbekannten Gönners mir damals die Bruſt mit dem bitterſten Weh füllen, mir viele Tage auf's Schmerzlichſte verbittern konnte.
Alſo„darum Räuber und Mörder,“ rief es in mir mit Carl
Moor,„alſo darum haſt Du dem häuslich behaglichen Heerd dem elterlichen Hauſe den Rücken gekehrt, das iſt die Achtung, die Du als Künſtler errungen haſt?“
Dabei hatte ich aber doch Ehrgefühl genug, um keine Mühe, keine Laſt zu ſcheuen, die morſche Bauhütte unſeres Thespistempels vor dem Zuſammenſtürzen zu bewahren.
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Jetzt, wo ich die Sache äußerſt komiſch finde,
3 Mein damals rieſiges Gedächtniß kam mir zu Hülfe, nicht nur um täglich eine neue
und wir mit Körner's„Banditenbraut“ und Kotzebue's„Herr von Rolle ſpielend zu erlernen, ſondern um Nachts in ungeheizter
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