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Vertrauen auf den Advocatenſtand erſchüttert,— die wahlfähigen Bürger
wollten Einen ihrer Mitglieder und keinen Rechtsgelehrten mehr mit der höchſten Würde der Commune bekleidet ſehn. Dennoch wurde Dr. Zelinka zum Bürgermeiſter erwählt und wußte ſchon in den erſten beiden Jahren ſeiner Amtsführung das gegen ihn herrſchende Vorurtheil auf das Rühmlichſte zu bekämpfen und durch ſeine ſchlichte Biederkeit und Herzensgüte alle Sympathieen der Bürgerſchaft für ſich zu gewinnen. Nur Einer ſeiner erbittertſten, aber ohnmächtigen Gegner, den wir Arnold nennen wollen,
ließ nach wie vor ſeine Zunge gegen ihn ſpielen, bis das Landesgericht dieſem falſchen Spiel ein Ende machte. atte eines gemeinen Verbrechens ſchuldig gemacht und wurde zu zweijähriger
Der Bürger Arnold hatte ſich
Kerkerſtrafe verurtheilt. 3
Ein Jahr nach dieſem Proceß ſchritt Dr. Zelinka, in Gedanken ver⸗ ſunken, durch eine entlegene Seitengaſſe der Stadt, da ſprang ein junges Mädchen aus einer ebenerdigen Wohnung und rannte ſo unglücklich gegen ihn an, daß der alte kränkliche Mann in die Kniee ſank und ſich, wenn auch unbedeutend, doch ziemlich empfindlich die Knieſcheibe verletzte.
„Ach, mein Gott, ich bitte tauſendmal um Verzeihung!“ bat erſchrocken das Mädchen, indem es ſeinen Korb fallen ließ und dem alten Herrn zu Hülfe ſprang.„Haben Sie ſich weh gethan?“
Der Bürgermeiſter erhob ſich, rieb ſein Knie und brummte:„Nix— nix— ſchad't nixl“ Warum ſchau' ich nicht beſſer auf, denn es giebt hier Leut', die mehr Eil' haben, als ich.“
„Allerdings habe ich Eile, denn die Mutter und die Kinder frieren,“ ſeufßte das Mädchen.
„A— die Kinder frieren?“
„Und haben nebenbei einen geſunden Appetit.“
„Schad't nix! Schad't nix!“
„Es ſchadet freilich nichts, wenn Holz im Keller und Brod im Schranke iſt.“ 5
„Aha— ſo ſteht's!“ murmelte Zelinka, indem er ſich die Kleine näher anſah, die, ſelbſt noch ein Kind, kaum vierzehn Jahre zählte.„A Sapper⸗ ment— hübſche kornblaue Augen, aber die rothe Garnitur gefällt mir nicht. Mir ſcheint, Sie haben geweint?“
„Mir ſcheint's auch ſo.“ „Wo ſpazieren wir denn jetzt hin mit einander? Wahrſcheinlich Holz Brod einkaufen? He?“ „Vielleicht— wenn Gott und der Schätzmeiſter im Verſetzamt wollen.“
und
Der Bürgermeiſter warf einen Blick auf den Korb der Keie aus welchem der Aermel eines Kinderhemdes neugierig in die Welt hinaus gierig)
guckte. Er blieb ſtehen, ſtreichelte dee Wangen des Mädchens und fragte freundlich:„Wie heißen Sie, liebes Kind?“
„Pauline Arnold.“
„Arnold? Arnold? Vielleicht eine Tochter des Geſchäfts⸗Agenten — Ferdinand Arnold?“
„Kennen Sie meinen unglücklichen Vater?“ flüſterte die arme Kleine, indem ſich abermals ihre blauen Augen mit Thränen füllten.
„Ja, ja, ich kenne ihn, weiß auch, daß er— auf der Reiſe iſt und ſobald noch nicht zurückkehrett kann. Aber das hab' ich nicht gewußt, daß er Frau und Kinder in der Noth zurückgelaſſen hat.“
„In Noth und Elend!“ ſchluchzte das Mädchen.
„Warum haben Sie ſich denn nicht an den Bürgermeiſter gewandt?“
„Ach— der Bürgermeiſter iſt unſer Feind.“
„Der Unglückliche hat keine Feinde und der Bürgermeiſter iſt berufen, Freund und Vater aller Armen und Unglücklichen zu ſein. Ich hab' nicht viel Geld bei mir, aber für die nächſten Tage deckt es Ihre Bedürfniſſe Nehmen Sie und hoffen Sie auf Gott. helfen, Sie armes Haſcherl.“—
„Ach, mein Gott—“ rief das Mädchen unter Thränen lachend,„was ſoll ich der Mutter ſagen—*
„Daß auch ein Advocat ein Herz in der Bruſt hat. Jetzt laufens und ſorgens dafür, daß Ihre kleinen Brüder und Schweſtern nicht länger hungern und frieren.“ 3
Die Kleine küßte die Hand des Freundes in der Noth, den ihr Gott geſandt, und eilte in den Laden des nächſten Greißlers. 24
Zelinka rieb ſein Knie und ſprach lächelnd vor ſich hin, indem er forthinkte:„Schad't nix, wenn auch der Bürgermeiſter zuweilen, wie der Kalif Harun al Raſchid incognito ſeine Straßenpromenade macht.“ 3.
Er ſorgte fernerhingfür die Familie ſeines Feindes und hat wohl auch an ſie gedacht, als er ſeine letzten Worte„Holz— für die Armen!“ auf ſeinem Sterbebette flüſterte.
Er wird auch ohne Schätzmeiſter
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* Ein populär gewordenes Sprüchwort Zelinka's.
Die Jeſuiten in Japan.„Als ich vor ſieben Jahren hierher kam“— ſo ſchreibt uns direct ein Leſer der Gartenlaube, Herr F. K. in Nagaſaki auf der japaneſiſchen Inſel Kiuſiu, in einem über Hongkong und Trieſt gelaufenen Briefe—„habe ich nie, wenn ich die Stadt und Um⸗ gegend durchſchweiſte, von Japaneſen Etwas gehört oder geſehen, was ihre Hinneigung zum Katholicismus angedeutet hätte. Kaum aber be⸗ gann, in Folge der Verträge mit den großen europäiſchen und amerikani⸗ ſchen Seemächten für Handel und Verkehr ein neues Leben, ſo fanden ſich auch die unvermeidlichen Jeſuiten hier ein, erſt einzeln, nach ihrer belieb⸗ ten Weiſe, dann, ebenfalls in ihrer beliebten Weiſe, in Schaaren, nachdem ſie den Boden im japaneſiſchen Volk günſtig für ihre Pläne erfunden haben mochten. Da die wenigen hier lebenden europäiſchen Katholiken noch einer Kirche entbehrten, ſo hielten die Jeſuiten ihre Meſſen oder Bet⸗
ſtunden in einem holländiſchen Hauſe in der Nähe von Nagaſaki.
Es dauerte eben nicht lange Zeit, ſo hatten die Jeſuiten die rechten Leute herausgefunden, die mit den Zwecken ‚der Kirche’ den eigenen Vor⸗ theil zu verknüpfen wußten. Dazu gehörte namentlich ein Rheinländer, deſſen wohlberechnete Opferfreudigkeit weſentlich beitrug, daß die Jeſuiten in der europäiſchen Niederlaſſung in Ora, einem Theil von Nagaſaki, eine hübſche Kirche bauen konnten. Die Glocke derſelben ſoll ein Geſchenk der Kaiſerin Eugenie ſein; wie die Inſchrift über dem Portal in großen gol⸗ denen Lettern darthut, gehören dieſe Jeſuiten zu der ‚Geſellſchaft der Nachfolge Chriſtie“, Beim Ausgang aus dieſem Portal hat der Beſucher der Kirche in geringer Entfernung den Platz vor ſich, auf welchem vor einigen Jahrhunderten portugieſiſche und japaneſiſche Chriſten den Märtyrer⸗ tod erlitten hatten.
Für die Proſelytenmacherei, den offenbar nächſten Zweck der Jeſuiten, war der Bauplatz mit dieſer Ausſicht vom Kirchenportale aus ebenſo kühn als klug gewählt: von Kanzel und Altar aus konnte der Prieſter hinweiſen auf eine ‚heilige Stätte des Glaubens', auf welcher der höchſte Ruhm des Gläubigen und die ſicherſte Anwartſchaft auf die ewige Himmelsherrlichkeit errungen worden. Und der Plan gelang mit überraſchendem Erfolge, wenn auch nicht blos mit Hülfe des Frömmigkeitsfanatismus, ſondern mit Nach⸗ hülfe von Geſchenken und der Schmeichelei mit nationalen Liebhabereien. Ein Hauptſitz der Jeſuiten wurde das Dorf Urakami, dicht bei Nagaſaki. Dort richteten ſie ein Bethaus ein und ſtatteten es aus mit allem Pomp, welchen der katholiſche Cultus zuläßt oder erfordert; am prächtigſten ſtrahl⸗ ten aber die Statuen von Jeſus und Maria, die ſich dem Volke beide in japaneſiſchem Coſtume und Haarputz vorſtellten. Da nun die Jeſuiten ihr Netz vor Allem über die unterſten Volksclaſſen auswarfen, ſo wirkten ſolche Mittel ganz außerordentlich. Bald breitete ihre Anhängerſchaft ſich über mehrere Provinzen der Inſel aus und zählte über viertauſend Mitglieder.
Die japaneſiſche Regierung erlaubt ihren treuen Unterthanen manche kleine Freiheit, nur in Religionsangelegenheiten iſt ſie äußerſt empfindlich, und namentlich ſcheint ſie von chriſtlicher Seite manche unangenehme Er⸗ fahrung gemacht zu haben. Daß ſie aber gegen die japaneſiſchen Theil⸗ nehmer an dieſen jüngſten Jeſuitenumtrieben vorzugehen ſich genöthigt ſah, dazu trug hauptſächlich die Widerſetzlichkeit derſelben gegen beſtimmte Steuerverpflichtungen bei. Von den Prieſtern fanatiſirt wurden dieſe ſonſt ſo friedlichen Menſchen zur widerwärtigſten Nachbarſchaft. Da ſchritt end⸗ lich die Regierung ein: ſie brachte einen großen Theil der unruhigen Ge⸗ ſellſchaft in ſtrenges Gewahrſam und gab ihnen einige Monate Gelegen⸗ heit, ſich mit ihrem alten Glauben nach Möglichkeit wieder zu ver⸗ ſöhnen. Das geſchah im vorigen Jahre. Es ſchien, als habe das Regierungsmittel angeſchlagen, es fand wenigſtens keine öffentliche Stö⸗ rung der japaniſchen Ordnung ſtatt. Um ſo überraſchender kam im Juni dieſes Jahres der plötzliche Aushruch von neuen Beunruhigungen, der von neuangeworbenen Jeſuitenanhäkgern ausging und offenbar lange vorbereitet war. Der eigentliche Zweck dieſer abſichtlich hervorgerufenen Proſelytenhetze kam durch die Preſſe erſt ſpäter an's Licht. Die Regierung
ſchritt nämlich diesmal energiſcher als das vorige Mal ein, um dem ſtören⸗
den Treiben nun mit einem Schlage ein Ende zu machen. Sie ließ die große Mehrzahl der japaniſchen Jeſuitenanhänger auf Dampſſchiffe abführen und in entfernte Provinzen des Reichs verbannen, wo ſie ihren Unterhalt durch Arbeiten in den Minen, Bergwerken und anderen Staatsanlagen finden ſollen.
Kaum war dieſer energiſche Act der Regierung vollbracht, als die Jeſuiten die Preſſe Europa's und Amerika's zu den grauenerregendſten Schilderungen der dabei verübten Gräuel der regierenden Gewalt benutzten, offenbar um Schritte der Großmächte zu Gunſten der in Japan bedrängten und gemarterten Chriſten“ zu veranlaſſen und dadurch ihrer eigenen Fährte größere Sicherheit zu verſchaffen. Geknebelt ſollten die Unglücklichen an Bord geſchleppt, ja viele mitten in der See über Bord geworfen wor⸗ den ſein,— die neuigkeitsgierigen Journale nahmen dieſe Jeſuitenberichte auf,— wer brauchte daran zu zweifeln, daß im fernen Japan ſo Etwas gar wohl möglich ſei? Und doch haben alle dieſe Schaudergerüchte ſich ſpäter als Lügen herausgeſtellt.
Während nun alle Deutſchen hier, welchen die Ehre des deutſchen Namens am Herzen liegt, mit Widerwillen auf das ganze Jeſuitentreiben blicken, müſſen wir es erleben, daß gerade der Conſul eines deutſchen Staates dieſer Geſellſchaft jeden möglichen Vorſchub leiſtet. Nicht weniger dürfen wir es wohl beklagen, daß wir die norddeutſche Flagge hier (bis heute, den 17. September) noch nicht zu ſehen bekommen haben. Ich ſchreibe Ihnen dies, weil der Mangel einer der Wichtigkeit unſeres Im⸗ ports hier entſprechenden Vertretung ein großer Uebelſtand für uns iſt: wir Deutſchen ſind hier die größten Importeure, und trotzalledem können wir die öffentliche Stellung nicht behaupten, die wir einnehmen müßten. Einſtweilen mögen Ihnen dieſe Andeutungen genügen; ich werde jedenfalls auf dieſen wichtigen Gegenſtand noch einmal und dann eingehender zurück⸗ kommen.“
Soweit unſer Landsmann, dem wir hiermit für ſeine Mittheilungen unſern Dank ausdrücken. Was er uns über das Jeſuitentreiben ſagt, giebt über die ungeheure Ausbreitung und Rührigkeit des Ordens auch uns in Deutſchland zu denken. Dagegen haben wir das Ausführlichere und rein Perſönliche, was er uns über jenen deutſchen Conſul und deſſen jedenfalls den Intentionen ſeiner Regierung ſtracks entgegenlaufende Hin⸗ neigung zu den jeſuitiſchen Umtrieben in Japan anvertraut, vor der Hand verſchwiegen, theils um weitere Angaben abzuwarten, theils in der Hoff⸗
nung, daß die Bemerkung über die ungenügende Vertretung der deutſchen Intereſſen in Japan vielleicht im norddeutſchen Reichstage Er⸗
örterungen veranlaßt, welche auch ohne weitere Preßbemühung dort zur Abhülfe des Uebelſtandes führen.
Inhalt: Das Erkennungszeichen. Von A. Godin.
Wunderliche Heilige. 2.
„Holz— für die Armen!“— Die Jeſuiten in Japan.
n in.(Fortſetzung.)— Ein einſames Grab im Norden. Hänschen Apfelkern und das Siebenttägerkloſter in der Wildniß am Cocalico.— Rückblicke auf meine theatraliſche Laufbahn. Von Franz Wallner. 2. Frühere Verhältniſſe.— Dasaharte Brod der Berge. Von Carl Roux.
Von Fr. Pilzer. Mit Abbildung.—
Mit Abbildungen.— Blätter und Blüthen:
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