Jahrgang 
49 (1868)
Seite
776
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der Wildniß am Fluſſe Coealico in einer die früher einem Einſiedler,

Zelle niederzulaſſen, Namens Elimelech, zur Wohnung gedient hatte. Lange Zeit blieb ſein Zuſtuchtsort denen, die er vexlaſſen hatte, verborgen. Als derſelbe endlich entdeckt worden, ſammelten ſich um ihn alle die, welche ſich am Mühlbach in zwiſchen von der Wahrheit überzeugt hatten, daß Gott nur mit dem Feiern des Sonnabends gedient ſei, und bauten ſich Hütten um ſeine Zelle. So entſtand die Exemitengemeinde der Siebent täger, die 1732 das Einſtedlerleben mit dem klöſterlichen ver

tauſchte. ES entſtand eine förmliche Bruderſchaft, die in einem geſchloſſenen Dorfe mit einem Hauptgebäude beiſammen lebte, welchem die Geſellſchaft den Namen Ephrata beilegte. Die Brüu

der, denen ſich auch Schweſtern beigeſellten, nahmen das Ordenskleid der Capuziner an und Alle, die in das Kloſter eintraten, vertauſch ten ihre weltlichen Namen mit geiſtlichen. Oneſimus, der in der Welt Iſrael Sckerlin geheißen, wurde zum Prior erwählt. Später

hatte Jaebez, früher Peter Müller genannt, dieſe Würde inne. Beißel, der den Kloſternamen Friedſam Gottrecht führte, be⸗ gnügte ſich mit dem TitelGeiſtlicher Vater

Im Jahre 1740 zählte das Kloſter heixrathete Brüder und fünfunddreißig hielten ſich zu demſelben faſt dreihundert Perſonen, von denen indeß die Mehrzahl außer der Clauſur lebte. Dieſe Gemeinſchaft war eine Republik, in der alle Mitglieder gleich waren und nur nach ihrem freien Willen im Verbande blieben. Klöſterliche Geluͤbde fanden nicht ſtatt. Eine Regel oder ein Geſetzbuch hatte man ebenſowenig. Das Neue T Glaubens

Teſtament war ihr bekenntniß, ihre Rechtsquelle, ihr Diseiplinarcodex. Das Eigen

ſechsunddreißig Schweſtern, und ſpäter

unvder

thum, welches die Gemeinde durch Schenkungen und durch die Arbeit der einzelnen Brüder und Schweſtern erwarb, gehörte der Geſammtbeit; Niomand aber war gezwungen, ſein Geld in den

Pmdinſamer Seckel zu werfen oder ſeinen Grundbeſitz aufzugeben. Die Bedürfniſſe der Geſellſchaft wurden durch die mit dem Kloſter verbundene Farm, durch eine Graupen⸗, eine Loh⸗, eine Oel⸗ und

eine Papiermühle beſchafft, ſowie durch Tiſchler⸗ und Drechsler⸗,

Weber⸗ und Tuchmacherarbeit der Inſaſſen

In Betreff ihres Glaubens und ihrer unterſchieden ſich die Leute von Ephrata nur durch die Sabbath feier von den Tunkern. Sie richteten ſich in allen Stücken nach dem Wortlaut der Bibel und nahmen dieſe buchſtäblich wie die

religiöſen Bräuche

Tunker. Sie hielten es mit der Taufe wie dieſe, waren alſo Weedertäufer. Sie feierten das Abendmahl bei Nacht und in der

Weiſe eines gewöhnlichen Eſſens. Sie ließen ihm die Fußwaſchung und die Communion folgen. Sie hatten die Ceremonie des heiligen Kuſſes und die der letzten Oelung. Die Ehe war ihnen nicht verſagt, im Gegentheil, wenn ein Paar zu arm war, um ſich zu heirathen, ſo half die Gemeinde mit ihren Mitteln aus. Aber allerdings galt Cheloſigkeit unter ihnen für einen höberen Zuſtand, da Paulus geſchrieben:die, ſo nach dem Fleiſche ſind,

ſorgen für die Dinge des Fleiſches, aber die, ſo nach dem Geiſte ſind, für die Dinge des Geiſtes. Wer chelos blieb, hatte

wenigſtens auf einen beſſern reichs zu hoffen.

Cbeloſigkeit war

Platz in der Glorie des Himmel

infolge deſſen ein Lieblingsthema für die Prediger der Siebenttäger, die ſie unaufbörlich als eine erhabene Tugend mit den glänzendſten Farben darſtellten, und ein häufig in ihren Hymnen geprieſener Gegenſtand. Die Sabbathfeier der Siebenttäger wurde am Morgen fortgeſetzt. Sie Dann wurde knieend gebetet, derte der Vorſteher irgend d aus der Bibel vorzuleſen, kounte und dann Hierauf Pflichten ein, batte dann binzuzufügen,

des Abends und fing mit einem Liede an. und nach einem zweiten Liede for einen von den Brüdern auf, ein Capitel welches er ſich nach Belieben auswählen au Szu dlegen l zatte. ſchärfte derErmahner der welche der Abſchnitt dem Chriſten auferlegt, und irgend ein Anweſender dieſer Anſprache noch etwas Auskunft zu wünſchen oder die Sache weiter zu entwickeln, ſo beſaß er nach der Sitte der Gemeinſchaft volle Freibeit dazu. Gebet und Geſang, zuletzt die Vorleſung eines Pſalms ſtatt des Segens beſchloß dieſen einfachen Gottesdienſt. Es iſt in Amerika Mancherlei über die wunderlichen Heiligen von Ephrata geſchrieben worden, aber Vieles davon iſt Unwabr heit, Anderes Verdrehung oder Ueberkkeibung. Man hat ihnen nachgeſagt, ſie lebten nur von vegetabiliſcher Nahrung, weil die

begann

Verſammlung die

Regel der Geſellſchaft Fleiſchſpeiſen als zu böſen Gelüſten reizend verbiete. Man hat ferner behauptet, ſie ſchliefen auf hölzernen Bänken ohne Betten und bedienten ſich eines Klotzes als Kopf⸗ kiſſens, blos um ſich zu kaſteien. Beide Thatſachen ſind richtig, nicht ſo aber die Beweggründe. Wenn ſie mehr Gemüſe als Fleiſch und oft lange Zeit gar kein Fleiſch aßen, wenn ſie auf groben Pritſchen ſchliefen, ſo geſchah es, weil die Noth ſie dazu zwang. Sie waren urſprünglich ſehr arm, und die Wildniß, in der ſie ſich ihr Kloſter mit eigner Hand bauten wie die Mönche, die das heidniſche Deutſchland civiliſirten, bot weder Braten noch

Betten. Die äußerſte Sparſamkeit war geboten. Wie Robinſon mußte man ſich mit Dem behelfen, was zux Hand war. Es gab anfangs kaum ein Stück Eiſen oder anderes Metall, einige Werkzeuge ausgenommen, in Ephrata, geſchweige denn Glas P oder Thongeſchirr. Beim Abendmahl ſogar bediente man ſic

bölzerner Flaſchen und Kelche für den Wein und aus Holz ge⸗ drechſelter Patenen für das Brod, und wenn dieſe Gefäße bei de Reſten der Siebenttäger noch heute im Gebrauch ſind, obwohl ſie 5 mit gläſernen beſchenkt worden ſind, ſo iſt das pietätvolle Er innerung an die erſten beſcheidenen Anfänge ihrer Geſelſſchaft.

Selbſt die Gabeln, mit denen ſie aßen, und ihre Leuchter waren von Holz gemacht, und ihre Teller beſtanden aus achteckigen dün⸗ nen Brelchen von Pappelholz. Mit der Zeit wurden ſie als fleißige und ſparſame Leute wohlhabend, und jetzt verſchmähten ſie ein gutes Bett nicht mehr und ebenſowenig den Genuß anderer Freuden, obwohl Mäßigkeit im Eſſen und Trinken ſtets beobachtet wurde. Dieſe wunderlichen Heiligen hatten neben ihren komiſchen 1 und naturwidrigen Lehren und Brauchen etliche ſehr ehren⸗ werthe Eigenſchaften. Sie nahmen in der Revolution entſchieden Partei für die Whigs, d. h. ſie waren entſchiedene Gegner der

engliſchen Unterdrückung und eifrige Freunde der Freiheit, nur durften ſie nicht für ſie kämpfen, da ſie wie die Tunker und die Mennoniten das Waffentragen für unchriſtlich hielten. Sie dul deten ferner lange Zeit mit ausdauernder Sanftmuth die Miß⸗ handlung, Verſpottung und Plünderung, die ihnen übelwollende Nachbarn zufügten, und vergalten deren Unfreundlichkeit im Kriege von 1756 damit, daß ſie ihnen, die damals vor dem Tomahawk der mit Frankreich verbündeten Indianer flüchteten, in ihren feſten Wohnungen eine Zuflucht boten, ja ihnen und ihren Familien zu dieſem Zweck ſogar ihre Kirche einräumten. Die Regierung wollte ſie dafür belohnen, ſie nahmen aber nur ein Paar gläſerne Abendmablskelche an. Schon früher hatte der Sohn Pennss, damals Gouverneur von Pennſylvanien, ihnen als Zeichen ſeiner Achtung eine Landſchenkung von fünftauſend Ackern zugedacht, aber ſie hatten dieſelbe Al8 friedſame und be Aüecdene Leute abgelehut, 1 da ſie Neid und Streit davon fürchteten. Nach der Schlacht bei Brandywine verwandelte ſich die ganze Niederlaſſung freiwillig in ein großes Lazareth für die verwundeten Amerikaner, von denen anderthalbhundert hier ſtarben und auf dem benachbarten Berg Zion ihre Grabſtätte fanden. Auch ſoönſt war Prdls eine Stätte der Barmherzigkeit und der Gaſtfreund ſchaft in der Wild niß, weit und breit bekannt dafür wie die Hoſpize unſerer Alpen. Endlich aber genoß das Kloſter der deutſchen Wieder⸗ täufer am Cocalico mehrere Jahrzehnte hindurch den Ruf einer 4 guten Erziehungsanſtalt; denn mehrere ſeiner Mönche waren Männer von Bildung, und es geſchah, daß verſchiedene vornehme Familien ihre Söhne hier unterrichten ließen. Die neben dieſer Bildungs⸗ anſtalt beſtehende Sabbathſchule freilich artete raſch aus. Die jungen Leute gaben ſich veligiöſen Grübeleien hin, entzündeten ihre Phantaſie mit myſtiſchen und pietiſtiſchen Träumen und wurden ſchließlich ſo heiß und verwirrt davon, daß unter ihnen jene mit allerlei Krämpfen, Verzückungen, Aufſchreien und tanzartigen Be⸗ wegungen verbundene religiöſe Drehkrankheit ausbrach, die man im Jargon der amerikaniſchen Secten mit dem Namen Revival (Erweckung) bezeichnet, die aber mehr eine Art audächtiger Veits⸗ tanz iſt, bei dem die bald himmelwärts aufjauchzende, bald üder die ſchnöde Welt zum Tode betrübts, dald den gräulichen Höllen⸗ rachen vor ſich gähnen ſehende Seele vor Wonne und Angſt zu. gleich an der Wand in die Höhe laufen und aus der Haut ſpringen zu wollen ſcheint. Nachdem die armen Jungen es eine Weile Wcht ſchlimm getrieben mit dieſem gottesfürchtigen Unfug, machte Beißel der Sache ein Ende. Er war, wie bemerkt, ein ſehr wunderlicher Heiliger, aber kein Liebhaber von derartiger Ueberſchwänglichkeit. X 8