Jahrgang 
49 (1868)
Seite
775
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hatte etwas Stilles, Gedrücktes angenommen, was ihn nur ſelten verließ. Durch gute Muſik oder lebhafte Unterhaltung über die⸗ ſelbe angeregt, loderte zuweilen wie aus verglimmenden Kohlen die alle Flamme ſeiner Kunſtbegeiſterung auf. Es war dieſes meiſt der Fall an den Muſikabenden, die bei kunſtſinnigen Privatleuten, z. B. im Hauſe des hieſigen Branereibeſitzers Zigra, veranſtaltet wurden, wo man in kleinem Künſtlerkreiſe Kammermuſik trieb. Da trug Kreutzer mit freundlichſter Bereitwilligkeit Clavier⸗Piecen vor, und wenn er phantaſirte, ſoll noch manchmal aus den Taſten in anziehender liebenswürdiger Weiſe ſein alter Genius hervor⸗ geſchwebt ſein, zuweilen allerdings ganz, als wolle er wehmüthig Abſchied von dem Meiſter nehmen, denn dieſer war nur zu oft gleich nach dem Vortrage wieder ſtill und in ſich gekehrt.

Am 14. December 1849, nachdem der Componiſt wenige

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Wochen vorher ſeinen ſiebenundſechszigſten Geburtstag gefeiert hatte, befreite ihn, wie bereits erwähnt, ein Schlagfluß von einem Leben, an welchem er, wie der ganze Eindruck ſeiner Perſönlich⸗ keit während ſeines Hierſeins bewieſen, wenig Freude mehr em⸗ pfunden hatte. Da inzwiſchen der Contract der Tochter mit dem hieſigen Theater abgelaufen und nicht erneuert worden war, ſo befand ſich dieſe mit ihrer Mutter in der bedrängteſten Lage. Ein zum Beſten derſelben veranſtaltetes Concert lieferte ein Er⸗ gebniß, welches wenigſtens vor der Hand der äußerſten Noth ſteuerte. Die Tochter ſoll bald darauf die Gattin eines auswär⸗ tigen Kaufmannes geworden ſein.

DieRigaer Liedertafel, damals der einzige hieſige Männer⸗ geſangverein, ſorgte für eine würdige feierliche Beſtattung des

Verſtorbenen und iſt noch fortwährend die Hüterin ſeines Grabes.

Friedr. Pilzer.

8 Wunderlich

e Heilige.

2. Hänschen Apfelkern und das Siebenttägerkloſter in der Wildniß am Cocnlico.

Auch der Hinterwald hat ſeine Romantik, und nur, was bei uns in der alten Welt ein Hauptzug der Romantik iſt, Spuk⸗ und Geſpenſtergeſchichten fehlen ihm gänzlich. Sonſt giebt's Ueberfluß an blutigen Stellen, an wilden Lebensläufen, an aben⸗ teuerlichen Fahrten. Erinnerungen an finſtere Helden der Grenz⸗ kriege, an Indianerjäger, wie die ſchrecklichen Brüder Wetzel, an Renegaten, wie Simon Girty, an Strompiraten, wie Mike Fink, ſchweben um dieſen und jenen Ort. Endlich mangelt es auch nicht an Sonderlingen der verſchiedenſten Art, namentlich nicht an wunderlichen Heiligen, und von zwei Exemplaren der letzteren Art ſoll im Folgenden berichtet werden. Beide ſind Pennſylva⸗ nier, der eine ein Angloamerikaner, der andere ein Deutſcher.

Von dem erſten erzählte man mir in dem Buckey⸗Städtchen Findlay am Rande des Schwarzen Sumpfes in Nord⸗Ohio, wo man ihn zuletzt geſehen, als die Shawanoes noch in dieſer Gegend hauſten. Sein Name war Jonathan Chapman, bekannter aber war er unter dem Spitznamen Johnny Apple⸗ ſeed, d. h. Hänschen Apfelkern. Er war ein Sonderling von der liebenswürdigen Sorte. Unter dem rauhen gewaltthätigen Volk, das damals hier, an der Grenze der Civiliſation, den Wald rodete und den rothen Mann wie den Hirſch jagte, folgte er dem milden Beruf eines Gärtners in der Wüſte, indem er ohne Anſpruch auf Dank und Lohn die unwirthbare Waldregion durchwanderte, um aus ihr einen Obſtgarten zu machen. Von Pennſylvanien mit der weiterrückenden Cultur nach Ohio gekom⸗ men, hielt er ſich ſtets auf der Linie zwiſchen den äußerſten Vorpoſten der Weißen und den letzten Nachzüglern der abziehenden Indianer⸗ ſtämme auf. Hier klärte er auf dem fetten Lehmboden der Flußränder das Unterholz hinweg und pflanzte dann ſeine Apfelkerne, worauf er den Ort verließ, um wiederzukehren, wenn die Keime zu Bäumchen geworden waren. Kamen dann Anſiedler in die Gegend, ſo war Johnny mit ſeinen Schößlingen für ſie bereit, die er in der Regel verſchenkte oder gegen ein Mittagseſſen oder ein altes Kleidungsſtück vertauſchte. In dieſer ſegensvollen Wirk⸗ ſamkeit fuhr er lange Jahre fort, bis das Land voll von den Früchten ſeiner Arbeit war und er, gleich jenen grimmen Neun⸗ tödterſeelen, die den Indianer vertilgten, und gleich jenen rüſtigen Rodewalden, die mit Beil und Brand den Urforſt niederwarfen, neuen Spielraum für ſeinen Trieb im fernen Weſten ſuchen mußte, wo er dann verſchollen iſt.

Johnny war ein kleiner verwachſener Mann mit langem dunklem Bart und ſchwarzen blitzenden Augen, haſtig und ruhe⸗ los in Rede und Geberde. Seine Kleidung war meiſt abge⸗ riſſen und ſchmutzig. Zu einer Zeit ging er ſogar in einem Kaffeeſack von braunem Baſt einher, in deſſen Boden er Löcher geſchnitten, um Kopf und Arme hindurchſtecken zu können. In der Regel erſchien er barfuß. Seine Kopfbedeckung war ein Blechnapf, der ihm zugleich als Kochgeſchirr und Schüſſel diente. Als Waffe und Werkzeug führte das originelle Männlein, das in ſeiner Erſcheinung viel Aehnlichkeit mit den Waldzwergen unſerer In Sachen des Glaubens war er ein Anhänger Swedenborg's, deſſen Schrif⸗ ten er zugleich mit ſeinen Apfelbäumen verbreitete, wobei es zu⸗

weilen geſchah, daß er ein Buch, von dem er nicht genug Vor⸗ rath hatte, in zwei Theile zerriß und die beiden Hälften an ver⸗ ſchiedene Perſonen vertheilte.

Durch Strapazen und Entbehrungen aller Art abgehärtet, ſchlief Hänschen Apfelkern oft während der rauheſten Jahreszeit unter freiem Himmel, und nicht ſelten ſoll's geweſen ſein, daß er meilenweit mit bloßen Füßen durch beſchneite Gegenden wanderte.

Hieran knüpft ſich eine Anekdote von ihm, die recht bezeich⸗ nend für ſein naives Weſen iſt. Einſt hielt ein methodiſtiſcher Reiſeprediger auf dem Markte eines Städtchens am Maumee wenn ich mich recht erinnere, war's in Deſiance eine Anſprache an das Volk, in deren Verlauf er ausrief:Wo iſt der in Demuth barfuß einherwandelnde Chriſt, der auf der Fahrt zum Himmelreich begriffen iſt? Da ſah man plöͤtzlich unſeren Johnny, der dem Sermon, auf einen Holzhaufen gelagert, aufmerkſam zu⸗ gehört hatte und die Frage wörtlich nahm, ſeine nackten Füße emporſtrecken, und mit lauter Stimme ſchrie er:Hier, mein guter Mann, hier iſt er.

Während manche der damaligen Hinterwäldler, wenn ſie einen Indianer niederſchoſſen, nicht mehr Blutſcheu anwandelte, als wenn ſie eine Fliege todtſchlugen, hielt Johnny es ſogar für ſchwere Sünde, ein Thier des Lebens zu berauben, und mehrmals gab er Proben dieſer Geſinnung. Einmal begab ſich's, daß er auf dem Gange über eine Prairie von einer Klapperſchlange ge⸗ biſſen wurde. Einige⸗Zeit nachher fragte ihn ein Bekannter nach dem Vorfall. Johnny that einen tiefen Seufzer und erwiderte, indem ſeine Augen ſich mit Thränen füllten:Das arme Ding! Kaum hatte es mich angerührt, als ich, übermannt von gottloſer Unduldſamkeit, ihm mit meiner Sichel den Kopf abſchlug. Das arme, ſchuldloſe Thierchen! Ein ander Mal hatte er ſich draußen im Walde ein Feuer angemacht, um ſich gegen die Kälte der Herbſtnacht zu ſchützen, die er dort zuzubringen gedachte. Da be⸗ merkte er, daß die Muskitos in die Flammen flogen und ver⸗ brannten. Sogleich erhob er ſich, füllte jenes Blechgeſchirr, welches er als Mütze und Kochtopf zu benutzen pflegte, mit Waſſer aus dem benachbarten Fluſſe und goß das Lagerfeuer aus, indem er ſagte:Verhüte Gott, daß ich rein um meiner Bequemlichkeit willen Urſache werden ſollte zum Tode eines meiner Mit⸗ geſchöpfe!

Unſer zweiter wunderlicher Heiliger, der eine Anzahl anderer wunderlicher Heiliger um ſich verſammelte, gehörte anfangs in den Kreis, den der Aufſatz über die Tunker(vergl. Nr. 43, S. 679) geſchildert hat. In der Gemeinde dieſer Wiedertäufer, die ſich am Mühlbach in der pennſylvaniſchen Grafſchaft Lancaſter gebildet hatte, befand ſich ein gewiſſer Conrad Beißel, ein Deutſcher, welcher nach eifrigem Forſchen im Wort Gottes ge⸗ funden hatte, daß die Tunker ſich einem Irrthum hingaben, in⸗ dem ſie den erſten Tag der Woche feierten, während doch der große Jehova den ſiebenten heilig zu halten geboten und dieſes Gebot niemals aufgehoben hatte. Er veröffentlichte um das Jahr 1725 eine Abhandlung, in welcher er dieſen Punkt behandelte. Dieſelbe rief in der Tunkergemeinde am Mühlbach Aufregung und Streit hervor, und dieſe Wirren veranlaßten Beißel, ſich in