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Es war erſt kurze Zeit, daß ich mich in Riga befand. „Heute werde ich Ihnen einige Sehenswürdigkeiten dieſer baltiſchen Metropole zeigen,“ ſagte zu mir der Muſikdirector C.—
Wir wanderten durch den alten Stadttheil zum Ufer der Düna. Die große Anzahl von Seeſchiffen, das Stöhnen und Rauſchen der Dampfer, das Hinüber⸗ und Herübergleiten un⸗ zähliger kleiner Boote— kurz das ganze lebendige Treiben der Seeſtadt feſſelte mich. Aber immer fremdartiger und unheimlicher wurde es mir, je mehr wir uns, das Ufer entlang gehend, der Moskauer Vorſtadt näherten. Statt der luſtig beflaggten Schiffe mit Maſten und Takelwerk erblickte ich ſchließlich nur noch eine Menge von Struſen, jenen großen häßlichen Fahrzeugen, die, zelt⸗ artig mit gelbgrauen Matten überdeckt, ſchon oft mit rieſigen Schildkröten verglichen worden ſind. Sie kommen die Düna herunter und bringen der Stadt und den ausländiſchen Schiffen Producte und Waaren aus dem Innern. Unangenehm gelbgrau wie die Farbe der Fahrzeuge iſt auch die ärmliche Kleidung ihrer Bemannung. Mich überkam bei dem Anblick ein heimwehartiges Fröſteln, das von dem fremdartigen Idiom, welches ich da aus⸗ ſchließlich ſprechen hörte, gewiß nicht gemildert wurde.
„Laſſen Sie uns hinweg von hier,“ ſagte ich zu meinem Führer,„dies iſt für einen Fremden nicht unintereſſant, aber die Umgebung durchſchauert mich der Art, daß ich mich fortſehne.“
„Sie werden alsbald einen Anblick haben, der Ihnen mehr als alles Andre die deutſche Heimath herbeizaubern wird,“ erwiderte mein Begleiter.
Wir wendeten uns in das Innere der Moskauer Vorſtade
Die Leute auf der Straße ſprachen faſt nur ruſſiſch. Mein Freund führte mich zu einem Begräbnißplatz. Frauen und Männer wandelten daſelbſt auf und ab. Statt ruſſiſch hörte ich jetzt faſt nur polniſch ſprechen. Es war der katholiſche Kirchhof, auf wel⸗ chem viele Polen begraben liegen.
„Sie wollten mich, um jenen beklemmenden fremdartigen Eindruck zu verwiſchen, in eine recht heimathlich deutſche Umgebung führen,“ ſagte ich zu meinem Führer, als wir durch die Gräber⸗ reihen ſchritten,„ich bemerke davon ſehr wenig, jene Trauernden reden eine Sprache, welche mir ebenſo unverſtändlich iſt, wie die Inſchriften vieler dieſer Grabmonumente.“
Plötzlich ſtand ich wie gebannt. In dieſer fremden Um⸗ gebung, die mich an alles Andere eher als an Deutſchland erinnern konnte, ſtrahlte mir von der ſchwarzen Fläche eines ſchlanken Kreuzes in Goldlettern der Name„Conradin Kreutzer“ entgegen.
Conradin Kreutzer, der Schöpfer des„Nachtlagers von Granada“! Erſchütterung, Freude und Wehmuth waren die aufeinander fol⸗ genden Stadien der Empfindung, welche der Anblick in mir erregte. Wohl hatte ich läugſt in einer Biographie des Componiſten ge⸗ leſen, daß er in Riga begraben ſei, daran gedacht hatte ich, ich geſtehe es, ſeitdem nicht wieder.
Wie ich jetzt das Grab vor mir ſah, war es mir die Ver⸗ körperung der alten wehmuthvollen Geſchichte von dem Erdenwallen deutſcher Künſtler. Wie viele tauſend deutſcher Herzen haſt Du, Conradin Kreutzer, nicht erquickt und erwärmt durch den gemüth⸗ vollen Reiz Deiner Melodieen, und wie viel tauſend Herzen feiern Dich nicht fort und fort, indem ſie nicht laſſen können von Deinen ſüßen, milden, echt deutſchen Weiſen! Wenn es eine Statiſtik über Ständchen gäbe— keines Tonſchöpfers Harmonieen haben ſo häufig die anmuthigen Schlummerſtörer gemacht, als die Deinen. Das„ſüße Grauen und geheime Wehen“ Deines Sanges, hat es nicht hineingeſchauert in die beſeligenden Träume unzähliger Menſchen? Giebt es irgendwo auf dem weiten Erdenrund einen Verein deutſcher Sänger, dem nicht gerade Deine Lieder die innigſte Freude bereitet haben?— Und was bot man Dir für alle die herrlichen Geſchenke, mit denen Du die Deutſchen bedacht? Mühe und Leid, ein ruheloſes Wandern, ein ſtilles trübſeliges Ende und— ein Grab in der Moskauer Vorſtadt von Riga!
Von alledem iſt das Letzte vielleicht das Beſte. Der Wander⸗
zug, der Dich vom Süden zum Norden getrieben, brachte Dich in
den nördlichſten der Bereiche, wo deutſche Sitte, deutſches Weſen ſich eine Stätte gegründet haben. Da ſchlummerſt Du nun, und Dein Grab iſt uns ein fortwährender ernſter Gruß aus dem Mutterlande.
Conradin Kreutzer's Grab wird nicht durch ein glänzendes Monument geziert. An dem von einer Kette umgebenen Grab⸗
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hügel ſteht auf einem unbehauenen Granitſockel ein einfaches ſchlankes Kreuz, das auf der einen Seite in Goldlettern die Daten der Geburt und des Heimgangs, auf der andern den Namen Conradin Kreutzer enthält. Der bloße Name iſt gewiß das ſchönſte Epitaph, welches man wählen konnte, und des gan⸗ zen, übrigens wohlgepflegten Grabes Einfachheit, über die man ſich verſchiedentlich aufgehalten, weil ſie in keinem Verhältniß zu der Bedeutung des Verſtorbenen ſtehe, entſpricht durchaus der ſtillen Beſcheidenheit, welche Kreutzer im Verkehr mit der Welt zeigte.
So war er im Herbſt des Jahres 1848 nach Riga gekom⸗ men, ohne daß man im größeren Publicum eine Ahnung von ſeiner Ankunft gehabt hätte. Dieſe wurde erſt weiter bekannt, als eines Abends im Theater während einer Opernvorſtellung eine allgemeine Bewegung unter den Orcheſtermitgliedern und deren fortwährend auf einen Logenplatz gerichtete Aufmerkſamkeit auffiel. Der Gegenſtand derſelben war Conradin Kreutzer, der ſich zum erſten Male im Rigaer Stadttheater befand.
Seiner Beſcheidenheit und einem doch wiederum mit der⸗ ſelben verbundenen heimlichen Stolze iſt es zuzuſchreiben, daß er, wie ja auch an Orten ſeines früheren Aufenthaltes, hier in ziemlich knappen pecuniären Verhältniſſen lebte, ohne daß man hätte Veranlaſſung nehmen können, ihm ſeine Exiſtenz zu er⸗ leichtern.
Er war nicht, wie irrthümlich berichtet wird, wegen eines Engagements als Capellmeiſter, ſondern nur in Begleitung ſeiner Tochter hier, die am hieſigen Stadttheater als Sängerin engagirt und noch immer ſeine Schülerin war. Mit Frau und Tochter lebte er von der Gage der letzteren und von dem geringen Ho⸗ norar, welches ihm einige Geſaugſtunden einbrachten. Nur ein⸗ mal iſt er hier öffentlich als Dirigent aufgetreten, und zwar am 16. Februar 1849, als„das Nachtlager von Granada“ zum Benefiz ſeiner Tochter gegeben wurde. Mit dieſer ausnahms⸗ weiſen Leitung ſeiner eigenen Oper zum Beſten ſeiner Tochter ſchloß Kreutzer's Dirigenten⸗Thätigkeit. Das hieſige Publicum nahm die Gelegenheit wahr, dem berühmten Componiſten die lebhafteſten Sympathieen zu zeigen. Er wurde mit allen mög⸗ lichen Beweiſen des Beifalles und der Verehrung überſchüttet.
Seine Thätigkeit als Componiſt ſchloß mit einem couplet⸗ artigen Liede:„Mädchen und Blumen“, welches er aus Gefällig⸗ keit für den damals hier engagirten Komiker Hermann Butter⸗ weck, den Verfaſſer des Textes, componirt hatte, der es zu ſeinem Benefiz als Einlage in dem komiſchen Volksgemälde:„der Unbe⸗ deutende“ ſang. Das Lied erſchien hier ſpäter im Druck. Es trägt den Charakter einer unbedeutenden Gelegenheitsarbeit und zeigt keine Spuren von der einſt ſo blühenden Kreutzer'ſchen Me⸗ lodik. Es iſt ſeine letzte Compoſition, und ſo viel ich erfahren konnte, hat er hier, auch vorher, nichts Anderes producirt.
Die ſtille Zurückgezogenheit, in welcher er hier lebte, mag theils mit ſeiner drückenden pecuniären Lage im Zuſammenhang geſtanden haben, zum größeren Theil hatte ſie aber einen tieferen Grund. Hätte Kreutzer hier noch die Elaſticität des Geiſtes und Gemüthes gehabt, die ihm früher eigen geweſen war, ſo würde er ſicher verſucht haben, in das hieſige Muſikleben auf die eine oder andere Weiſe, direct oder indirect, fördernd und belebend einzu⸗ greifen, und es würde dann auch wohl von ſelbſt gekommen ſein, daß man, auf den Werth einer ſolchen Impuls gebenden Perſön⸗ lichkeit mehr aufmerkſam gemacht, ihn in einer auch ſeiner pecu⸗ niären Lage zu Gute kommenden Weiſe zu entſprechender Thätig⸗ keit herangezogen hätte. künſtler ſich leider in einer Paſſivität verhielt, die von aufmerk⸗ ſamen Beobachtern ebenſoſehr einem durch Mißerfolge der letzten Jahre ſeiner künſtleriſchen Thätigkeit beſtimmten Gemüthszuſtande als dem herannahenden Alter zugeſchrieben wurde. Es hatte ſich ſeiner eine Apathie bemächtigt, die ihn von ſeiner früheren Art, ſich künſtleriſch und geſellſchaftlich zu geben, weſentlich unterſchied, und aus der er nur hie und da momentan auflebte.
Obwohl er nur von mittlerer Mannesgröße war, ſo hatte ſeine Perſönlichkeit noch wenige Jahre vorher ſtets etwas Imponirendes gehabt. Seine Haltung war ſtattlich⸗aufrecht, ſein Geſichtsaus⸗ druck, bei aller Weichheit, klar, beſtimmt und ingeniös geweſen. Das Alles hatte ſich, als er hier war, geändert. Seine körper⸗ liche Vollkraft war faſt zur Corpulenz geworden, in der unzwei⸗ felhaft ſchon der Keim ſeines Todes, die Urſache zu dem Schlag⸗ fluſſe lag, der ihn im folgenden Jahre hinwegraffte. Sein Weſen
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Dieſes unterblieb, weil der große Ton⸗
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