Jahrgang 
49 (1868)
Seite
772
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772

2.

Als Schaumberg am Tage nach ſeiner Rückkehr in Berneck von ſeinen Nachmittagsgängen heimkehrte, erwartete ihn der Briefträger.Schon dreimal bin ich hier geweſen, Herr Doctor, ſagte der Mann, wichtig thuend,ich habe einen Werthſchein für Sie, er lautet auf tauſend Gulden; den mußte ich Ihnen doch zu eigenen Händen übergeben. Schaumberg's Geſicht färbte ſich lebhaft Marbach hatte alſo weitere und erfolgreiche Schritte für ihn gethan! kein Zweifel, denn der Ort der Abſendung war Bamberg. Raſch unterſchrieb und unterſiegelte er den Schein und ging, ohne nur Eliſabeth begrüßt zu haben, ſelbſt zur Poſt, um die werthvolle Sendung abzuholen.

Beim erſten Blick auf die Begleitadreſſe des Päckchens, das ihm eingehändigt wurde, fuhr er zuſammen ſie war nicht von Marbach's Hand, ſondern trug andere, ihm wohlbekannte, obgleich lange nicht erblickte Schriftzüge die der anonymen Briefe von damals. In lebhafter Aufregung eilte er nach Hauſe, ſchloß ſich ein und erbrach das Siegel. Er hatte ſich nicht getäuſcht, es war wirklich dieſelbe Hand! Das Blatt enthielt folgende Zeilen:

Ein Zufall hat mich erfahren laſſen, welche Sorgen meinen Freund bedrücken. Das Kreuz, welches ihn mir einſt zuführen ſollte, könnte doch noch zu einer Quelle des Glücks für mich wer⸗ den, wenn er es verwerthen und ſich damit von dem befreien möchte, was ihn bedrängt. Ich habe ihm einſt geſagt, daß mein⸗ Herz ihm gehört er wird die Gabe nicht zurückweiſen, die ich ſtolz genug bin, als eine weit geringere zu betrachten.

Mit bebender Hand öffnete Schaumberg das Paket. Es enthielt ein Etui, deſſen Feder dem leiſeſten Druck nachgab; ein⸗ Malteſerkreuz von alterthümlicher Filigranarbeit, mit großen, augenſcheinlich höchſt werthvollen Brillanten beſetzt, ſtrahlte ihm daraus entgegen; den Mittelpunkt deſſelben bildete der Buchſtabe E.

Nach dem erſten Moment höchſter Betroffenheit wallte es ſtürmiſch in Otto auf Rührung, Demüthigung, ja heftiger

Unmuth gingen nach einander durch ſeine Seele der letztere Eindruck jedoch blieb vorherrſchend. Marbach war alſo indiscret geweſen! nur durch ihn hatte Helene ſeine Bedrängniß erfahren können, und ſie, von der er ſich mit dem Bewußtſein losgeriſſen, daß ſie jede Stunde, die er ihr einſt gewidmet, mit heißen Schmerzen bezahlen würde ſie drängte ſich nun zum zweiten Mal in ſein Leben. Er konnte, er wollte den Gedanken nicht ertragen, ihr in dieſer Weiſe verpflichtet zu ſein, von ihr, der er nichts zu bieten hatte, ewig zu empfangen, erſt ihr Herz, dann ihre Schätze! In höchſter Aufregung ſetzte er ſich an ſeinen Schreibtiſch, füllte mit fliegender Feder die vier Seiten eines Briefblattes und legte die erhaltenen anonymen Briefe dazwiſchen; dann packte und ſiegelte er die Blätter zugleich mit dem Kreuze ein und ſchloß das Paket in ſein Bureau, da erſt morgen die nächſte Poſt nach Bamberg abging.

Es dauerte lange, bis er hinreichende Faſſung gewann, um ſein Zimmer zu verlaſſen; ſein ganzes Weſen war in ſtürmiſcher Wallung. Endlich trat er doch bei Eliſabeth ein. Zum erſten Male war ihre Nähe ihm drückend; laut ſprach es in ihm, daß er jener Forderung gegenſeitigen Vertrauens, die er als eine der höchſten Pflichten der Ehe betrachtete, nun ſelbſt nicht Wort hielt, und doch konnte er ſich nicht entſchließen, ihr mitzutheilen, was ihm begegnet war.

In eigenthümlich gezwungener Weiſe ſchlichen heute die ſonſt ſo ſchönen Abendſtunden an Beiden vorüber. Die gewaltſam niedergekämpfte Erregung Otto's konnte Eliſabeth nicht entgehen, dennoch richtete ſie keine Frage an ihn, nur ward ſie immer blaſſer und ſtiller, je mehr der Abend vorrückte.

Am folgenden Morgen ging Schaumberg zur Poſt, um das inhaltsſchwere Päckchen dort aufzugeben. Er war durch eine Berufspflicht aufgehalten worden; bereits ſtand der Poſtwagen angeſpannt auf der Straße. Ein raſcher Gedanke durchfuhr ihn. Nach kurzem Zögern ſteckte er das Päckchen wieder in die Bruſt⸗ taſche, trat in's Bureau, löſte ein Fahrbillet und riß ein Blatt aus ſeiner Brieftaſche, worauf er mit Bleiſtift die Mittheilung an ſeine Frau notirte, daß er erſt Abends zurückkehren würde. Er übergab das Blättchen einem vorübergehenden Knaben zur ſo⸗ fortigen Beſtellung und nahm dann ſeinen Platz in der Poſtkutſche ein. Zwiſchen ihrer Ankunft in Bamberg und dem Abgang der dortigen Poſt nach Berneck lagen drei Stunden. Sie genünten für ſeinen Zweck er wollte Helene ſelbſt ſprechen.

3.

Helene Dalen ſaß vor ihrem Schreibtiſch und betrachtete ſinnend einen Brief, deſſen Adreſſe ſie eben geſchrieben hatte; es war die des Majors von Feldheim, und der Brief enthielt die Zuſage ihrer Hand.

Die junge Frau ergriff das Petſchaft, um ihren Brief zu ſiegeln; das Geſchäft kam aber nicht zu Stande ſie warf ihn plötzlich von ſich, drückte ihre Hand vor die Augen und brach in heiße Thränen aus. Es war ihr, als ſei es unmöglich, das zu beſiegeln, was ſie geſchrieben vor die Geſtalt des treuen, be⸗ währten Freundes drängte ſich in dieſem Augenblick, wie ſchon ſo oft, ein anderes, ein unvergeßliches Bild!

Als vor einigen Tagen die warme, liebevolle Werbung Feldheim's an ſie gelangt war, hatte ſein Brief auch in ihr Wärme und Lieebe hervorgerufen. Sie hatte den Freund, deſſen Umgang ihr ſeit Jahren ein Lebensbedürfniß geweſen, ſeit der Trennung von ihm tüäglich, ja ſtündlich vermißt, ſein trefflicher Charakter, ſeine Anhänglichkeit an ſie waren ihr, je länger ſie ihn entbehrte, deſto mehr zum Bewußtſein gekommen, und ſie hatte ſich mit dem Gedanken, ſeine Lebensgefährtin zu werden, völlig vertraut gemacht..

Seit zwei Tagen waren aber alle Träume von Ruhe und Zufriedenheit wie Staub von ihr zerfallen. Sie hatte Otto Schaumberg während ſeines Aufenthaltes in Bamberg wiederge⸗ ſehen, ohne von ihm bemerkt zu werden, und der Aufruhr, in den dieſe Begegnung ihr ganzes Weſen verſetzte, ſiel wie ein Blitz⸗ ſtrahl in ihre Seele. Nichts war verſchmerzt, nichts vergeſſen, noch heute flog jede Fiber in ihr dieſer einen Geſtalt zu!

Heute war es ein Jahr, daß er von ihr geſchieden, er hatte ſich für immer von ihr getrennt, er war mit einer Andern verbunden, kein Wunſch, keine noch ſo leiſe Hoffnung konnte ſich mehr an ſein Bild knüpfen, und doch ſtand es, ſeit ſie ihn wieder⸗ geſehen, Tag und Nacht vor ihr; die Erinnerung jeder Stunde, die ſie mit ihm verlebt, umgab ſie wie die Luft, die ſie athmete! Konnte ſie, durfte ſie mit dieſem Bewußtſein dem Freunde ihr Leben zugeloben, dem Manne, den ſie hoch hielt, wie keinen An⸗ dern, der jede Liebe verdiente? Warum liebte ſie nicht ihn? Warum das fragſt Du Dich, arme Helene!

Helenens Thränen floſſen nicht lange. Es war nicht die erlöſende Fluth, die das Herz befreit, es war ein augenblicklicher Krampf des beinahe phyſiſchen Schmerzes geweſen, der ſie durch⸗ wühlte. Sie ſchob den Brief zurück, löſchte die Kerze, ſtand auf und öffnete ihren Flügel. Ohne Zuſammenhang irrte ihre Hand auf den Taſten, die Geiſter verklungener Melodien, der Klang einer verhallten Stimme füllten ihr Ohr; ihre Seele. Wieder tauchte die ſchon tauſendmal durchforſchte Frage in ihr auf was ſie damals um ihr Glück gebracht? Warum hatte Otto,

der ernſte, einſiedleriſche Mann, ſich ihr genähert, wenn ihn nicht J Warum hatte er ſie aufgegeben, während doch 1im

Neigung zog? Augenblicke des Scheidens vollſter Seelenſchmerz aus ſeinem Blicke ſprach?..

Es war nicht anders möglich, etwas ihr Unbekanntes, etwas, das von außen kam, mußte ſich zwiſchen ſie und ihn gedrängt,

ſie um all' ihre Lebenshoffnungen betrogen haben! Vielleicht dachte er ihrer eben ſo lebhaft, wie ſie an ihn dachte vielleicht

hatte auch er nur darum eine Andere gewählt, weil jene geheim⸗ nißvolle Scheidewand ihn von ihr trennte. Nur noch einmal ihn wiederſehen! noch einmal vor ihm ſtehen, in ſein Auge blicken, ſich gegen ihn ausſprechen nur einen einzigen Herzens⸗ ton von ihm hören und dann in Gottes Namen für immer ſcheiden! rief es laut und lauter in ihrer ſtürmiſch bewegten Seele. 4 6 Ein raſches Klopfen an ihrer Thür unterbrach die wogenden Gedanken. Helene fuhr heftig zuſammen der Klan dieſer

Pochens gehörte in ihre Träume! Ihr Herein klang zitternd und,

als erblickte ſie einen Geiſt, ſo regungslos, ſo blaß ſtarrte ſie dem Eintretenden entgegen..

Otto begrüßte ſie ernſt, Beide ſtanden ſich wortlos gegen⸗ über.

Sie ahnen wohl, was mich heute zu Ihnen führt, gnädige Frau, ſagte Schaumberg endlich in gehaltenem Ton.Ich dachte erſt, Ihnen ſchriftlich zu antworten, doch hielt ich es für meine Pflicht, einen ſo großen Beweis Ihres Vertrauens perſönlich in Ihre Hände zurückzulegen und Ihnen den wärmſten Dank für

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