Jahrgang 
47 (1868)
Seite
748
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Colot theilte nun noch Einiges über die Zangen mit, ohne ſein Verfahren zu entſchleiern. Nach und nach wurde der König

immer ſtiller, aufmerkſamer. Als der Arzt geendigt hatte, forderte

Ludwig Pergament und ſeine Rohrfeder. Er fertigte eigenhändig die Begnadigung für den Wilddieb aus, falls derſelbe aus der Operation des Meiſter Colot lebend hervorgehen ſollte.

Wenn Alles vorüber iſt, bringt mir Beſcheid, Catto, ſagte der König.Germain Colot, ich bleibe Euch gewogen. Er winkte mit der Hand und die beiden Aerzte traten aus dem Zimmer. Colot war glücklich, die Erlaubniß und das Verſprechen erhalten zu haben. Er eilte ſofort in das Chatelet.

Am folgenden Morgen erſchien er mit drei Gehülfen des Baders vom Platze St. Gervais im Gefängniſſe. Der Wilddieb zitterte, als der Arzt eintrat, denn was er leiden ſollte, war frei⸗ lich mit den Qualen der Folter zu vergleichen. Germain Colot ließ ein Polſter bringen, auf dieſes ward der Gefangene gelegt zund damit in ein helles Gemach getragen. Hier angekommen mit ſeinem Arzte und den Gehülfen, wurden ſeine Arme und Beine gebunden. Colot empfahl Ruhe und entdeckte ihm, daß ein Bruder vom Orden des heiligen Bernhard während der Operation die Gebete für ihn ſprechen werde. Noch einmal prüfte der Arzt ſeine Werkzeuge, dann trat er ſchnell zu dem Leidenden.Seid Ihr bereit? rief er.

Im Namen des dreieinigen Gottes ich bin es, ant⸗ wortete der Wilddieb.

Haltet feſt, befahl Colot den Gehülfen. Sie drückten die Schultern des Gebundenen nieder und faßten ſeinen Kopf.

Ans Werk im Namen des Himmels! ſagte Colot. Er ſchloß die Thür.

Draußen harrte eine neugierige Menge, Aerzte und Laien, Mönche und Ritter. Sie vernahmen das Wimmern, Alle warte⸗ ten ängſtlich des Erfolges. Nach geraumer Zeit öffnele Colot die Thür. Sein Geſicht war geröthet, Schweiß tropfte hernieder. Er hielt ſein Meſſer in der Hand und rief:Es iſt gelungen, der. Mann lebt, iſt befreit und wird hinausziehen in die weite Welt ein freier Mann.

Alles umringte den Arzt, und Angelo Catto eilte ſofort zum Könige, der mit ſichtlichem Intereſſe den Bericht anhörte. Der Wildſchütze aber zog nach ſeiner Heilung wieder frei hinaus in die Wälder von Meudon. Colot übte ſeit dem 29. November 1475 den Steinſchnitt unter Schutz des Privilegiums zum Wohle der Menſchheit aus. Auch er hielt ſein Verfahren geheim und lehrte es nur den Mitgliedern ſeiner Familie. Nach ihm ward Lorenz Colot mit dem Titel eines königlichen Lithotomiſten von Heinrich dem Zweiten angeſtellt, und das Geheimniß blieb in der Familie erblich bis zum Tode Franz Colot's, der im Jahre 1706 ſtarb. Auf ihn folgte Tolet; aber ſchon hatte die Wiſſenſchaft ſo bedeutende Fortſchritte gemacht, daß das Geheimniß der Colot's ihrem Nachfolger keinen Nutzen brachte; durch die Forſchung war es zum Gemeingut geworden.

Ein Kleinod aus deutſcher Vergangenheit.

War denn dieſes Thal durch Jahrhunderte verzaubert? Oder iſt der Kyffhäuſer in dieſen verborgenen Winkel verſetzt und ſtreckt nun die wiedererſtandenen Thürme ſeiner Kaiſerburg auf dem Berge dort zum alten deutſchen Himmel empor 2*

So hat wohl Mancher ſchon gedacht, den ſein Weg zum erſten Mal in den Tauber⸗ grund führte und vor deſſen Blicken ſich dann in der Thal⸗ windung hinter Detwang die alte Berg⸗ und Thürmeſtadt Nothenburg ob der Tauber erhob. Man glaubt ſich einer ver großartigſten Fürſtenbur gen der Ritterzeit zu nähern und täuſcht ſich zu ſeiner freu digſten Ueberraſchung, denn wir betreten, wenn wir Gra⸗ ben, Wall und Thor, Alles Zeugen einer hohen Ver gangenheit, hinter uns haben, eine ſo rein und vollkommen mittelalterliche Stadt, wir wandeln in Gaſſen, denen ſo gar nichts von neuer Zeit anklebt, in welchen der ſtei⸗ nerne Hintergrund des mit⸗ telalterlichen Bürgerlebens ſich ſo ſtattlich darſtellt und ſo gut erhalten hat, daß wir unwillkürlich an den Fenſtern die Köpfe unter großen Hals⸗ krauſen ſuchen und beim Rath⸗ hauſe nach der Schaarwache ſpähen, die wir von Rechtswegen dort zu ſehen erwarten mit blanken Harniſchen und langen Spießen. Wie gern wir auch in das Lob Nürnbergs einſtimmen, wenn es alte deutſche Städtepracht zu preiſen gilt, ſo verdient doch dieſe weit kleinere fränkiſche Stadt in Bezug auf Reinheit mittelalterlichen Charakters ihrer äußeren und inneren Erſcheinung den Vorzug ſelbſt vor der alten Reichszierde des Frankenlandes.

Je unverantwortlicher faſt überall und noch bis dieſen Tag mit unzähligen Baudenkmalen der deutſchen Vorzeit umgegangen worden iſt, um ſo mehr Achtung ſind wir dem Geiſt einer Bürgerſchaft ſchuldig, welcher offenbar ſeit Jahrhunderten ſtets die

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Topplerſchlößchen.

Schonung der Werke der Väter eine Pflicht der Ehre war, denn ohne ein ſolches Pietätsgefühl würde auch die Art und Weiſe der Erhaltung des Alten, wie der Rothenburger Mauergürtel ſie zeigt, ganz unmöglich geweſen ſein.

Wir haben nämlich für die Geſchichte des Burgen⸗ und Feſtungsbaues von den Zei⸗ ten der Hohenſtaufen bis zum dreißigjährigen Kriege in ganz Deutſchland ſchwerlich noch ein zweites ſo vollkommen alle Uebergänge bewahrendes Stadt-Muſtex, wie dieſes Rothenburg. Während die älteſten Umfaſſungsmauern noch aus Kaiſer Rudolf's Tagen herrühren, ſeit wel⸗ chen der Umfang der Stadt ſich nicht mehr verändert hat, ſetzte jeder Fortſchritt in der Befeſtigungskunſt dem Mauer⸗ kranze neue Blätter an, Thurm um Thurm wuchs, bis end⸗ lich vierzig Thürme die Mauer krönten, und als vor dem ſchweren Geſchütz der Städte das Burgen⸗. und Raub⸗ Ritterthum in den Staub ſank, prangte auch Rothen⸗ burg mit ſeinen Rundbaſteien und vorgeſchobenen, durch ihre Stärke den Feindeskugeln trotzenden Mauerfäuſten. Und . ſo ſteht die Stadt, ein Bild der Bürger⸗Ritterlichkeit, auf ihrem Berge, von welchem ſie etwas über dreizehnhundert Fuß hoch auf das zwar liebliche, aber eng gewundene Thal hinab und auf eine mehr als tauſendjährige Geſchichte zurückblickt.

Schon im ſechsten Jahrhundert rühmte ſich der Berg einer

Burgſtraße, und auf das Wappen einer Dynaſtie war zuerſt

der Name Nothenburg geſchrieben: din Grafengeſchlecht ſaß in der Burg auf dem Felſenrücken, welcher die Stadt überragt. Erſt nach dem Ausſterben deſſelben und nachdem von den Hohenſtaufen⸗ kaiſern namentlich Friedrich der Rothbart zu der Einſicht gelangt war, daß nur durch die Macht eines freien Bürgerthums der