Jahrgang 
47 (1868)
Seite
742
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Wenn dieſer nun atauſtuicn machte, Landſchaften oder Vieh nach der Natur zeichnete, ſo folgte ihm⸗ der junge Mind wie ein Schatten, blickte ihm über die Schultern auf ſein Skizzenbuch und beobachtete mit Intereſſe das Fortſchreiten ſeiner Entwirrfe. Der arme kränkliche Knabe flößte Legel Mitleid und Intereſſe ein; er gewöhnte ſich an ſeine Geſellſchaft, nahm ihn auf ſeine Wande⸗ rungen mit, lud ihn zu ſich in ſeine Wohnung ein und zeigte ihm dort ſeine Skizzen⸗ und Kupferſtichſammlungen, von denen namentlich die Thierbilder des Knaben Aufmerkſamkeit erregten. Dieſer fing jetzt ſelbſt an zu zeichnen, copirte unter Legel's An⸗ leitung kleinere Bilder, ließ ſich dieſelben berichtigen und wagte ſich bald auch daran, Ziegen, Kühe und namentlich Katzen nach der Natur zu zeichnen. Gottfried's Vater war indeß mit dieſen Kunſtſtudien nicht einverſtanden. Für den biedern Tiſchlermeiſter war Papier doch eben nur Papier, und das einzige würdige Ma⸗ terial für Nachbildung der Außenwelt war für ihn das Holz. Da er nun ſeinem Knaben nur dieſes zur Verfügung ſtellte, Papier aber Bennätin in eiͤnd⸗ ſo machte ſich derſelbe aus Noth daran, ſeine Thiere zu ſchnitzeln ſtatt zu zeichnen, und bald waren ſeine höl lzernen Kühe, Schafe und Bettelknaben der Gegenſtand der Bewunderung und die Zierde der Hütten von Worblaufen.

Mittlerweile hatte im Jahre 1778 der große Menſchenfreund und Volkserzieher Peſtal o/zzi, deſſen Lebensbild erſt neulich die Gartenlaube ihren Leſern gezeichnet hat, auf dem zu Birr im

Canton Aargau gelegenen Nuyof ſeine Arbeitsanſtalt für arme Kinder errichtet. In dieſe ward auch Gottfried aufgenommen und hier empfing er ſeinen erſten Schulunterricht. Aber weder ſeine geiſtige, noch ſeine körperliche Entwickelung machte hier Fort⸗

ſchritte, dagegen entfaltete ſich damals ſchon ſein auffallendes Zeichentalent. In einem Berichte, welchen die ökonomiſche Geſellſchaft von Bern im Jahre 1778 über jene Anſtalt ver⸗

öffentlichte, erhält er folgendes Zeugniß:

Friedli Mynth von Byſſi, Amts⸗Aubonne, ſaßhaft in Worblauſen, ſehr ſchwach, unfähig zu jeder anſtrengenden Arbeit, voll Talent zum Zeichnen, die beſonders ſich auszeichnende Creatur, voll Künſtlerlaune, mit einiger Schalkheit begleitet. Zeichnen iſt ſeine ganze Arbeit. 10 Jahre alt

Als Gottfried vom Neuenhof ins Elternhaus zurückgekehrt

war, wurde der Maler Freudenberger in Bern auf deſſen auf⸗ fallendes Zeichentalent aufmerkſam gemacht, und er nahm ihn zu ſich ins Haus. Freudenberger genoß damals einen ehrenvollen Ruf als Genremaler und veröffentlichte eine große Anzahl ſeiner Blätter, indem er ſie in Kupfer radirte und dann colorirte. Für dieſe letztere Arbeit gedachte er Mind zu verwenden, dem er daher auch ſowohl im Zeichnen als im Malen mit Tuſchfarben Unterricht ertheilte. Mit großem Eifer unterzog ſich Gottfried ſeiner Auf⸗ gabe, und wunderbar entwickelte ſich bei dieſer mechaniſchen Be⸗ ſchäftigung ſein Zeichentalent und ſein ſeltenes Gedächtniß, das, wie ein Skizzenbuch, Alles feſthielt, was er einmal geſehen hatte, ſo daß er 13 lange nachher mit der größten Treue aus der Erinnerung zeichnen konnte. Zu einem ſelbſtſtändigen Arbeiten kam er übrigens erſt nach Fernenberhene Tod; ſo lange dieſer lebte, wurde er faſt ausſchliſl ich als Famulus und Coloriſt des⸗ ſelben verwendet, wofür er im Hauſe des Künſtlers verpflegt wurde. Kaum aber war Frau Freudenberger Wittwe geworden, als ſich der Katzen⸗Raphael in ſeiner ganzen Originalität ent⸗ wickelte. Mind's Kränklichkeit, geiſtige Beſchränktheit und ein gewiſſer unwirſcher Zug in ſeinem Charakter hatten ihn von Jugend au vom uungen mit Menſchen fern gehalten; ein halber Idiot, hatte er ſich um ſo inniger an die Thierwelt angeſch loſſen und namentlich mußte ihm, den Kränklichkeit ſo viel an's Zimmer feſſelte, die Katze als das Hannthier par excellence, das er immer um ſich haben konnte, ſein Lieblingsgeſellſchafter ſein. So war er denn auch immer von ſeinenBüſſi(Schweizer Gattungsname für Katze) umgeben; ſie ſchnurrten hinter ſeinem Lehnſeſſel, auf ſeinen Schultern oder auf den Knieen, wenn er an der Arbeit ſaß. Das Leben und Treiben dieſer an⸗ muthigen und intelligenten Thiere war ſeine ganze Welt; in allen Phaſen ihrer Entwicklung, vom nengrbornen Miozehen bis zum lebensſatten alten Kater Murr ſtudirte ſie mit dem Auge des Künſtlers. Das Wochenbett ſeiner etüln skats war für ihn ein Ereigniß, das ihn wochenlang in fieberhafter Span⸗ nung erhielt; inmitten ſeiner geſchwänzten Pfleglinge wurde der einſilbige ſcheue Menſch ein liebenswürdiger Geſellſchafter.

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Die Früchte dieſer Beſchäftigung mit ſeinen Lieblingen ſind jene wundervollen Zeichnungen, die unter dem NamenMind'ſche Katzengruppen eine ſolche Berühmtheit erlangt haben, daß ſie ſeine leibliche Exiſtenz ermöglichten und ſeinen Künſtlernamen in ganz Europ bekannt machten. Nicht mit Unrecht hat ihn die Kunſtgeſchichte den Katzen⸗ Raph ael genaumt, da weder vor noch nach ihm ein anderer Künſtler dieſe hohe Virtuoſität im Auffaſſen und Wiedergeben des Lebens und der Geſtalt der Hauskatze er⸗ langt hat. Die Katze gehört zu denjenigen Thieren, die am ſchwierigſten zu zeichnen ſind. Nur wenige ſelbſt unſrer erſten Maler und Illuſtratoren ſind im Stande, eine Katze richtig zu zeichnen; nur gar zu häufig glauben wir die Abbildung eines ausgeſtopften Thiers vor uns zu haben.

Mind allein hat es verſtanden, lebende Katzen darzuſtellen, dieſelben mitten in der Bewegung aufzufaſſen, ihren eigenthüm⸗ lichen Charakter, ihr Temperament, ihre Individualität, ihre Phyſiognomie, den ſchmeichelnden Blick der liebkoſenden, wie den Tigerausdruck der zereen Katze, ihre Wendungen, Balgereien, zierlichen Bewegungen auf wahrhaft geniale Weiſe zu ſchildern. Und Li natürlich ſind alle dieſe Gruppen, wie ſauber und doch nicht geleckt dieſe Zeichnungen, mit welchem Geſchick behandelt er den feinen, glänzenden Balg! Kein Strich iſt zu viel, kein Zug wiederholt ſich. Freilich muß man, um ſeine Blätter recht zu ſchätzen, ein Katzenfreund ſein, wie man ja bei jedem Kunſtwerk, um ihm gerecht zu werden, ſich in Stimmung und Geiſt ſeines Urhebers hineinleben muß.

Mind, oder wie ihn ſeine Landsleute nannten und noch heute nennen,der Berner Friedli, hat ſeine Lieblinge in allen Situationen und Phaſen ihres Lebens gezeichnet, im Kampfe mit ihrem Feinde, dem Hunde, bei der Mondſcheinpromenade auf dem Dache, in gemüthlichen Scenen aus dem Ehe⸗ und Familienleben, auf der Mäuſejagd u. ſ. w.; ſeiner reizenden Katzenſtudien ſind daher ſo viele, daß wir uns nicht im Stande ſehen, nur einen Theil derſelben, viel weniger alle zu beſchreiben, wie ſie i Originale oder in mehr oder weniger arungenun Nachbildungen unn uns liegen. Aber einen Augenblick möchten wir noch vor dem Katzenfamiliengemälde verweilen, welches einen Schmuck der heutigen Nummer der Gartenlaube bildet. Es iſt eines der gelungenſten Blätter unſers Katzen⸗Raphael und ohne Zweifel die getreuſte und feinſte Wiedergabe ſeiner ſo ſelten gewordenen Aquarelle. Auch hier ein Familiengemälde: das Frühſtück iſt vorüber, die Kinder ſind gewaſchen und gekämmt, die Mutter darf an ihre eigene Toilette denken. Nicht mit der Koketterie einer Weltdame, ſondern im Bewußtſein ihrer Mutterwürde, in Mitte ihrer Kleinen richtet ſie ſich her. Breitſpurig und behaglich ſitzt ſie da, ſelbſtbewußt, wie die Mutter der Gracchen. Während deſſen treiben die jungen Bälge allerlei Muthwillen und zwei wälzen ſich gar zankend am Boden umher. Wir machen namentlich auf das reizende Ge⸗ ſichtchen des unterliegenden Kätzchens an'mernann, das mit beiden Hinterfüßen den Kopf des erwemn wegſtößt. Solche Kobolds⸗ geſichter konnte eben nur Mind zeichnen!

Unſer Künſtler behandelte ſeine Katzenbilder in derſelben

Weiſe, wie ſein Lehrer Freudenberger ſeine Genrebilder aus dem Schweizer Landleben; er zeichnete ſie mit Feder oder Bleifeder auf einzelne Blätter und colorirte ſie leicht mit Waſſerfarben. Meiſt ſind die Thiere in der Größe, wie in dem umſtehenden Holz⸗ ſchnitte, nur wenige Katzen hat er in Lebensgröße gemalt. Die Oelmalerei war ihm ganz unbekannt; auch zeichnete er keine ſeiner Bilder auf Kupfer behufs der Vervielfältigung. Die Radirungen, die nach ſeinem Tode herauskamen, ſind von anderen Künſtlern nach ſeinen Originalien auf die Platte übergezeichnet worden. Sie dienten jedoch nicht dazu, ſeinen Ruhm zu erhöhen, da ſie weder die Correctheit, noch die Zartheit und Nettigkeit der Urbilder wiedergeben.

Von ſeinen Zeichnungen müſſen wir auch noch ſeine auf dem Papiere nachgebildeten Bären und die Kinderrupen erwähnen. Mind ſelbſt hielt auf die erſtern faſt eben ſo große Stücke, wie auf ſeine Katzen, und behauptete, daß noch Niemand Meiſter Petz ſo getreu dargeſtellt habe, wie er ſelber. Die Studien zu dieſen Bildern machte er am Bärenzwinger in Bern, wo bekanntlich immer ein Paar dieſer Wappenthiere des Cantons gehalten werden und wo er ein ſo häufiger Gaſt war, daß ihn die Thiere als gerngeſehenen Hausfreund auszeichneten. Dieſe Blätter zeich⸗ nen ſich durch friſche Naturwahrheit und Unmittelbarkeit aus;