Jahrgang 
47 (1868)
Seite
740
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nicht Helene gehörte nicht zu den Frauen, die man überhaupt vergißt, ihr Bild begann aber in jenen Raum ſeines Herzens zurückzuweichen, wo unſere überwundenen Schmerzen und unſere Todten ſchlafen.

In jeder Geſtalt trat das Leben Otto Schaumberg jetzt friſcher und lebendiger entgegen. Sein jugendlich kräftiger Körper empfand die vermehrte Bewegung und Anſtrengung wohlthuend, friſches Leben floß durch alle ſeine Glieder, ſo manche bis jetzt nicht geweckte Fähigkeit wagte ſich, ihn ſelbſt überraſchend, hervor und befriedigte ſein Selbſtgefühl. Wer kennt nicht die Ver⸗ hältniſſe eines Landſtädtchens, wo die wenigen Gebildeten zu ſehr auf einander angewieſen ſind, als daß der Einzelne ſich häufigem Verkehr zu entziehen vermöchte! Sogar Beſuche mußten gemacht werden, und wenn der junge Arzt di mit den Familien dadurch in keine nähere Beziehung trat, ſo hatte ihn doch die kleine Zahl der Beamten in ihren täglichen Abendelub gezogen. Der Land⸗ richter mit ſeinen beiden Aſſeſſoren, ein Notar, der Decan, dann ein alter Bürgermeiſter, der Apothekey und endlich der Revier⸗ förſter, der zugleich Perleninſpector war, bildeten den Honoratioren⸗ kreis Bernecks. Mit dem Blick des Phyſiognomikers, der ſich bei jedem Arzt, welcher mehr verſteht, als Recepte zu ſchreiben, ſo ſcharf ausbildet, erfaßte Schaumberg die Eigenthümlichkeiten dieſer verſchiedenen Perſonen. Unter ihnen intereſſirte ihn vor Allem der Revierförſter Andlau durch ſeine ſcharf ausgeprägte Perſönlichkeit.

Von ſtattlicher, ja hünenhafter Geſtalt und tönender Stimme, hatte dieſer Mann in ſeinem ganzen Auftreten etwas Despotiſches, was ſich auch im geſelligen Verkehr nicht verleugnete. Er unter⸗ hielt ſich faſt nie, ſondern hielt Reden. Ihn zu unterbrechen war eine phyſiſche Unmöglichkeit; erhaſchte man einen Augenblick, um ihm etwas zu erwidern, ſo erhob er ſeine Stimme derart, daß es dem Andern unmöglich ward fortzufahren. Dieſe Eigenthüm⸗ lichkeit machte ihn für Solche, die ſelbſt Raum wünſchten, ſich in ihrem eigenen Weſen zu zeigen, laſa ja ſelbſt unerträglich; Schaumberg, der im Geſpräch lieber nahm als gab, freute ſich des mächtigen, kraftvollen Naturells Andlau's, und gewann ihn lieb, ohne ihn zu überſchätzen, denn es entging ihm nicht, daß in der Praxis des Lebens dieſe Kraft mehr geeignet war, Böſes zu zerſtören, als Gutes zu thun.

Bald verkehrte der junge Arzt häufig im Hauſe des Revier⸗ förſters. Es war in einiger Entfernung von der Stadt gelegen, und Schaumberg kehrte auf ſeinen Landgängen oft und gern dort ein, ſtets ein willkommener Gaſt. Andlau lebte mit ſeiner alten Haushälterin und ſeinen Hunden allein. Er war Wittwer; ſeine einzige Tochter Eliſabeth, von der er nur ſelten ſprach, war ſeit mehreren Jahren im Hauſe von Verwandten,auf der hohen Schule, wie er ſich ſpottend auszudrücken pflegte.

6.

Das junge Mädchen, deſſen Ausbildung vollendet war, ſollte nun zum Vater zurückkehren, der von dieſer Ausſicht nicht über⸗ mäßig entzückt zu ſein ſchien.Weiß der Herrgott, was für eine Puppe meine Frau Schweſter mir zurechtgeſchnitzt hat, äußerte er am Tage vor ihrer erwarteten Ankunft mürriſch gegen Schaum⸗ berg.Ich hätte ihr das Mädel gar nicht geben ſollen! Hab's ſchon hundert Mal bereut! Die Kleine war brav, als ich ſie zu Hauſe hatte, beim Bernecker Schullehrer hätte ſie Alles lernen können, was ein Mädel braucht; für all' den ſtädtiſchen Krims⸗ krams gebe ich keine taube Nuß. Jetzt wird ſie Clavier klimpern und Romane leſen wollen! Seit mein Schwager nun gar vor einem halben Jahr nach München verſetzt worden iſt, führen ſie das Kind dort in Theatern und Concerten herum, und gewiß hätte die Alee dem Pathchen zu Liebe, ihre mürben Knochen auch auf ein Dutzend Bälle getragen. Wäre mir ſchon recht geweſen verrückter Einfall das, von der Kleinen, jetzt, mitten im Winter heim kommen zu wollen! Nun, ganz nach ihrem Belieben, wenn ſie's hier nicht nach ihrem Geſchmack fundet, kann ich ihr nicht helfen.

Ihre Fräulein Tochter wünſchte alſo ſelbſt jetzt zu Ihnen zurückzukehren? Das muß Sie doch freuen? ſchob Schaumberg eilfertig dazwiſchen.

Der Nevierförſter lachte grimmig.Da iſt was zu freuen! Meinen Sie denn, das Püppchen käme mir zu Liebe? Irgend ein Weiber⸗Raptus iſt's, vielleicht hat ſie in München einen Schatz, den ſie nicht kriegen kann, oder ſonſt was ein acht⸗ zehnjähriges Mädel, die nach Herzensluſt in der Reſidenz tanzen und ſpringen könnte, verlangt nicht auf's Land zu einem brum⸗ migen Vater, wenn Alles richtig iſt. Na, wir werden ja ſehen! Meine alte Gretel iſt vor Freude ganz confus und macht lauter Dummheiten, ſchon deshalb bin ich froh, daß die Eliſabeth morgen anlangt. Eliſabeth! Was das für ein ellenlanger Name iſt ich werd' ſie ruhig wieder Liſett' rufen, wie früher. Man hat's nur bis jetzt dabei laſſen müſſen, wie's meine Schweſter ausgeheckt hat; wiſſen Sie, es iſt ihre Pathin und eine Erbtante dazu, da muß man mitunter ein Auge zudrücken. Die Schweſter hat keine Kinder, und einen reichen Mann, der nach ihrer Pfeife tanzt. Da meint ſie, das müßten alle Leute thun; an mir hat ſie auch ſchon ſchnitzen wollen, ich bin ihr nicht fein genug ho, ho, Frau Schweſter, das war doch zu hartes Holz! Das Püppchen

wird aber beſſer gerathen ſein! Nun, das Haus ſoll ſie mir nicht

umkehren, dafür will ich gut ſtehen, Doctor! Das wollen wir abwarten, ſagte Schaumberg lachend, indem er ſich empfahl.

(Fortſetzung folgt.)

Deutſche Wanderſchaft.

Frühjahr 1868.*

Der Waldeſteht in Blüthe, die wilden Schwäne zieh'n, Mir klingt's im Gemüthe wie Wandermelodie'n;

Zum Stab muß ich greifen beim klaren Morgenſchein, Und ſingend wieder ſchweiſen in's deutſche Land hinein.

Ihr blauenden Gipfel, ihr Thäler, Gott grüß!

Ihr dunklen Eichenwipfel, wie rauſcht ihr ſo ſüß! Ihr wollt mir's erzählen, daß wieder hoffnungsvoll In alle deutſchen Seelen ein Lenzodem guoll.

Durch Steingeklüft und Forſten zu klimmen, o Luſt, Auf ſchwindelnden Horſten zu lüften die Bruſt!

Tief unten verklingen die Glocken weit umher,

Ein Adler hebt die Schwingen vom Felſen zum Meer.

ann ruh'n Wehr und

D D

In's Brauſen der Quellen wie pocht der Hämmer Schlag! a födern die Geſellen das Eiſen zu Tag, da wächſt in rother Erde das Schwert für den Feind,

der noch am deutſchen Heerde uns dreinzureden meint.

9 9 9

Nun kommſt auf du geſchelommen im Kranze von Wein, Willkommen, willkommen, du königlicher Rhein!

Du tränkſt mit goldner Freude dein blühend Geländ, Und weißt von keiner Scheide, die ſeine Stämme trennt.

Wie lang wird es währen, Altvater, ſo preßt

Man wieder deine Beeren zum Kaiſerkrönungsfeſt!

Da kommt auf deinen Wogen im Purpurgewand

Der Hort des Reichs gezogen, das Banner in der Hand..=

Waffen, dann iſt es vollbracht, Dran tauſend Jahr geſchaffen, das Werk deutſcher Macht,

In Norden und Süden der letzte Zwiſt geſühnt,

Und Freiheit und Frieden, ſo weit die Eiche grünt!

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Geibel bereits asdruck gegeben hat.

Das obige Gedicht wurde uns ſchon vor mehreren Monaten von dem Dichter eingeſandt.

Emanuel Geibel.

Es beweiſt wenigſtens, daß eoans

im Frühjahr 1868, alſo lange vor dem Lübecker Königsgruß und der Münchener Kataſtrophe, ſeinem voliijche Hutuni tswund

Red