Jahrgang 
46 (1868)
Seite
734
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Vorrücken innerhalb unſeres bewegt.

Unter letztere Claſſe gehört auch die bis zum hohen Norden Europa's, Aſiens und Amerika's heimiſche Wild⸗ oder Graugans, die Stammmutter unſrer verſchrieenen Hausſchnatterer. Denn gern bleiben dieſe froſtgewöhnten Gäſte, kommen ſie auf ihren Wander zügen daher, bei uns und geſellen ſich dann den in manchen Gegenden Deutſchlands ja auch niſtenden und das ganze Jahr über dableibenden Schaaren ihrer Art zu. Hier, in ihren Winter quartieren, leben ſie dann, Alt und Jung, in friedlicher Geſellig keit auf eisfreien Stellen großer See'n, Teiche und Flüſſe, von wo aus ſie inSchafen* zu ganz beſtimmt innegehaltenen Stun den auf die nahgelegenen Aecker fallen, hier ihre Aeßung an Rüben, Raps und Winterſaaten zu nehmen. Von dieſen Weide plätzen kehren ſie nach Sättigung in eben ſo regelmäßigen Zeit räumen zu Haufen Nach dem ſchützenden Waſſer zurück, wie ſie gegangen. Im Uebrigen, je nach den Jahreszeiten, beſteht ihre Nahrung auch noch aus ſüßen Gräſern, Waſſerpflanzen, Blättern von Kraut, Kohl und allerhand Feldſrüchten, wie reifem Getreide und Hülſenfrüchten. Und von denſelben Stoffen, nur in der erſten Zeit zumeiſt ausſchließlich von Grünfutter, ernähren ſich an ihren Geburtsſtätten auch die ausgekommenen Jungen, deren gewöhnlich acht bis zwölf Stück von einer Mutter in einer Zeit von vier Wochen ausgebrütet werden, während das Männchen am häus lichen Heerde die ritterliche Wacht hält. Sind die Jungen endlich dem Ei entſchlüpft, ſo werden ſie zuvörderſt noch vierundzwanzig Stunden in dem kunſtlos aus Schilf und Binſen erbauten, mit eigenen Federn ausgefütterten Neſte, das auf trocknen Kaupen oder Wurzelſtöcken den Sumpf oder das Waſſer überragt, ſorgſam ge hütet, dann aber die kleinen gelbgrauen Dingerchen ſofort ins Waſſer und auf die Weide geführt, wo ſie auch gleich die Waſſer binſen und ſüßen Grasſpitzchen als erſte Nahrung annehmen.

Ende Juli werden die bis dahin ſorgſam Geführten bereits flugbar, um, ſind ſie, wie die im hohen Norden Geborenen, zum Wanderzuge gezwungen, dieſen auch rechtzeitig antreten zu können, auf welchem ſie oft ſchon im September in Deutſchland eintreffen. In dieſer Zeit und noch das erſte Jahr hindurch liefern die Jungen ein höchſt ſchmackhaftes und zartes Wildpret; hingegen ſo ein recht alter Gikgak dürfte eine der würdigſten Aufgaben für einen Chemiker abgeben, ihn, den ſteinharten Muskelſtarken, für das menſchliche Gebiß mürbe zu bekommen. Was die geiſtigen Eigenſchaften der Wildgans anlangt, darf man ſie durchaus nicht nach unſrer guten Bauerhuſche beurtheilen, denn nicht nur ſcheu und im höchſten Grade argwöhniſch iſt jene, ſondern auch wirklich ſchlau und raffinirt vorſichtig, ſo daß man ihr eine entſchiedene Intelligenz nicht abſprechen kann. So ſtellen die ſchmucken Ahnen zunſeres zahmen Latſchpeters jedesmal, wenn ſie behufs ihrer Aeßung auf den Feldern liegen, aufmerkſamſte Wachen aus, und dieſe wiſſen dann vortrefflich den harmloſen Pflüger neben ſich oder den auf naher Landſtraße daherkommenden lautrufenden und peitſchenden Fuhrmann vom ſchleichenden Jäger zu unterſcheiden; ebenſo darf die unter ſchwerer Korblaſt keuchende biedere Boten frau, wie die Holz heimtragende lautjubelnde Dorfkinderſchaar an ihnen vorüber wandern, ohne daß die eigentlich ſo ſehr Miß trauiſchen davor die Flucht ergriffen..

Hierauf ſtützt ſich denn auch eine oft erprobte Jägerliſt: in dergleichen Metamorphofen ſich an die nur dadurch zu Täuſchenden heranzupürſchen und, glückt es, eine oder ein paar dadurch Ueber liſtete zu erlegen. Sonſt wird die Jagd da, wo dieſes intereſſante Geflügel Standwild iſt, wie die auf Enten betrieben. daffelbe in Stocknetzen gefangen, bei Treibjagden im Waſſer, durch Beſchleichen am Ufer und, wie ſchon erwähnt, an den Aeckern ge ſchoſſen, ſowie aus der Schießhütte und auf dem Anſtande im Freien erlegt. Letzteren nun kann ich aus eigener Erfahrung ſchildern, die freilich nicht etwa in den waſſerwildreichen Gegenden der Niſtplätze des eben beſchriebenen Schwimmvogels geſammelt iſt, ſondern nur auf einem beſchränkten Terrain, wo dieſes Flugwild nur vorüber

Vaterlandes, und darüber hinaus,

So wird

gehend, eben blos auf dem Striche und dann auch nur höchſtens

einige Tage lang zu verweilen beliebt. Doch gerade dieſe

plötzliche Kommen und baldige Wiederverſchwinden dieſer anziehai⸗

den Wildart hat einen ganz beſonderen Reiz für mich, ihm nich

zutrachten. Stürmiſchem, regneriſchem Octoberwetter waren ſchneegror⸗ *Ein Schaf iſt eine zuſammenhaltende Schaar.)

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bot, denn durch

nur dem Gehör nach beobachten können, Hun

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empfindlich kalte Novembertage gefolgt und hatten wieder einmal die wilden Gänſe als willkommene Gäſte in die nahgelegenen waſſer- und bruchreichen Reviere meiner engeren Heimath geführt. Sofort war mir von maßgebender Stelle aus Nachricht davon ge⸗ worden, mit der freundlichen Einladung:einen Tag oder mehrere daran ſetzen zu wollen, den fliegenden Wanderburſchen die Päſſe zu viſiren. In möglichſter Eile, aber wohl raf ich bei mei⸗ nem lieben jägerlichen Freunde ein, der und bald darauf ſchritten wir auch ſchon hinaus irn aten, ſchon

recht winterfriſchen Wald. Erſt über von e über wucherte Blößen und vor Froſt kniſternde d, nahm uns von da ab ein Jahrhunderte alter iſchender

Fichtenbeſtand auf, in deſſen Schutze auf e uflug be wachſenen Hügel ein Vogelheerd ſtand, in welchen wir, ehe wir weiterſchritten, eintraten, den hier einſam hauſenden Steller zu con⸗ troliren und ihm zu ſagen: daß wir bei unſerer Rückkehr in ſeiner Klauſe übernachten würden und für Geld und gute Worte einen bereit gehaltenen Imbiß bei ihm erwarteten. Wir ſetzten unſere Wanderung durch den erfriſchenden Herbſtwald fort, und erſt da, wo der Wald ſich etwas lichtete und einen ſchwarzſpiegelnden, rohrgeſäumten Waldteich umſchloß, über welchen hinweg während ihrer Auweſenheit allabendlich die Gänſe nach den ferner liegenden größeren Teichen wechſelten, machten wir Halt, um unſer Heil zu verſuchen.

Mein Freund Waidmann trat auf eine kleine vorſchneidende Landzunge des regungsloſen Waldſpiegels an den grünflechtigen Stamm einer windbrüchigen Fichte, ich hingegen hinter den wetter grauen, von Brombeerengerank, Schießbeerenholz, Schleh⸗ und Hage⸗ dornen umwucherten Ständer des düſtern, faſt geſpenſtig ſtill vor mir liegenden Gewäſſers. Nach unſern Uhren hatten wir gut noch zehn Minuten Zeit vor uns, ehe wir das Kommen der erſehnten Langhälſe erwarten durften, und ich hatte ſonach noch vollauf Muße, mich den Eindrücken der ſo ernſt geſtimmten Natur hinzugeben. Unwillkürlich, ſchon um den luftigen Pfad der Erwarteten im Auge zu haben, blickte das Auge nach dem freien Himmel über dem in Schweigſamkeit liegera üriflheämenden Naß, in das bereits die ſcharfgezeichnete Mo. wrie. So gänzlich luftſtill es auch am Fuße des Waldes und über dem Waſſer war, ſo trieb doch in den höheren Regionen der eiſige Nord die dunkeln Wolken in raſchem Fluge als phantaſtiſche Gebilde dem Süden zu oder ballte ſie plötzlich zu dichten Maſſen zuſammen, dann die ſilberne Mondſichel auf Minuten gänzlich verhüllend. Aber bald löſte ſich ſolch' Chaos wieder, und ſchon blickte nur hier und da ein den Mond begleitendes Sternlein aus einem frei gewordenen Stück tief⸗ blauen Himmels hernieder. Dab, heveyſchte aber doch noch ſo viel Tageslicht, daß man gegen den Himméral. recht, Qut 2oaukommen vermochte, und erwartungsvoll harrte das geſpannte Ohre dem lärmenden Flug und Gegiker ber nun jeden Augenblick zu GWr⸗ wartenden, denn eben erkling dr erſte ſchwingende Glockenton vom 8 Abendläuten aus dem fehten Jorfe herüber, die Zeit, wo ſie nach meines Freundes Verſiherunſ kommen mußten. Und richtig! Kaum daß die nachfagenden ztternden Klänge der ehernen Stim⸗ men zu einem Aceld verſchnolzen, da ward es lebendig in den Lüften und unten geſchwätziger Führung kam rauſchenden Flügel ſchlages der Tyt der Erſehnten an.

Unbeirrt taſſen wir die gar nicht zu hoch über uns weg Ziehenden dinſtreichen, um ihnen die Poſtenladungen nicht auf den abweheiden Bruſtfederpanzer zu ſchießen, ſondern erſt hinter⸗ her zu lſenden, und ſo auf ſichern Erfolg das Treffen natürlickvorausgeſept rechnen zu dürfen. Mein Freund kam zuerſt an Feuern, obgleich auch meine Schüſſe faſt gleichzeiſig dahiprher doinerten und die Dämmerſtille des Waldes durh⸗ halli- Weche Verwirrung richtete aber der nachgeſandte Haßel in en beida Linien der Davoneilenden an! Drei Opfer wurßen

dech das ödtende Blei jäh aus ihren Reihen geriſſen und ſtürzten dwerdröttenden Falles zur Erde, während der dadurch in wilde Unordwig gerathene Zug unter wüſtem Gelärm höher ſich enpor ſchway und bald in dem nnn ſchon finſteren Gewölk den nach⸗ ſpäheden Blicken entſchwand. Doch nun galt es, ſich ſeiner Be⸗ auch zu bemächtigen, was durch die eingetretene Dunfelheit ve kr düſtere Wald verd lte; nge ene Dunfe heit,

ald verdoppelte, nicht geringe Schwierigkeiten das Holz gedeck, hatten wir der Erlegten Fall und waren daher ohne Nach vielem Suchen endlich fand

in einer mißlichen Lage.

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