Jahrgang 
45 (1868)
Seite
716
Einzelbild herunterladen

716

Theaterwelt bekannt wurde.

Fortan trieb er ſich, immer tiefer

und tiefer ſinkend, bei den kleinſten Theatern herum, welche die

techniſche Bühnenſprache mit dem AusdruckMeerſchweinchen be⸗

zeichnet.

An einer ſolchen gab er den Ferdinand in Cabale und Liebe.

Der Wirth des Gaſthauſes, in welchem das Theaterchen auf⸗ geſchlagen war, lehnte vorne an der Rampe des Orcheſters. Bei

der Stelle:Die Limonade iſt matt, blickte er dieſen zufällig an,

worauf der Kneipier zornig hinauf rief:Das iſt nicht wahr, ich habe ſie ſelbſt gemacht, Herr Reitzenberg. Sie ſchimpfen auch über Alles!Nur über Ihren ſ berg, und ſpielte ruhig weiter. Jahrelang verſchollen, frühere bekannte, große Städte ängſt⸗

auren Wein, antwortete Reitzen-

0

Theater in Paſſau. Die Schuld oder Die Spanier im Norden 4 oder Der Untergang des Hauſes Oerendur. Berühmtes Trauerſpiel von dem großen Dichter Adolph von Müllner. Perſonen: Hugo von Oerendur, Beſitzer von fünf bis 3 ſechs großen Gütern Herr Reitzenberg, der größte deutſche Künſtler, als Gaſt.

Eülvira, ſeine Gemahlin, Wittwe des Don

lich meidend, finden wir ihn als Leiche wiedertheils verhungert, ))))

theils erfroren, wie der amtliche Bericht lautete.

Der Zufall führte Freund Börnſtein vorüber, als man den Mann, der durch Bildung und Talent zur Löſung der höchſten künſtleriſchen Aufgaben berufen war und der ſo elend geendet, zur letzten Ruheſtätte brachte. Seine Habe beſtand, wie geſagt: in einem Gebetbuche und einem Theaterzettel. Der letztere iſt zu charakteriſtiſch für das damalige Treiben kleiner Bühnen, als daß

ich mich enthalten könnte, ihn wenigſtens theilweiſe wieder zu geben:

T

Carlos, Officiers, Grands von Spanien und Ritters. Frl. Holdmann. u. ſ. w. u. ſ. w.

Zum Schluß der Affiche heißt es:

Verehrungswürdiges Publieum!

Ich kann zur Empfehlung dieſes berühmten Trauerſpiels nichts Beſſeres ſagen, als das Urtheil des berühmten Schiller's darüber:Das Leben iſt der Güter höchſtes nicht, der Uebel größtes abex iſt die Schuld!

Ein Zugſtück der Chiergärten.

Von Brehm.

Zum Glück für Diejenigen, welche nicht blos des Wirths⸗ hauſes und der Muſik, ſondern auch der Thiere halber einen zoo⸗ logiſchen Garten beſuchen, giebt es unter den Schauthieren ſolche, welche Jedermann feſſeln, den Laien wie den Forſcher, den gleich⸗ gültigſten wie den thierfreundlichſten Menſchen. Zu ihnen gehören die Kängurus.

Ich habe es ſchon wiederholt ausgeſprochen, daß ich mich der⸗

Anſicht jener Forſcher anſchließe, welche die Beutelthiere insgemein als Anfangsverſuche der ſchöpferiſchen Kraft erklären, als theil⸗ weiſe unvollendete Erzeugniſſe desEs werde und es ward. Ich gehe noch weiter; denn ich nehme an, daß die Beutelthiere gar keine Ordnung bilden, ſondern höchſtens ihrer Entſtehungszeit nach zuſammen gehören.

Wenn man längere Zeit mit den in Rede ſtehenden Thieren verkehrt hat, drängen ſich ſolche Anſichten von ſelbſt auf. Man muß es wahrnehmen, daß ſie alle hinter denjenigen Säugethieren, mit denen ſie die größte Aehnlichkeit zeigen, weit zurückſtehen, ebenſowohl was den Leibesbau, als was die ſogenannten geiſtigen Fähigkeiten anlangt. Selbſt die vollkommenſten unter ihnen erſcheinen uns, verglichen mit denen, für welche ſie gleichſam die Vorläufer waren, unvollkommen, unvollendet.

In den Kängurus oder Springbeutlern ſehen wir die in ge⸗ wiſſer Hinſicht vollendeten Mitglieder derOrdnung vor uns. Der Verſuch iſt in ihnen zu einem beſtimmten Abſchluſſe gelangt: ſie ſind Etwas geworden, haben eine übereinſtimmende Geſtalt erlangt und bilden demgemäß eine nach außen hin abgeſchloſſene Gruppe. Eigentlich vergleichen laſſen ſie ſich nicht; will man es dennoch thun, ſo kann man nur die Springmäuſe, eine Nager⸗ familie, ihnen gegenüber ſtellen. Ihre Entwicklung weiſt ſie noch den Rückſtändigen zu, ihr Bau und ihre Begabungen aber laſſen ſie uns ihren vorgeſchrittenen Nachbildern faſt ebenbürtig erſcheinen. Man hat ſie zwar auch mit Wiederkäuern verglichen und ein Wiederkäuen bei ihnen bemerken wollen; dieſe Anſicht iſt jedoch unrichtig, denn die Kängurus haben mit Hirſchen, Antilopen, Rindern, Ziegen und Schafen Nichts gemein mit letzteren höchſtens ihre Beſchränktheit. Sie bilden eine ſcharf begrenzte arten⸗ und geſtaltenreiche Familie; aber das Gepräge iſt bei allen Mitgliedern feſtgehalten und die Mannigfaltigkeit eine, ich möchte ſagen, einhellige. Sämmtliche Kängurus gehören Auſtralien an, bekunden alſo auch in dieſer Hinſicht ihre Zuſam⸗ mengehörigkeit.

Das Freileben dieſer ſonderbaren Geſchöpfe iſt ſehr ver⸗ ſchieden. Es giebt unter ihnen Tag und Nachtthiere; die einen bewohnen dünnbebuſchte Ebenen, die anderen kahle Felſenwände, dieſe den mit faſt undurchdringlichem Geſtrüpp bedeckten Boden,

jene das Gezweig höherer Bäume; einige hauſen im Geklüft,

andere in ſelbſtgegrabenen, mit dürrem Graſe neſtähnlich aus⸗ gekleideten Löchern. Ihre Bewegung geſchieht hauptſächlich mittelſt ihrer Hinterglieder, den Schwanz inbegriffen, alſo hüpfend, gleich⸗ viel ob ſie auf der Ebene dahineilen, an Felſenwänden empor⸗ klimmen, an Bäumen hinaufklettern, im Waſſer waten oder ſchwimmen. Die Sinne ſcheinen durchgehends wohl entwickelt zu ſein, die geiſtigen Fähigkeiten auf einer ſehr tiefen Stufe zu ſtehen. Eine eigentliche Stimme beſitzen ſie nicht; denn das Geknurr oder meckernde Murren, welches ſie vernehmen laſſen, kann man nicht Stimme nennen. Die Nahrung beſteht in Pflanzenſtoffen aller Art. Hinſichtlich der Fortpflanzung ſtimmen ſämmtliche Arten inſofern überein, als ſie gleichzeitig nur ein Junges, dieſes aber als unreifen Keim zur Welt bringen.

So viel im Allgemeinen;ich bin des trocknen Tons nun ſatt und werde mich fortan beſtreben, meine Schulmeiſterweisheit

für mich zu behalten.

Alle Springbeutelthiere, insbeſondere aber die großen Arten, denen der Name Känguru gebührt, laſſen ſich leicht an die Ge⸗ fangenſchaft gewöhnen. Sie nehmen mit einfachem Futter ver⸗ lieb, ertragen unſer Klima ohne Schaden, können alſo in unge⸗

heizten Räumen überwintert werden, halten ſich, wenn man ſie

nicht geradezu unvernünftig behandelt, lange Jahre und pflanzen ſich auch regelmäßig fort, erfüllen alſo alle Wünſche, welche ein Thierzüchter ſtellen kann. Ehe man ſie kannte, hat man ſie des⸗ halb zur Einbürgerung in Europa empfohlen; Einzelne tragen ſich wohl auch noch mit dem Gedanken herum, ſie hier als frei⸗ lebendes Wild ſehen und jagen zu können; ich meinestheils kann ſolche Hoffnungen nicht theilen und würde Kängurus höchſtens zur Ausſchmückung eines geſchloſſenen Parks vorſchlagen mögen. Hier würden ſie ſich gewißſehr gut machen, jedenfalls größeres Ver⸗ gnügen gewähren, als das langweilige Damwild, welches in den Parks auffallender Weiſe noch immer die Hauptrolle ſpielt, ob⸗ gleich man es auch durch weit zierlichere Hirſcharten erſetzen könnte. Die Kängurus ſind minder ſchön, als Damhirſche, auch unliebens⸗ würdiger, dümmer, furchtſamer, aber unzweifelhaft auffallender, feſſelnder.

An ihnen iſt eigentlich Alles ſonderbar und merkwürdig: der Gang und die Bewegung überhaupt, das Weſen, das Benehmen gegen Ihresgleichen oder gegen fremdartige Geſchöpfe, die Fort⸗ pflanzung ꝛc. Die Reiſenden, welche über Neuholland berichten, ſtimmen darin überein, daß man ſich kaum ein Schauſpiel denken könne, das wunderbarer wäre, als das einer fliehenden Känguru⸗ heerde, welche die volle Kraft der muskelſtarken Hinterläufe in Anwendung bringt und in unſinniger Haſt dahinſtürmt. Man kann ſich ſolchen Anblick ungefähr ausmalen, wenn man die ge⸗ fangenen Kängurus längere Zeit beobachtet und alle Arten ihrer